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Das gebilligte Sterben

Von Otto Hausberg

Jährlich fast 13.000 deutsche Männer – das ist die Zahl von Prostatakrebs-Toten laut Zentrum für Krebsregisterdaten¹ – deren Tod mindestens billigend in Kauf genommen wird?

Prostatakrebs ist die dritthäufigste Krebstodesursache bei Männern in Deutschland. Das gesetzliche Früherkennungsprogramm der Krankenkassen beinhaltet für Männer ab dem Alter von 45 Jahren einmal jährlich die Frage nach Beschwerden und das Abtasten der Prostata durch den After. Der Prostatakrebs allerdings verursacht sehr lange keinerlei Beschwerden und die Tastuntersuchung liefert erst ein Ergebnis, wenn der Krebs die Organgrenzen vergrößert und damit fast alles zu spät ist. Eine Heilung ist nämlich nur dann möglich, wenn dieser Krebs die Organgrenzen noch nicht überschritten hat. Es gibt einen Blutwert, der ein deutliches Indiz für Prostatakrebs liefert. Dieser Test auf PSA (Prostata-Spezifisches Antigen) im Blut mit einem Preis von lediglich ca. 20€ ist allerdings nicht Bestandteil der gesetzlichen Früherkennung. Warum?

Der Standard-PSA-Test wurde in den USA 1994 von der Arzneimittelbehörde FDA zugelassen, er wird in Deutschland für Erkrankte zur Überwachung des Krebs-Fortschritts genutzt, aber eben nicht zur Erstdiagnose.

Die für die gesetzlichen Krankenkassen verbindliche Entscheidung dazu trifft der „Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS)“. In dessen letzter Bewertung, nachzulesen in einer IGeL-Monitor-Pressemitteilung² vom 6.4.2017, wird der PSA-Test weiterhin als „tendenziell negativ“ bewertet, dabei dient als Bewertungsgrundlage eine Studie „PLCO Trial“ aus 2009. Diese Studie ist allerdings falsch, wie bereits z.B. in der Welt unter „Eine Studie kostet Zehntausende Männer das Leben“³ bereits am 7.6.2016 nachzulesen war. Über diese Erkenntnisse setzt sich der MDS 10 Monate später wissentlich hinweg und erklärt z.B., Zitat

Wenn 1000 Männer im Alter von 55 bis 69 Jahren alle vier Jahre einen PSA-Test machen lassen, wird ein Mann nicht an Prostatakrebs sterben und etwa 30 Männer werden die Diagnose Prostatakrebs und die Folgen der Therapie erfahren, obwohl ihr Krebs nie auffällig geworden wäre.

Zum einen wird damit bewusst der schmerzhafte Krebstod jedes tausendsten Mannes einkalkuliert, zum anderen dürfte die reale Zahl wegen der Fehlerhaftigkeit der zu Grunde liegenden Studie weit höher liegen. Diejenigen, „die schon länger hier leben“ und der offiziellen Bewertung des PSA-Tests in den IGeL (individuelle Gesundheitsleistungen) als „tendenziell negativ“ vertraut haben, sind die Opfer.

Und jene Männer, denen es irgendwie gelingt, dem Tod von der Schippe zu springen, und die trotz Körperbehinderung bis zu 90% sich wieder ins Arbeitsleben integrieren, diese Männer werden mit abstrusen Verweigerungen der Behörden und der Krankenkassen bis hin zur Kosten-Ablehnung von Diagnosemethoden konfrontiert, das würde jetzt aber hier das Thema sprengen.

In den Mainstream-Medien werden fiktive ökologische Weltuntergangsszenarien, Dieselskandale, Fipronil-Eier, Vogelgrippen oder Zeckenbisse gepusht, aber das Leiden und der Tod durch zu späte Erkennung des Prostatakrebses werden beinahe stillschweigend ignoriert. Während Deutschland die ganze Welt rettet, billigt man den „schon länger hier lebenden“ Männern im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen nicht nur diesen simplen PSA-Test alle zwei Jahre nicht zu, also lediglich 10€ pro Jahr je Mann über 45, man propagiert sogar massiv dagegen. Der jährlich fast 13.000 — das sind pro Tag 35 — toten Männer gedenkt kein Kirchentag, denn neue junge Heilige, „die noch nicht lange hier leben“, brauchen nun Platz und Sozialfürsorge.

Seit 2005 ist Merkel im Amt, damit entfallen auf die bisherigen 12 Jahre ihrer Regierungszeit 13.000×12=156.000 wegen zu später Erkennung durch Prostatakrebs getötete Männer. Mit dem Slogan „Ein Land, in dem wir gut und gerne leben (!)“ verhöhnt Merkel die Opfer, und der seit 4 Jahren verantwortliche Gesundheitsminister Gröhe hat nichts besseres zu tun, als Protestierende in der Rheinischen Post als „rechtspopulistische Bratzen“ zu diffamieren. Aber vielleicht ist das ganze nur die gezielte praktische Umsetzung der These „Deutschland verrecke“ in Reinform….

Im Wahlprogramm der alternativen Partei trägt das 12. Kapitel den Titel „Unser Gesundheitssystem ist in Gefahr“, das Problem anzusprechen gibt Hoffnung, und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Update
Vom 20.9. bis 23.9.2017 tagte der 69. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU), dessen zentrale medizinische Botschaft lautet: „Der PSA-Test rettet Leben“⁴. Darüber hinaus forderten die Urologen auf der Tagung nunmehr ein konzertiertes Handeln, um die drohende Unterversorgung abzuwenden.

¹ http://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Prostatakrebs/prostatakrebs_node.html
² https://www.igel-monitor.de/presse/pressemitteilungen/psa-test-weiter-tendenziell-negativ.html
³ https://www.welt.de/wissenschaft/article155937620/Eine-Studie-kostet-Zehntausende-Maenner-das-Leben.html
⁴ http://www.urologenportal.de/pressebereich/pressemitteilungen/presse-aktuell/69-dgu-kongress-endet-heute-in-dresden-urologen-fordern-konzertiertes-handeln-um-drohende-unterversorgung-abzuwenden-23092017.html
Bildquelle https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Celulas_de_cancer.png