Andrej Fursow: Die Welt von morgen (2)

Fortsetzung von Teil 1 – Veröffenlicht am 22. Oktober 2016 in der Literatur-Zeitschrift « Наш современник» [AdÜ.: „Unser Zeitgenosse“], №10, übersetzt von Artur, (Quelle)

— (5.) Sie haben nicht nur einmal in ihren Vorlesungen eine Theorie der Systeme erwähnt. Es existiert aber keine allgemein gültige Systemtheorie, von denen gibt es Dutzende. (5.1) Welche von diesen meinen Sie?
— Eine Systemtheorie ist eine universelle Sache, sie hat Gliederungen, z.B. die Theorie der lebenden (d.h. anti-entropierenden) Systeme, wohin auch die Gesellschaft gehört.

— (5.2) Gibt es zurzeit in dieser Systemtheorie einen Bereich, welcher die Gesellschaft beschreibt?
— Es gibt unterschiedliche Theorien sozialer Systeme, z.B. die Formationstheorie von Marx, übrigens bei weitem nicht die schlechteste. Die Theorien von Alexander Bogdanow, oder von Vilfredo Pareto.

Das Biblische Projekt ist beendet. Als nächstes kommt – die totale Debilisierung

— (6.) Was ist die Rolle abrahamitischer Religionen im Leben der Gesellschaft?
(6.1) Was ist Ihre Einstellung zur Arbeit L. N. Tolstois „Warum befinden sich die christlichen Völker und im Besonderen die russischen jetzt in einem ärmlichen Zustand?“
— Tolstoi fixierte die offensichtlichen Sachen – die Abweichung dessen, über was, gemäß den Evangelien, Jesus lehrte, von dem, was zum Biblischen Projekt wurde, an dessen Quellen Paulus steht; im Letzteren ist in Wahrheit viel von Saulus geblieben. Wirklich, dort wo bei Jesus die Liebe ist, ist bei Paulus und der Kirche – die Angst; Jesus legte sich mit der Staatsmacht an, Paulus und die Kirche riefen zum Unterordnen unter diese auf. In Paulus’ Schema ist viel vom Alten Testament enthalten – diesem „Fenster der Verwundbarkeit“ des Christentums. Nicht zufällig wurden im Russland des 19. Jh. das Alte und das Neue Testament nicht in einem Band abgedruckt. Was den Unterschied zwischen einem Traum, dem revolutionären Durchbruch, einerseits, und der Organisation, diesem utilitaristischen Drang, andererseits angeht, so widmete Dostojewski diesem „Der Großinquisitor.“ Jesus wäre unwahrscheinlich auf Inquisition, Jesuiten und Dogmen über die Unfehlbarkeit des Papstes gekommen.

— (6.2) Sind Sie mit der These einverstanden, dass nach Christus das Christentum von Pharisäern umgeschrieben wurde?
— Nach Christus wurde das Christentum nicht umgeschrieben, sondern gebildet; der Prozess der Bildung dauerte 150-200 Jahre (3.-4. Jh. unserer Ära), als der Korpus der Literatur gebildet und – nach dem Modell des römischen Imperiums – Hierarchien und der territoriale Aufbau errichtet wurde. Es wurde das Biblische Projekt entwickelt, adäquat gegenüber der neuen Epoche.

Wenn davor in der Mittelmeer-Zone die soziale Kontrolle einen äußeren Charakter hatte, die wichtigsten Formen waren eine „Kultur der Scham“ und eine externe Steuerung durch Kraft (das „ägyptische Modell“; in seiner vollen Formentfaltung als römisches Imperium und römisches Recht zu sehen), so erforderten veränderte Umstände feinere und tiefere, verinnerlichte Formen der nicht nur noch sozialen, sondern auch sozio-psychologischen Kontrolle – von innen heraus.

Von hier aus der Name – „Kultur des Gewissens“. Das heißt, die Welt und der Mensch am Anfang des ersten Jahrtausends vor unserer Ära bis zum ersten Jahrtausend unserer Ära haben sich dermaßen verkompliziert, dass die Nötigung allein nicht mehr ausreichte. Das Biblische Projekt ist eben diese Kombination aus innerlicher und äußerer Unterordnung mit dem Primat des Ersteren, wobei ein Teil der Funktion der inneren Unterordnung von der christlichen Kirche übernommen wurde, weshalb viele soziale Bewegungen die Form von Ketzerei annahmen.

