Der Weltkrieg der USA gegen die sechzig Terrorstaaten

Von Reiner August Dammann

Blicken wir im Jahre 2015 auf die Geschichte zurück, bemerken wir seltsames. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit hat sich die Welt nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes nicht in friedliches, kooperatives Paradies verwandelt, sondern taumelt zusehends wieder auf barbarische Zustände zurück.

The_U.S._Army_-_Civil-military_operations-670x445Erinnern wir uns: nach dem Zweiten Weltkrieg waren 45 Jahre Geschichte geprägt von dem “Kalten Krieg”, im Prinzip eine Verlängerung des Krieges, der 1914 begonnen hatte und mit der russischen Revolution Machtballungen ins Spiel brachte, die die bisherigen feudalen Strukturen des europäischen Kontinentes massiv in Gefahr brachten. Schon zuvor hatten die demokratischen Bewegungen im alten Europa dem Feudalismus massiven Schaden zugefügt, dem man jedoch – als Mann mit Geld – sicher und souverän begegnen konnte: der Kleinbauer hatte einfach nicht genug Geld noch genug Zeit, die – bislang immer noch für notwendig gehaltenen “Regierungen” und ihre Repräsentanten – zum Essen einzuladen … jedenfalls nicht auf einem solchen Niveau, dass man damit den Reichsbeamten beeindrucken konnte.

Nach der Zerschlagung des – für die alten Mächte Frankreich und Großbritannien sehr störenden – neu entstandenen deutschen Nationalstaates blieb das russische Reich übrig … als Reich des Bösen, das man mit militärischer Gewalt zu bezwingen suchte, doch wieder Erwarten triumphierten die “Roten” über die zarentreuen “Weißen” und widerstanden den Interventionen der Kolonialmächte. Nach einer kleinen Neuaufführung des Ersten Weltkrieges als Zweiter Weltkrieg blieben zwei Supermächte übrig: die USA und die Sowjetunion, beide ausgestattet mit der militärischen Macht, die Welt mehrere hundert Mal komplett zu vernichten.

1990 sah es dann so aus, als ob der Menschheit etwas ganz Gewaltiges gelungen war: die friedliche Beilegung eines gewaltigen Konfliktpotentials, das die ganze Welt in die Vernichtung hätte treiben können. Gelungen war dies vor allem durch diplomatische Aktivitäten, durch viele Verhandlungen hinter den Kulissen, durch öffentliche Einführung “vertrauensbildender Maßnahmen”, die ein Klima schaffen sollten, das zukünftige Kriege unmöglich machte: ein Traum für den “kleinen Mann”, der immer als erster zu solchen Anlässen verheizt wird.

2015 – nur ein Vierteljahrundert später – sind die Nachrichten wieder voll mit bedrohlichen Szenarien. Die Nato verlegt Truppen an ihre Ostgrenze, Russland ist – quasi über Nacht – von einem geschätzten Handelspartner zu einem Erbfeind geworden, China baut seine Flotte massiv aus, weil sein See- und Luftraum zunehmend bedroht wird (siehe China.org):

Im vergangenen Jahr hatte die chinesische Küstenüberwachung laut Angaben des SOA 36 Patrouillen und 402 Flüge durchgeführt.

Bei den 262 Tage langen Seepatrouillen wurden 188 ausländische Schiffe und 21 ausländische Flugzeuge entdeckt, die sich im chinesischen Seegebiet aufhielten.

Es kommt zu direkten Konfrontationen zwischen chinesischen Streitkräften und den USA (siehe Spiegel), die ihr Pendant in “brisanten” militärischen Konfrontationen mit Russland finden (siehe Spiegel), blindwütige Eskalationen, die jede diplomatische Aktivität verblassen lassen. Nebenbei erfährt man, dass den Chinesen der Geduldsfaden reist (siehe Spiegel):

An diesem Dienstag hatte China zudem den Ton noch einmal verschärft und erklärt, seine Seestreitkräfte auszubauen. Künftig will man die Marine auch für “Schutzmaßnahmen auf dem offenen Meer” einsetzen und nicht wie bisher nur für “die Verteidigung in Küstengewässern”. Auch die Luftwaffe werde nicht mehr nur Verteidigungsaufgaben wie die Flugabwehr wahrnehmen, sondern offensiver reagieren. Eine kaum noch verhohlene Drohung in Richtung der anderen Streitparteien.

In der westlichen Presse werden wir mit – journalistisch unseriösen – Berichten über “Putins Schattenarmee” (siehe Spiegel) versorgt, die angeblich unter dem Kommando militärisch kaum ausreichend geschulter Zivilisten gegen die ukrainische Armee vorgehen: Berichte, die Unterstellungen mit Vermutungen beweisen. Fakt scheint ein gewaltiges, antirussisches Bauwerk zu sein, dass die wirtschaftlich nahezu bankrotte Ukraine bis 2018 fertig stellen will: das Pendant zur innerdeutschen Grenze wird ohne großartige Berichterstattung in die Tat umgesetzt (siehe Handelsblatt):

Bis 2018 soll die insgesamt rund 2200 Kilometer lange Grenze zwischen der Ukraine und Russland mit einem zusammenhängenden System technischer Anlagen ausgestattet werden. Künstliche Hindernisse, Wachtürme, Zäune und Gräben sollen den illegalen Grenzübertritt erschweren. Die Regierung berichtet zudem von elektronischen Steuerungssystemen, die noch mehr Sicherheit versprechen.

Hier werden die Grenzen in einem Konflikt zementiert, bevor man überhaupt zwischen allen Propagandaberichten Luft holen kann – wer die Baumaßnahmen finanziert, bleibt offen, dabei ist die Situation von äußerster Brisanz (siehe Kurier.at):

Wegen des Konflikts in der Ukraine hat ein chinesischer Militärstratege Vorbereitungen auf einen Krieg gefordert. “Der Ausbruch eines Weltkrieges ist nicht unmöglich”, schrieb Professor Han Xudong von der Nationalen Verteidigungsuniversität der Volksbefreiungsarmee am Dienstag in einem Kommentar für das Parteiorgan Volkszeitung.

Welche diplomatischen Offensiven haben wir – “der Westen” – nun gestartet, um diese brandgefährliche Entwicklung zu stoppen?

Keine. Wir in Deutschland bauen schon mal neue Panzer (siehe Spiegel) – so als ob vertrauensbildende Maßnahmen, Diplomatie und Geheimverhandlungen vollkommen ausgelöscht worden wären … zugunsten eines “Fuck the EU”.

Völlige Stille herrscht in Europa über diese seltsame Wendung in der Geschichte, keine Friedensbewegung marschiert in Millionengröße, keine friedensliebenden Intellektuellen mahnen in den staatstragenden Medien, besonnene Politiker sucht man vergebens.

Niemand fragt sich offenbar, warum das so ist.

Dabei wäre die Antwort einfach – für jedermann offen zugänglich, nur ist der öffentliche Souverän des Westens außerordentlich “beschäftigt”, seinen Alltag auf die Reihe zu bekommen und wird auf hundert Kanälen mit Informationen zugeschüttet, so daß er kaum noch eine Möglichkeit hat, ein Gesamtbild zu entwickeln, welches die Entwicklung der letzten 14 Jahre plausibel erklärt – inklusive der völligen Ineffektivität des diplomatischen Korps.

Als CIA-Direktor George Tennet dem Präsidenten erklärte, falls er sich wirklich die Länder vorknöpfen wolle, die Terroristen unterstützen oder beherbergten, stehe er vor einem “sechzig-Länder-Problem”, entgegnete ihm Bush:

“Schießen wir sie der Reihe nach ab”. (Bob Woodward, zitiert bei Benjamin R. Barber, Imperium der Angst, Die USA und die Neuordnung der Welt, DTV Oktober 2007, Seite 35).

Und das ist genau das, was seit 2001 geschieht: 60 Terrorstaaten werden “abgeschossen” – mit unterschiedlichsten Methoden. Die Falken in den USA konnten dank nine-eleven unglaublich an Macht und Einfluss gewinnen, was vorher als unmöglich galt, wurde plötzlich Realität: Angriffskriege gegen Drittstaaten, weltweiter Drohnenterror, die Schaffung einer weltumspannenden militärischen Kommandostruktur (siehe bits), die den Krieg gegen sechzig Länder möglich macht.

Welche Länder?

Nun: ein paar kennen wir schon. Irak (erledigt), Afghanistan (erledigt), Libyen (erledigt), andere wie Syrien und der Iran sind in Arbeit. Leider liegt die vollständige Liste der Zielstaaten nicht vor, was bedauerlich ist: der Präsidentenwechsel in Washington scheint keinerlei Änderungen in der Angriffsstrategie nach sich zu ziehen, im Gegenteil: der Ausbau der auch von deutschen Boden aus gesteuerten US-Drohnenflotte soll weiter voranschreiten (siehe Spiegel). Doch nicht nur militärische Gewalt zählt zu den Maßnahmen der Offensive gegen “Terrorstaaten”. Im Falle Syriens veröffentlichte das State Deparment eine Liste umfangreicher Maßnahmen, die zur Destabilisierung der syrischen Regierung beitragen sollen (siehe state.gov), darunter Training und Ausrüstung der bewaffneten Opposition, aber auch die gezielte Förderung von “Bürgerrechtsbewegungen”:

(U.S. non-lethal assistance includes training and equipment to build the capacity of a network of more than 3,000 grassroots activists, including women and youth, from more than 400 opposition councils and organizations from around the country to link Syrian citizens with the national- and local-level Syrian opposition. This support enhances the linkages between Syrian activists, human rights organizations, and independent media outlets and empowers women leaders to play a more active role in transition planning.)

So gesehen – erscheinen Putins Maßnahmen gegen die NGO´s als reine Selbstverteidigungsmaßnahme.

Im Lichte dieses “wir-schießen-sie-der-Reihe-nach-ab” erscheinen die neuen Konflikte mit Russland und China in einem anderen Licht, es ist nicht auszuschließen, dass jemand beide Länder auf die Liste der sechzig “Terrorstaaten” gesetzt hat, die mit allen Mitteln destabilisiert und beseitigt werden sollen, China ist immer noch offiziell ein kommunistischer Staat (für die Falken in Washington das Böse in Person), Russland hat ebenfalls etwas sehr Kommunistisches getan: demonstriert, wie ein starker Staat Konzerne enteignen kann, wenn diese nach politischer Macht greifen – ein absolutes “No-Go” in der konzerndominierten westlichen Welt.

Und wie sieht es mit Deutschland aus?

Nirgendwo in Europa ist die NSA so aktiv wie in Deutschland (siehe Spiegel).

Der Grund liegt nahe: die Friedensbewegung der siebziger und achtziger Jahre in Deutschland hatte die US-Militärs massiv gestört, die Weigerung Deutschlands, in den Irakkrieg zu ziehen, hatte uns von heute auf Morgen zum Feindstaat gemacht – ganz offiziell (siehe Handelsblatt):

Bush und die Neokonservativen formten ihre „Koalition der Willigen“. Ihre Botschaft:

„Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“

Wir waren definitiv nicht “für sie” … was Folgen hatte. Folgen wir z.B. im Hintergrund laufende “aggressive” Drohungen der USA gegen die Regierung Merkel (siehe Spiegel) – wer da noch an Freundschaft glaubt, sollte seine Begrifflichkeiten überdenken.

2015 befinden wir ins wieder mitten in einem weltweiten Offensivkrieg, wir wir ihn eigentlich nur faschistischen Despoten zugetraut hätten. Das erkärt auch das seltsame, bedrückende Schweigen der diplomatischen Kreise: dort dürfte der Kriegsstatus bekannt sein. Ebenso dürfte sich die Regierung Merkel im Klaren darüber befinden, dass die Freundschaft Deutschlands mit den USA mit Schröders Weigerung in den Irakkrieg zu ziehen, endete.

Vielleicht dürfen wir uns deshalb aber bald in der Ukraine beweisen, um die dortigen “Schattenarmeen” zu bekämpfen, die womöglich so real sind wie die Massenvernichtungswaffen des Irak.


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