Berliner Zeitung: Forscher der polnischen KZ-Gedenkstätte revidiert Zahl der Opfer nach unten 78 000 Tote in Majdanek

Von Reinhard Markner

Eine polnisch-sowjetische Untersuchungskommission bezifferte 1944 die Todesopfer des KZ Majdanek auf etwa 1,5 Millionen. Die historische Forschung hat diese Zahl seither in mehreren Schritten nach unten korrigiert.

„Schätzungsweise kamen in Majdanek über 230 000 Menschen um, davon ca. 100 000 Juden“,

heißt es heute in offiziellen Texten der Gedenkstätte am Stadtrand von Lublin. Tomasz Kranz, der Leiter ihrer wissenschaftlichen Abteilung, hat nun völlig neue Berechnungen vorgelegt, die in der Zeitschrift „Zeszyty Majdanka“ (Majdaneker Hefte), Band 23 erschienen sind.

Er kommt auf eine Gesamtzahl von 78 000 Toten. Die Differenz erklärt sich vor allem daraus, dass Kranz die Zahl der nichtjüdischen Opfer weit geringer ansetzt als bisher üblich. Die der jüdischen Opfer schätzt er – wie er bereits in einer vorangegangenen Arbeit darlegte – auf 59 000.

Das seit Oktober 1941 aufgebaute, offiziell als KL Lublin bezeichnete Lager war nach Auschwitz das zweitgrößte unter Himmlers Kontrolle. Bis zu 25 000 Insassen verteilten sich auf fünf Felder mit je 22 Baracken. Das 270 Hektar große Gelände hätte noch weit mehr Gefangene aufnehmen sollen, die Erweiterungspläne kamen aber nicht zur Ausführung. Erst zwei Jahre nach seiner Errichtung wurde das Lager an die Kanalisation angeschlossen. Wenig später fielen einem zynisch „Erntefest“ genannten Massaker an nur einem Tag etwa 18 000 jüdische Häftlinge zum Opfer.

Bevor das Lager im Südosten Lublins im Juli 1944 von sowjetischen Truppen eingenommen werden konnte, wurde es von der SS geräumt und teilweise zerstört. Weil man dabei inkriminierende Dokumente verbrannte – einige verkohlte Fragmente konnten später ausgegraben werden -, ist die Quellenlage schwierig. Das Archiv des Museums Majdanek verfügt heute über etwa 18 laufende Meter Akten, zum größeren Teil Originaldokumente.

Er stütze sich auf eine „relativ breite Quellenbasis“, meint denn auch Tomasz Kranz. Sein Ansatz beruht darauf, die Sterblichkeit für jüdische und nichtjüdische Opfergruppen so weit als möglich getrennt zu schätzen. Was die in Majdanek ermordeten Juden angeht, so bot einen wichtigen Anhaltspunkt ein von der britischen Abwehr aufgefangener Funkspruch aus Lublin vom 11. Januar 1943, den der englische Unternehmensberater Stephen Tyas vor wenigen Jahren im Londoner Public Record Office entdeckte.

Es handelt sich offenbar um eine Vollzugsmeldung der SS mit einer vorläufigen Bilanz der „Aktion Reinhard“; so hieß die im März 1942 begonnene Kampagne zur Ermordung der im restpolnischen „Generalgouvernement“ verbliebenen Juden. Ihr fielen demnach in Majdanek 24 733 Menschen zum Opfer.

Kranz setzt solche Zahlen in Beziehung zu den – lückenhaft überlieferten – Totenbüchern und anderen Dokumenten, darunter tägliche „Stärkemeldungen“ für die Zeit vom Januar 1942 bis Januar 1943, die ebenfalls noch nicht lange bekannt sind. Schätzungen zur Belegung des KZ Majdanek wurden bisher durch die dort gepflogene Praxis erschwert, anders als etwa in Auschwitz Häftlingsnummern mehrmals zu vergeben. Bei seiner Rekonstruierung des Verfahrens zur Registrierung der Todesfälle stützt sich Kranz auch auf Vernehmungsprotokolle des Düsseldorfer Majdanek-Prozesses (1975-81).

Seine Kollegen, berichtet Kranz, hätten an der ihnen vorgelegten Fassung seines Aufsatzes nichts Grundsätzliches beanstandet. Die internationale Forschung, so hofft er, wird die Ergebnisse gleichfalls akzeptieren – noch ist sein Aufsatz nur in polnischer Sprache zugänglich. Die Berechnungen von Kranz seien sehr gründlich, sagte der Vorsitzende des Rates des Museums Majdanek, Zygmunt Mankowski, der Zeitung „Gazeta Wyborcza“. Angesichts der Wissenslücken sei jedoch nicht auszuschließen, dass künftige Dokumentenfunde diese Schätzungen verändern könnten.


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