Daniel Ghita, der sanfte und wilde Samurai

von Manuel Ochsenreiter

Der rumänische Kickbox-Weltstar Daniel Ghita hat nicht nur flinke Fäuste – er macht sich auch Gedanken darüber, wie es mit seinem Land und Europa weitergeht. ZUERST! hat sich mit dem ungewöhnlichen Sportsmann in Bukarest getroffen.

Ja, es gibt Klischees, die sich immer halten werden. Beispielsweise, Kampfsportler seien grobe Typen, die viel Bizeps und wenig Hirn haben, Muskelberge ohne Grips. Und ja, manchmal wirkt es tatsächlich so. Nur Gott allein weiß, wie die ukrainischen Klitschko-Brüder ihre Doktor-Titel erkämpft haben. Als Bürgermeister von Kiew macht Vitali Klitschko nicht gerade den Eindruck eines Raketenwissenschaftlers. Freunde und Gegner des Ukrainers sind sich einig: Im Ring macht er eine bessere Figur als im Kiewer Rathaus. Aber dazu braucht es nicht gerade viel.

Auch Daniel Ghita treibt es in Richtung Politik. Der rumänische Kickboxer ist eine Berühmtheit – nicht nur in seinem Heimatland Rumänien. Treffpunkt Bukarester Altstadt, zwischen den unzähligen liebevoll hergerichteten Kneipen, Restaurants und Geschäften ragt ein Kopf über die Touristenmassen und nähert sich langsam, freundlich lächelnd. 111 Kilogramm „Superschwergewicht“ kommen den ZUERST!-Redakteuren aus Deutschland entgegen.

Eine riesige Hand holt aus – zum freundlichen Händeschütteln. „Welcome to Bucharest!“ strahlt der 1981 in Bukarest geborene Profikampfsportler den deutschen Gästen entgegen.

Und schon sind sie da, die Klischees: Mit solchen Händen spielt man weder Harfe noch Klavier, solche Hände verteilen Kopfnüsse. Aber Ghita sieht gar nicht so aus, als wolle er Kopfnüsse verteilen. Statt dessen lädt er ein, mit ihm eine kleine Tour durch die Altstadt Bukarests zu machen, seiner Heimatstadt, wie er nicht ohne Stolz sagt.

Ghita ist in Rumänien bereits jetzt eine Legende. Für die Kinder ist er ein Vorbild. Ghita raucht nicht, trinkt nicht, gilt als diszipliniert und steht dafür, daß man alles schaffen kann, wenn man sich nur anstrengt. Er kommt aus keiner reichen Familie, die ihn mit Geld hätte fördern können. Mit riesigen Schritten walzt Ghita sich eine Schneise durch die Touristen und Kneipengänger frei, die ZUERST!-Redakteure folgen ihm wie in einem Sog.

In kurzen Hosen und T-Shirt könnte man ihn fast auch für einen Touristen halten, wenn ihn nicht so viele Passanten sofort erkennen würden. Im Gehen erzählt der kräftige Rumäne über sein Leben: „Harte Arbeit und viele Opfer“ hätten ihn dorthin gebracht, wo er heute ist – an die Spitze. Im Alter von 14 Jahren begann er mit dem Kampfsport.

„Wenn die anderen Kinder nach der Schule draußen gespielt haben, ging es für mich zum Training. Mein Vater war der einzige, der mich immer ermutigt und unterstützt hat. Der rumänische Sportverband hat mir nicht geholfen.“

Für seine ersten Wettkämpfe mußte er sich das Geld für Teilnahmegebühren und Reisekosten leihen, auch für den ersten professionellen Trainer. „Keiner schenkte mir was“, sagt er lächelnd.

Ob ihn das zornig macht? Ghita lächelt und schüttelt den Kopf. Für ihn war dieser Weg sehr wichtig, daran läßt er keinen Zweifel. Aber für die heutigen Kinder wünsche er sich schon eine bessere Förderung.

Vor dem altehrwürdigen Gebäude der Nationalbank hält Ghita an und nimmt sportlich die Treppen. Einer der Wachleute begrüßt ihn sofort mit Handschlag. Nach einem kurzen Gespräch winkt Ghita uns heran, es geht in das Gebäude.

„Ich zeige Euch jetzt etwas sehr Wichtiges“, sagt der Kickboxer in der Haupthalle der Bank, die heute als Ausstellungsraum dient. Doch dort ist nur ein einziges Exponat zu sehen. Auf einem Podest sitzt eine in Kalkstein gehauene, etwa 30 Zentimeter hohe Skulptur einer Frau. Die Plastik wurde vom rumänischen Bildhauer Constantin Brâncusi Anfang des letzten Jahrhunderts geschaffen. Sie trägt den Namen „Die Weisheit der Erde“.