Zum Ende des 15. Jahrhunderts kompromittierte sich die katholische Kirche dermaßen, und Ketzer erschütterten ihren Zustand so stark, dass sie von Seiten des Protestantismus herausgefordert wurde. Während dieser ein Schlag gegen den Katholizismus war und sich ihm gegenüber zur Wehr setzte (mit Eskalationen bis zu den religiösen Kriegen vom 16. Jh. bis zur ersten Hälfte des 17. Jhs., dessen teilnehmenden Persönlichkeiten unseren Iwan, den Schrecklichen, wie ein Beispiel des Humanismus und Frömmigkeit erscheinen lassen), so schwächte nicht nur der Protestantismus paradoxerweise, sondern stärkte sogar zeit- und teilweise das Biblische Projekt. Erstens schuf er eine modernere, grausamere und gleichzeitig einfachere Form des Biblischen Projektes (im Sinne der Orientierung an Geld, an Erfolg, auf selektive Auserwähltheit – der Protestantismus stellt die maximal „hebräesierte“ Version des Christentums dar); zweitens wurde er zum Ventil des Austritts Unzufriedener aus der Pax Catholica, dabei auf die Letztgenannte stabilisierend wirkend. Aber nicht für lange.

Die Zeit arbeitete gegen beide Versionen des Christentums, welche sich von der Orthodoxie (der Rechtgläubigkeit) abgespaltet hatten. Eine neue Epoche trat an, in welcher für die strukturelle und reflektierte Steuerung institutionell die Formung von rationalem Wissen – die Wissenschaft – benötigt wurde. Und es ist kein Zufall, dass in Frankreich beim Entwickeln solches Wissens (z.B. im Angesicht Descartes) die Jesuiten eine führende Rolle spielten.

Im 18. – Anfang 19. Jh. überlebte das Biblische Projekt, welches inzwischen aus allen Nähten zu platzen drohte, eine weitere Mutation: der christliche Glaube wurde zur Seite geworfen, und es tauchte am Anfang eine Proto-Ideologie in Form des Projektes der britischen Freimaurer-Logen auf, in erster Linie realisiert auf französischer Erde; daraufhin folgte die Aufklärung, und darauf die Ideologie in drei ihrer Grundformen: Konservatismus, Liberalismus und der Marxismus. Das waren schon unreligiöse, d.h. terminale Formen des Biblischen Projektes, gleichzeitig als Mittel zum Kampf auftretend, als auch als Form der sozialen Kontrolle über eine plötzlich verkomplizierte gesellschaftliche Umgebung.

Genauso wie irgendwann christliche Geistliche den Paganismus beiseiteschoben oder vernichteten (auf dem Territorium der Rus – den vedischen), so stürzten sich im 18.-20. Jh. die Freimaurer, die Ideologien des Liberalismus, Marxismus, die Nazisten, auf die christliche Kirche. In diesem Fall scheint es mir angemessen, sich an die Phrase des Heiligen Augustinus zu erinnern, der sagte: „keine Strafe ohne Schuld“, oder: mit dem Gericht, mit dem ihr richtet… [AdÜ.: … werdet ihr gerichtet werden – Matthäus 7:2].

Generell muss man sagen, dass die anfänglichen Schwierigkeiten des Christentums, dabei die Komplexität der europäischen Zivilisation in der Epoche der späten Antike widerspiegelnd (mit Elementen der antiken, jüdischen und germanischen Traditionen), sowohl Stärke als auch Schwäche ist. Eine schwierige Komposition kann in ihre Einzelteile auseinandergenommen werden. Der Islam ist eins – ihn kann man nur in Teile hacken; das Christentum hingegen ist anfällig für unerwartete Mutationen. N. A. Berdjajew bemerkte übrigens, dass das Christentum zu Katholizismus führe, der Katholizismus zu Protestantismus, und der Protestantismus zu Atheismus (ich würde hier noch Freimaurerei hinzufügen). Dies ist eine Linie.

Katholizismus führt zu der Ausgeburt einer neopriestertümlichen Hierarchie. Und ist der Papst nach der Annahme des Dogmas der päpstlichen Unfehlbarkeit etwa kein Oberpriester eines im Grunde neopaganischen Kultes? Und die nicht einfache Beziehung zwischen Christentum und dem Judentum, welcher vom römischen Erstgeistlichen zum „älteren Bruder“ ausgerufen wurde. Und ist dieser „ältere Bruder“ nicht eher der Große Bruder [AdÜ.: Anspielung auf Orwells „1984“]?

Jemand wird sagen: Woher kommt das Heidentum? Das Christentum ist eine monotheistische Religion. Allerdings ist, erstens, „Heidentum“ ein negativer Begriff, welcher von Vertretern der abrahamitischen Religionen auf alles nicht-abrahamitische angewandt wird. Zweitens wird von den Juden und Muslimen die „unbedingte Treue“ der Christen gegenüber dem Monotheismus in Frage gestellt – die Dreifaltigkeit und die Ikonen kommen einem in den Sinn. Es ist also nicht alles so klar mit dem Christentum; und das, was zu seiner Expansion beitrug, kann sich noch als ernstes Problem erweisen. Es scheint übrigens, das im Vatikan dies gut verstanden wurde.

Zurzeit ist das Biblische Projekt kurz vor der Ziellinie, genauso wie das Phänomen der Ideologie; die Weltspitzen suchen dringend nach Ersatz. Und schon heute kann man einiges erraten. Einerseits zersetzen die „Herren des Weltspiels“ böswillig Bildung und Wissenschaft, beides in geheime Strukturen verlegend, dabei danach strebend, die Bevölkerung in ewige Jugendliche zu verwandeln, deren Kultur durch Komfort und ein Gefühl der tiefen physischen Befriedigung ersetzt wird.

Dafür zeige ich nur zwei Beispiele – das amerikanische Kino und Fernsehen. Zu seiner Zeit schrieb der Journalist D. Robinson in der Zeitung „Times“ folgendes:

„Das Jahr 1985 wird als die dunkelste Periode des amerikanischen Kinos eingehen. Eben in diesem Jahr hat Hollywood nach fast siebzigjähriger Herrschaft in der Kinoindustrie jegliche Ansprüche verworfen, dem gesunden Intellekt des erwachsenen Menschen zu dienen.“

Und hier ist, was die Moderatorin der recht primitiven Gesundheitssendung „Gesund leben“ („Жить здорово“) E. Malyschewa erlebte. In der Sendung „Auf die Nacht blickend“ („На ночь глядя“, vom 11.02.2016), begierig über ihre journalistische Ausbildung mit anderen Osteuropäern in den USA Mitte der 1990er erzählend, sagte sie, wie ihnen beigebracht wurde, sich in ihren Fernsehprogrammen zu orientieren:

„Sie müssen Fernsehen auf einer Darstellungsstufe für elfjährige, unterbemittelte Jugendliche machen.“

Ihre Sendung betrachtend, scheint sie dies tatsächlich zu tun. Was für ein Kontrast im Vergleich zu Sendungen über Gesundheitsfragen aus der sowjetischen Zeit, welche, zum Beispiel, von der klugen, intelligenten, bei weitem nicht selbstzufriedenen und erzogenen E. Beljantschikowa gemacht wurden!

Die Umwandlung von erwachsenen Menschen in unterentwickelte Jugendliche, dabei diese nicht mit Intellekt, sondern mit hormonal-instinktiven Programmen lebend, einfach gesagt, die Debilisierung (dafür sorgen alle möglichen Talk-Shows), verfolgt ein einfaches Ziel: eine absolut unselbstständige Persönlichkeit zu erziehen, welche einfach an das globale Kommunikationsnetz als völlig steuerbare „Zelle“ angeschlossen werden kann. Einen kreativen, minimal intellektuellen Menschen kann man nicht in eine „Zelle“ des elektronischen Gehirns, kontrolliert durch Neopriester und Technomagier, verwandeln.

Andererseits werden immer mehr Mittel in die Forschung von NBICS aufgewendet – nano-bio-info-kogno-sozio. Es geht dabei anscheinend um die Installation distanzieller Kontrolle durch die auf schwimmenden Städten oder in unerreichbaren, landbasierten Enklaven lebenden Elite über die Psychosphäre der Bevölkerungsmasse. Etwas sagt mir: Heute werden in Form und hinter der Maske von Fernbildung, die Bildung dabei maximal primitivisierend, den wortwörtlich persönlichen Anfang ausschließend (Lehrerfigur) und das Bildungsobjekt debilisierend, in Wahrheit die Methoden und Formen der distanziellen Psychokontrolle der „Oberen“ über die „Niederen“ herausgearbeitet. Allerdings denke ich, dass dieses Schema durchfallen wird – vor allem in Russland.

Der Kampf gegen die Regressoren benötigt eine wichtige Sache: Man darf sie auf keinen Fall personifizieren, es sind keine Persönlichkeiten, sondern Funktionen, Bioroboter der Matrix, äußerlich zivilisierte und manchmal anmutige „Orks“ [AdÜ.: anthropomorphe Monster aus “Der Herr der Ringe“]. Aber ein Ork ist ein Ork, das heißt, ohne jeden eigenen Willen und getrieben durch einen fremden, bösartigen Willen.

— (6.3) Ist das Christentum nicht eine Religion, welche von Sklavenhaltern für Sklaven geschaffen wurde?
— Schlussendlich, wenn man vereinfacht, geradebiegt und nach seiner sozialen Funktion bewertet, dann ja, – Jesus, das ist klar, ist etwas anderes. Aber selbst Marx – ist das eine und Marxismus – etwas anderes, nicht umsonst sagte Marx, dass er kein Marxist ist. Interessant, was hätte Jesus über die Schöpfer des Christentum-Systems gesagt, nicht zu sprechen über dessen heutigen Zustand. Ich denke, er hätte sich an sein „nicht Frieden, sondern das Schwert…“ [AdÜ.: Matthäus 10, 34] erinnert. Übrigens kann man die „Sklavenhalter“ und „Sklaven“ umbenennen in die „Grundherren“ und „Bauern“, in die „Bourgeoisie“ und „Proletarier“. Die christliche Kirche existierte in drei sozialen Systemen – der antiken-sklavenhalterischen, der feudalen und der kapitalistischen (und sogar im systemischen Antikapitalismus – der UdSSR – ist sie erhalten geblieben, wenn auch in Wahrheit in einer durch die Tschekisten modifizierten Form).

— (6.4) Sind Sie mit der These einverstanden, dass das Predigen fremder (von anderen Völkern stammender) Religionen eine geistliche Versklavung darstellt?
— Natürlich, ich stimme zu. Das ist eine geistige Diversion, wenn ein fremdes Implantat sich interiorisiert und ein System (Ethnos oder Staat) zur Selbstrealisierungsfläche von Fremden wird. Geborgte Götter – das ist wie ein Kredit mit extrem hoher Verzinsung, nur bezahlt man seine Schulden nicht mit Geld, sondern mit einem verzerrten geschichtlichen Schicksal.

— (6.5) In Vorlesungen sagen Sie: „Die Periode der Horde war die begünstigendste für die Russisch-Orthodoxe Kirche.“ Hat nicht die Annahme des Islams durch die Mongolische Horde im 14. Jh. zu einem gegenseitigen Vernichtungskampf geführt?
— Nein, hat sie nicht. Orthodoxe Geistliche haben in Kirchen für den bassurmanischen [AdÜ.: den „fremdländisch muslimischen“] Zaren gebetet, der sie akzeptierte. Sobald die Horde aufhörte zu existieren, nahmen sich die russischen Herrscher sofort der Kirche an. Die ersten Schritte in diese Richtung machte Iwan III.; Iwan IV. („der Schreckliche“) und Alexei I. setzten diese fort, der erste brutal, der zweite sanft in der Form, doch hart im Inhalt.

Und Peter I. („der Große“) führte die Form zur Übereinstimmung mit dem Inhalt: das Patriarchat wurde abgeschafft, stattdessen wurde die Synode etabliert, defacto – das Ministerium für kirchliche Angelegenheiten. Somit sind die Taten der Bolschewiken bezüglich der Kirche, abgesehenen von den Exzessen Lenins und Trotzkis, sowie des Halbtrotzkisten Chruschtschow, vollkommen im Rahmen und innerhalb der Traditionen der russischen Staatsmacht. In Russland war seit den Zeiten des verleumdeten Iwan des Schrecklichen die Kirche immer an der Macht beteiligt, der Souverän war jedoch wichtiger als die kirchlichen Hierarchen, welche, falls nötig, schnell auf ihre Plätze verwiesen wurden.

Deshalb unterstützte auch die Kirche 1917 die Febralisten [AdÜ.: Februar-Revolutionäre], dabei die Befreiung von einer oberen, weltlichen Macht anstrebend. Durchaus kurzsichtig: bald erklärten die Bolschewiken ihnen das. Übrigens, zur selben Zeit, nur viel brutaler (latinoamerikanisches Temperament), erklärten mexikanische Revolutionäre katholischen Geistlichen ihre historische Fehlsichtigkeit. Schrecklich nur, dass in beiden Fällen – dem russischen und mexikanischen – viele unschuldige, einfache Geistliche zu leiden hatten.

