Das Rätsel der Auferstehung

von hwludwig

Die Auferstehung Jesu Christi von den Toten ist das zentrale Ereignis des Christentums. Darüber wird vielfach oberflächlich hinweggegangen. Der Apostel Paulus formuliert radikal:

„Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann ist all unsere Predigt und euer ganzer Glaube sinnlos.“ 1

Das Wesentliche des Christentums ist daher nicht die Lehre, sondern diese Tat des Mensch gewordenen Gottes, die er als Voraussetzung zur Erlösung aller Menschen aus dem Verstrickt-Sein in das materielle Dasein und den Tod vollbracht hat. Wer die Auferstehung Jesu nicht begreifen und anerkennen kann, verfehlt das Eigentliche des Christentums; und was er sonst noch davon glaubt, ist nach Paulus „hohl und nichts wert“. Diese Tatsache ernst genommen, trennt auch unter den heutigen Theologen viel Spreu vom Weizen.

Auferstehung bedeutet die Auferstehung mit und im lebendigen physischen Leibe, der zuvor gestorben war – etwas nach aller bisherigen menschlichen Erfahrung Unmögliches. Die Jünger konnten es daher auch nicht fassen, als er auf einmal in ihre Mitte trat. Sie hielten ihn für einen Geist, ohne den physischen Leib. Jesus musste sie nachdrücklich darauf aufmerksam machen:

„Betastet mich und seht mich an: Eine Geistererscheinung hat kein Fleisch und kein Gebein, wie ihr es bei mir seht. Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Füße.  Als sie es vor lauter Überraschung und Erstaunen noch nicht fassen konnten, sprach er: Habt ihr etwas zu essen hier? Und sie gaben ihm ein Stück Fisch und eine Scheibe Honig. Und er nahm und aß vor ihren Augen.“ 2

Der Evangelist Johannes schildert ergänzend, dass auch Thomas, der nicht dabei gewesen war und an der Wahrheit zweifelte, ein nächstes Mal von Jesus überzeugt wurde:

„Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch! Und dann sprach er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und bleib nicht starr in deinem Herzen, fühle vielmehr im Herzen meine Kraft! Da sprach Thomas zu ihm: Du bist der Herr meiner Seele, du bist der Gott, dem ich diene. Und Jesus sprach zu ihm: Weil du mich geschaut hast, hast du meine Kraft in dir gefunden? Selig sind, die meine Kraft im Herzen finden, auch wenn ihr Auge mich nicht sieht.“ 3

Also Christus macht selbst geltend, im lebendigen physischen Leibe vor ihnen zu stehen. Doch das Mysteriöse ist, dass er allgemein den Menschen nicht physisch wahrnehmbar war, sondern nur dem weiteren Kreis der Jünger sichtbar wurde und auf die gleiche geheimnisvolle Weise wieder verschwand, wie er zuvor – bei verschlossenen Türen – gekommen war. Ein lebendiger physischer Leib, der unsichtbar durch verschlossene Türen kommt, sichtbar wird, materielle Speise isst und wieder verschwindet – das ist das für viele Menschen schwer oder nicht Verständliche, das der Verstand nicht anerkennt, weil er es mit den Gesetzen der Naturwissenschaft nicht in Einklang bringen kann.

Hier gilt kein Ausweichen. Von der Lösung dieses Rätsels hängt der ganze geltend gemachte Sinn des Christentums ab. Zunächst drängt sich die Frage auf, ob wir überhaupt das, was wir gemeinhin physischer Leib nennen, tief genug verstehen und mit unserem gewohnten Verständnis nicht zu sehr an der materiellen Oberfläche kleben.

Der physische Leib

Unser gewöhnliches Bild vom physischen Leib begnügt sich mit der Vorstellung, dass er eben vollständig aus physischen, d.h. mineralischen Stoffen bestehe. Nach dem Tode eines Menschen können wir verfolgen, wie sein physischer Leib den Elementen der Erde übergeben wird und seine Stoffe in die Auflösung übergehen. Aber wir haben es nicht nur mit zerfallenden Stoffen zu tun,

sondern zugleich mit einem allmählichen Zerstören der menschlichen Form des Leibes. Diese gehört ganz wesentlich zum physischen Menschenleib dazu. Die physischen Stoffe sind aus der Natur entnommen und kehren in diese zurück. Sie könnten von sich aus jedoch niemals eine menschliche Form annehmen. Darauf hat Anfang des vorigen Jahrhunderts Rudolf Steiner mit logischer Stringenz hingewiesen. Wer von einer zufälligen allmählichen Zusammenfügung des materiellen Stoffes zur Form des Menschen spricht, redet von einer nicht nachweisbaren Behauptung, einem Aberglauben.

Es ist und muss während des Lebens eine geistige Formgestalt vorhanden sein, welche die physischen Stoffe und Kräfte verarbeitet und in sich aufnimmt. So wie der plastische Künstler keine Statue zustande bringen kann, „wenn er Marmor oder irgendetwas anderes nimmt und wüst darauf losschlägt, dass einzelne Stücke abspringen, sondern wie der plastische Künstler den Gedanken haben muss, den er dem Stoffe einprägt, so ist auch für den Menschenleib der Gedanke vorhanden.“4

Aber anders als beim Künstler, der den Gedanken der Form in seiner Seele trägt, handelt es sich um einen realen, sozusagen substanziellen göttlichen Gedanken in der Außenwelt, ein formendes Kraftgewebe, in das die physischen Stoffe gebracht werden. Genauer: Sie werden in die Form eines gedanklich vorgeprägten differenzierten Organzusammenhanges hinein verdichtet, der von einem Lebenskräftegewebe durchdrungen und zum Leben und ständigen Stoff-Wechsel aufgerufen wird.

Die sinnlich natürlich nicht wahrnehmbare Formgestalt „gehört zum physischen Leibe dazu, es ist der übrige Teil des physischen Leibes, ist wichtiger als die äußeren Stoffe; denn die äußeren Stoffe sind im Grunde genommen nichts anderes als etwas, was hineingeladen wird in das Netz der menschlichen Form, wie man Äpfel auf einen Wagen lädt.“ 5Der physische Leib ist im Grunde „ein Kraftleib, der ganz durchsichtig ist. Was das physische Auge sieht, sind die physischen Stoffe, die der Mensch isst, die er aufnimmt, und die dieses Unsichtbare ausfüllen. Schaut das physische Auge einen physischen Leib an, so sieht es in Wahrheit das Mineralische, das den physischen Leib ausfüllt, gar nicht den physischen Leib.“ 6

Der Auferstehungsleib

Der durchsichtige Kraftleib war wohl die Gestalt des physischen Leibes, wie ihn der Paradieses-Mensch trug. Die Vertreibung aus dem Paradies auf die Erde bedeutete, dass sich die reine Form immer mehr mit physischer Materie auffüllte, die Erde betrat und den sinnlich geöffneten Augen physisch sichtbar wurde. Doch damit war auch eine allmählich immer mehr zunehmende Zerstörung der ursprünglich reinen Formgestalt verbunden, an deren Ende der Tod steht. Durch ihn wurde der Mensch erlösungsbedürftig. Die Erlösung konnte nur darin bestehen, dass Christus den Tod dadurch überwand, dass er die reine Formgestalt des physischen Leibes des Menschen der Zerstörung durch den physischen Stoff entzog und in Reinheit wiederherstellte.

Damit werden die oben zitierten Evangelium-Szenen verständlich. Christus erschien den Jüngern in der durchsichtigen, von Lebenskräften durchzogenen reinen Formgestalt des physischen Leibes, die von allen irdischen Stoffen befreit war. „Nur durch die Kraft des Beisammenseins mit dem Christus“ konnten ihn die Jünger übersinnlich in diesem Formleibe sehen, erklärt Rudolf Steiner aus seiner eigenen geistigen Forschung dieses Phänomen, „denn er erschien im Geistleib, in dem Leibe, von dem Paulus sagt, dass er sich wie ein Samenkorn vermehrt und übergeht in alle Menschen.“ 7

Und in dem durch die Wunden an diesen Stellen besonders zusammengezogenen Lebenskräfte-Gewebe, „da waren zur Sichtbarkeit gebracht diese Wundmale, waren besonders dichte Stellen, so dass auch der Thomas fühlen konnte, dass eine Realität da ist.“ Auch habe durch die Macht des Christus eine Auflösung der genossenen irdischen Speisen unmittelbar durch die Lebenskräfte, ohne Mitwirkung stofflicher Organe erfolgen können.8

