Andrej Fursow: Die Welt von morgen (1)

Teil 1 eines Interviews, veröffenlicht am 22. Oktober 2016 in der Literatur-Zeitschrift « Наш современник» [AdÜ.: „Unser Zeitgenosse“], №10, übersetzt von Artur, (Quelle)

Das Gespräch mit A. Fursow führte O. Morosow.

Das 21. Jahrhundert wird eine Zeit des härtesten Kampfes um die Zukunft sein; eine Zeit, wenn ganze Staaten, Ethnien und Kulturen unbarmherzig und ohne Sentimentalitäten vom Radierer der Geschichte fortgewischt werden.

In diesem Kampf werden nur geeinte soziale Systeme überleben und siegen, verschweißt durch einen gemeinsamen Wertekodex, charakterisiert durch eine minimale soziale Polarisierung und einer hohen Prozentzahl an Wissensträgern. Oligarchische Systeme werden diesen Kampf nicht überleben; ihr Schicksal ist es, ökonomischer Kompost zu werden, Dünger für Starke. Was anderes verdienen sie auch nicht.

Andrej Fursow, geboren 1951 in der Stadt Schtscholkowo in der Familie eines Armeeangehörigen, schloss die geschichtliche Fakultät des Instituts für Länder Asiens und Afrikas an der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität ab. Er ist ein Kandidat der Geschichtswissenschaften [AdÜ.: erster postgradualer Abschluss in vielen ehemaligen Ostblockstaaten; entspricht in etwa dem westlichen „Ph.D.“ (bzw dem deutschen „Dr.“)], Direktor des Zentrums russischer Forschung des Instituts für fundamentale und angewendete Forschung an der Moskauer Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU), Vorsteher der Abteilung Asien und Afrika am Institut für Wissenschaftliche Information in den Sozialwissenschaften der Russischen Akademie der Wissenschaften (INION RAN), leitender Redakteur der Zeitschrift „Orientalismus und Afrikanistik (ausländische Literatur)“ [AdÜ.: «Востоковедение и африканистика (зарубежная литература)»], Leiter des Zentrums für Methodologie und Information des Instituts für dynamischen Konservatismus, Mitglied der Gesellschaft russischer Schriftsteller, Autor einer Vielzahl wissenschaftlicher und publizistischer Werke.

„Für einen Großteil der Menschheit wird die „neue Welt“ als neues „dunkles Zeitalter“ erscheinen“

— (1.) Wohin führt diese Welt (bzw. wie sieht das Bild der Zukunft aus)?
— Die Welt geht gezielt auf das Ende des Kapitalismus zu. Vom Letzten ist so gesehen nicht mehr viel übrig: der Markt existiert praktisch nicht mehr, es gibt stattdessen globale Monopole; der Staat stirbt ab, die Zivilgesellschaft zieht sich zusammen; die Politik verwandelt sich in eine Kombination aus administrativem System und „Show-Business“, das Geld hat eine Reihe an Funktionen verloren und im bedeutenden Sinne aufgehört, Geld zu sein. Die Europäer haben eine ihrer Grundlagen aufgegeben – ihr Arbeitsethos; dem Kapital ist es so gut wie gelungen, die „Arbeit“ zu verschlingen, zu fressen; selbst hört es dabei aber auch auf, Kapital zu sein.

— (1.1) Wer errichtet die neue Welt?
— Es geschehen gleichzeitig zwei Prozesse: die Zerstörung der alten Welt und die Formung der neuen. Die alte, kapitalistische Welt zerstört die kapitalistische Spitze selbst – diese braucht sie, zumindest in der Perspektive, nicht mehr. Seit Mitte der 1970er Jahre schreitet die Demontage des Kapitalismus voran. Dieser „fährt“ sozusagen in Richtung seiner „vordemokratischen Vergangenheit“, in die Epoche der „eisernen Fersen“ und ost-indischen Gesellschaften, diesen Vorgängern heutiger transglobaler Unternehmen, nur deutlich extremer als die letztgenannten. Die Rückgliederung des Progresses ist das Mittel zur Erschaffung der neuen Welt der globalen Elite. Für einen Großteil der Menschheit wird die „neue Welt“ als neues „dunkles Zeitalter“ erscheinen – nicht zu verwechseln mit dem Mittelalter, beginnend mit dem Zerfall des Imperiums von Karl dem Großen im 9. Jahrhundert. „Dunkles Zeitalter“ – das ist die Zeitspanne zwischen der Mitte des 6. Jh. (das römische System der Äquadukte hört endgültig auf zu funktionieren; das Jahr 476 als das Ende des römischen Imperiums ist eine verlogene Erfindung römischer Erstgeistlicher, um ihre eigene Rolle hervorzuheben) und der Mitte des 9. Jahrhunderts. Das „Dunkelalter“ ist, im wahrsten Sinne des Wortes, eine Epoche der Düsternis und des Blutes, im Unterschied zum, von Persönlichkeiten der Renaissance und besonders der Aufklärung (Schwindlern vom Typ eines Voltaire) verleumdeten, Mittelalter, welches licht bis Anfang des 14. Jahrhunderts war. 14.-17. Jh. – ein neues Dunkelalter, welches übrigens eine genauso anziehende, wie trügerische Fassade hatte – die Renaissance.

