Der Stern, Fake-News, Propaganda und deutsche Gerichte

von Jochen Mitschka

In einem Urteil im Verfahren der Zeitschrift Stern gegen den Blogbetreiber „Blauer-Bote“  argumentierte die Richterin, dass „Fakten und Beweise keine Rolle spielen“, wenn ein Journalist einen Artikel schreibt

Nach meiner Interpretation: Wenn in den Medien ein Artikel steht, kann der keine „FakeNews“ sein, weil das ja von einem Journalisten ist. Diesem könne man aber nicht zumuten, sich über alle Details in seinem Bericht eingehend zu informieren. Das bedeutet m.E. einen Freibrief für die Massenmedien, nach belieben Gerüchte, FakeNews, Propaganda zu verbreiten, ohne dass man das als solche bezeichnen darf. Aus Sicht des Establishments so logisch, wie die Behauptung des Generalbundesanwaltes, dass man einen Angriffskrieg unterstützen kann, ohne einen Angriffskrieg geplant zu haben, weshalb die Unterstützung eines Angriffskrieges nicht gegen das Grundgesetz verstößt.

Sicher ist es sinnvoll, einen Journalisten und ein Medium nicht für jede Nachricht in Haftung nehmen zu können, besonders wenn man sieht, wie oft sich sogar Aussagen der Bundesregierung als falsch erweisen (siehe Beispiel NSA oder Ukraine)

Aber wenn ein Medium bzw. ein Journalist überführt wird, grob fahrlässig, oder mit bedingtem Vorsatz, wider journalistisches Fachwissen und gesunden Menschenverstand, einen Sachverhalt falsch oder unter bewusster Unterlassung von Informationen, veröffentlicht zu haben, muss es erlaubt sein, dieses Medium und diesen Journalisten an den Medienpranger zu stellen. Nur so wird dem mündigen Medienkonsumenten ermöglicht, sich selbst eine Meinung zu bilden. Das Urteil wirft die Frage zwangsläufig auf, ob der mündige Medienkonsument überhaupt erwünscht ist.

Was wir erleben, ist die kritiklose Übernahme von Propaganda einer Kriegspartei, und die Veröffentlichung als Nachricht, ohne auch nur zu VERSUCHEN, sich über den Wahrheitsgehalt zu informieren. Jeder Mensch mit einem gesunden Menschenverstand und Zugang zum Internet konnte sich denken, dass die Geschichte des Mädchens Bana Alabed eine reine Propagandastory war und ist. Ich kann nicht glauben, dass ein Journalist des Sterns wirklich so naiv oder dumm sein sollte, das nicht zu erkennen. Wer dieses Wissen ignorierte, und die Geschichte als Nachricht und damit Wahrheit verbreitete, agierte in meinen Augen nicht nur fahrlässig, was durch das Urteil vermutlich geschützt werden sollte, sondern zumindest mit bedingtem Vorsatz, wenn nicht sogar vorsätzlich.

Aus diesem Grund möchte ich hier die Geschichte des Mädchens Bana Alabed erklären, wie sie durch Prof. Tim Hayward in der Online-Zeitung 21stCenturyWire veröffentlicht wurde:

„… Bana lebt jetzt sicher in der Türkei, und meine herzlichsten Wünsche gehen an sie, in der Hoffnung, dass sie in der Lage sein wird, ein friedliches und glückliches Leben zu führen. Ich hoffe, ihre Eltern werden es ihr ermöglichen. In diesem Artikel werde ich mich nicht auf ein kleines syrisches Mädchen beziehen, das jetzt 8 Jahre alt und in einem neuen Land ist. Für sie wünscht mein Herz nur das Beste.

Ich werde über das Internet-Phänomen @AlabedBana reden, und über die Erwachsenen, die für ihre Erschaffung verantwortlich sind. Dabei über Familienmitglieder zu reden, ist unvermeidbar.

Beginnen wir mit einer einfachen und offensichtlichen Tatsache:  Die Twitter-Identität wurde nicht durch ein 7 Jahre altes Mädchen aus Aleppo erschaffen oder betrieben, auch wenn man es als lebenden Avatar benutzte. Jeder, der das bezweifelt, oder verwirrt über die Behauptung ist, möge sich doch bitte etwas mehr beim Denken anstrengen. Ich schreibe für Erwachsene. Ich sollte hinzufügen, dass ich jedoch nicht so unverschämt bin, mehr gesunden Menschenverstand von den Lesern zu erwarten als von den Kindern, die ich kenne.

Was instinktiv offensichtlich hervorstach, aber trotzdem von den Massen-Medien und den Protagonisten der Propaganda in derem Halbschatten als „verschwörungstheoretischer Nonsens“ verworfen wurde, ist nur auch empirisch beweisbar. 

Seitdem die Kämpfe in Aleppo endeten, kommt die Wahrheit über Menschen, Orte und Ereignisse während der Zeit der Besetzung [durch die Terroristen] und Belagerung [durch die Regierung] langsam ans Licht. Diese Wahrheit unterscheidet sich fast in jeder Hinsicht von den Informationen, die uns die Massenmedien zum Zeitpunkt der Kämpfe glauben machen wollten. Die Twitter-Identität @AlabedBana ist eine der deutlichsten Beispiele. Ein weiteres ist das Bild des kleinen Jungen Omran, das wir am Ende auch kurz erwähnen werden.

Was ich nun schreiben werde, verlangt keine tiefgehende Recherche oder Analyse von meiner Seite. Das wurde bereits von Khaled Iskif, einem Journalisten aus Aleppo, erledigt. (Ich empfehle sein Video über @AlabedBana und andere Videos, die verschiedene, vorher nicht berichtete Aspekte der Situation in Aleppo abdecken. Er fügt regelmäßig solche Videos seinem Youtube Channel hinzu.) Er lebt im westlichen Teil der Stadt, der von der Regierung beschützt worden war, während der östliche Teil zur Geisel wurde. Er ist nun in der Lage in den Osten zu gehen, und verschiedene Gegenden zu besuchen, die uns durch Video-Berichte über das Aleppo Media Center (in der Türkei) und die Massenmedien, bekannt gemacht worden waren.

In seinem neuesten Video, nimmt uns Khaled mit auf einen Rundgang durch das Haus von Alabed und die Umgebung, begleitet von Nour Al Ali, der die Aufnahmen macht. Sie zeigen uns das Haus von Alabed, und wir folgen ihm dann im Video in das Hauptquartier von Al-Nusra, direkt daneben.

Die Nähe des Hauses zum Hauptquartier der Terroristen wird so offensichtlich, sind sie doch nur wenige Meter durch eine gemeinsam genutzte Straße getrennt. Das erklärt, warum das Haus in einem Gebiet war, auf welches Bomben fielen. Ungefähr 100 Terroristen waren im Erdgeschoss des naheliegenden Gebäudes untergebracht, wie lokale Augenzeugen erklären.

Wir lernen etwas über die Alabed Familie. Der Großvater väterlicherseits betrieb einen Waffenhandel und eine Reparaturwerkstatt für Al-Nusra und andere Terroristen-Gruppen. Seine Söhne arbeiteten dort, einer davon war bereits vorbestraft, schon vor dem Krieg, weil er Waffen geschmuggelt hatte. Und wir sehen ein Foto der nun weltbekannten Enkelin, als sie ca. 3 Jahre alt war, und mit einer Waffe posierte, die größer als sie selbst war.

Ihr Vater Ghassan hatte als Anwalt gearbeitet, bevor er in die bewaffneten Gruppen eingetreten war. Wir sehen Fotos von Ghassan, bewaffnet, gemeinsam mit Mitgliedern von Al-Nusra und der Islamic Safwat Brigade. Wir sehen Dokumente, die zeigen, wie er in einem Scharia-Gericht arbeitet, das im ‚Augen-Krankenhaus‘ eingerichtet worden war. Unter den Papieren, die in dem aufgegebenen Haus verstreut sind, ist eines, das darauf hin deutet, dass er ein ‚Stellvertretender Direktor des „Standesamtes“ ‚ des „Rathauses“ von Aleppo war – also Funktionär einer ‚Rebellen‘-Organisation mit Verbindungen zu ausländischen Staaten und bewaffneten Gruppen in dem Gouvernement.  

Ein weiteres Dokument zeigt seine Arbeit als Militärausbilder und Untersuchungsrichter für die Islamische Safwa Brigaden. Vor 2015 hatte er mit ISIS in dem Scharia-Gericht im „Augen-Krankenhaus“ gearbeitet.  Wir sehen ein Foto von ihm, mit einer AK47 neben einer ISIS-Flagge. Ein weiteres Foto von ihm zeigt ihn in der Mitte einer bewaffneten Asafwa Gruppe. Wir sehen ihn mit vier Brüdern, jeder davon mit einer ernsthaften Waffe in der Hand, vor ihrem Geschäft.

Was auch herumliegt, ist ein Stück Papier von der Größe eines Hundeohres, mit einem von Banas bekannten #StandWithAleppo Mitteilungen darauf.

Außerhalb des Bana-Hauses, und gerade um die Ecke, werden wir in ein Erdgeschoss geführt. Wir sind nun im Hauptquartier von Al-Nusra. Dort sehen wir Flaggen der Militanten, Verpflegung aus der Türkei, und ein Gefängnis.

Auf diesem und anderen Videos ist noch viel mehr zu sehen, und ich empfehle dringend, sie anzuschauen. Sie haben nicht die schicken Produktionswerte von Kanal 4 und anderen Massenmeiden. Was sie anbieten ist eine ehrliche und leidenschaftslose Berichterstattung. Bzw. eine Berichterstattung, die so leidenschaftslos ist, wie ein beteiligter Beobachter unter diesen Bedingungen sein kann.

Als Bewohner von Aleppo ist Khaled sichtbar betroffen von der ganzen Situation. Er drückt etwas aus, das nahe der Verzweiflung über ‚den Missbrauch von Kindern in politisch motivierten Versuchen, das Image der Regierung zu zerstören‘ klingt. Die anderen Bewohner der Stadt, die in diesem Teil leben, bestätigten auf den Videos, dass sie als lebende Schutzschilde durch die Militanten missbraucht worden waren.

Khaled sagt auch etwas über den kleinen Jungen Omran, der, in einem orangefarbigen Krankenwagensitz fotografiert, eine weitere Medien-Sensation im Westen war. Wir trafen Omran in den Videos von Khaled  (siehe dazu auch DIESES  und JENES  ). Er ist in Aleppo, zurück in seinem eigenen Haus, nicht in der Türkei.  …“

Die Protagonisten der Terroristen-Propaganda behaupten, dass der Vater von Omran von der Regierung erpresst werden würde, falsche Aussagen zu machen. Die Frage ist dann, warum der Vater nicht die Popularität seines Sohnes genutzt hat, um sich eine neue Existenz im Ausland aufzubauen, und lukrative Angebote, die glaubwürdig abgegeben wurden, anzunehmen.

„… Omran wurde in die Scheinwerfer der Medien gestoßen, GEGEN den Willen der Familie. Seine Familie ist froh, dass Aleppo nun von jenen befreit ist, die die Propaganda für #Bana erschaffen hatten…“

Vollständiger Originalartikel

Ich bin ein einfacher Blogger, ohne Zugang zu besonderen Informationen, außer denen, die im Internet und den Medien frei verfügbar sind. Und mir war von Anfang an, auf Grund der Offensichtlichkeit der Verfälschungen, klar, dass es sich bei @AlabedBana um einen Propaganda-Stunt handelte.

Die Gründe hatte auch der „Blauer Bote“ dankenswerterweise in mehreren Artikeln ausführlich dargelegt. Sie waren aber auch ohne diese Auflistung für jeden, der sich auch nur oberflächlich mit dem Thema Syrien und/oder Twitter beschäftigte, offensichtlich.

Wenn nun ein Gericht verbietet, einen Artikel in einer Zeitschrift, die sich „seriös“ bezeichnet, als FakeNews und Propaganda zu benamen, ist das nach meiner Meinung das Beschützen von Journalisten und Medien, die grob fahrlässig oder mit bedingtem Vorsatz, ja sogar vorsätzlich (wie soll das bewiesen werden?) Falschinformationen als Wahrheit an Leser verbreiten.

Jochen Mitschka


Quelle und Kommentare hier:
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