Die Auferstehung Christi im physischen Leibe ist die Auferstehung der wiederhergestellten geistig-physischen Formgestalt, die das Eigentliche des physischen Leibes ausmacht. Sie benötigt der Mensch, um an ihrem Spiegel immer mehr sein helles Ich- und Welt-Bewusstsein zu entwickeln. In der durch den Sündenfall den zerstörerischen Todeskräften anheimgefallenen Form wäre dies immer weniger möglich gewesen. Darauf gründet sich der Osterjubel, den auch Goethe in seinem „Faust“ den Chor der Engel ausrufen lässt. Christ ist erstanden / Aus der Verwesung Schoß. / Reißet von Banden / Freudig euch los!“

Daran kann jeder Mensch – wie könnte es anders sein – in dem Maße teilhaben, in dem er sich durch die Verbindung mit Christus immer mehr würdig macht, ein Abbild dieses Auferstehungsleibes des neuen Adams „anzuziehen“, wie es der Apostel Paulus formuliert.

Der Auferstandene heute

Das Erscheinen des Auferstandenen vor Menschen, wie es das Neue Testament schildert, ist kein einmaliges historisches Ereignis. Christus selbst hat vielfach seine „Wiederkunft“ vorausgesagt, die in den vier Evangelien, der Apostelgeschichte, den Apostel-Briefen und in der Apokalypse des Johannes von den verschiedensten Seiten beschrieben wird. Das kann auch gar nicht anders sein. Denn Christus hat nicht für wenige, sondern für alle Menschen den Tod besiegt. War es damals Gnade für die Christus nahestehenden Zeitgenossen, ihn in der Auferstehungsleiblichkeit wahrzunehmen, so muss es in der Zukunft Ergebnis der durch die Weiterentwicklung auftretenden Erkenntnis-Fähigkeiten von immer mehr Menschen werden.

Seit den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat eine wachsende Zahl von Menschen individuelle Begegnungen mit dem auferstandenen Christus bekundet. Man kann ihre Echtheit bezweifeln. Aber viele sind von eindrucksvoller Intensität und haben tief in das Schicksal dieser Menschen eingegriffen. Die Dunkelziffer solcher Erfahrungen wird weitaus höher sein, da oft aus Angst, verspottet zu werden, wenig Neigung besteht, anderen davon zu erzählen. Besonders häufig waren solche Erlebnisse während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, also in schweren Krisenzeiten, in Situationen der Not, Verzweiflung, Einsamkeit und Ausweglosigkeit. Von den Erlebnisberichten, die Hans-Werner Schroeder gesammelt hat9, seien hier einige wiedergegeben.

Im Gefangenenkeller

Der dänische Schriftsteller Hans Heltoft schrieb 1946 in der Chronik der Kopenhagener Zeitung „Morgenbladet“ über sein Erlebnis in einem deutschen Gestapogefängnis.

In einem modrigen Keller sind 500 Gefangene aller Nationalitäten mit Mattenflechten beschäftigt. Ein Aufseher tritt ein und prügelt einen Russen aus einem nichtigen Anlass zu Tode, schlägt immer weiter auf den leblosen, blutigen Klumpen ein.

Jeden Schlag spürten wir Gefangenen an unserem eigenen Körper… ´Es ist genug`, rief ein polnischer Gefangener außer sich. ´Es ist genug´, wiederholten wir alle mit dumpfer Stimme… In demselben Augenblick trat Jesus in den Keller. Ich gehöre der Kirche nicht an und hatte Jesus nie zuvor gesehen. Und doch kannte ich ihn und merkte auch, dass auch die anderen ihn erkannten… Sein ganzer Eindruck ging einfach über unsere gewohnte Begriffswelt hinaus. Das einzige, was mir heute klar ist, ist das, dass dieser Jesus ein Etwas war, das ich nicht beschreiben kann, und doch zugleich ein gewöhnlicher Mensch. Und trotzdem ich außerhalb der Kirche stehe, muss ich sagen: ´Es war das Allergrößte, das wir je erlebt hatten und je erleben können.`

Und nun geschah gleichzeitig mit dem Eintreten Jesu folgendes: Der modrige Kellerraum wurde ganz verwandelt … über den Keller legte sich ein Farbton von Hellrot und Blau, und dazu breitete sich eine Sphäre aus, die einem das Gefühl des Friedens gab… Der Raum bis zur Decke schien mir so groß zu sein, dass man eine ganze Scheune hätte hineinbauen können … Jesus sah uns nicht an … er betrachtete nur den zerschlagenen Menschen zu seinen Füßen. Sein Gesicht strahlte eine Liebe aus, die nicht mit Worten ausgedrückt werden kann… Er beugte sich über den Russen und küsste ihm sanft die blutige, angeschwollene Wange.

Der Mann, den wir für tot gehalten hatten, öffnete das eine Auge. Das andere war vom Blute zugeklebt. Als er Jesus erblickte, leuchtete sein misshandeltes Gesicht in kindlicher Freude auf. Mit großer Mühe streckte er die eine Hand Jesus entgegen. Jesus nahm sie in seine beiden Hände, indem er sich ein wenig vorbeugte. Es war so unbeschreiblich schön, dass wir anderen unwillkürlich mit einem stillen Lächeln dastanden – auch der Aufseher.

Da sank der Russe zusammen, und der unsagbare schöne Ausdruck, der über der ganzen schimpfierten Gestalt gelegen hatte, verschwand. Jesus legte sanft die Hand des Russen an den Körper zurück und ging aus dem Keller. – Sofort war alles wieder wie zuvor.“ 10 

In einer Berliner Stadtbahn

Heinrich Vogel schrieb im Leitartikel der Berliner Tageszeitung „Neue Zeit“ vom 19.11.1947 einen Bericht, den er im Bewusstsein der Ungeheuerlichkeit seines Unternehmens mit den Worten begleitete:

Ich wollte … nur eine kurze Geschichte erzählen, deren Wirklichkeit der Leser am Schluss so leicht bezweifeln kann, dass ich sie vorsichtshalber nur eine Legende nenne.“

In einer Berliner Stadtbahn sitzen drei Männer und eine Frau beisammen. Vogel sitzt als Fünfter etwas abseits in der Ecke. Die Rede ist von der deutschen Schuld. Der erste Herr versichert, er habe sich immer nur um sein Geschäft gekümmert; er habe von nichts gewusst; er sei immer völlig unpolitisch gewesen. Die Frau ergeht sich in einer Sturzflut unflätiger Schimpfworte: ob es denn jetzt viel besser sei? … Wenn es einen Gott im Himmel gäbe, könnte er sowas nicht zulassen … Man solle sich an die Anstifter halten … Der zweite Herr meint: Unsere einzige Schuld ist, dass wir nicht Selbstmord gemacht haben, dass wir zu den Überlebenden gehören. Nun überschrien sich auch die beiden ersten Sprecher zustimmend: „Ja, ja, das ist die Wahrheit, so ist es!“

„Und da geschah mitten in die Stille hinein, die diesem einmütigen Ausbruch folgte, etwas überaus Seltsames, so ungeheuerlich und unbegreiflich, dass ich es fast nicht zu erzählen wage, weil es mir doch niemand glauben wird. Wenn ich berichte, was ich nun hörte, ja, und sehen musste, dann wird man sagen: Du dichtest und phantasierst, und obendrein so, dass man die Absicht merkt und verstimmt wird! Das darf mich aber nicht hindern, getreulich zu berichten, dass der Vierte (der dritte Herr), eine unscheinbare ärmliche Erscheinung, um die meine stille Frage die ganze Zeit über wie um ein Geheimnis kreiste, den Mund öffnete und auf eine unbeschreibliche, unwidersprechbare Weise nur fragte: ´Ist denn keiner schuld? – So muss ja Gott schuld sein` – und dann, nach einem Schweigen, fügte er hinzu: ´Ich bin schuld!`

In demselben Augenblick sah ich seine Hände und erkannte mit unbeschreiblicher Bestürzung, dass sie durchbohrt waren und die im Bahnhofslicht sichtbar werdenden dunklen Nägelmale blutrot leuchteten. Er stieg aus. Jener hagere ´Überlebende` aus der Ecke und ich folgten. Der Mensch, der die Schuld auf sich genommen hatte, war unseren Blicken plötzlich entrückt. Ich musste den Weggenossen anreden und sagte zu ihm nur: ´Haben Sie ihn auch erkannt?` Er antwortete: ´Ja, er ist der einzige Unschuldige.`“ 11

Im russischen Kohlenschacht

1951 in Workuta im nördlichsten Anthrazit-Revier der Sowjetunion, etwa 100 km südlich des Eismeeres und etwa 120 km westlich der Nordausläufer des Urals, im Schacht Nr. 1, genannt „Kapitalnaja“. Der Berichtende, Wolfgang Strauss, war dort als politischer Häftling.

„Ostergottesdienst unter Tage, in einem Kohlenschacht von Workuta am russischen Eismeer …, hinter dem Stacheldraht des Gulag. Ein Querschlag zwischen zwei Flözen war unsere Kirche. Wie kleine gelbe Punkte brannten die Grubenlichter an den Kumpelhelmen vor einer Ikone, die ein litauischer Häftling gemalt hatte. Düster und kalt war es in diesem Gebetssaal in gut 8 Meter Tiefe. Es roch nach Moder, Methangas, nassen Klamotten, Urin, ausgemergelt schweißtriefenden Häftlingsleibern, nach verwesenden Streckenbalken.

Doch es war Osternacht, und in mir war es hell. Um mich standen Kameraden und Genossen einer Leidensarmee, fast lauter Bauernköpfe. Plötzlich kam von hinten ein Mann und stellte sich neben mich. Ich wandte mich nicht um zu ihm, und doch hatte ich das Gefühl: Dieser Mann ist Christus, der Auferstandene. Schrecken und Neugier bemächtigten sich meiner, Seele und Körper überflutende Freude. Ich blickte auf meinen Nachbarn. Er hatte ein Gesicht wie alle anderen, die Augen ein wenig nach oben gerichtet, aufmerksam und still, aufmunternd lächelnd. Auch mich streifte sein Lächeln. Die Lippen geschlossen, aber nicht zusammengepresst. Die Hände gefaltet. Und gekleidet war er wie alle anderen Grubenarbeiter.

Wie kann denn der Christus sein, überlegte ich. Ein so ganz und gar einfacher Mensch? Unmöglich. Ich wandte mich ab. Aber kaum hatte ich seinem strahlenden Hungergesicht die Seite zugekehrt, als mich sofort wieder das Gefühl überkam, Christus und kein anderer stände neben mir. Abermals gab ich dem inneren Zwange nach, ihn anzusehen, und erneut erblickte ich sein Gesicht, das allen Gefangenen ähnelte, dieselben traurigen Züge. Züge eines Bekannten und doch Unbekannten. Als ich mich nach einem Vaterunser in 100 Sprachen erneut umwandte, war er verschwunden, der fremde stumme Kumpel. Ich suchte ihn noch lange, draußen in den Baracken, in der Kantine, im Umkleideraum, unter den Duschen, beim Zählappell und vor dem Lagertor. Doch ich habe ihn nie wiedergesehen. Er war verschwunden.

Seit jener Grubennacht weiß ich, dass der Glaube weltliche Gestalt annimmt. Am Ostertag begegnet uns Christus, nicht nur in anderen Menschen. Der Gekreuzigte und Auferstandene wandelt unter uns. Ich kann es bezeugen.“ 12

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1   Erster Korinther-Brief Kapitel 15, Vers 14
2   Lukas-Evangelium Kap. 24, Vers 36-44
3   Johannes-Evangelium Kap. 20, Vers 26-29
4   Rudolf Steiner: Von Jesus zu Christus,
Gesamtausgabe (GA) Nr. 131, Dornach 1974, S. 150
5   a.a.O. S. 151
6   a.a.O. S. 152
7   a.a.O. S. 187
8   Rudolf Steiner im Vortrag vom 9.1.1912 in GA-Nr. 130,
Dornach 1977, S. 223 f.
9   Hans-Werner Schroeder: Von der Wiederkunft Christi heute, Stuttg. 1991
10   a.a.O. S. 224 f.
11   a.a.O. S. 289 f.
12   a.a.O. S. 234 f.


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