Denglisch für Dummies

von Rolf Stolz

Kampf um die Muttersprache: Das Deutsche wird zurückgedrängt, damit wir den Kontakt zu unserer Vergangenheit verlieren und unsere Gegenwart nicht mehr treffend beschreiben können. One World spricht one Language.

Eine Sprache ist mit vielem verbunden – mit dem Land ihres Ursprungs, mit dem Volk, das sie im Alltag spricht, mit der Kultur der sie prägenden Nation, mit den sie gestaltenden großen und kleineren Geistern, mit der Sprachpolitik des Staates und der Regierungen, aber auch mit dem weiten Feld des Profits durch Sprache.

Bei dem geht es nicht darum, dass Sprachkursveranstalter und Sprachbuchverleger ihr Scherflein kassieren, sondern um Sprache als Hemmnis oder Beschleuniger der Gewinnmaximierung.

Wenn alle Menschen Englisch sprächen: Welche gigantischen Möglichkeiten für Medienkonzerne, Fernseh- und Filmproduzenten und so weiter! Man muss nur zwei und zwei zusammenzählen können, um zu begreifen, wie sehr Google, Microsoft und Co. von einem Verschwinden des Deutschen und von einem parallelen Vordringen des Englischen profitieren. Ganz zu schweigen davon, dass die Herrschenden in der eigenen Sprache viel besser diktieren und manipulieren können. Irland, jahrhundertelang von den englischen Kolonialherren um sein Gälisch gebracht, kann davon ein Lied singen.

Englisch präsentiert sich dreifach: erstens als eine Hoch- und Literatursprache, die unsere bildungsfernen Politiker in aller Regel mental überfordert, zweitens als rudimentäres Basic English Marke Oettinger (genau, das ist der EU-Kommissar für Digitalsalat und Geschwellschaft) und zum dritten als Zutat zur Denglisch-Mischsprache, diesem Mix aus schrägem Fremdem und schiefem Eigenem.

Was leistet eine Sprache für eine Nation? Sie ist das elementare Lebens-Mittel einer Gesellschaft bei der Findung einer Mitte zwischen Sprachlosigkeit und ziellosem Worterguss. Sie vermittelt Gedanken und Haltungen, sie drückt den Wesenskern und die Werte einer geschichtlich gewachsenen Gemeinschaft aus.

Was muss nun eine Machtgruppierung, die einer Nation ihre Sprache nehmen will, tun, um dieses Ziel zu erreichen? Sie muss zunächst dafür sorgen, dass deren Sprechern – nicht zuletzt der intellektuellen Jugend – die eigene Sprache verdächtig oder sogar verhasst wird.

Man muss also mit Kollektivschuld-Kampagnen ein ganzes Volk als unverbesserliche Helfer des Bösen stigmatisieren und ihm einreden, seine Sprache sei altbacken, abgestanden, überholt und zumindest im öffentlichen Raum leicht ersetzbar.

Ein Beispiel: Das schöne Wort Kindergarten, 1840 von dem genialen Pädagogen Friedrich Fröbel eingeführt, ist in eine große Zahl von Fremdsprachen übernommen worden – nun haben Manuela Schwesig und ihre Vorgänger es durch das dumpfbackig-bürokratisch verstümmmelte Kita ersetzt.

Der Berliner Sprachforscher Rudolf Hoberg erklärte 2013:

«Erstmals in der Geschichte gibt es mit dem Englischen eine sehr dominante Sprache, die alle anderen zurückdrängt.»

Angeblich, so der Linguist Ulrich Ammon, Autor des Standardwerks Die internationale Stellung der deutschen Sprache (1991), liegt der Anteil des Deutschen an den naturwissenschaftlichen Publikationen der Welt bei einem Prozent, in den Sozialwissenschaften bei sieben Prozent. Über 80 Prozent der deutschen Naturwissenschaftler, rund 50 Prozent der Sozialwissenschaftler und 20 Prozent der Geisteswissenschaftler publizieren in Englisch – und unsere Politiker und Diplomaten tun es ihnen gleich. In dieselbe Richtung wirkt es, wenn komplette englische Studiengänge angeboten werden und Wirtschaftsbosse ihre Mitarbeiter anhalten, sich nur in der Language von Big Brother zu unterhalten und es für überflüssig erklären, dass hier arbeitende qualifizierte Ausländer Deutsch lernen.

Ulrich Greiner schrieb dazu 2010:

«Damit verhalten sich die Eliten unverantwortlich, denn der Zustand einer Sprache hängt am meisten von jenen ab, die Macht und Einfluss haben. An ihrem Sprachverhalten richten sich jene aus, die unten sind und nach oben wollen.»

Die Deutsche Welle, das Auslandsradio der BRD, hat früher auf deutsch und in über hundert Sprachen gesendet. Inzwischen hat der Intendant Peter Limbourg, eine dieser per Parteipolitik im Sinne des Peter-Prinzips nach oben katapultierten Kreaturen (so weit jenseits der eigenen Befähigung wie der Ex-Bürgermeister von Würselen an der Spitze des sogenannten Europaparlaments), die Parole ausgegeben, aus Kostengründen und im Sinne eines radikalen Globalismus weitgehend auf englisch zu senden.

Man wolle in aller Welt die Leaders erreichen – und die sprechen eben wie ihre Leithammel in Washington. Diese Führergläubigkeit, die die Völker nur noch als Beifallskulisse und Ausbeutungsobjekt sieht, kommt dem einen oder anderen vielleicht irgendwie aus dem Geschichtsunterricht bekannt vor.

Schaut man sich an, wie die grauen Herren und Damen – meist anonym – als Sprachregler ihr Manipulationswerk vollbringen, so durchdringen sich Tragödie und Komödie:

  • Der englische Wortschatz kennt den rucksack. Dummdeutsche Geschäftemacher propagieren statt des guten alten Rucksacks den Body Bag. Nur leider ist das für den Engländer ein Leichensack…
  • In den Spracheintopf wird Verschiedenstes eingerührt: Unter dem franzitalienischen Firmennamen Confiserie Firenze wird ein «Emsländer Apfelkuchen» angeboten, ausdrücklich mit dem Hinweis auf «Qualität aus Deutschland».
  • Bei der Fußballweltmeisterschaft nennt der Reporter im öffentlich-schlechtlichen Zwangsbezahlfernsehen den für Frankreich spielenden Morgan Schneiderlin, geboren im elsässischen Zellweiler, weder in französischer Aussprache «Schnäderlähn» noch auf gut deutsch «Schneiderlin» – nein, er fabriziert sich ein deutsch-französisch gemixtes «Schneiderlähn».
  • Als ich die Hotline der großen deutschen Bücherfabrik BOD (Book on demand) anrufe, eine Frage zur Benutzung der Netzseite stelle und dabei für den übrigens inzwischen sogar vom Duden als neudeutsches Wort akzeptierten «Refresh» (Genitiv: des Refreshs, Plural: die Refreshs) das Wort «Auffrischung» gebrauche, ernte ich die hilflose Antwort: «Auffrischung, was heißt Auffrischung?» Nach der Erläuterung, es gehe um das Wiederauffrischen des Speicherinhalts, heißt es: «Ach, Sie meinen den Refresher.»
  • Im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel fand sich 2010 ein Bericht über ein Treffen von Verlagsleuten. Unter dem Titel «Der Wind of Change bläst durch die Branche» hieß es, es sei dabei «um den zwischenmenschlichen Workflow» gegangen.
  • Im Rahmen des «Tags der offenen Tür» wurde unter dem Titel «Rock am Stock» zu Tanzmusik von der Band Up to date eingeladen – ausgerechnet vom Rhein-Taunus Krematorium Dachsenhausen.

Es wird darauf ankommen, dass selbstbewusste Deutsche ihre Sprache lieben und verteidigen – ohne Fanatismus und Purismus, aber durchaus im Sinne des Goethe-Worts

«Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt.»

Eine lebendige Sprache wird ohne weiteres das pseudoenglische Handy in ihren Wortschatz integrieren können, während sie dümmliche Blähvokabeln wie Coffee to go, Sale oder Hair Shop getrost wieder ausscheiden kann. Erst recht müssen Betrugsbegriffe auf die Abschussliste, die im Finanzwesen dazu dienen, etwa als Hypo Real Estate Group mit den Folgen von Customer Relation Management und Subprime Loans in Milliardenhöhe bei Kleinanlegern und Steuerzahlern Kasse zu machen.

Geht allerdings alles so weiter, dann landen unsere Enkel womöglich bei einem Deutsch, wie es ein angeblicher Executive Officer der UBS Investment Bank London in einer Lock-Nachricht für Gehirnamputierte mit Hilfe des Google Translators zusammengeschustert hat:

«Ich bin nicht anzetteln, vielleicht ein Partner in Crime, sondern ein Partner in einer Transaktion, die sicherstellen, dass unsere finanziellen Status für eine Zukunft zu kommen.»


Quelle und Kommentare hier:
Print Friendly, PDF & Email

Das könnte Dich auch interessieren: