Das Leben des „Seewolfs“ Raimund Harmstorf

von NTA

Er wuchs als Sohn eines Arztes in Hamburg auf und wurde Zehnkampfmeister in Schleswig-Holstein. Der spätere Schauspieler studierte zunächst Medizin, dann Musik und darstellende Kunst und spielte in zahlreichen Kino- und Fernsehrollen den Bösen und den Harten: Raimund Harmstorf.

Im wirklichen Leben dürfte er das genaue Gegenteil von „Böse“ und „Hart“ gewesen sein – viel mehr muss es sich bei Raimund Harmstorf um einen sehr fühlenden, sensiblen Menschen gehandelt haben.

Bekannt wurde er Anfang der 1970er Jahre durch die Hauptrolle im Abenteuer-Mehrteiler „Der Seewolf“.

Die Rolle des brutalen, unbarmherzigen „Wolf Larsen“ spielte Harmstorf mit Bravour.

Nicht umsonst wird seine Rolle als „Seewolf“ als der Höhepunkt seiner Karriere angesehen.

1978 spielte er im Film „Sie nannten ihn Mücke“ einen unbeliebten Football-Trainer und Widersacher von „Mücke“ (gespielt von Carlo Pedersoli, besser bekannt unter dem Namen Bud Spencer, † 27. Juni 2016 in Rom).

Harmstorf war auch regelmäßig als Theaterschauspieler zu sehen und trat zum Beispiel mehrfach in Karl-May-Bühneninszenierungen auf.

Nachdem seine Filmkarriere in den 1980er Jahren zum Erliegen kam, trat Harmstorf zwar noch in deutschen Fernsehproduktionen wie „Tatort“ auf, erhielt aber immer weniger Rollenangebote.

Harmstorf erlitt im Laufe seines Lebens bei mehreren Unfällen schwere Verletzungen.

Sein Fischrestaurant „Zum Seewolf“, das er in Deidesheim betrieb, musste Insolvenz anmelden.

In seinen letzten Lebensjahren litt der Schauspieler an der Parkinson-Krankheit.

Am 2. Mai 1998 berichtete die Bild-Zeitung unter der Schlagzeile „Seewolf Raimund Harmstorf in der Psychiatrie“ über die Krankheit des Schauspielers.

Daraufhin standen noch am selben Tag zwei Illustrierten-Reporter mit einer „Bild“-Zeitung vor der Haustür von Raimund Harmstorfs Bauernhaus im Allgäu.

„Seewolf Raimund Harmstorf in der Psychiatrie“ stand in großen Lettern auf der Titelseite und weiter: „Mit aufgeschnittenen Handgelenk von der Polizei aufgegriffen“.

In der dazugehörigen Geschichte schmolz das Leben von Raimund Harmstorf auf eine Ansammlung von Schicksalsschlägen und Unfällen zusammen:

„Harmstorf mit Gipsbein im Krankenhaus“
„Harmstorfs verunglückter Porsche“
„Harmstorf mit leerem Blick in einer Drehpause“

„Das ist ja verrückt, was da steht“, hatte der Schauspieler laut Aussage seiner Lebensgefährtin Gudrun Staeb noch gesagt.

Doch das war nicht das einzige was Harmstorf sagte, nachdem er den „BILD“-Artikel über sich gelesen hatte:  „Das ist mein Todesurteil“.

Nur wenige Stunden später vollzog er es.

Der Selbstmord von Harmstorf war für die „Bild“ der Super-Gau, wie ein leitender „Bild“-Redakteur im Rückblick einräumte.

Die beiden Reporter, die den Artikel geschrieben hatten, durften sich auch einen Monat nach dem Vorfall nicht dazu äußern – Anweisung der Chefredaktion.

Die Sache mit dem „zerschnittenen Handgelenk“, aus dem „das Blut tropfte“, nahm „Bild“ wenige Tage nach Harmstorfs Freitod eher beiläufig zurück.

In Wahrheit war der Zwischenfall wesentlich unblutiger verlaufen: Der Schauspieler litt seit 1994 an der Parkinsonschen Krankheit, weshalb er mit einem Medikament behandelt wurde, zu dessen Nebenwirkungen Alpträume, Angstzustände und Halluzinationen zählten.

Um die Symptome vor der Öffentlichkeit zu verbergen und weiterhin Theater spielen zu können, nahm Harmstorf ziemlich viele Tabletten am Abend des 5. April ein – leider zu viele.

Als er bereits kurz vor der Ohnmacht stand, rief er den Notarzt. Von der Intensivstation verlegte man ihn später auf die psychiatrische Station des Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren.

Auch lag Raimund Harmstorf nie „in der geschlossenen Abteilung“, wie „Bild“ zu berichten wusste, sondern wurde in einer offenen Therapie behandelt.

