2) AKTE X IV 11../79

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Fluchthelfer und andere schmutzige deutsche Menschenhändler

Für ein Schnittchen mach ich alles

Wolfgang M. ist ein jovialer Dreizentnermann, zum Ekel seines Vaters der noch unter Rommel mit seinem Panzer als einer der ersten Tobruk in Nordafrika wieder zurück eroberte. Auch wenn der Hauptmann der Bundeswehr seinen Sohn sogar zum Beitritt in eine schlagende Verbindungen beeinflusste, der Sohn war wehruntauglich. Schon als kleines Kind, wenn er ihn mal hart ran nahm und der weinte, fütterte die Mutter den Sohn zum Trost. „Wein doch nicht,“ sagte sie dann, „komm iß ein Schnittchen.“

Für Wolfgang M. ging es im Leben nur ums Schnittchen. Schon früh hatte er zwei Leidenschaften: Briefmarken sammeln und spielen. Der sonst gemütliche Mensch konnte jemand gewaltsam überrollen, wenn jemand sein Schnittchen in Gefahr brachte. Auch sonst liebte er den Genuss, fuhr gern in Kasinos um zu spielen, trank und nahm Drogen und flog allzu gern in andere Länder. Wenn er nicht gerade Menschen schmuggelte, dann doch auch gestohlenen Autos in den  Libanon, Gold in die Schweiz oder Kunst aus Südamerika nach Holland. Geld jedenfalls brauchte er immer. Nichts hatte er jemals so richtig fertig gemach, weder die Schlosserlehre, noch seine Ingenieurstudium und in der schlagenden Verbindung war er auch nur, wegen der gemeinsamen Saufgelage. Organisieren mussten immer andere, in Fluchthilfe, im Goldschmuggeln, in der Autoschieberei. In der Tatausführung war er stets zuverlässig, minutiös und gewissenhaft, da immer in Geldnot.

Familie im Kofferraum

So auch am 28.9.1979. Diesmal hatte er ein Ehepaar mit Kind im Kofferraum. Damit sich die Fahrt ordentlich lohnte.

„Wir haben fast nur Akademiker rausgeholt. Damit konnten wir der DDR schaden.“ sagte der Chef eine Fluchthelferorganisation Michael G.. Und der Fluchthelfer Wolfgang M. beließ es mitunter nicht nur bei seiner hohen Transitgage, manchmal forderte er auch noch Dankbarkeitsgelder bei den Befreiten im Westen ein und nicht selten drohte er auch damit, der Stasi einen Wink zu geben, gerade bei denen, die im Westen unter neuem Namen lebten. Geld jedenfalls floss immer, es sei denn, die Befreiten scheiterten sozial im Westen gravierend, was nicht selten war, weil sie sich im Konsumrausch schnell überschuldeten.

Am 28.9.79 jedenfalls war Wolfgang Ms. Fahrt abrupt zu Ende. Er hatte, entgegen seinen Gewohnheiten, ein drogensüchtiges Ehepaar als Begleitung mitgenommen, da er wegen Trunkenheit keinen Führerschein mehr besaß, dass an der Gesichtkontrolle der DDR Stacken Güst scheiterte und über dies hing das Fahrzeug wegen der sechs Insassen zu tief in den Federn.

„Öffnen Sie bitte mal den Kofferraum!“

Im Knast und ohne Schnittchen

Im Haftbeschluss heißt es: Am 28.9.1979 um 22.57 Uhr erschien der oben genannte Bürger an der Güst Staaken/S zur Ausreise nach Westberlin. Im Prozess der Kontrolle wurde im Kofferraum des von ihm gefahrenen PKW 3 DDR Bürger, davon 1 Kind im Alter von 14 Jahren festgestellt. Mit der vom Täter begangenen Straftat erfüllt er den Tatbestand der §§ 6 (1), 22 (1) und 105 STGB.

Am 6 November 1979 vermerkt Major Kliche von der Hauptabteilung IX/): Der ständige Vertreter der BRD Pape führte heute 14.00 Uhr in der Haftanstalt II bei dem Beschuldigten Wolfgan M. den ersten Konsularbesucht. Der Beschuldigte, der einen sachlichen Eindruck hinterließ, hielt die ihm auferlegten Gesprächsbedingungen ein. Der Beklagte hatte keinerlei Klagen über die Haftbedingungen. Er erklärte dazu, im Vergleich zu den Haftbedingungen in der BRD habe er hier bessere Haftbedingungen. Der Besuch dauerte 60 Minuten. Es wurden 100,- DM übergeben sowie der übliche Geschenksbeutel.

In der Untersuchungsabteilung Potsdam verlor Wolfgang M. zusehend an Gewicht. Er fürchtete um seine Gesundheit. Der MfS hatte längst seine Transitfahrten der letzten Zehn Jahre ermittelt. Wolfgang M. fürchtete magere Jahre für die Zukunft. Er beschließt Kooperation.

Dazu schreibt Obersleutnant Stoltmann am 21.4.1980: M. hält sich im Wesentlichen an die Hausordnung. Der Beschuldigte ist in Erwartung der hohen Freiheitsstrafe und erwarteter Straferleichterung während der Verbüßung veranlasst durch den MfS geständig geworden und sagt umfassend aus. Bisherige Untersuchungen ergaben, dass M. direkt oder indirekt an der Ausschleusung von über 30 DDR-Bürgern beteiligt war. Er ist nun bereit gegen Vergünstigungen inoffiziell während der Haft tätig zu sein.

Um seine Loyalität gegenüber dem MfS unter Beweis zu stellen, verriet er sogar einen ausreisewilligen Bürger der DDR der später zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Werner P. verstand die Welt nicht mehr, als man ihn über Nacht abholte und von seiner Familie trennte.

Am 11.9.80 gibt Leutnant Wolf zu Protokoll: Meier hält sich auch nach seiner Verurteilung zu 15 Jahren Haft an die Hausordnung. Sein Verhalten nach dem letzten Gespräch mit dem Vertreter der Ständigen Botschaft ist problemlos. M. wird ständig für inoffizielle Tätigkeiten genutzt. Hierbei zeigt er Ehrlichkeit und brachte bisher gute Ergebnisse. Er wurde von der ZGK für eine inoffizielle Tätigkeit nach der Haftentlassung geworben. Er erhält zusätzlich vom  U-Führer Literatur und 1x wöchentlich fernsehen und regelmäßige Liegeerlaubnis.

Verpflichtung

Hiermit verpflichte ich mich für die Dauer meiner Inhaftierung zu freiwilligen Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit.

Ich bin bereit, alle mir übertragenen Aufträge gewissenhaft zu erfüllen sowie alle mir bekannt werdenden Straftaten, gegen die DDR gerichteten Aktivitäten sowie Aktionen gegen Angehörige und Einrichtungen des Strafvollzuges unverzüglich dem mir bekannten Mitarbeiter des MfS mitzuteilen.

Über meine Zusammenarbeit mit dem MfS werde ich derzeitig, während der Dauer meiner Inhaftierung und nach meiner Haftentlassung in die BRD gegenüber allen Personen, Einrichtungen, Dienststellen höchste Geheimhaltung wahren.

Sollte ich meine Verpflichtungen in irgend einer Weise verletzen, ist mir bekannt, dass ich entsprechend der gültigen Gesetze der DDR zur Verantwortung gezogen werde.

Für die zukünftige Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit werde ich den Decknamen……………tragen, und mit diesem alle meine Informationen unterzeichnen, bzw. beenden.

Bereits Ende 1980 ist Wolfgang M. nicht nur ein vorbildlicher Gefangener, ein zuverlässiger I.M sondern auch Hausarbeiter, verantwortlich für Essensverteilung und Kolonnenführer im Arbeitsbetrieb. Die Schnittchen sind gesichert, er verdient genügend um Spielen zu können und er kann hoffen, dass er von seinen 15 Jahren nicht allzu viel absitzen muss. Die verlorenen Kilo hat er längst wett gemacht, durch kräftiges Zusatzessen..


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