Das Sittengesetz – Teil 9: Wissen und Weisheit

von Spreelichter

Es gibt Lebewesen, die schärfer sehen, schneller laufen, ausdauernder wandern und besser schwimmen können als wir, auch solche, die im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht viel stärker sind. Das, was uns so erfolgreich im Lebenskampf gemacht hat, ist unser Verstand, unser Gehirn. sittengesetz_001Deswegen könnte jemand vielleicht der Auffassung sein, das „Streben nach Wissen und Weisheit“ hätte überhaupt nicht erwähnt zu werden brauchen, da es allgemeinmenschliche Selbstverständlichkeit sei. So ist es aber nicht. Es gibt Rassen, bei denen sind andere Dinge viel wichtiger.

Bei der mediterranen Rasse ist es sehr viel wichtiger, auf die anderen Menschen Eindruck zu machen, als sich fortzubilden. Man befindet sich immer auf der Bühne, wie der Rassenforscher Clauß treffend dargestellt hat, und da zählt die Darstellung, nicht das Wissen oder der innere Wert. Dementsprechend vermerkte Orson Welles:

„Italien besteht aus fünfzig Millionen Schauspielern. Die schlechtesten von ihnen stehen auf der Bühne.“

Aber auch manche Religionen schätzen den Erwerb von Wissen und Weisheit nicht, weil dies nämlich den Priestern vorbehalten sein soll; um deren Macht zu sichern, soll das gewöhnliche Volk möglichst wenig wissen. Es besteht ja auch die „Gefahr“, die sich mit dem Fortschreiten der Wissenschaften ergeben könnte, dass bestimmte Dogmen der Religion als falsch von den Gläubigen erkannt werden.

Die Christen haben deswegen – anders als der frühe Islam – von Anfang an eine gewalttätige Feindseligkeit gegen die Wissenschaft entfacht, Philosophen schon im Altertum umgebracht, die Bibliothek von Alexandria, die größte wissenschaftliche Bibliothek der Antike, angezündet.

„Natur und Geist – so spricht man nicht zu Christen. Deshalb verbrennt man Atheisten, weil solche Reden höchst gefährlich sind.“ (Goethe)

Die antike Welt wusste, dass die Erde eine Kugel ist, und der ungefähre Umfang war berechnet; das christliche Mittelalter dachte sich die Erde als Scheibe. Schon die Bibel preist die als selig, die „geistig arm“ sind.

Kirchenvater Augustinus, der auch von Luther begeistert verehrt wurde, erklärt:

„Gott und die Seele begehre ich zu kennen, nichts sonst.“

Kirchenvater Origines ergänzt:

„Klugheit, Wissenschaft, Gelehrsamkeit heißen bei uns Übel. Aber wer einfältig, wer unwissend, wer ein Kind, wer ein Narr ist, der komme getrost zu uns!“

Tertullian betont wie viele andere:

„Seit Jesus bedürfen wir des Forschens nicht mehr… Nichts außerhalb der Glaubensregeln wissen, heißt alle Wissenschaften besitzen.“

Das germanische Heidentum dachte ausweislich des Havamal anders:

„Wertere Last trägt auf dem Weg man nie als starken Verstand: er nützt Dir mehr in der Fremde als Gold; er ist der Hilflosen Hort.“

Faust ist oft als Urbild des Deutschen bezeichnet worden; er ist Symbol für menschlichen Wissensdurst; viele fälische Menschen sind faustische Menschen. Um die Gläubigen bei der Stange zu halten, hat die katholische Kirche bereits vor etlichen Jahrhunderten einen Index aufgestellt, ein Verzeichnis verbotener Bücher, das bis heute gilt, und das die Bücher bezeichnet, die ein Katholik nicht lesen darf. Immerhin, alle paar hundert Jahre werden die Entscheidungen einmal überprüft, und seit einigen Jahren ist es nunmehr den Katholiken erlaubt, die Schriften von Keppler und Kopernikus zu lesen.

Die Bundesrepublik erweist sich auch darin als fest in der abendländischen Tradition stehend, als hier Bücher verboten werden, zwischenzeitlich etliche Hundert und damit viel mehr, als 33 symbolisch – als die Volksbüchereien durchforstet wurden – verbrannt wurden; das, was aufgrund christdemokratischer Gesetze heute möglich ist, nämlich auf dem neudeutschen Index stehende Bücher einem Privatmann aus der Bibliothek zu holen – gegen Zahlung des ursprünglichen aufgewandten Kaufpreises -, war im Dritten Reich, das nicht christlich geprägt war, aber undenkbar.

Für uns gibt es keine verbotenen Bücher. Ob es „Das Kapital“ von Karl Marx ist, der mittelalterliche „Hexenhammer“, die Ausführungen des Jesuiten Loyola, die Bücher der „Frankfurter Schule“ (Horkheim, Markuse, Ardorno, Reich u. a.), sie können – so gewünscht – gelesen werden. Gerhardt Krüger betont:

„Haltet Euren Blick stets in die Weite, nicht in die Enge gerichtet. Ein freier Geist muss stark genug sein, jede Anregung von wo sie auch kommen mag, aufzugreifen und zu verarbeiten. Erst in der Auseinandersetzung, die uns zur letzten Klärung anspornt, im Streitgespräch und im ständigen Austausch der Erfahrungen erreichen wir die volle Höhe des uns Möglichen.“

Und er fährt fort:

„Sicherlich braucht jeder Mensch, jedes Volk einmal Zeiten der Besinnung auf sich selbst, auf die in ihm ruhenden Kräfte, auf seine Eigenart. Jedoch darf das niemals zur Abkapselung oder Dogmatisierung, den beiden schlimmsten Feinden des Geistes, führen. Sollen wir uns etwa fürchten vor den geistigen Verführungskünsten anderer?


Es gibt auch auf geistigem Gebiet eine lächerliche Bakterienangst. Wer stark und innerlich wirklich gefestigt ist, kann über solche Furcht lächeln. Wer sich isoliert von seiner geistigen Umwelt, bleibt stehen. Hinter chinesischen Mauern – gleichgültig welcher Art – gibt es keinen geistigen Fortschritt, deshalb müssen sie alle dermaleinst einstürzen.


Wer ein Volk mit großer Überlieferung und Anlage geistig versklavt, muss und wird eines Tages zwangsläufig den gefährlichsten geistigen Sklavenaufstand hervorrufen.“

Im Internet-Zeitalter ist eine geistige chinesische Mauer unmöglich; und das ist gut so, weil – wie Dr. Krüger sehr richtig sagt – wir nur dann auf die Dauer bestehen können, wenn wir unsere Weltanschauung (wenn auch nicht ununterbrochen, und bei jedem kleinen Einwand) immer wieder einmal auf ihre Tragfähigkeit abklopfen müssen.


Quelle und Kommentare hier:
Print Friendly

Das könnte Dich auch interessieren: