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30. Todestag von Uwe Barschel: «Es war ein Killerkommando des Mossad»

von compact

Am 11. Oktober 1987 wurde der CDU-Spitzenpolitiker Uwe Barschel tot in der Badewanne seines Genfer Hotelzimmers gefunden. «Selbstmord » lautet bis heute die politisch gewollte Version. Wolfram Baentsch kam zu ganz anderen Ergebnissen. Er sah Geheimdokumente ein und veröffentlichte sie schon vor Jahren in einem brisanten Buch.

COMPACT: Anfang Februar lief im Ersten Programm «Der Fall Barschel». Die Macher scheinen Ihr Buch gut zu kennen, oder?

Wolfram Baentsch: Ja, das ist eine gute Frage. Ich wollte den Film gar nicht ansehen, weil ich annahm, dass die bisherige Strecke aus Diffamierungen und Desinformationen hier einfach fortgesetzt wird. Ich habe ihn dann doch gesehen und war ganz erstaunt. Es war das erste Mal, dass im öffentlich-rechtlichen Fernsehen überhaupt ernsthaft versucht wurde, die Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Die Reihe, auf die der Film diese Tatsachen bringt, hat erstaunliche Ähnlichkeiten mit den Resultaten, die ich bei der Recherche zu meinem Buch erzielt habe.

COMPACT: Ihre Ergebnisse wurden dabei durch das Krimi- Format entschärft.

Wolfram Baentsch: Zudem gibt es zwei ganz bemerkenswerte Blindflecken im Film, die nicht mit meinem Buch  übereinstimmen. So hat sich der Regisseur und Drehbuchautor aber gut entlasten können. Derjenige, der im Film klar die Mordthese vertritt, dämmert schließlich im Drogenrausch dahin und verliert deshalb an Glaubwürdigkeit. Zum anderen sagt der Film nichts über das eigentliche Motiv: Warum ist Barschel denn ermordet worden?

COMPACT: Ihr Buch liefert diese Antwort. Wie waren die Reaktionen nach dem Erscheinen im Jahr 2006?

CDU-Wahlplakat 1983

Wolfram Baentsch: Die Regierung weiß um die Brisanz dieses Buches, was sich blitzschnell herumgesprochen hatte – auch in den Medien. Warum hat zum Beispiel nicht einmal eine kleine Rezension in der FAZ gestanden?

Man hat sich geweigert, mit mir auch nur über dieses Buch zu sprechen. Warum hat die Welt, eine Zeitung, in deren Chefredaktion ich einmal zuständig für Wirtschaft war, nicht ein Sterbenswörtchen gebracht? Mein Buch ist in die Schweigespirale geschickt worden, weil darin sehr klar gemacht wird, dass Barschel ermordet worden ist, mitsamt den Beweisketten, wie, von wem und warum dieser Mord ausgeführt worden ist.

Das macht meine Recherche nach wie vor hochgradig gefährlich, denn sie sagt den Menschen im Land an einem konkreten Fall, dass sie systematisch belogen werden.

COMPACT: Dem Mord an Barschel war eine Rufmordkampagne vorangegangen, bei der Ihr ehemaliger Arbeitgeber «Der Spiegel» federführend war.

Wolfram Baentsch: Ich verdanke dem Spiegel eine wunderbare Lehrzeit. Dort habe ich das Recherchieren gelernt: nichts weiter als Tatsachen und Wahrheit zum Ziel zu haben. Umso enttäuschter war ich über die Berichterstattung in der Sache Barschel. Letztlich ist es eine unglaubliche journalistische Schlamperei, die das Kennzeichen des Spiegel in diesem Fall war. Es hat mich mit maßloser Enttäuschung erfüllt, dass das Hamburger Nachrichtenmagazin sich in diesen Fragen von der Wahrheit immer mehr verabschiedet und die Verleumdung des Politikers geradezu auf die Spitze getrieben hat. Es gibt starke Hinweise darauf, dass Spiegel-Gründer Rudolf Augstein darüber verzweifelt und im Suff gestorben ist.

COMPACT: Was war rund um die schleswig-holsteinischen Landtagswahlen im September 1987 geschehen?

Wolfram Baentsch: Der damalige Chefredakteur Erich Böhme ist Barschels Medienreferenten Reiner Pfeiffer, einem notorischen Lügner, auf den Leim gegangen. Der behauptete, der CDU-Ministerpräsident habe ihn angestiftet, seinen SPD-Herausforderer Björn Engholm mit den übelsten Vorwürfen zu belasten. Pfeiffer aber wurde gesteuert von denen, die alles im sogenannten tiefen Staate steuern. Er hatte seine Anweisungen, dafür zu sorgen, dass Barschel von der politischen Bühne verschwand, indem er die Wahl verlor, und später auch physisch eliminiert werden konnte. Denn der Politiker war hochgradig gefährlich für das System.

COMPACT: Weil er der westdeutschen Öffentlichkeit die Souveränitätsfrage hätte stellen können?

Wolfram Baentsch: Das kann man so sehen. Sicher ist jedenfalls, dass in diesem Buch deutlich wird, dass es um die Souveränität dieses Landes schlecht bestellt ist. Sie ist eine Fiktion. Die Lebenslüge dieser Bundesrepublik Deutschland ist, sie sei ein souveräner Rechtsstaat. Diese Lüge wird vertreten von denen, die Regierungsfunktionen wahrnehmen gegenüber allen, die regiert werden, also dem Volk. Das Volk darf nicht wissen, dass Deutschland seit 1945 nicht souverän ist und es darf auch nicht wahrnehmen, dass es sich bei der BRD mitnichten um einen Rechtsstaat handelt.

„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe falsch sind». (Uwe Barschel auf der Pressekonferenz am 18.9.1987) Foto: dpa

COMPACT: War Barschel sich dessen bewusst?

Wolfram Baentsch: Er kam zu seinem großen Entsetzen dahinter, dass die Fassade vom demokratischen, souveränen Rechtsstaat nicht stimmt. Er ist ja auf Machenschaften gestoßen, informiert insbesondere durch einen Staatssekretär im Innenministerium, der kurz nach Barschel ebenfalls plötzlich zu Tode kam, dass von schleswig-holsteinischem Boden aus kriminelle Geschäfte im Weltmaßstab getätigt worden waren.

COMPACT: Welche?

Wolfram Baentsch: Von 1980 bis 1988 tobte ja zwischen dem Iran und dem Irak ein blutiger Krieg. Und damit der möglichst lange anhält, wurden heimlich Waffen geliefert, und zwar von den USA an den damals guten Freund Saddam Hussein im Irak. Und von Israel wurden ebenfalls heimlich Waffen geliefert, über Italien und schleswig-holsteinische Häfen in den Iran.

Das geschah bereits unter Barschels Vorgänger Gerhard Stoltenberg. Als Barschel dahinterkam, sagte er: «Stop! Nicht mit mir.» Und damit hatte er praktisch sein Todesurteil gesprochen.

COMPACT: Barschel trat nach der Landtagswahl als Ministerpräsident zurück. Blieb er dennoch gefährlich?

Wolfram Baentsch: Ja, denn er wollte vor einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss aussagen – ganz sicher auch über die völkerrechtswidrigen Waffenlieferungen an den kriegführenden Iran. Er war ja nur über Genf geflogen, weil ihm ein Foto, das seine Unschuld beweisen sollte, versprochen worden war. Er ist nach Genf gelockt worden, um da getötet zu werden. Der Mensch, der ihn angerufen hat, sprach Deutsch mit rheinischem Akzent.

Den Mord selbst haben nicht Deutsche verübt, sie haben aber ihre Hilfsdienste geleistet für ein Killerkommando des Mossad. Wie ja auch durch Edward Snowden belegt wird, war und ist das die Rolle der deutschen Geheimdienste: für die Amerikaner und Israelis als Hilfskräfte tätig zu werden.

COMPACT: 1995 beschuldigte auch der israelische Ex-Agent Victor Ostrovsky in seinem Buch «Geheimakte Mossad» den israelischen Geheimdienst des Mordes an Barschel.

Wolfram Baentsch: Ostrovsky hat seine Informationen vom Hörensagen. Weil er nicht dabei war bei diesem Spezialkommando im Hotel Beau-Rivage gibt es ein paar Ungenauigkeiten. Aber im Großen und Ganzen stimmt, was er sagt, mit allen Ermittlungsergebnissen überein, die vor Ort erzielt worden sind.

Zum Beispiel das Vergiftungsgeschehen: Das Urteil eines der namhaftesten Toxikologen überhaupt war, dass dem CDU-Politiker zunächst drei Mittel verabfolgt wurden, die ihn betäubt haben, und ihm erst mit Zeitverzögerung das Mittel eingeflößt wurde, das ihn dann getötet hat.

Dann gibt es Spuren der Gewaltanwendung: In meinem Buch habe ich zum ersten Mal in Farbe ein Bild veröffentlicht, das die Hämatome im Gesicht Barschels sichtbar zeigt. Bemerkenswert ist, dass dieses Foto niemals sonst in der Presse erschienen ist.

Die medizinischen Spuren lassen den Schluss zu, dass Ostrovsky vollkommen Recht hat, dass Barschel höchst professionell durch intubiertes Gift getötet worden ist, indem man ihm einen Schlauch durch die Nase steckte, der dort sowie im Kehlkopf und Magen Spuren hinterlassen hat.

Das Foto der Leiche beweist die
schweren Gesichtsverletzungen.
Foto: Archiv

COMPACT: Diese gerichtsmedizinischen Hinweise auf Mord tauchten jetzt auch im ARD-Krimi auf. Warum nicht schon früher?

Wolfram Baentsch: Sie lagen der Staatsanwaltschaft alle vor, nur wurden sie eben nie veröffentlicht – weil sie auf Weisung der Politik die Beweise unterdrückt hat. Der Generalstaatsanwalt bundesdeutscher Prägung ist ein Politkommissar.

Es hat den Anschein, als sei er Angehöriger der Judikative und unabhängig von der Exekutive, aber das ist falsch. In Wahrheit ist dieser dazu da, Staatsanwälte anzuweisen. Und in allen Fällen, wo es politisch brisant ist, greift der Generalstaatsanwalt illegitim in die Judikative ein.

Das heißt, wir haben in Deutschland gar keine Gewaltenteilung. Bei Barschel ist das ganz besonders ausgeprägt geschehen, weil dieser Fall mit Sicherheit der politisch brisanteste Fall war, denn er war geeignet zu enthüllen, dass die BRD kein souveräner und kein Rechtsstaat ist.

COMPACT: Wie hätte denn ein Rechtsstaat auf die Todesnachricht von Genf reagieren müssen?

Bringt neue Erkenntnisse in die
Debatte. Foto: Herbig-Verlag

Wolfram Baentsch: Die Bundesanwaltschaft hätte eingeschaltet werden und das Bundeskriminalamt hätte ermitteln müssen. Das fand nicht statt. Es ist stattdessen von den Behörden verbreitet worden – und zwar sofort –, es handele sich um Selbstmord.

Die Schweizer Behörden haben mit nicht geringem Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass die deutschen Behörden vehement darauf gedrängt haben, diesen Fall als Selbstmord darzustellen.

COMPACT: Vier Tage nach Barschels Tod meldet die «Baseler Zeitung», sie habe Informationen darüber,dass die bundesdeutsche Regierung den Schweizer Behörden nahelegt, die Selbstmordversion sei in jedermanns Interesse.

Wolfram Baentsch: Diese Meldung war eine Bombe. Die hätte die Weltpresse beherrschen müssen. Nichts dergleichen, Schweigen im Blätterwalde. Dabei ist einer gestorben worden, der zu den Hoffnungsträgern der deutschen Politik gehörte.

Er war der beste Ministerpräsident, den Schleswig-Holstein jemals hatte. Das ist völlig unbestreitbar. Dass man nach dem Todesfall sofort zur Tagesordnung überging und behauptete, es sei Selbstmord, das ist das politische Skandal schlechthin gewesen.


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