Andrej Fursow: Die Welt von morgen (3)

Fortsetzung von Teil 2 – 3. und letzter Teil eines Interviews. Veröffenlicht am 22. Oktober 2016 in der Literatur-Zeitschrift « Наш современник» [AdÜ.: „Unser Zeitgenosse“], №10, übersetzt von Artur, (Quelle)

— (7.2) War das [AdÜ.: die Unzufriedenheit] eine Folge der schlechten Ökonomie?
— Die Wirtschaft ist ein Element des Systems; das System (die innerökonomische Verteilung der Produktionsfaktoren, das Klasseninteresse) bestimmt das Element, und nicht umgekehrt. Zudem war die Wirtschaft der UdSSR und des sozialistischen Lagers im Ganzen nicht schlecht oder schwach. Lassen Sie uns auf die Zahlen schauen.

Vor 1985, d.h. vor der Perestroika, war die UdSSR auf dem weltweit zweiten und in Europa auf dem ersten Platz der Produktion von Industrieprodukten. Im Jahr 1975 entsprach das spezifische Gewicht der UdSSR bei der globalen Industrieproduktion 20% (zum Vergleich: 1999 die USA – 20,4%, die Europäische Union – 19,8%); das sowjetische BIP entprach 10% des weltweiten. Im selben 1975 betrug das Staatseinkommen der UdSSR 60-65% des Staatseinkommens der USA. Die israelische Aufklärung gab noch größere Zahlen an; gemäß den Berechnungen israelischer Analytiker entsprach der Lebensstandard der UdSSR, inklusive zahlungspflichtiger und kostenloser Dienste, und sogenannter unschätzbarer, humanitärer Faktoren (Kriminalitätsrate, soziale Absicherung), 70-75% des amerikanischen und besaß die Tendenz zur Annäherung an diesen.

Von 1970 bis 1975 wuchs der Anteil der Wirtschaftszweige, welche größtenteils die Effektivität der Volkswirtschaft anzeigen (Maschinenbau, Elektroenergetik, Chemie- und petrochemische Industrie), von 31% auf 36%; danach begann ein Abstieg, doch das erreichte Niveau von 1975 war hoch. Im angegebenen Zeitrahmen vergrößerte sich die Produktionsabfertigung im Maschinenbau um den Faktor 1,8, bei der Rechentechnik um den Faktor 4 (am Beginn der 1960er-1970er Jahre wurden viele äußerst wichtige Entwicklungen in dieser Sphäre eingestellt; nicht alle, aber der Abstand zu den USA bei der Computertechnik wuchs stetig); die Produktion von Geräten, Automatisierungsmittel und ihre Ersatzteile – um den Faktor 1,9. 1975 beinhaltete der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RWG), bei einem Bevölkerungsanteil von 9,4% des globalen, mehr als 30% der weltweiten Industrieproduktion und mehr als 25% des weltweiten Einkommens; die UdSSR produzierte 60% der Industrieprodukte des RWG.

Von 1951 bis 1975 vergrößerte sich der Anteil der sozialistischen Länder in der globalen Industrieproduktion um den Faktor 1,5 (von 20% auf 30%), als der Anteil der kapitalistischen Länder schrumpfte von 80% auf 50% (und der der USA – von 50% auf 22-25%).

Dem sollten die Erfolge der sowjetischen Landwirtschaft von 1985-1990 und vor allem 1991 hinzugefügt werden: das Wachstum betrug 9,8%, im Vergleich zu 5,8% des vorherigen Fünfjahresabschnitts. Die UdSSR stellte die niedrigsten Preise auf Lebensmittel in Europa. Der Verbrauch von Nahrungsmitteln pro Seele in der Bevölkerung erreichte 1990-1991 das Maximum in unserer Geschichte des 20 Jhs.: Brot – 119 kg, Fleisch – 75 kg, Fisch – 20 kg, Milch und Milchprodukte – 386 Liter, Eier – 97 Stück. Die Jahre 1990 und 1991 weisen einen außergewöhnlich hohen Ernteertrag und Zuwachs der Kopfzahl von Nutztieren auf. Die Regale in den Einkaufsläden waren dabei leer – das Defizit wurde bewusst geschaffen, um die Stadtbevölkerung gegen den Sozialismus aufzuwiegeln und Unruhen zu provozieren. Bei den Kolchosen wurde bewusst deren Produktion nicht eingekauft, stattdessen wurden Landwirtschaftsprodukte von kanadischen Farmern importiert – 5-6 mal so teuer. Auf diese Weise wurden auch die Kolchosen zugrunde gerichtet. All dies wurde auch getan, um die Bevölkerung durch drohende Hungerkrisen einzuschüchtern, um einen Zuwachs von Preisen zu legitimieren. Das zuletzt genannte, dabei nichts anderes als die Expropriation von Geld der Bevölkerung, sollte das Volk jeglicher finanziellen Möglichkeiten berauben, an der Privatisierung teilzunehmen, welche für die eigenen Leute geplant wurde. Die Einschüchterung der Bevölkerung durch die Regierung und die offiziellen Medien im Herbst 1991 war, so gesehen, die wichtigste Vorbereitungsaktion der Privatisierung.

In Wahrheit gab es keine drohenden Hungerkrise, das war eine Lüge, im Laufe [der Jahre] entlarvt durch Spezialisten, die Richtigkeit ihrer Entdeckung später bestätigt durch das sowjetische Zentrale Statistische Direktorat. J. T. Gaidar bestand darauf, dass der halbjährliche Bedarf des Landes an Brot angeblich 25 Millionen Tonnen beträgt, aber am Ende des Jahres 1991 im Land nur 10 Millionen Tonnen zur Verfügung stehen würden bei einem monatlichen Verbrauch von 5 Millionen Tonnen. Daraus wurde abgeleitet: in zwei Monaten – Hunger und die Gefahr eines Bürgerkrieges. Eben dadurch hält sich der verlogene, liberale Mythos über „Gaidar – dem Retter des Landes“. Die Realität war eine ganz andere. Gaidar zählte beim Verbrauch absichtlich Brot- mit der Getreidemenge zusammen, d.h. der monatliche Verbrauch betrug in Wahrheit 2 Millionen Tonnen; dabei müssen noch 2 Millionen Tonnen verfügbares Getreide aus der Staatsreserve und 3,5 Millionen Tonnen Import-Getreide einbezogen werden, welche im Dezember 1991 – Januar 1992 eintreffen sollten. Das Getreide hätte bis zur nächsten Ernte im Juli – Anfang August 1992 locker ausgereicht. Aber die größte Lüge Gaidars war nicht die des monatlichen 5-Millionen-Tonnen-Verbrauchs an Brot durch das Land, sondern dass die 25 Millionen Tonnen den halbjährlichen Verbrauch darstellen und nicht richtigerweise den alljährlichen, was der statistische Bericht für 1992 auch bestätigte. Im Herbst 1991 gelang es der Jelzin-Gruppe jedoch, ihre Lügen in alle Medien durchzudrücken.

— (7.3) Ist ein System möglich, welches dem sozialistischen ähnelt, aber eine gute Ökonomie besitzt?
— Ich habe bereits gesagt, dass die sozialistische Wirtschaft nicht schwach war; im Gegenteil, sie war erfolgreich, vor allem im Vergleich zu der kapitalistischen, so paradox sich das auch anhört. Man stellt sich bei uns leider die Wirtschaftsrealität der USA in den Jahren 1970-1980 nur schlecht vor. Wir haben jetzt keinen Sozialismus – haben wir eine gute Wirtschaft? Im Großteil der kapitalistischen Welt ist die Wirtschaft schlecht und das Leben hart. Das haben sogar solche Apologeten des Westernismus-Kapitalismus zugegeben, wie G. Jawlinski und J. Gaidar. Sie beschrieben „den erbärmlichen Zustand“ und die „stagnierende Armut“ in der Mehrheit der kapitalistischen Länder. Zugegeben, ihr Erfolgsrezept war komisch: die Aufgabe eines Teils der Souveränität auf dem Weg zur euroatlantischen Integration, sonst droht Peripheralität und Armut. Schwer zu sagen, was hier vorherrscht – offensichtliche Lüge oder unüberwindbare Dummheit. Denn genau die Abgabe der Souveränität an den Westen, welche zum Diktat durch das transnationale Kapital führt, ist doch der Grund für die Armut und die Peripheralität des Großteils der kapitalistischen Länder. Die Welt des Kapitals ist eine Welt der Armut, übrigens einer wachsenden: 2009 besaß 1% der Weltbevölkerung 44% des globalen Reichtums; 2014 – 48%; 2016 – 50%. Im Jahr 2015 lebten unter der Armutsgrenze (mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag) auf der Welt 830 Millionen Menschen (14% der Weltbevölkerung); weitere 40% leben mit 2 Dollar pro Tag. „Eine gute Wirtschaft“ existiert in dem Teil der kapitalistischen Welt, welcher die Schwachen (Kolonien, Halbkolonien) ausraubt und Dollarpapier druckt. Ja, man wundert sich ein weiteres mal, was für Menschen mit was für einem intellektuellem Niveau durch die Perestroika und Postperestroika nach oben gespült wurden. Übrigens, möglich, dass genau solche für die Realisation eines halbkolonialen Schemas auserwählt wurden.

— (7.4) Sind Defizite und Warteschlangen unmittelbare Begleiter des Sozialismus?
— Leider ist die Defizität der Ökonomie eine Charaktereigenschaft des Sozialismus in der Form, in welcher dieser real in der Geschichte existierte. Sie hat mehrere wirtschaftliche und politische Gründe. Diese sind, erstens, die Notwendigkeit einer beschleunigten Entwicklung des militärisch-industriellen Komplexes und die Stützung der militärisch-strategischen Parität mit dem Westen bei geringerem BIP, als beim kollektiven Westen. Dabei muss man im Kopf behalten, dass im Soz-Lager der Großteil der militärischen Belastung auf den Schultern der UdSSR lag, während in der NATO die Ausgaben gleichmäßiger verteilt wurden. Zum Beispiel betrugen 1975 die militärischen Ausgaben des Warschauer Paktes 110,3 Milliarden Dollar, davon trug die UdSSR 99,8 Milliarden bei; NATO – 184,9 Milliarden Dollar, davon trug die USA – 101,2 Milliarden bei. Dementsprechend im Jahr 1980: 119,5 und 107,3 Milliarden, und 193,9 und 111,2 Milliarden. Selbstverständlich, dass Länder, wie die industriell entwickelte DDR und die Tschechoslowakei, mit weit geringeren Defiziten zu kämpfen hatten. Was Polen, Rumänien, Ungarn und Bulgarien angeht, so waren das ursprünglich sehr arme Länder. Jetzt gibt es in den genannten Ländern keine Defizite mehr, die Menschen leben aber viel schlechter.

In der UdSSR des Jahres 1990, am Vorabend des Systemzusammensturzes, als man uns versuchte zu überzeugen, wie schlecht es um alles steht, und uns mit einer nahenden Hungerkrise Angst machte, betrug der Verbrauch von Fleisch und Fleischprodukten 78 kg pro Seele in der Bevölkerung (Import – 13%); 15 Jahre später – 57 kg (Import – 35%). Somit sollte man nicht alles mit Defiziten als isolierte Indikatoren messen.

Zweitens besaß das Defizit, natürlich, wirtschaftliche Gründe, verbunden mit der Besonderheit des Sozialismus als System: das unflexible, administrative System; die fehlende Verbesserung sozialistischer Methoden der Planung. So beendete die Planwirtschaft 1972-1973 ihre Existenz in der UdSSR und wurde durch eine Kompromisswirtschaft ersetzt, welche mit kapitalistischen Methoden „behandelt“ wurde. Zu Ende behandelt.

Drittens, das Defizit, nur schlecht vereinbar mit dem ökonomischen Leben des Systems, wurde in der UdSSR 1989-1990 künstlich mittels der Realisierung eines Gesetzes für Staatsunternehmen geschaffen (angenommen am 30. Juni 1987; trat für alle Unternehmen am 1. Januar 1989 in Kraft). Gemäß diesem für die Wirtschaft der UdSSR tödlichen Gesetz bekam eine große Menge an Unternehmen das Recht auf unmittelbaren Austritt auf die globalen Märkte, d.h. das Monopol des Inlandhandels wurde defacto liquidiert. Die Waren dieser Firmen wurden auf dem Weltmarkt für US-Dollar realisiert; danach wurden innerhalb des Landes die Dollar zu Rubel umgetauscht, womit eine gigantische Rubel-Masse entstand, die durch keine Waren gedeckt war. In der UdSSR wurde seit den Zeiten der Kreditreformen 1930-1932 das Gleichgewicht zwischen Waren- und Geldmenge, zwischen Waren- und Fiatgeld, strengstens eingehalten. Das Wirken des Gesetzes für Staatsunternehmen zerstörte schon 1989 dieses System, und die Bevölkerung begann, alles von den Regalen zu greifen, was in den Läden übrig war. 1990-1991 riefen die genannten, eifrigen „Demokraten“ offen zur Schaffung eines Defizits auf, um die Massen gegen das System, gegen den Sozialismus aufzubringen, wobei die „Marktwirtschaft“, also der Kapitalismus, als Mittel zur Rettung ausgegeben wurde.

Überhaupt muss man sagen, dass wir bis heute mit Mythen leben – über uns selbst, über die Sowjetunion, über das vorrevolutionäre Russland, über unsere historischen Persönlichkeiten. Nach 1991 wurde plötzlich begonnen, auf unser Schild komplette Versager hochzuhieven, aus ihnen Figuren historischen Maßstabs zu machen – Alexander II., welcher das Fundament für die Revolution 1905 und 1917 legte, P. A. Stolypin, Nikolai II.. All das wird auf die heutige Wirklichkeit projeziert und bewirkt, basierend auf schlechtem historischen Wissen, viele negative, praktische Resultate. Ein Beispiel: der geschaffene Stolypin-Klub (welcher, übrigens, mit der Erarbeitung des Wirtschaftsentwicklungsprogramms der Russischen Föderation beauftragt wurde). Ein Klub im Namen Stolypins. Die Gründer gehen anscheinend davon aus, das dieser ein erfolgreicher Staatsmann war, welcher Probleme bewältigte, welche vor dem Land standen. Und ja, da kommen einem die Worte Stolypins über ein „erhabenes Russland“ in den Sinn, und ähnliches. Wenn die „Stolypin-Klubler“ allerdings die Geschichte besser kennen würden, so würden sie wahrscheinlich anfangen zu zweifeln: so wie man seine Jacht benennt, so wird sie auch schwimmen. Eine Sache ist „Pobéda“ [AdÜ.: „Sieg“ auf Russisch], die andere – „…bedá“ [AdÜ.: „Unheil“ auf Russisch]. Anscheinend imponiert den Mitgliedern, dass Stolypin eine massive Privatisierung des Grundes (zudem eine erzwungene) durchführen und die kollektiven Haushalte zerstören wollte. Das entspricht vollkommen dem Geist der Jelziner, den Entwürfen Gaidars-Tschubais und ihrer transozeanischen Betreuer. Nur sind die Resultate der Stolypin’schen Reformen – ein Reinfall. Die Reform hat den Fall aller Indikatoren bezogen auf eine Seele der Bevölkerung nicht aufgehalten; im Gegenteil, sie hat sie beschleunigt, und die Verarmung der Bauern, des Kerns des Landes, nahm katastrophale Ausmaße an. Die erste landwirtschaftliche Konferenz in Kiew 1913 notierte: dem Großteil der Bauern gab die Reform nichts – sie ist durchgefallen. Die provisorische Regierung erklärte 1917 die Stolypin’sche Reform für fehlgeschlagen. Bezeichnend, dass 1920 im Laufe des Bürgerkriegs die Bauern sich 99% des Grundes in den Kollektivbesitz zurückholten – die Antwort der Bauern an Stolypin.