— (6.6) Eignet sich das orthodoxe Christentum für uns als staatliche Ideologie?
— Das orthodoxe Christentum eignet sich nicht als Staatsideologie aus mehreren Gründen. Erstens, die Religion und die Ideologie – das sind prinzipiell unterschiedliche Organisationsformen von Ideen; die Ideologie ist im Grunde genommen das Ablehnen von Religion; die Übereinstimmung von Funktionen in diesem Fall ist unwichtig. Zweitens, so sagte W. G. Belinski, ist der russische Mann nicht religiös, sondern abergläubisch.

Übrigens lag bis zur Mitte des 17. Jhs., vor den Reformen durch Alexei I. und Patriarch Nikon, ein starker Abdruck der vedischen Religion auf der russischen Orthodoxie. Bis zu diesem Umschwung gab es nicht die Formel „Ich bin ein Sklave Gottes“, stattdessen sagte man „Knabe Gottes“, also ein Abkömmling Gottes.

Das ist eine typische Formel der vedischen Religion der Slawen, in welcher die Götter die Vorfahren der Menschen sind. Drittens, in Russland wurde unter der Orthodoxie, sowie unter der Monarchie, 1917 eine Linie gezogen – vixerunt (zu Ende gelebt). Interessant, dass sobald nach dem Februar-Staatsstreich es den Soldaten erlaubt wurde, die Gebete nicht zu besuchen, um die 80% damit aufhörten – so viel zum „gotttragenden Volk“. Überhaupt ist unsere Vorstellung vom russischen Menschen durch einige Schriftsteller geformt, welche den russischen Mann praktisch nicht kannten. Das sind vor allem Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski, deren Fantasien (in einem Fall helle, „tägliche“, im anderen – kranke, „nächtliche“) wir als Realität anerkennen.

Lesen sollte man bei diesem Thema eher vor allem N. Leskow, teilweise G. Uspenski und A. Tschechow, auch in geringerem Maße – I. Bunin. Aber das alles nur am Rande. Viertens, Russland ist ein polyreligiöses Land, ich spreche erst gar nicht davon, dass wir eine Menge Atheisten haben (ich bin z.B. Atheist).

Die Tatsache, dass ehemalige kommunistische Vorsitzende mit einer Kerze in der Kirche stehen, ist nur ein Ersatz für ihr Parteibuch. Früher das Parteibuch, heute stattdessen eine kleine Ikone und Kerze. Wie sagte Protopop Awwakum, „noch gestern der Sohn eines Ketzers, und heute ein Kirchenvater.“ Fünftens, die Zeit der Religionen geht auf der ganzen Welt vorbei; die gegenwärtige Explosion des Islamismus ist eine politische Erscheinung, ein Kampf der Nachhut.

„Die Defizität der Ökonomie ist eine Charaktereigenschaft des Sozialismus“

— (7.1) Wieso war im sozialistischen Lager die Unzufriedenheit mit dem Leben und der Regierung eine allgegenwärtige Erscheinung?
— Es gibt mehrere Gründe. Erstens, die Leute schätzten nicht, was sie hatten. Sie sahen Fotografien oder Aufnahmen in westlichen Kinofilmen – gefüllte Theken, 100 Sorten Wurst und Käse, modische Kleidung; sie verglichen das Einkommen. Dabei „vergaßen“ sie, wie viel im Westen zur Zahlung von Steuern abgegeben wird (bis zu 50% des Lohns), sie „vergaßen“ die zahlungspflichtige Medizin und Bildung, die Kreditsklaverei, der extrem kurze Urlaub.

Bei sich „vergaßen“ sie, die Ausgaben zu ihrem Lohn hinzuzufügen, welche das System zur Gewährleistung kostenloser Medizin, Bildung und vielem mehr tragen. Als sie dies nach dem Zerfall zu spüren bekamen, war es zu spät. Wie es im Koran geschrieben steht:

„Lass sie genießen, später erfahren sie es!“

Heute ist klar: für Russland und Osteuropa waren Jahrzehnte des Sozialismus die besten sowohl im Sinne von Wohlstand, und im Sinne der „historischen Subjektivität der Zeit“ [AdÜ.: „исторической субъектности временем “; Sinn erschließt sich mir hier nicht].

