Das Sittengesetz – Teil 10: Selbstbeherrschung

von Spreelichter

Die Völker und Rassen sind verschieden, und so auch ihre Einstellung zur Selbstbeherrschung. Bei der mediterranen Rasse gelten exzessive Gefühlsäußerungen nicht als peinlich, sondern sind geradezu gefordert, weil anders Schmerz oder Freude der betroffenen Person gar nicht geglaubt würde. sittengesetz_001Die nordischen Stämme, die aus Mitteleuropa nach Griechenland einwanderten, mischten sich dort mit der mediterranen Urbevölkerung und haben dadurch verschiedene Züge dieser Urbevölkerung übernommen, beispielsweise die Knabenliebe und auch die Tatsache, dass Männer ungehemmt ihrer Trauer Ausdruck geben. Zum homerischen Helden gehört, dass er lautstark in Tränen ausbricht.

Bei den Germanen war dagegen Selbstbeherrschung vom Helden gefordert: das willensstarke Verbeißen der leiblichen und seelischen Schmerzen. Heusler schreibt, eine Gestalt wie der Philoklet des Sophokles, der laut und lange seine Qual hinaus schreit, hätte dem Sagakrieger weibisch angemutet. Bei uns gehört der Vorwurf, einer habe geweint, er habe „Weinstimme in der Kehle gehabt“, zu den unertragbaren.

Wo das äußerste Maß von Beklemmung zu schildern ist, da lässt der Erzähler an dem schweigenden Helden Waffenhemd oder Rock entzwei gehen (Thule 3,227). Über das Ächzen von Verwundeten höhnt man, da den Indianern gleich, und die Saga malt aus, wie man dem Tapferen nichts anmerkt, wenn ihm das Speereisen unterm Knie oder die Pfeilspitze in der Zungenwurzel steckt (Thule 7, 117). Der rechte Kriegsmann soll, wenn ihn der Hieb trifft, nicht den Schnurrbart verziehen, und wenn die Klinge seine Braue streift, nicht mit der Wimper zucken.

Ein Nachklang hiervon ist in den heutigen Mensuren der schlagenden Studentenverbindungen zu sehen, wo ein Hieb, den man nicht abwehren kann, kassiert werden muss; es ist unzulässig und führt dazu, dass man von dem eigenen Bund aus der Partie herausgenommen wird und die Partie nicht zählt, wenn man einen Schritt zur Seite macht, den Kopf wegzieht – oder gar „Aua“ sagt, wenn es einen getroffen hat. Das Bewahren des Gleichmuts erscheint bei englischen Dichtern der letzten Jahrhunderte als Blüte der Mannesbildung.

Die Selbstbeherrschung ist für die germanische Frau natürlich genauso ein Wert. Sie ist dann gefordert, wenn sie hormonell bedingt Sehnsucht hat, aber dann auf einen Mann trifft, den sie noch nicht geprüft hat, bei dem sie sich noch nicht sicher sein kann, den sie zu wenig kennt, der nicht ihrer Art ist. Marie von Ebner-Eschenbach meint:

„Die Herrschaft über den Augenblick ist die Herrschaft über das Leben“.

Und sie ergänzt:

„Soweit deine Selbstbeherrschung geht, soweit geht deine Freiheit.“

Auch Matthias Claudius sieht es so:

„Niemand ist frei, der nicht Herr über sich selbst ist.“

Und vor ihnen sagte schon Johann Peter Hebbel:

„Der Mensch muss eine Herrschaft über sich selber ausüben können, sonst ist er kein achtungswürdiger Mensch, und was er einmal für allemal als recht erkennt, das muss er auch tun, aber nicht einmal, sondern immer.“

Diese Selbstbeherrschung hat der germanische Mensch nicht nur bei Schmerz und Leid, sondern auch gegenüber dem Tod. Die Selbstbeherrschung gipfelt im tapferen Sterben. Ein Mann von den Färöern kehrt mit seinen Leuten von einem Gefecht heim; ruhig steht er am Steuer und sagt auf die Frage, ob er schwer verwundet sei, nur kurz: Das wisse er nicht genau. Am Lande angekommen stellt er sich an einen Schuppen. Als die anderen nach ihm sehen, steht er da, starr und tot (Thule Band 13).

Der Skalde Thormod, der einem König diente, hat eine Pfeilspitze „dem Herzen zunächst“; er setzt selber die Zange an und zieht sie heraus mit einem zu sich selbst gesagten Wort, halb scherzend, halb innig (als er etwas Fett mit dem Herzen herauszieht):

„Des Burschens Herz ist gut genährt! Dafür müssen wir unserem König dankbar sein.“ Dann stirbt er (Thule Band 15).

In Gedichtform hat Otto Gmelin diese Haltung gebracht:

„Klage nicht, jammere nicht, hier ist das Feld; hier bist du Schwächling oder auch Held. Segnet die Not dich, so jubel ihr zu! Fällt auch das Leben dich, Sieger bist du.“


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