„Schaut Euch die Skulptur lange an, Ihr erkennt in ihr immer wieder etwas Neues.“

Ghita klingt ehrfürchtig, schwärmt von der „Ganzheitlichkeit“ der Plastik, interpretiert mit sanften und wohlgefeilten Worten ihre leicht embryonale Körperhaltung und preist ihre einfache Schönheit. Der Profi-Kampfsportler Ghita könnte ohne Probleme durch eine Vernissage führen. Doch die Welt der Sektglashalter und Hummerknacker ist nicht die seine.

Sind Kickboxer aber eigentlich nicht eher grobschlächtige Knochenbrecher, Typen, denen schnell mal der Kragen platzt? Ghita dreht sich um und schaut mit seinen knapp zwei Metern auf die Fragenden herab. Mit einem Seufzer, dessen Echo von den hohen Wänden der Ausstellungshalle zurückgeworfen wird, leitet er seine Antwort ein, die fast mitleidig daherkommt:

„In meinem Sport geht es eben nicht um Gewalt. Wem es darum geht, anderen zu schaden, der hat unseren Sport nicht verstanden. Du lernst zu kämpfen, um den Kampf zu vermeiden.“

Ghita erklärt, es gehe um „Sport, Wissen, Integrität und Charakterbildung“. Es reiche nicht, sich nur körperlich in Form zu bringen. Man brauche einen „perfekt ausgeglichenen Geist, Hingabe, Mitgefühl, Selbstvertrauen“, und man müsse „ruhig und geduldig“ sein.

„Viele verstehen es nicht, oder sie wollen es nicht verstehen: Beim Kampfsport geht es um Selbstkontrolle, Ausdauer und eine fast unheimliche innere Ruhe.“

Die Japaner haben ihm seinen Kampfnamen „Savage Samurai“ verliehen – auf deutsch „wilder Samurai“. Je länger man mit Ghita spricht, desto weniger scheint dieser Name zu passen. Doch sieht man ihn im Ring, wird schnell klar, daß dieser Name durchaus seine Berechtigung hat.

Nach dem kleinen ungewöhnlichen Kunst-Intermezzo walzen wir uns weiter durch die Bukarester Altstadt. Schnell wird klar: Die Stadt hat eine unfähige PR-Abteilung. Während in Deutschland Werbung für Prag, Budapest, Athen und sogar Istanbul gemacht wird, hört und sieht man über die rumänische Hauptstadt kaum etwas.

Dabei hat sie allerlei zu bieten: Liebevoll wiederhergerichtete Restaurants und Cafés, die innen fast wie Kirchen aussehen, viele Museen, in einigen Straßenzügen wummern bereits am späten Nachmittag die Bässe der Clubs.

Daniel Ghita ist davon überzeugt, daß sein Land wesentlich mehr zu bieten hat, als man gemeinhin denkt.

„Rumänien ist ein wunderschönes Land. Wir haben wunderbare Landschaften, Wälder, Berge und das Meer. Wir haben aber leider nicht das Glück, daß unser Land von Politikern repräsentiert und geführt wird, die Patrioten sind.“

Ach, wem sagt er das, will man am liebsten antworten.

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Ghita ist Patriot und Idealist, daran läßt er niemals einen Zweifel. Egal, ob er im Ring steht, mit Kindern trainiert oder sich für die Umwelt in seinem Land einsetzt.

„Ich bin als Patriot geboren. Ich liebe Rumänien und das rumänische Volk, und ich werde sie lieben, bis ich sterbe.“

Sätze, die man ihm im EU-Europa übelnehmen wird. Doch das interessiert Ghita nicht.

„Wir dürfen niemals vergessen, wer wir sind, unsere nationale und kulturelle Identität ist doch wichtig. Das seht Ihr Deutschen doch auch so!“

Nun ja, die Bundesregierung in Berlin eher nicht. Ghita lacht, seine schwere Hand klopft ermutigend auf unsere Schultern.

„Das packt Ihr schon, Ihr seid doch Deutsche!“

Ja, das sind wir.
Ghita lacht.

„Wir sagen hier immer: ,Sei fair wie ein Deutscher.‘

Das ist eine feste Redewendung bei uns. Und wir sagen auch:

,Sei gastfreundlich wie ein Rumäne.’“

Und kaum hat er den Satz zu Ende gesprochen, biegen wir in ein Café ein. Und wieder das gleiche Bild: Passanten winken ihm zu, Ghita zwinkert zurück oder sagt was Nettes oder Lustiges auf rumänisch. Wenn er etwas nicht hat, dann sind es Starallüren.

Daniel Ghita ist seit 1999 Profisportler. Er sahnte einen Preis nach dem anderen ab, wurde zu einer Berühmtheit in der internationalen Kampfsportszene. Daß er es zu etwas gebracht hat, zeigt er nicht mit teuren Anzügen oder Luxusautos, sondern mit sozialem und umweltpolitischem Engagement. Bei Geschäftspartnern ist er dafür berüchtigt, daß er für Geld eben nicht alles macht.

Einmal habe er einen gutbezahlten Werbevertrag für ein Nahrungsergänzungsmittel für Leistungssportler angeboten bekommen.

„Ich habe mir erst einmal ein paar Packungen davon geholt und meine Freunde gebeten, es zu testen. Ihnen ist schlecht davon geworden. Danach habe ich den Vertrag natürlich abgelehnt. Ich kann nur für etwas werben, das ich mit gutem Gewissen meinen Freunden empfehlen kann.“

Ghita ist jetzt 35 Jahre alt, seine Profikarriere neigt sich dem Ende zu.

„Ich bin bereit für die nächste Phase“, sagt er lächelnd.

Er ist es seit Kindheit gewohnt, nach vorne zu schauen und sich nicht lange mit wehmütigen Erinnerungen aufzuhalten. In Rumänien kennt man Ghita nicht nur als Sportler, sondern auch als leidenschaftlichen Umweltaktivisten.

Er setzt sich gegen die Abholzung der rumänischen Wälder ein. Und in seinem Umweltaktivismus geht es ihm nicht anders als beim Sport:

„Als ich damit angefangen habe, mich für unsere Wälder einzusetzen, haben erst einmal alle über mich gelacht. Ich war der einzige rumänische Prominente, der sich dafür einsetzte, daß das Land unserer Vorfahren nicht verschandelt wird.“

Aber Ghita gab nicht auf. Er organisierte Straßenproteste und kämpfte erfolgreich gegen die Holzmafia, die illegal die Wälder abholzte. Durch Ghitas Engagement kam das Thema plötzlich in die Medien. Die illegalen Baumfäller, denen Ghita das Geschäft kaputtmacht, schickten dem Kickboxer Morddrohungen.

„Ich habe denen geantwortet: Ich sterbe lieber, als daß ich mit ansehen muß, wie unsere Wälder vernichtet werden. Tötet mich ruhig, andere werden unseren Kampf weiterführen.“

Ghita zieht es nun in die Politik. Mit seinen Riesenhänden schiebt er das Wasserglas auf dem Tisch vor sich hin und her. Er ist in Gedanken.

„Mein Traum ist, daß das rumänische Volk ein besseres Leben hat.“

Ghita weiß, daß Rumänien heute das zweitärmste Land – nach Bulgarien – in der EU ist, daß viele Rumänen von der Hand in den Mund leben. Andere wiederum ziehen in die reicheren EU-Staaten, um dort zu arbeiten oder vom Sozialsystem zu profitieren. Diesen Zustand hält Ghita für unhaltbar.

„Alle Rumänen sollten vom Reichtum dieses Landes profitieren können, nicht nur die multinationalen Großunternehmen, die uns versklaven. Wir importieren minderwertige Nahrungsmittel, obwohl wir selber ein Agrarland sind, unsere Krankenhäuser und unser Bildungssystem sind schlecht.“

Schuld daran sei die „politische Klasse“, ist sich Ghita sicher. In ihr sieht er Verbündete der multinationalen Unternehmen, aber nicht ihrer Bürger.

„Das große Drama, daß meine Landsleute für ein Stück Brot im Ausland arbeiten müssen, wurde durch Inkompetenz und Korruption unserer politischen Führung verursacht.“

Die politische Führung wird heute in Rumänien vor allem von Präsident Klaus Johannis repräsentiert.

„Er ist ein Deutscher aus Siebenbürgen, aber er macht Euch Deutschen keine Ehre“,

kritisiert Daniel Ghita. Dabei sei er ein großer Freund der Deutschen.

„Ich liebe Deutschland!“ strahlt er. „Vor allem in Bayern fühle ich mich wie zu Hause.“

Und, das ist ihm wichtig, die Deutschen würden ihre Umwelt schützen.

Ghita weiß, daß heute vielleicht viele Vertreter der von ihm so heftig kritisierten „politischen Klasse“ über die Gedanken des Kickboxers lachen. Aber das taten schließlich anfangs auch diejenigen, die nicht an ihn als Profisportler glaubten, und die Bosse der rumänischen Holzmafia.

Ghita ist ein Kämpfer mit Verstand, Geduld und einem Gespür für den richtigen Augenblick – im Ring und auf der politischen Bühne. Von ihm wird man mit Sicherheit noch hören.



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