— (1.2) Gibt es eine Alternative zum westlichen Model der Zukunft (des neuen dunklen Zeitalters)?
— Zum jetzigen Zeitpunkt wird so eine Alternative nur schlecht betrachtet. Zurzeit ist es wichtig, die Realisierung des Dunkelalter-Projekts zu verhindern, danach sehen wir weiter. Die Alterative wäre der Widerstand gegen die globale Agenda, das heißt, gegen den Kurs der barbarischen Dezimierung der Population des Planeten, der Zerstörung der Staatlichkeit (Souveränität), der Familie, der Wissenschaft, der Bildung, der Gesundheitsvorsorge; letzteres, so bemerkt M. Mur, verwandelt sich in ein „Gesundheitsbegräbnis“.

— (1.3) Gibt es eine Möglichkeit, zum Punkt der Entwicklung zurückzukehren, den der Planet vor 50 – 60 Jahren durchlief?
— Unwahrscheinlich. Rückkehr und Restaurierung sind in der Geschichte unmöglich. Es ist unmöglich, die einmalige Epoche 1945-1975 zu wiederholen – der Ruck der Menschheit, mit der UdSSR an der Spitze, in die Zukunft, der Ruck, künstlich abgewürgt durch die dumme, sowjetische Nomenklatura und die berechnende Elite der kapitalistischen Welt. Die sowjetische Elite bezahlte für ihr situationsbezogenes Bündnis mit dem Zerfall der UdSSR.

— (1.4) Kann man den Leuten die Zuversicht zum morgigen Tag, die Hoffnung und den Optimismus, wiedergeben?
— Optimismus – das ist der Zustand der Seele bei starken und ganzheitlichen Menschen, welche nicht nur Umstände ändern, sondern auch neu schaffen können. Optimismus – das ist ein nicht einfaches, aber gleichzeitig frohes Bemühen, oft dem Schicksal zum Trotz. Optimismus kann man nicht geben, schenken, zurückholen. Er entsteht im Kampf. Selbstverständlich, es gibt eine biochemische (genetische) Grundlage des Optimismus; nichtsdestotrotz, Optimismus – das ist eine soziale Funktion gesunder Gemeinschaften. Es reicht aus, die sowjetische Gesellschaft von der Mitte der 1930er bis zur Mitte der 1960er („Es gibt keine Grenzen für uns zu Lande und auf dem Meer“, aus „Andromedanebel“ von Iwan Jefremow, und viele andere) mit derselben sowjetischen Gesellschaft der 1970er-1980er Jahre zu vergleichen: erschöpft, zynisch, sarkastisch und freudlos. Und das unter den Bedingungen, das das Leben in den 1970er Jahren komfortabler wurde, leichter und satter; die Angst verschwand, das Glück trat jedoch nicht ein. Die 1960er Jahre waren ein kurzer Augenblick der Hoffnungen, welche weder bei uns, noch sonst wo in der Welt eintraten.

— (1.5) Kann man den Fortschritt zum Wohle aller Menschen arbeiten lassen (oder wenigstens für die Mehrheit)?
— Die UdSSR versuchte es. Und dreißig Jahre klappte es bei uns. Das heißt – es ist möglich. Man muss allerdings aufmerksam sein und sich an die stalin’sche Warnung erinnern, dass mit dem Maß der Entwicklung des Sozialismus sich auch der Klassenkampf zuspitzt, das heißt, man sieht sich auch mit der Bedrohung der Wiedergeburt konfrontiert. So ist es auch geschehen, wobei eine der ersten, die „wiedergeboren“ wurden, einzelne Segmente des Zentralen Komitees der Kommunistischen Partei der UdSSR und des KGB waren. Die Partei-Inquisition hat ihre Arbeit nicht zu Ende gebracht.

— (1.6) Ein Traum – das ist ein grober Entwurf der Zukunft. Von was träumen Menschen heute?
— Verschiedene Menschen träumen von Unterschiedlichem. Es hängt davon ab, an was sie sich orientieren – an Yav, Nav oder Prav [AdÜ.: Die drei Welten aus dem slavischen mythologischen Weltenverständnis, erwähnt im „Buch von Veles“: Die Welt des Materiellen (Yav), die Welt der Seelen / der Toten (Nav), die Welt des Gesetzes / der Herrschaft / der Wahrheit (Prav)]. Das heißt, entweder man gibt sich einer Welt dunkler und vulgärer Leidenschaften hin, oder einer Welt der solidarischen Arbeit auf Basis sozialer Gerechtigkeit und der Bewahrung seiner ethnokulturellen Identität.

„Die Situation gerät außer Kontrolle“

— (2.) Das Problem der „Goldenen Milliarde“ ist das gefährlichste Problem der Moderne, sind Sie mit dieser Aussage einverstanden?
— Das Problem der „Goldenen Milliarde“ in dem Sinne, in dem es formuliert wurde, ist nicht das gefährlichste, da diese Milliarde verwässert wird. In Europa verwässern diese die Araber, Türken, Kurden, Afrikaner, und von ihnen wird es immer mehr geben. Es entsteht ein Eindruck, das der europäische Teil der „Goldenen Milliarde“ abgeschrieben wurde und nun das „Klo der Geschichte“ runtergespült wird; oder aber es wird versucht mittels Selektion und mithilfe von Einwanderern aus dem Süden einen Europäer neuen Typs auszuarbeiten, welcher nicht mehr mit Masse, sondern mit Geschicklichkeit um die Zukunft kämpfen wird. Die Wirklichkeit ist, das zurzeit junge Europäer nach Kanada, Australien und Neuseeland emigrieren, jedoch nicht in die USA, wo es bald auch heiß hergehen wird. Denn dort sind die sozialen mit rassischen Problemen vermischt: bei Neger, welche nun, politisch korrekt, Afroamerikaner genannt werden [AdÜ.: In Russland benutzt man bis heute ganz selbstverständlich das Wort „Neger“ zur Beschreibung schwarzhäutiger Menschen, ohne jeglichen diskriminierenden Unterton.] und Spanischsprechenden (Latinos). Die rassische und ethnokulturelle Zusammensetzung des Westens ändert sich. So gesehen existiert der Westen im gewohnten Sinne nicht mehr. Es gibt eine postwestliche, postchristliche Gesellschaft, welche zielstrebig auf das „Loch der Geschichte“ zurollt. Irgendein Plan derer, welche B. Disraeli die „Herren der Geschichte“ und der Schriftsteller O. Markeev die „Herren des Weltspiels“ nannte, existiert, jedoch, erstens, gerät dieser wohl außer Kontrolle. Zweitens entfaltet sich ein Kampf innerhalb der globalen, herrschenden Elite (sie ist schließlich nicht geeint) um die Zukunft. Mit diesen Widersprüchen müssen wir spielen, wie es Stalin in den 1930er Jahren tat.

— (2.1) Welcher Platz ist Russland und den Russen (im allgemeinen Sinn dieses Wortes, d.h. der Bevölkerung Russlands) in diesem Plan vorgesehen?
— Im ursprünglichen Plan, denke ich, gibt es keine Plätze für Russen und viele der nicht-westlichen Völker. Aber, ich wiederhole, der Plan ändert sich anscheinend. Zudem, einige Linien arbeiten die Globalisten sehr unnachgiebig ab: Der Zerfall der Staatlichkeit, der Familie, der Bildung, des Gesundheitswesens und der Wissenschaft. Das ist Teil ihrer globalen Agenda. Deshalb werde ich, ungeachtet jeglicher Rhetorik und situationsbezogener, lauter Aktionen in der Außenpolitik, nur an gute Absichten einer Regierung bei uns glauben, welche das Pogrom gegen die Wissenschaft, Bildung und das Gesundheitswesen aufhält, also die globale Agenda in diesen Bereichen zerstört. Was ist das heute für ein Kampf um die Souveränität des Staates, wenn alles so läuft, dass morgen niemand und nichts (wenn gesunde Männer und Hirne fehlen) es mehr verteidigen wird?

— (2.2) Welchen Plan können stattdessen wir anbieten?
— Wir – wer ist das? Das Volk, die Oligarchen, die Staatsmacht? Um einen Plan vorzuschlagen, muss man eine Strategie haben. Um eine Strategie zu haben, muss man eine Ideologie haben. Wir haben einen – formell – ideologielosen bzw. „innerideologischen“ Staat; und das Los derer, die in der heutigen Welt keine Ideologie haben, also auch kein persönliches Projekt für die Zukunft, ist das des Picknicks am Wegesrand der Geschichte, in der Erwartung, das die Herren einen, vielleicht, zum neuen Fest des Lebens rufen. Werden sie aber nicht; nicht einmal die „Bösewichte“, die ihnen dienen: „Rom zahlt den Verrätern nicht“. Das Ziel Russlands kann nur eines sein: Zu überleben und zu siegen im 21. Jh., dabei seine Identität, seine Bevölkerung und sein Territorium bewahrend. Das ist das minimale Programm. Erfüllen kann man es nur mit der Schaffung eines sozialen Systems, basierend auf sozialer Gerechtigkeit, dann werden Staatsmacht und Heimat ein und das selbe. Menschen können für Geld töten, aber für Geld sterben wird niemand. Für die Heimat sterben – werden sie, der Große Vaterländische Krieg zeigte uns das. Wir siegten deshalb – hinter uns stand ein gerechtes soziales System, welches kollektivistisch-antikapitalistischer Charakter dem russischen Archetypen des Bewusstseins und Unterbewusstseins, sowie dem kulturhistorischen Kodex entsprach. Wie Alexander Blok sagte, der Bolschewismus „ist eine Eigenschaft der russischen Seele, keine Fraktion in der Staatsduma“.

Das 21. Jahrhundert wird eine Zeit des härtesten Kampfes um die Zukunft sein; eine Zeit, wenn ganze Staaten, Ethnien und Kulturen unbarmherzig und ohne Sentimentalitäten vom Radierer der Geschichte fortgewischt werden. Die „Schläger“ der globalen Macht (ihr Name ist Legion; ein Beispiel: Schauen Sie auf das Gesicht von H. Clinton.) werden vor nichts Halt machen. In diesem Kampf werden nur geeinte soziale Systeme überleben und siegen, verschweißt durch einen gemeinsamen Wertekodex, charakterisiert durch eine minimale soziale Polarisierung und einer hohen Prozentzahl an Wissensträgern, im Grunde Nationalunternehmen. Oligarchische Systeme werden diesen Kampf nicht überleben; ihr Schicksal ist es, ökonomischer Kompost zu werden, Dünger für Starke. Was anderes verdienen sie auch nicht.

In der zweiten Hälfte des 20. Jh. blockierten die „veroligarchierten“ Strukturen der Macht in der UdSSR gleich zweimal den Fortschritt und mussten hart dafür bezahlen. Mitte der 1960er Jahre war die UdSSR bereit, einen wissenschaftlich-technischen Ruck in die Zukunft zu machen, sich aus einem systemalen Antikapitalismus in einen realen Postkapitalismus zu verwandeln; allerdings war dies nicht im Interesse der sowjetischen Nomenklatura, sowie der Spitze der globalen, kapitalistischen Klasse. Der Durchbruch wurde mit aller Härte blockiert, und der Anstieg der Ölpreise und die Entspannung in der Außenpolitik sorgte in der sowjetischen Obrigkeit für ein Gefühl der Ruhe und tiefen Befriedigung. Bei uns wird sich an die Breschnew’schen Zeiten nicht selten mit Zuneigung erinnert: Stabilität, die Zuversicht an den morgigen Tag. Und in der kurzfristigen Perspektive war dies auch so; in der mittelfristigen Perspektive jedoch, nicht zu sprechen von der langfristigen Perspektive, war die Breschnew’sche Epoche ein Verzehren der Zukunft, eine Zeit der versäumten historischen Möglichkeiten. „Sackähnliche Greise… ängstlich vor den eigenen Frauen“ (Autor unbekannt) verplemperten die Zukunft des Systems – es starb in ihnen und durch sie. Und das alles unter den Umständen, dass im vielschichtigen UdSSR ein supermächtiger, wissenschaftlich-technischer Komplex existierte, welcher vorgesehen war, in die Zukunft loszupreschen, nicht später als Anfang der 1990er Jahre. Allerdings: wenn der Durchbruch in den 1960er Jahren durch Öl und Entspannungspolitik durchkreuzt wurde, so wurde er es zum zweiten Mal – durch die Perestroika und dem Zerstören der UdSSR, basierend auf dem banalen Wunsch eines Teils der sowjetischen Nomenklatura „sich in die Bourgeoisie einzuschreiben“. Es bleibt zu hoffen, dass die Evakuierung des Regimes am Ende der 1980er Jahre nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine wissenschaftlich-technische war. Übrigens, ein „Schuss aus der Zukunft“ ist wunderbar, allerdings sollte man auch selbst nicht danebenschießen.

(3.) Damit Russland (und wir zusammen mit ihr) überleben unter gegebenen Umständen, ist es unabdinglich, die äußere Attacke abzuwehren. Es ist eine Weisheit bekannt, dass, wenn ein Hund mit einem Stock geschlagen wird, dieser, um sich zu retten, nicht den Stock oder sogar die Hand, sondern die Kehle desjenigen beißen sollte, welcher den Stock hält. Um diese Kehle zu finden, ist es sehr wichtig, sich die Struktur der modernen Welt vorstellen zu können, die Kräfte zu kennen, die Wirkenden in ihnen und die Orte ihrer Anwesenheit.

„Die Rettung der Ertrinkenden –
ist die Sache der Hände der Ertrinkenden selbst“

— (3.1) Gibt die Wissenschaft, welche sie repräsentieren, eine Antwort auf diese Fragen?
— Ja, sie gibt sie. Die Feinde Russlands – das sind globale Geldwucherer und die sie bedienenden Politiker, Journalisten, Berühmtheiten; übrigens nicht nur außerhalb unseres Landes, sondern auch innerhalb. Im letzteren Fall geht es um Regressoren, welche wertorientierte, intellektuelle und technologische Grundlagen unserer Gemeinschaft zerstören. Sie sind jedoch nur gesichtslose Funktionen einer globalen Matrix, Čapek’sche Salamander, über welche der Schriftsteller sagte: „Sie kommen wie Tausend Masken ohne Gesicht“. Mit anderen Worten, der Hauptfeind ist die globale Matrix, vergleichbar mit der Spinne Kankra aus „Der Herr der Ringe“ [AdÜ.: Im englischen Original bekannt als „Shelob“, eine Art dämonische Riesenspinne, welche Licht hasst und gleichzeitig begehrt, um daraus Netze aus Dunkelheit zu spinnen.], angewachsen auf planetare Ausmaße. Übrigens, die Idee einer globalen Matrix (G-Matrix) als Strukturen und Mittel, welche der globalen Bevölkerung ein bestimmtes Denkmuster aufzwingen sollen, wurde von Mitgliedern des Club of Rome noch im Jahr 1970 geäußert.

— (3.2) Gibt es einen Mechanismus, welcher wissenschaftliche Errungenschaften und praktische Politik (oder Diplomatie, oder was auch immer heute über die Aufgaben des Überlebens und der Macht entscheidet) verbindet in unserem Land?
— Die Aufgaben des Überlebens und der Siege muss in jedem beliebigen Land vor allem die Verwaltung des Landes lösen. Die Frage ist, wie gekonnt und ehrlich sie das tut, wie sehr sie sich mit ihrem Land identifiziert. Letztendlich zählt, wie entwickelt ihr Selbsterhaltungsinstinkt ist, um wie viel stärker dieser als der „Zugreifinstinkt“ [AdÜ.: bzw. Gier / Habsucht] und die Leidenschaft zum schönen Leben ist. Wenn das Letztere überwiegt, so taucht früher oder später die Geschichte in der Gestalt von Kankra oder dem eigenen Volk auf und sagt mit einem unschönen Grinsen: „Du hast dauernd gesungen? Ist ja ein Ding: nun geh, tanz’ auch ein wenig!“ Und dieser Tanz wird höchstwahrscheinlich ein Danse macabre sein – ein Todestanz.

— (3.3) Gibt es in Russland Kräfte, welche in der Lage wären, Russland zum Heil zu führen?
— Ich hoffe, es gibt sie. Aber generell, die Rettung der Ertrinkenden ist die Sache der Hände der Ertrinkenden selbst. Wie in der Internationale gesungen wurde: „Es rettet uns kein höh’res Wesen, / kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun / Uns aus dem Elend zu erlösen / können wir nur selber tun!“ Wir brauchen lange zum „Aufschaukeln“, aber „fahren“ tun wir schnell. Somit gibt es immer Hoffnung.

— (3.4) Wie können wir sie [AdÜ.: die Kräfte] finden und bündeln?
— Der beste Weg zum Zusammenschluss ist die Sache auf Basis gemeinsamer Werte. Nur welche gemeinsamen Werte können ein Reicher und ein Armer, ein Dieb und ein Bettler haben?

— (3.5) Welche Ideologie muss Russland im 21. Jahrhundert annehmen?
— Ideologien hängen nicht im Supermarkt im Regal, sie werden während blutiger und brutaler Krisen geboren als Antwort auf die Frage, welche Zukunft wir für uns wollen, für unsere Kinder und Enkel. Die großen Ideologien der Moderne – Marxismus, Liberalismus (Dieser starb in den 1910er Jahren; nicht zu verwechseln mit dem, was heute im Westen und vor allem in Russland so genannt wird.) und Konservatismus wurden in Europa geboren, in der Epoche der Revolutionen 1789-1848.

— (3.6) Ist es nicht an der Zeit, dass in Russland ein kriegerisch-geistlicher Stand [AdÜ.: bzw. eine Klasse] geschaffen wird?
— Stände werden nicht geschaffen, sie entstehen im Laufe der Geschichte. Ich denke, dass die Zeiten der Stände, sowie der Monarchien, vorbei ist – „zu Ende gelebt“, vixerunt, wie es Cicero gesagt hätte. Zudem gab es in der Geschichte Russlands nie ein starkes Ständesystem, sowie nie eine starke Aristokratie.

— (3.7) Im Laufe der letzten 400 Jahre, am Anfang jedes Jahrhunderts, nahm Russland an Kriegen teil, welche ihr mit der Vernichtung drohten: 1610er – die Große Smuta; 1710er – der Große Nordische Krieg; 1810er – der Vaterländische Krieg mit Napoleon; 1910er – der Erste Weltkrieg. Ist es ein Zufall oder eine Regel? Jetzt laufen die 2010er.
— Ich kann ihnen andere Fälle nennen: Livländischer Krieg (1558-1583), Krieg mit Polen (1654-1667), Siebenjähriger Krieg (1756-1763), Krimkrieg (1853-1856), Großer Vaterländischer Krieg (1941-1945). Ihre Bedeutung ist nicht geringer, also gibt es hier keine Zahlenmystik.

— (4.) Die „Herren der Geschichte“ errichten ihre zukünftigen Gesellschaftsmodelle. In Verbindung damit taucht eine Reihe Fragen auf: (4.1) Kann jedes Modell, vom Menschen erdacht, funktionieren, also lebensfähig sein?
— Natürlich nicht jedes.

— (4.2) Ist jedes beliebige Modell fähig zur Weiterentwicklung?
— Dasselbe.

— (4.3) Gibt es Kriterien, mit denen man lebensfähige von nicht lebensfähigen Systemen noch in der Etappe ihrer Modellierung unterscheiden kann?
— Ich fürchte, es gibt keine. Wir können nur die Höhe der Wahrscheinlichkeit schätzen. Ein Modell kann schwächlich sein, aber die Welt dreht sich weiter, und das genannte Modell erweist sich als adäquat – das ist wie mit einer rezessiven Mutation in der Entwicklung von Biosystemen. Und anders herum: ein starkes, gut adaptiertes Modell, aber plötzlich ändert sich die Situation und es gilt: die Dinosaurier sterben aus, und marginale „Erdwühler“ erobern die freigewordenen, ökologischen Nischen.

— (4.4) Gibt es eine Methodologie, welche es erlaubt, wissentlich lebensfähige Systeme zu bauen?
— In einer sich gezielt ändernden Welt sind eher Prinzipien einer negativen Reihe möglich – d.h. das, was man möglichst nicht tun sollte.

— (4.5) Haben wir unser eigenes Modell der Zukunft?
— Bisher sehe ich sie nicht. Und überhaupt werden Modelle im Kampf geboren, insbesondere – im Widerstand gegen das Böse.

Fortsetzung folgt…


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