Zweitens, der Sozialismus ist deutlich anfälliger für Gesellschaftskritik. Er postuliert die soziale Gerechtigkeit und Gleichheit, und genau diese wurden gestört im Zuge der Entwicklung des Sozialismus und der Verwandlung der Nomenklatur in eine Quasi-Klasse, welche ihre materiellen Bedürfnisse vor allem im Westen befriedigte. Es war ein offensichtlicher Widerspruch zur Realität und den proklamierten Idealen.

Der Kapitalismus hingegen (und die postsowjetische Realität in der Russischen Föderation, Tschechien, Bulgarien usw.), erklärt auf seine Art und Weise, vor allem, nachdem man nach dem Zerfall des Sozialismus vor niemandem mehr Angst haben und sich vor niemandem genieren muss: Ja, wir haben eine Ausbeutergesellschaft, einen Markt, Konkurrenz – der Stärkere überlebt – das ist Freiheit.

Viele Vorwürfe, welche an den Sozialismus gerichtet werden können, können nicht dem Kapitalismus vorgeworfen werden. Was kann man jemandem sagen, welcher postuliert:

„Ja, ich bin so ein Stück Dreck. Das ist normal.“

Was kann man hier sagen? Mit anderen Worten, der bedeutende Teil der Unzufriedenheit in sozialistischen Ländern – das ist die Unzufriedenheit mit den Verletzungen der Prinzipien des Sozialismus und die dümmliche Überzeugung, dass man dies mit der Injektion von Kapitalismus schon richten kann.

Habt ihr es gerichtet? Ist es besser geworden? Um Gogol zu paraphrasieren: „Und nun, Jüngchen, haben dir deine Pindoßen [AdÜ.: „Pindoß“ – früher Ethnophaulismus für „Griechen“, heute „Amerikaner“] geholfen? Ist deine Heimat zum zweiten Pindostan geworden?“

Drittens, fast alle Bewohner des Pax Socialistica waren von der UdSSR, von den Russen genervt – die Starken nerven immer. Sie nerven alle, aus unterschiedlichen Gründen: die Polen – weil wir über sie siegten und weil sie, egal wie sie sich brüsten, keine große Kultur geschaffen haben, und so wie sie ein Hinterhof des Westens waren, auch blieben (und weiterhin bleiben); Russland hingegen hat eine große Kultur geschaffen, und ein Imperium.

Viele sind genervt, weil sie sich Hitler unterworfen haben, die Russen aber taten nicht nur dies nicht, sie brachen auch dem Dritten Reich das Rückgrat. Wir haben den Großen Sieg errungen – wer in Europa kann das von sich behaupten? Russen sind das einzige slawische Volk des imperialen Typs, welches ein erfolgreiches Imperium schuf (die Serben sind auch ein imperiales Volk, aber historisch gesehen hatten sie es aus objektiven Gründen schwer, Erfolg zu erringen).

Dies stellt die Russen fast allen anderen Slawen gegenüber, sowie auch allen nicht-imperialen Völkern, welche sich im russischen Orbit aufhalten, aber nie historische Dankbarkeit gegenüber der Tatsache entwickelten, dass Russen sie immer vor dem Westen beschützt haben [AdÜ.: Ich möchte betonen: Auf Kosten der eigenen Leben.], vor allem vor den Deutschen, vor den teutonischen Wolfsrudeln. Deswegen hatte K. Leontjew in seiner Skepsis bezüglich der „slawischen Brüderschaft“ Recht. Die „imperiale Brüderschaft“ ist da stabiler.

Man muss sich daran erinnern, wenn Mitte des 21. Jahrhunderts Europa unter dem Ansturm von Millionen von Arabern und Negern anfangen wird, zu knirschen und die Leute Richtung Russland stürzen werden, um Schutz zu ersuchen. Wir werden uns „an alles erinnern müssen“ – ohne Schadenfreude, ohne Emotionen, nur mit nüchterner Berechnung.

Es reicht, die Undankbaren retten zu wollen, welche am zweiten Tag nach der nächsten Rettung in unser Rücken spucken und anfangen, Richtung Westen „zu schielen“. Wenn ich höre, wie die Polen rufen: „Wir sind der Westen“, möchte ich ihnen sagen: „Sagt das den Deutschen!“


Quelle und Kommentare hier:
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