Der ewige Nazi

von Jürgen Fritz

Die Welt braucht Juden. Seit Auschwitz sind die neuen Juden aber die Deutschen. Diese sind mit einer untilgbaren Kollektivschuld beladen. Daher müssen sie, wenn die Erde von ihren unvergleichlichen Verbrechen gereinigt werden soll, vollständig verschwinden, in einer abstrakten “Menschheit” auf- und untergehen. Doch was dann? Wer sollen die neuen Juden sein, wenn die Deutschen verschwunden sind?

Eines der letzten großen Tabus

“Es gibt noch Mythen und es gibt noch Tabus.” Mit diesen Worten beginnt Rolf Peter Sieferle, über dessen Schriften ich hier schon mehrfach berichtet habe, einen der wichtigsten, ja vielleicht den Schlüsselabschnitt seines posthum erschienenen Büchleins Finis Germaniawelcher mit Der ewige Nazi überschrieben ist. Nackheit und Sexualpraktiken, so macht Sieferle klar, gehören nicht mehr zu den Tabus, ebenso wenig die Blasphemie.

Sofern Letztere sich auf den Juden- oder Christengott bezieht, möchte ich ergänzen, und nicht auf den der Muslimengott, nicht auf Allah. Da sieht die Sache schnell anders aus. Warum dem so ist, wäre Stoff für eine eigene Abhandlung. Die christlichen Götter jedoch, auf welche Sieferle sich hier primär bezieht, dürfen in der Tat beliebig gelästert werden, ohne dass dies großartige Konsequenzen hätte. Gleichwohl gibt es bei uns mindestens ein Tabu, welches unverrückbar steht: der Antisemitismus.

Kritik an den Amis (sehr beliebt), den Russen, den Reichen (ebenfalls sehr beliebt), der Industrie, den Gewerkschaften, den Intellektuellen, den Männern, den Politikern, den Deutschen ist stets wohlfeil und in beliebiger Schärfe formulierbar. Kritik an den Juden jedoch muss auf die sorgfältigste Weise in die Versicherung eingepackt werden, es handle sich dabei keinesfalls um Antisemitismus, so Sieferle. Und ich ergänze wieder: Kritik am Islam und seinen Anhängern ist noch viel weniger möglich, ist ein noch viel größeres Tabu. Doch bleiben wir bei Sieferles Gedankengang. Der Grund für das Antisemitismus-Tabu liegt auf der Hand. Unsere durch und durch rationalisierte Welt habe einen letzten Mythos, der nicht angetastet werden dürfe: den Nationalsozialismus, genauer Auschwitz.

Was ist ein Mythos?

Ein Mythos ist eine Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht. Der Mythos braucht sich nicht zu rechtfertigen. Im Gegenteil: Er darf gar nicht nach einer Rechtfertigung befragt werden. Bereits die Spur des Zweifels, die schon in einer Relativierung liegt, stellt einen Verstoß gegen das dar, was den Mythos schützt und sich vor ihn stellt, das Tabu. Hat man nicht sogar die “Auschwitzlüge” als eine Art Gotteslästerung unter Strafbedrohung gesellt? Auschwitz muss unvergleichlich bleiben. Denn sobald man sich auf Aufklärung und den historischen Vergleich überhaupt auch nur einlässt, ist die Unvergleichlichkeit schnell dahin. Daher dürfe man gar nicht erst beginnen zu vergleichen. Daher das Tabu. Auschwitz muss, so der Konsens derer, die bestimmen, der Inbegriff einer singulären und untilgbaren Schuld sein und bleiben.

Das Wesen der ‘Schuld’

Schuld bedeutet zunächst einmal Verursachung. Man kann nur an etwas schuld sein, was man auch selbst verursacht hat. Aber Schuld ist mehr als nur eine Verursachung. Es muss noch etwas hinzukommen, um von Schuld sprechen zu können. Eine Verunreinigung, eine Befleckung des Rechts, die normalerweise durch reinigende Rituale beseitigt, zumindest aber gemildert werden kann. Der Verbrecher hat die Rechtsgemeinschaft beschmutzt. Die Säuberung geschieht durch seine Bestrafung.

Ist die Schuld sehr groß, hilft nur noch die restlose Austilgung des Beschmutzers. Dieser wird den Elementen zurückgegeben: dem Feuer, das ihn verbrennt, dem Wasser, das ihn ertränkt, der Luft, in der man ihn erhängt, und der Erde, welche ihn schließlich bedeckt. Daher also die Todesstrafe. Weil es den Menschen Unbehagen bereitet, in derselben Welt zu leben wie der Verbrecher, der Verschmutzer. Daher muss er verschwinden, damit die Menschheit vom Anblick seiner Verkommenheit befreit werde. Seine schiere Existenz ist für die anderen unerträglich.

Der Sinn der Kollektivschuld

Aber es gibt nicht nur die individuelle Schuld des Verbrechers, sondern auch noch etwas anderes: die Kollektivschuld seiner Sippe, seines Stammes, seiner Nation. Bei der Kollektivschuld gibt es aber keine eindeutige Zurechnung von Tat und Täter. Daher kann die Schuld auch nicht per Eliminierung des Verbrechers getilgt werden. Das soll sie aber auch gar nicht. Denn der Sinn der Kollektivschuld ist ein ganz anderer. Sie soll nicht aus der Welt geschafft werden, im Gegenteil: die Welt braucht die Kollektivschuld. Inwiefern?

Bei der Kollektivschuld handelt es sich um eine solche von metaphysischen Ausmaßen, die alles übersteigt. Um diese Figur zu verstehen, müssen wir auf einen anderen, einen archaischen Mythos zurückgreifen: den Mythos von der Erbsünde. Adam und Eva, die ersten Menschen, haben sich an Gott versündigt, weil sie sein Gebot brachen, auf keinen Fall vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu kosten. Damit aber verdarben sie das gesamte aus ihnen entspringende Menschengeschlecht für alle Zeit.

Nebenbemerkung von mir: Dieser Mythos von der Erbsünde, der auf Paulus zurückgeht und den es in dieser Form weder im Judentum noch im Islam gibt, kann in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In ihm kommt etwas Essenzielles der menschlichen Natur zum Ausdruck, die natürliche Anlage zum Bösen, die in jedem Menschen, in jedem Kind von Anfang drin steckt und die zur conditio humana gehört. Der natürlichen Anlage zum Bösen steht zugleich aber etwas anderes gegenüber: der Sinn für das Gute, das Gefühl und die Anlage zur Moral und sogar noch mehr als das: die Empfänglichkeit und Offenheit zur Moralität, zur Ethik, der Reflexion und Legitimation von Moral. Diese zwei Pole in unserem Innern, der Hang zur Verkommenheit und das Gefühl und die Sehnsucht nach dem Guten, machen uns zu innerlich zutiefst zerrissenen Geschöpfen. Genau dies macht unser Wesen mit aus und bildet zugleich die Folie, vor der alle Ausführungen Sieferles ihre Tiefendimension finden. Doch zurück zu diesem.

Schuld, Buße, Gnade und Liebe gehören zusammen

Der Schuld, die Adam und Eva auf sich luden, wird durch etwas anderes aufgefangen: von der Gnade Gottes. Der Mensch stürzt, aber er stürzt nicht in den bodenlosen Abgrund der völligen Verkommenheit. Er wird gehalten. Dabei ist die Größe der Schuld des Menschen notwendig, um die Größe der Gnade Gottes herauszustellen, der hierzu des sündigen Menschen bedarf. Schuld, Buße, Gnade und Liebe sind daher von Anfang an untrennbar verbunden.

Mit “Auschwitz” haben nun die Deutschen eine Kollektivschuld auf sich geladen. Auch hier wird zur permanenten Buße aufgerufen. Dem Deutschen wird es nicht gestattet, nicht Buße tun zu wollen, für das, was seine Vorfahren taten. Er wird zur Buße verpflichtet. Soweit so gut. Doch in dieser säkularisierten Form der Erbsünde fehlt etwas, was der christliche Mythos untrennbar mit Schuld und Buße verband: die Gnade. Und die Liebe. Der christliche Gott hört in all seinem Zorn, in all seiner Enttäuschung, in all seiner Wut dennoch nicht auf, seine Kinder zu lieben und lässt ihnen trotz harter Strafe, der Vertreibung aus dem Paradies, Gnade zuteil werden. Der Deutsche aber, der mit der Kollektivschuld belastet ist, kann Buße tun, wie er will, ihm wird solches niemals zuteil.

Der Deutsche ähnelt nicht dem Sünder, sondern dem Teufel

Daher ähnelt der Deutsche nicht dem Menschen, dessen Schuld durch die Liebe Gottes zumindest kompensiert wird, sondern einer anderen Gestalt: dem Teufel. Dem gestürzten Engel, dessen Schuld niemals vergeben werden kann, der für alle Zeiten von Gott getrennt ist.

Natürlich kommt auch dem Teufel in der christlichen Lehre und im mythischen Denken eine essenzielle Rolle zu, die dann im modernen, säkularen Denken neu besetzt werden muss. Der Satan bildet die Negativfolie, welcher Gott wiederum bedarf, um sich in seiner Güte positiv abheben zu können. Der Teufel ist die personifizierte Negativität, derer Gott gleich doppelt benötigt, a) um sich von ihr abheben zu können, b) um sich von den quälenden Fragen nach der Rechtfertigung der Übel in der Welt zu entlasten. Denn Schuld hat immer zuerst mit Verursachung zu tun, wie wir oben gesehen haben. Der Verursacher von allem aber ist der Schöpfer der Welt, so dass sich hier die Schuldfrage für alles Böse der Welt unweigerlich stellt und der Schöpfer hier der erste Adressat ist. Durch die Konstruktion des Teufels aber, kann die Schuld auf ihn umgelenkt werden. “Nicht ich bin schuld, sondern der da!”. Gott und die Welt brauchen also den Satan. Was aber tun in einer Welt, die nicht mehr an diesen gefallenen Engel glaubt?

Der Deutsche wird zum neuen Juden

Jetzt kommt der Deutsche ins Spiel, mit dem diese Rolle grandios neu besetzt werden kann. Der Deutsche, oder zumindest der Nazi, ist nun der säkularisierte Teufel der aufgeklärten Gegenwart, die sich von den alten Mythen gelöst hat und doch nicht von ihnen loskommt. Die mündig und autonom gewordene Welt braucht den Nazi als die Negativfolie, vor der sie selbst sich überhaupt erst rechtfertigen kann. Das eigene Gut-sein wird definiert über das Bekämpfen des bösen Nazis. Der Deutsche wird zum neuen Juden.

In der großen christlichen Erzählung gibt es nach dem Sündenfall Adam und Evas ein zweites ganz großes Menschheitsverbrechen: die Kreuzigung Christi. Dieses Verbrechen wurde zwar sogleich wieder aufgehoben durch die Auferstehung am dritten Tage und damit kam die Erlösung. Doch hatte diese Erlösung eine Voraussetzung: den Glauben. Den Glauben, dass Jeus der Sohn Gottes und unser alle Erlöser ist.

Die Juden begingen also gleich ein doppeltes Verbrechen. Erstens waren sie es, die Jesus durch die Römer hinrichten ließen, was einer unverzeihbaren Ungeheuerlichkeit gleichkam, wenngleich diese heilsgeschichtlich wiederum notwendig war – Judas und die Juden wurden gebraucht, um die Erlösung über den Kreuzestod Jesu überhaupt zu ermöglichen. Zweitens weigerten sie sich dann aber auch noch, Jesu als Sohn Gottes sowie als den Erlöser anzuerkennen. Was für ein Ärgernis für die Christen, diese verbrecherische Verstocktheit der Juden!

Ausgerechnet das von Gott auserwählte Volk, unter welchem der Gottessohn erschienen war, weigerte sich, das als solches zu glauben und zu bezeugen. Unverzeihlich! Und eine der tiefen Wurzeln des Judenhasses. Somit waren die Juden, die zudem vor den Christen den einen und einzigen Gott hatten und von diesem als das auserwählte Volk besonders geliebt wurden, was einer Zurücksetzung aller anderen gleichkam, auserkoren, zur Verkörperung des Übels in der Welt zu werden. Einer der Gründe, warum Hitler und die Nazis später so leichtes Spiel hatten mit ihrem Antisemitismus, der auf sehr fruchtbaren Boden fiel.

Die Welt braucht Juden

Zugleich waren die Juden in ihrer bis heute andauernden hartnäckigen Weigerung, die ihnen geoffenbarte “Wahrheit” des Christentums anzunehmen, eine Art Menetekel, an welchem die Sündhaftigkeit des Menschen sichtbar wurde, der immer aufs Neue unfähig ist, von seiner Gottesferne abzulassen. (Ergänzung von mir: Ähnliches gilt in sogar noch verschärfter Form für die islamische Lehre, da die Juden den Stifter (Erfinder) dieser ob seiner Unbildung sogar verlachten. Was für eine Kränkung, die förmlich nach Rache schreit!). Daher bestand von christlicher Seite auch wenig Interesse daran, das Judentum insgesamt zu vernichten, denn dann wäre ja die Negativfolie, deren man benötigt, verschwunden. Die Juden waren ideal geeignet, um daran die Sündhaftigkeit des Menschen aufzuzeigen und zugleich die eigene Sündhaftigkeit zu veräußern auf die Juden zu übertragen, damit im Außen greifbar zu machen.

Richtig dazugehören durften die Juden, die Christusmörder und -leugner aber natürlich nicht. Daher nisteten sie sich in den Nischen der Gesellschaft ein, die man ihnen überließ, als verpönte Wucherer und Händler. Entscheidend ist aber: die Welt braucht offensichtlich Juden (Sündenböcke) oder seit Auschwitz Deutsche. Weshalb und wozu? Damit die “Guten” sich von ihnen abheben, sich über die Abgrenzung zu ihnen definieren und sich so ihrer moralischen Qualität selbst zu versichern.

Wer werden die neuen Juden sein, wenn die Deutschen verschwunden sind?

Doch unterscheiden sich die neuen Juden von den alten in einem wichtigen Punkt. Die Juden nahmen die Deutung und Bewertung, die andere ihnen angedeihen lassen wollten, für sich selbst nicht an. Die Schuld der Juden an der Kreuzigung des Messias wurde von ihnen nie anerkannt und natürlich auch nicht die “Leugnung”, dass es sich um den Messias handelte. Die Deutschen sind die ersten, die ihre unauflösliche Schuld zugeben, wenngleich dies meist so geschieht, dass derjenige, welcher von der Schuld oder der “Verantwortung” der Deutschen spricht, sich damit gleichsam von dieser reinigt und diese den Verstockten zugeschoben wird, die diese nicht permanent wiederholen. Hier finden wir die tiefste Ursache der deutschen Selbstverachtung.

Die Schuld Adams und Evas wurde heilsgeschichtlich vom Opfertod Christi aufgehoben. Dadurch konnte dem Menschen Gottes Gnade zuteil werden. Die Deutschen, die ihre gnadenlose Schuld selbst anerkennen, können aber nicht erlöst werden. Die Deutschen kann man nicht lieben. Nicht einmal Gott. Dazu waren, so der Auschwitzmythos, ihre einzigartigen, unvergleichlichen Verbrechen, die man mit nichts anderem vergleichen darf, deren Unvergleichlichkeit vor jedem Vergleich als solche postuliert wird, zu schlimm. Außerdem haben die Deutschen noch ein zweites unverzeihliches Verbrechen begangen. In der Auswahl ihrer Opfer haben sie der Welt den alten Sündenbock genommen. Seit Auschwitz taugen die Juden nicht mehr als die Verbrecher schlechthin, sondern sollen nun in die ewige Opferrolle gedrängt werden, was diese teilweise gar nicht wollen.

Deshalb müssen die Deutschen von der Bildfläche der realen Geschichte vollkommen verschwinden, um so zu einem neuen Mythos werden zu können. Denn nur durch ihr Eliminieren kann ihre Schuld gesühnt und die Welt von ihnen befreit werden. Die Erde wird von diesem Schandfleck erst dann gereinigt sein, wenn die Deutschen zu abstrakten “Menschen” geworden, wenn sie in einem Größeren – EU, Weltbürger, Menschheit – auf- und untergehen und somit alles Deutsche verschwindet. Doch stellt sich dann ein neues Problem, welches die, die ganz im mythischen Denken gefangen, nicht gewahr werden. Wer sollen dann ihre neuen Juden sein?

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