Der Mensch am Schlachtfeld zwischen Lüge und Wahrheit – Teil 1: Im Griff der Würgeschlange

von Parkwaechter

Nach Einschätzung von Peter Sloterdijk ist heute „der Lügenäther so dicht wie seit den Tagen des Kalten Kriegs nicht mehr“, dem Journalismus attestiert er „Verwahrlosung“ und „zügellose Parteinahme“. Sloterdijk: „Die angestellten Meinungsäußerer werden für Sich-Gehen-Lassen bezahlt, und sie nehmen den Job an.“ (siehe Interview)

KlapperschlangeAuch John Doe, der Aufdecker der Panama Papers,  findet in einer jüngsten Stellungnahme gegenüber den Medien wenig schmeichelhafte Worte (siehe Süddeutsche):

„Die Medien haben versagt. Viele Fernsehanstalten sind nur noch lächerliche Abziehbilder ihrer selbst, und unter Milliardären scheint es neuerdings in Mode gekommen zu sein, Zeitungen aufzukaufen und so eine ernsthafte Berichterstattung über die Reichen und Superreichen zu verhindern. (…)


Die Auswirkungen dieses vielfachen Versagens führen zum ethischen Niedergang unserer Gesellschaft und letztlich zu einem neuen System, das wir noch Kapitalismus nennen, das aber in Wahrheit ökonomisches Sklaventum ist. In diesem System – unserem System – wissen die Sklaven weder, dass sie Sklaven sind, noch kennen sie ihre Herren, die in einer Parallelwelt leben, und die unsichtbaren Ketten sorgfältig unter einem Haufen unverständlicher Gesetzestexte verstecken. Das weltweite Schadensausmaß sollte uns alle wachrütteln. (…)


Damals war militärische Macht notwendig, um die Menschen zu unterdrücken, während es heute genauso effektiv oder noch effektiver ist, die Menschen vom Zugang zu Informationen abzuschneiden – auch weil das im Verborgenen geschieht.“

Da Lüge für das Innere des Menschen in Wirklichkeit genauso giftig ist wie Zyankali, wundert es nicht, wenn ab und zu einem Journalisten, der ja mit seinem Beruf an sich angetreten ist um der Wahrheit und Aufklärung zu dienen, der Kragen platzt. So wie seinerzeit dem Chefredakteur der New York Times, John Swinton, als auf einem Festbankett ehrende Worte über die „unabhängige Presse“ gesprochen wurden. Swinton dazu erzürnt:

„Wenn ich mir erlaubte, meine ehrliche Meinung in einer der Papierausgaben erscheinen zu lassen, dann würde ich binnen 24 Stunden meine Beschäftigung verlieren. Das Geschäft der Journalisten ist, die Wahrheit zu zerstören, schlankweg zu lügen, die Wahrheit zu pervertieren, sie zu morden, zu Füßen des Mammons zu legen und sein Land und die menschliche Rasse zu verkaufen zum Zweck des täglichen Broterwerbs. … Wir sind Werkzeuge und Vasallen von reichen Männern hinter der Szene. Wir sind Marionetten. Sie ziehen die Strippen, und wir tanzen an den Strippen. Unsere Talente, unsere Möglichkeiten und unsere Leben stehen allesamt im Eigentum anderer Männer. Wir sind intellektuelle Prostituierte.“ (Zitat aus Wikipedia)

Ein besonders wirkungsvolles Mittel, um dem marktradikalen („neoliberalen“) Mammon die Bahn zu ebnen und uns Lügen einzutrichtern, sind Zahlen und Statistiken. Da wir durch Schule und Universität zu zahlengläubigen Menschen erzogen wurden, haben die professionellen Meinungsmacher aus Politik und Wirtschaft hier besonders leichtes Spiel. Denn durch Zahlen ist ausnahmslos alles argumentierbar bzw. aus „wissenschaftlicher“ Sicht beweisbar (da ich selbst als technischer Gutachter arbeite und mit Zahlen jongliere, weiß ich das nur zu gut).

Nicht nur, dass man streng wissenschaftlich beweisen kann, dass schwarzer Kaviar den gleichen Lichtabsorptionskoeffizienten wie Schuhpasta besitzt und dass Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft auch nur denselben Kalorien- und Nährstoffgehalt wie solche aus Pestizid-Landwirtschaft aufweisen. Man kann ebenso stichhaltig darlegen, dass Kernkraft unentbehrlich ist, Fracking die Arbeitslosigkeit vermindert und Rente mit 73 demnächst unausweichlich (siehe Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft /IW). Selbst der nackte Wahnsinn kann aus „streng wissenschaftlicher“ Sicht schöngerechnet und als alternativlos dargestellt werden.

Wie wir mit Zahlen um die Wahrheit betrogen werden und wie z.B. Pharmakonzerne damit auf Kosten unserer Gesundheit milliardenschwere Profite machen, darüber kann man sich in der Erste-Doku „Im Land der Lügen“ einen ersten Eindruck machen (siehe Das Erste). Hierbei erinnert der weltweit anerkannte Risikoforscher Prof. Gerd Gigerenzer daran, dass die ins Feld der Meinungsmache geführten Zahlen und „Fakten“ oft auf fragwürdigen Studien stammen, die interessengesteuert entstanden sind.

Dass die derzeitig verfahrene globalpolitische und allgemeinmenschliche Situation keineswegs Grund zur Resignation geben darf, sondern ganz im Gegenteil, als Ansporn zum Aufwachen und sogar zur begeisterten Neugestaltung der Verhältnisse dienen kann, dazu später mehr. Vorneweg nur ein einleitender Gedanke:

Während sich alle Revolutionen im Äußeren bisher als relativ erfolglos bzw. als von kurzer Dauer erwiesen haben, so wäre ein Aufbegehren gegen die Lüge – und dazu gehört auch die schonungslose Ehrlichkeit gegen die in der eigenen Brust wohnende Tendenz zur Lüge – wohl die größte und wirkungsvollste Revolution in der gesamten Menschheitsgeschichte. Indem man der Lüge den Kampf erklärte, würden die ökonomischen, ökologischen und politischen Sümpfe, in denen derzeit alles zu versinken droht, schnell trockengelegt und bislang ausweglos erscheinende Problemfelder würden dahinschmelzen wie Schneemänner in der Sonne.

Die Revolution gegen die Lüge kann allerdings nicht in der Form eines schnellen Putsches über Nacht vonstatten gehen, sondern sie ist ein langwieriger Prozess, in dem wir viele Rückschläge und Selbst-Desillusionierungen einkalkulieren müssen. Denn das Lügengeflecht, in das wir – meist unbewusst – eingewoben sind, ist gewaltig und die Bandbreite der Lüge reicht von grobklötziger, offenkundiger Korruption und Rufmord bis hin zu subtilen inneren Lebenslügen und Unaufrichtigkeiten, mit denen man sich im täglichen Leben an gewisse Gesellschaftsgepflogenheiten und herrschende Meinungen angepasst hat.

Der Kampf, der sich ab dem Moment auftut, in dem man die Bedeutung dieses inneren Schlachtfelds erkannt hat, ist kein leichter. Wie schon der legendäre UN Generalsekretär Dag Hammarskjöld in seinem Tagebuch geschrieben hat: „Auf dem Blocksbergritt zum Teufelsberg begegnest du nur – dir selbst, dir selbst, dir selbst.“ – was auch der Grund ist, warum so viele davor zurückschrecken und sich lieber die Zeit damit vertreiben, um zuzugucken, wie auf grünem Rasen ein paar Fußballesterer einen Lederball zwischen zwei Stangen drücken – wenn ich den Eifelphilosophen hier mal ganz frei zitieren darf.

Hammarskjöld in seiner Vorliebe für japanische Haikus hat mit diesem Vers eine tiefe Wahrheit in allerdings verkürzter und daher leicht missverständlicher Form ausgedrückt. Denn nicht das eigene Selbst bzw. unser menschlicher Persönlichkeitskern ist der innere Feind, sondern ein aus Angst und Eitelkeit gestricktes archetypisches Konglomerat, das man sich am besten in Form einer Schlange vorstellen kann – so ähnlich wie man in Apotheken oft das Symbol des Äskulapstabes mit einer oder mehrerer um diesen aufrechten Stab gewundenen Schlangen sehen kann. Oft sind die Schlangen, die sich um unsere aufrechte Persönlichkeit winden, ziemlich dick und manchmal sogar giftig.

In Wirklichkeit ist es also nicht das Selbst, das man im Inneren als Wurzel der Lüge entdeckt – ganz im Gegenteil: unser menschlicher Persönlichkeitskern sucht die Wahrheit und hasst die Lüge. Die Lüge ist ihm wie ein Kurzschluss, der sich, wie man von Lügendetektoren weiß, als Störung bis hinein in die vegetativen Funktionen des Körpers auswirkt.

Noch verheerender ist die Wirkung der Lüge auf der psychischen Ebene: Bildlich gesprochen, reißen bei jeder Lüge unzählige innere Stricke und Verbindungsseile, die einem Menschen Halt, Sicherheit und ein gesundes Selbstbewusstsein geben. Sind zu viele dieser Seile gerissen, dann ist man im Leben unterwegs wie ein Zirkus-Seiltänzer auf großer Höhe ohne Sicherheitsnetz – wenn er aus dem Gleichgewicht kommt und abstürzt, geht es übel für ihn aus. In psychischer Hinsicht drückt sich ein solcher Absturz eben nicht als Knochenbruch, sondern als Depression aus. Und Depression soll ja laut WHO-Prognose innerhalb der nächsten 15 Jahre zur Volkskrankheit Nr. 1 avancieren (siehe Ärztezeitung ). Man tut somit gut daran, die inneren Seile zu pflegen bzw. neu zu knüpfen anstatt sie leichtfertig zu zerreißen.

Die innere Auseinandersetzung im Kampf gegen die Lüge lohnt sich also. Wer ihn aufnimmt, merkt schnell, wie verlorengegangene Lebensgeister wieder zurückkehren und wie er wieder echtes Selbst(wert)bewusstsein und Würde erlangt. Wer in diesem inneren Kampf Tore erzielt und an innerem Terrain gewinnt, der punktet wirklich. Wer hingegen auf einem Flachbildschirm zuguckt, wie bei der EM Tore geschossen werden, der hat in Wirklichkeit nur Zeit verloren.


Diese Wahrheit über unser Innenleben und die Relativierung des Fußballs sind eine Zumutung, ich weiß. Aber wir sind hier ja auch nicht im Forum der Bild-Zeitung oder auf Astrodictium Simplex / ScienceBlogs. Leser, die es hierhergeschafft haben, geben i.d.R. nicht mehr viel auf Illusionen und eitlen Intellektualismus, sondern vertragen auch Unbequemes. In diesem Sinne: Wünsche allen einen angenehmen Abend und wollte natürlich niemandem, der sich ein Bier kaltgestellt hat, das in 5 Minuten startende UEFA-Match Portugal gegen Island vergraulen…

Demnächst im Nachrichtenspiegel:

Der Mensch am Schlachtfeld zwischen Lüge und Wahrheit

   – Teil 2: Die Götterdämmerung der Lügenpresse

   – Teil 3: Das Erwachen des Hartzbürgers


Quelle und Kommentare hier:
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