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Am deutschen Wesen soll die Welt genesen?

Von Marco Maier

Deutschland hat den Ruf des Oberlehrers. Ein Moralapostel ohne eigene Moral trifft es jedoch derzeit eher. Das „deutsche Wesen“ zeigt sich sowohl auf europäischer als auch auf globaler Ebene momentan doch von der negativen Seite. Zuerst müssen sich die Deutschen selbst befreien, bevor sie überhaupt daran denken dürfen, ein leuchtendes Beispiel zu sein.

Das „Land der Dichter und Denker“, der klugen Köpfe und des Erfinderreichtums, hat sich doch stark zum Negativen hin gewandelt. Das Land, in dem der Kaiser einst meinte, kein „Volk von Bettlern“ regieren zu wollen, degradiert Millionen von Menschen im eigenen Land zu quasi rechtlosen Bittstellern während man die halbe Welt umwirbt, doch den „deutschen Traum“ von Arbeit, Häuschen und Familie zu leben. Ein Traum, der für immer weniger Deutsche selbst unerfüllbar wird.

In Europa überließ Berlin die angesichts der Schulden-, Wirtschafts- und Finanzkrise strauchelnden Länder ihrem Schicksal. Banken wurden gerettet, die Menschen selbst sind irrelevant – oder besser: nicht systemrelevant. Sterben sie weg, kann man ja immer noch welche „importieren“. Doch wenn die Banken „wegsterben“, könnte ja genau jenes System kollabieren, welches für dieses Desaster verantwortlich ist. Doch wenn es um die Millionen an Flüchtlinge und Armutsmigranten geht, die dem Ruf von Bundeskanzlerin Merkel folgen, dann sollen sich die anderen Länder gefälligst solidarisch zeigen. Es kann – besser: darf! – ja nicht sein, dass da tatsächlich nationale Egoismen angesprochen werden, oder? Aber wenn es um das „deutsche (Spiel-)Geld“ geht, dann schon.

Und dann gibt es ja auch noch die Weltbühne. Exportieren muss das deutsche Land rund um den Globus. Je höher der Außenhandelsüberschuss, umso besser! Und wenn man dafür Waffen in Regionen liefert, die dann ihrerseits dafür sorgen, dass der Flüchtlingsstrom nicht abreißt, so ist das gut. Man muss ja auch ein paar Arbeitsplätze erhalten.

Ein paar tausend Jobs in Deutschland sind eben viel mehr Wert als hunderttausende Menschenleben. Da muss man in Berlin Prioritäten setzen. Nicht zu vergessen die US-Besatzer, die von deutschem Boden aus ihren Drohnenkrieg führen und vom deutschen Steuerzahler auch noch dafür finanziell belohnt werden. Ach ja, die Logistik für den Nahen und Mittleren Osten sowie Osteuropa geht auch über das deutsche Drehkreuz. Wunderbar!

Das „deutsche Wesen“ offenbart sich derzeit wieder einmal in seiner bestmöglichen Pervertierung. Die Motive für das eigene Handeln mögen zwar von manchen Politvertretern als gut empfunden werden – doch wie kann man von Leuten, die Gesetze abnicken ohne sie auch nur gelesen (geschweige denn verstanden) zu haben erwarten, dass ihnen die Tragweite ihrer Entscheidungen überhaupt bewusst ist? Rannte man früher noch blind den Fürsten, Kaisern und Führern hinterher, so sind es heute die Washingtoner Administration und die Finanzoligarchie, welche die Richtung vorgeben, in die man gefälligst zu marschieren hat. Sofern man nicht eben politischer Überzeugungstäter ist, der einer verqueren Ideologie anhängt.

Kaputt ist sie, die „deutsche Seele“, die noch 1848 zur Revolution und zur Freiheit drängte – Das eigene Wesen massivst korrumpiert. So wie die Juden auf ihren Messias warten, so warten die Deutschen auf ihren Führer. Der große Heilsbringer, der schlussendlich doch wieder nur Unheil und Leid mit sich bringt.

Die Deutschen müssen zuerst einmal selbst genesen, sich ihrer Neurosen entledigen und zur Freiheit streben, bevor sie der Welt ein leuchtendes Beispiel sein können.


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