Stolypin ist ein typischer Reformer-Versager, seine Tätigkeit ist nicht Sieg, sondern Unheil, unter anderem auch für das System, dessen Interessen Stolypin verteidigte und dessen Existenz er versuchte zu verlängern.

Noch beklagenwerter waren die politischen Resultate der Reformen. Mit dem Versuch, die Obschtschina [AdÜ.: die russische, traditionelle, kollektivistische Dorfgemeinschaft] zu zerstören, verwandelte Stolypin die massivste Bevölkerungsschicht der naiven Monarchisten-Konservativen, welche die Bauern darstellten, in agrarische Revolutionäre. Und an das, was aus Russland geworden wäre, wenn Stolypin sich nicht als Unglücksreformator erwiesen hätte, möchte man gar nicht denken. In diesem Fall wäre die Revolution in Russland schon ungefähr 1912 oder 1913 erfolgt, da 20-30 Millionen ohne Land verbleibende Bauern in die Städte gespült worden wären, und in den Städten keinerlei Arbeit gefunden hätten. Hier hätte es so richtig geknallt, viel brutaler, als später dann 1917. Stolypin hat – gegen seinen Willen – die Revolution beschleunigt, aber er hätte sie noch viel mehr bechleunigen können.

Es entsteht der Gedanke: vielleicht wissen die „Stolypin-Klubler“ das alles und sympathisieren im Geheimen mit der Revolution? Besitzen vielleicht irgendwelche Ideen in diese Richtung? Höchstwahrscheinlich nicht. In diesem Fall aber schnell ein Geschichtsbuch in die Hand.

Das ist nur ein Beispiel dessen, zu welchen Kasus schlechtes Wissen eigener Geschichte führen kann; und solche Beispiele gibt es viele.

„Das Herrchen kann nicht neben dem Herren sitzen“

— (8) Geoklimatische Katastrophen
– (8.1) Sind das Zufälle oder eine Reaktion eines intelligenten Planeten (oder sogar Kosmos) auf ihre Zerstörung durch den Menschen?
— Geoklimatische Katastrophen geschahen auch vor dem Erscheinen des Menschen. Sogar heute noch ist der Maßstab der Tätigkeit des Menschen so gering, dass es an eine globale geoklimatische Katastrophe nicht heranreicht. Hören wir nicht auf gewissenlose Ökologen. Die Natur muss man allerdings beschützen, unter anderem auch vor dem Menschen. Was den Terminus „intelligent“ angeht, unwahrscheinlich, das dieser auf den Planeten anwendbar ist. Ich würde vorschlagen: es ist eine organisierte Ganzheit, orientiert auf eine Unterstützung des Gleichgewichts, also der Selbsterhaltung, und der Beseitigung beliebiger Elemente, welche das Ganze bedrohen. Von außen wirkt das wie intelligentes Handeln, aber es ist etwas anderes – nicht schlechter und nicht besser – etwas anderes.

— (8.2) Die Ernsthaftigkeit der Beziehung der westlichen Elite zu diesem Thema – ist das ein Anzeichen, dass sie mehr als wir wissen, wie die Natur funktioniert?
— Erstens wissen sie mehr, die westliche Elite ist älter als unsere. Zweitens, sie sind besser organisiert, sie sind in ihrer geschichtlichen Vergangenheit gut verwurzelt. Unsere „Eliten“ – vorpeterliche [AdÜ.: Peter I., „der Große“], peterburgische, sowjetische – existierten nur für eine verhältnismäßig kurze Zeitspanne, zu kurz, um eine richtige Elite zu werden. Zudem waren unsere staatlichen Gruppen niemals selbstständig, dabei nur ein funktionales Organ der Macht darstellend; Elitarität hingegen ist immer Subjektivität.

Das Erforschen der Möglichkeit einer geoklimatischen Katastrophe läuft im Westen hinter verschlossenen Türen die letzten 50-60 Jahre. Nach meinen Informationen entstand bei westlichen Forschern Mitte der 1980er Jahre die Überzeugung, dass in der westlichen Hemisphäre Ende der 1990er Jahre eine Katastrophe ansteht und dass die einzige stabile Zone das Territorium der UdSSR sein wird. Anfang der 1990er legte sich die Unruhe, die Fristen wurden verschoben, aber die eigentliche Bedrohung einer geoklimatischen Katastrophe ist nirgendwohin verschwunden.

— (8.3) Sind Sie der Meinung, dass es möglich ist, dass unser Planet selbst Entwicklungssackgassen auslöscht, so wie die Dinosaurier oder perspektivlose Zivilisationen („Hammer Luzifers“)?
— Durchaus möglich. Unser Planet ist ein ganzheitliches System.

— (9.) Sind Sie damit einverstanden, dass die moderne Gesellschaft einem krebskranken Organismus ähnelt, welcher zudem auch sein Schmerzempfinden eingebüßt hat?
— Ich bin einverstanden, aber Schmerzempfinden ist vorhanden, es äußert sich auf eine hässliche Art und Weise – in Spasmen, zum Beispiel. Dieser Schmerz verzerrt, sogar Unwesen und Soziopathen. Und was ihre Metapher angeht, so scheint mir, dass ein gigantisches Geschwulst existiert, an dessen Rand sich das befindet, was von der gesunden Gesellschaft geblieben ist. Hier erinnert man sich zwangläufig an „Ockhams Rassiermesser“.

— (9.1) Empfindet die Obrigkeit Unbehagen, wenn die Gemeinen in Schwierigkeiten geraten?
— Die Obrigkeit ist, so die Regel, überhaupt unempfindlich in Bezug zu der Allgemeinheit, besonders die Oberen, welche gestern noch aus dem Dreck kletterten, welche ihrer Natur nach – Antiaristokraten, Schund sind. Es reicht aus, sich an die kürzliche Geschichte zu erinnern, als eine weitere Gruppe „Müllhalden-Aristokraten“ forderte, ihre „Sternchen“ von den „Gewöhnlichen“ aus den Wohnvierteln Moskaus abzugrenzen. Die Menschen verstehen nicht, dass sie mit ihrem Sozialrassismus selbst Klassenhass entfachen, welcher dann bei ihnen selbst oder ihren Kindern zuschlägt. Sie sollten John Donne lesen: „Frage nicht, nach wem die Glocke läutet: sie läutet nach dir.“

— (9.2) Hat die Gemeinheit die Manövrierfähigkeit, um aus ihrem schweren Zustand zu entkommen?
— Der soziale Triumph der Gemeinheit ist eine Seltenheit in der Geschichte. Die UdSSR war im Laufe mehrerer Jahrzehnte ein Triumph des gemeinen Volkes, allerdings begann Mitte der 1950er Jahre der Volkssozialismus der Stalin-Epoche sich in einen „Nomenklatursozialismus“ der Tischvorsitzenden zu verwandeln, bei welchen schon Ende der 1960er der Wunsch aufkam, sich in das globale Kapitalismussystem zu integrieren; dass sie die Herren des globalen Sozialismussystems waren, inspirierte sie nicht.

Das weltweite Kap-System wurde bei vielen dieser Menschen genauso assoziiert, wie bei ihren Postperestroika-Nachfolgern, nämlich mit einem süßen und schönen Leben, nicht selten – in ihrer eher vulgären Form. Das erinnert mich sehr an die Träume des Banditen John Colorado aus dem Film „MacKeena’s Gold“, welcher behutsam eine verblichene Zeitung „Pariser Leben“ aufbewahrte, in welcher cancanierende Schönheiten, wohlhabende Nobishäuser und ihre Stammkundschaft abgebildet sind. Das „Pariser Leben“ ist eine Dominante seines Verhaltens.

Diejenigen, welche das alternative zum Kapitalismus Soz-System hergaben, sind beleidigt, dass ihnen keine Plätze im Zentrum des Kap-Systems reserviert wurden. Ihr Kranken, früher wart ihr die Herren eines Großen Systems; durch euer Einverständnis zum „Einschreiben in die Bourgeoisie“, also das Einbinden in ein anderes Großes System in der Qualität eines Elementes in diesem, habt ihr euch zu einer Position von Herrchen eines kleinen Systemchens, das Große in dieses verwandelnd, einverstanden erklärt. Das Ganze bestimmt das Element, und nicht anders herum. Der Herrchen kann nicht neben dem Herren sitzen, für welchen er bloß ein Kontorist ist. Es waren die Herren des Westens, die nicht auf Höhe mit den Herren des Großen Systems UdSSR waren, aber jetzt – excuzes nous (entschuldigt uns). Es geschah wie bei Timur Kibirow: „Wir selber haben den Vorraum zugespeit. / Und nun treibt man uns, man treibt uns aus“. Selbst mit dem dem Irrsinn verfallenden Breschnew hätte es niemand gewagt, so zu reden, wie mit dem späteren Gorbatschow oder Jelzin.

— (10.) Der moderne Kapitalismus ist eine Mühle zum Zermahlen von Ressourcen und ihrem Ablassen auf die Müllhalde. Viele dieser Ressourcen sind unersetzlich.
— Der heutige Kapitalismus ist gerade diese Müllhalde. Eins seiner Symbole ist eine Installation mit Fäkalien, abgerissenen Jeans und durchsichtiger Frauenunterwäsche.

„Rasende Finanzen sind ein Anzeichen einer tödlichen Erkrankung des Kapitalismus“

— (10.1) Ist eine krisenlose Planwirtschaft möglich, die sich an der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse orientiert?
— Unwahrscheinlich. Ungleichgewicht und Nichtlinearität sind eine immanente Eigenschaft der lebenden Natur; „ewige Ruhe wird das Herz wohl kaum erfreuen, ewige Ruhe ist für ergraute Pyramiden“. Und wenn wir über das kommende Jahrhundert sprechen, so wird es überhaupt ein globales Zeitalter der Aufruhr sein; Instabilität und Krisen sind seine Norm.

— (10.2) Ist eine ressourcenorientierte Ökonomie möglich, in der die Finanzen einen ihnen aufgetragenen, unterwürfigen Platz einnehmen?
— Natürlich, das ist möglich. Rasende Finanzen sind ein Anzeichen einer tödlichen Erkrankung des Kapitalismus, sein „Todeskuss“. Nicht in einem sozialen System, außer dem Kapitalismus, zudem in seiner späten, lethalen Phase, sahen wir solch eine allumfassende Macht – nicht von Geld, sondern etwas Sonderbarem, da Geld im Grunde abgestorben ist. Wenn du eine beliebige Anzahl von durch nichts gestützte Scheinchen drucken kannst, so heißt das, dass nicht eine von fünf Basisfunktionen des Geldes bei diesen Papierchen vorliegt. Es ist eher etwas wie eine Feuerstelle, aufgemalt auf einer Leinwand.

— (11) Jede beliebige Wissenschaft ist so viel wert, wie die auf ihr basierenden Vorhersagen. Welche Vorhersagen kann die Geschichtswissenschaft heute anbieten?
— Die Geschichtswissenschaft kann nichts anbieten. Anbieten können Menschen, bzw. Historiker, und diese, so ist die Regel, beschäftigen sich mit der Vergangenheit, beschreiben zudem häufig ihre winzigen Einzelstücke. Wissenschaftliche Geschichte – die Historiologie – muss erst noch geschaffen werden.

Die Prognose für die nahe Zukunft ist einfach: der Kapitalismus wird sterben, er wird es kaum bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts und ganz sicher nicht bis zum Anfang des 22. Jahrhunderts schaffen. Sterben wird er hässlich und blutig. Ein bedeutender Teil des Planeten wird sich barbarisieren. Weiße Menschen wird es auf ihr deutlich weniger geben, und sie werden um ihr Leben kämpfen müssen, um in der Geschichte zu verbleiben; aber – selbst schuld, das wir so eine Situation zugelassen haben. Schon jetzt muss man die Kinder, vor allem Jungen (aus ihnen erwachsen dann Männer), für ein Leben in Bedingungen wie zu Kriegszeiten erziehen: „Willst du Frieden – bereite dich auf Krieg vor.“ Und erziehen muss man sie nicht am Beispiel von Päderasten und Prostituierten, sondern an heroischen Beispielen. Beachten Sie: von den Bildschirmen ist der [AdÜ.: echte, lebensnahe] Heroismus verschwunden, in Schulräumen sind die Porträts von Entdeckern und Helden nicht mehr zu sehen.

Ideologie und Religion werden in der Vergangenheit verbleiben, ihren Platz wird, höchstwahrscheinlich, die Magie einnehmen, eng verbunden mit Hochtechnologien, vor allem kognitiven. Das Niveau der gesellschaftlichen Kultur wird im Ganzen fallen. Familienbibliotheken werden als Luxus angesehen werden, aber der willensstarke Intellekt und Wissen werden in der futuro-archaischen Welt recht hoch angesehen sein. Ein Ratschlag an Eltern: beschäftigen sie sich ernsthaft mit der Bildung ihrer Kinder, erlauben sie dem vereinheitlichten Schulsystem nicht, sie in kosmopolitische Debile zu verwandeln.

Wenn keine Katastrophe geschieht, so wird an der Wende 21.-22. Jahrhundert die Situation sich stabilisieren und ein neues soziales System entstehen, welches sich recht stark von dem unterscheiden wird, was der große Schriftsteller Iwan Jefremow in „Andromedanebel“ [AdÜ.: bzw. „Das Mädchen aus dem All“] und die frühen Strugatzki-Brüder im Buch „Die Rückkehr. Mittag, 22. Jahrhundert“ beschrieben haben. Wie genau das System sein wird, hängt davon ab, wer wie im 21. Jh. im Kampf um die Zukunft siegen wird. Schlussfolgerung: Man muss Gewinner großziehen. Übrigens kann eine geoklimatische Katastrophe [AdÜ.: z.B. Ausbruch des Yellowstone-Vulkans] oder, zum Beispiel, ein gigantischer Asteroid, wie vor 65-70 Tausend Jahren, als von der Menschheit lediglich wenige Tausend, wenn nicht Hundert, verblieben und sich durch den „Flaschenhals“ der Geschichte zwängten, alles verändern. Wir – sind ihre Nachkommen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass (wortwörtlich) die Enkel unserer Enkel eine Katastrophe dieser Art überleben werden müssen. Das heißt nicht, dass man ein Pessimist sein sollte, im Gegenteil. Wie der große Marxist des 20. Jhs., Antonio Gramsci, lehrte: „der Pessimismus der Vernunft, aber der Optimismus des Willens“. Oder wie der Held aus der Erzählung „Der letzte Zoll“ von J. Aldridge sagt: „Der Mensch kann alles, wenn er nur nicht seinen Nabel überreizt.“ Um etwas zu schaffen, braucht man Kraft; um nicht den Bauchnabel zu überreizen – Grips. Zusammen mit dem Verständnis für die Tendenz der Weltentwicklung, bildet das eine mächtige Triade, unabdinglich für den Großen Sieg.

Vorwärts, zum Großen Sieg!

 


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