„Seit Jahren werden die wenigsten Patienten in geschlossenen Abteilungen behandelt. Vielmehr ist es üblich, sie mit Medikamenten und begleitender Psycho- oder Gesprächstherapie zu heilen“, sagt Dr. Bernd Ahrens, Oberarzt der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin.

Der Großteil der Patienten werde bereits nach vierzehn Tagen im Rahmen einer sogenannten „sozialen Belastungstherapie“ nach Hause geschickt, um sich in einem alltäglichen Umfeld zurechtzufinden.

Raimund Harmstorf kam rund vier Wochen nach seiner Tablettenvergiftung nach Hause.

Am Morgen des 1. Mai wurde er von seiner Freundin Gudrun Staeb aus der Klinik abgeholt – zu einem Zeitpunkt, als ihn die „Bild“-Reporter noch „völlig abgeschottet von der Außenwelt“ wähnten.

Diesen Unsinn laß auch Raimund Harmstorf, der für das Wochenende einen Ausflug geplant hatte – doch dazu kam es nicht mehr.

Nach dem ersten Schock telefonierte der Schauspieler mit Freunden – am späten Nachmittag mit seinem Arzt.

Gemeinsam verabredete man einen früheren Beginn der Reha-Behandlung – eine sofortige Rückkehr ins Krankenhaus lehnte Harmstorf jedoch ab, aus Angst, dass ihn vor der Klinik bereits Reporter erwarten würden.

Das RTL-Magazin „Explosiv“ griff den „Bild“-Artikel auf und erzählte zweieinhalb Millionen Zuschauern, dass sich Harmstorf „nach einem blutigen Selbstmordversuch in der Psychiatrie befindet“ – doch der war zu Hause… ging nach dem Bericht ins verdunkelte Schlafzimmer… und beobachtete die Straße vor seinem Haus.

Am nächsten Morgen fand die Lebensgefährtin Raimund Harmstorf erhängt auf dem Dachboden seines Bauernhauses und erlitt einen Nervenzusammenbruch.

Die Polizeidirektion Kempten konnte sich nie erklären, wie die Legende vom „aufgeschnittenen Handgelenk“ in die Welt gekommen ist. „So einen Vorfall hat es hier nie gegeben“, teilte die Polizei mit.

Man habe die Geschichte „nach besten Wissen und Gewissen“ publiziert, sagte damals „Bild“-Chef Udo Röbel.

„Der Stand unserer Recherche war der, dass Herr Harmstorf noch am Freitag in der Klinik war“, so der „BILD“-Chef – eine Recherche, bei der weder der behandelnde Arzt kontaktiert wurde, noch Harmstorf selbst – typisch Lügengazette „BILD“ also.

„Zu keinem Zeitpunkt haben Reporter der „BILD“ Raimund Harmstorf in seinem Haus bei Kempten aufgesucht“, stand in einer Mitteilung der Chefredaktion.

„Hätte ich gewußt, dass sich Harmstorf an dem Wochenende nicht unter ärztlicher Aufsicht befindet, wäre die Schlagzeile nicht erschienen“, so Chefredakteur Röbels dumme Ausrede.

Um das zu erfahren, hätte ein Anruf ausgereicht. Schließlich war Harmstorf bereits am Tag vor der Veröffentlichung aus der Klinik abgeholt worden.

Die Reporter hatten wohl Angst, die Geschichte könnte im letzten Moment kippen, wenn sie den Schauspieler mit der „BILD-Version“ seines Lebens konfrontieren würden.

Für den psychisch instabilen und sensiblen Menschen Raimund Harmstorf muss der Artikel in der „BILD“ wie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein.

„Wir wussten seit mehreren Wochen von Harmstorfs Zustand. So eine Story kann nicht ewig liegen“, sagte ein Redakteur – ein weiterer Schlag ins Gesicht des dann toten Schauspielers Raimund Harmstorf.

Nach dem Selbstmord versuchte sich „BILD“ in Schadensbegrenzung.

Tagelang wurden Bekannte des Schauspielers zitiert, die den Suizid kommen sahen.

Ein „enger Vertrauter der Familie“ wusste gar zu berichten, dass sich Harmstorf noch während der Behandlung mit einem langen Messer eine Wunde am Hals zugefügt hat – ebenfalls ein Vorfall, an den sich in der Klinik niemand erinnert.

Rund eine Woche später wurde der Fall Raimund Harmstorf journalistisch abgeschlossen.

Zum Gedenken an Raimund Harmstorf haben wir einige legendäre Filmausschnitte und Produktionsnotizen zusammengestellt (siehe Video).


Quelle und Kommentare hier:
Print Friendly, PDF & Email

Das könnte Dich auch interessieren: