Deutsche Bank schafft Bargeld ab

Mitten in Berlin hat die Deutsche Bank eine Geschäftsstelle geschaffen, in der es keine Kassen zum Geldwechseln gibt. Grund: Bargeld werde bald verschwinden.

Früher gaben Geldautomaten meist 50-Euro-Noten aus. Das war praktisch, denn es überfordert keine Ladenkasse, auch mal einen 50-Euro-Schein zu wechseln, selbst wenn der Kunde nur fünf Euro eingekauft hat. Bei 100-Euro-Noten schaut die Ladenbesitzerin einen dann aber schon kritisch an, vor allem, wenn sie gerade erst geöffnet hat. Wenn sie nämlich so früh schon 100-Euro-Noten wechselt, könnte sie nach kurzer Zeit schon ohne Wechselgeld dastehen.

Weil ich also eine solche Situation am Kiosk oder an irgendeiner anderen Ladenkasse vermeiden wollte, wandte ich mich an die gerade erst nach einem aufwändigen Umbau neu eröffnete Filiale der Deutschen Bank mitten in der Berliner Friedrichstraße. Das ist nicht irgendeine Filiale, sondern eine auf mehreren hundert Quadratmetern für Kundenbesuche eingerichtete Repräsentanz in der Hauptstadt.

„Wir wollen Vorreiter sein“

Schon vor ihrem Umbau war die Geschäftsstelle anders als gewöhnliche Bankfilialen. Zwar gab es links in der Eingangshalle eine Reihe von Geld- und Überweisungsautomaten. Aber wer dann die nächste Tür öffnete, stand erst einmal in einem kleinen Geschenkladen, der dann fließend in Kassenbereich der Bank überging.

Als ich nun also die wiedereröffnete Filiale betrat, suchte ich die Kassen. Da ich sie nicht fand, sondern überall nur Menschen hinter weißen Computern sah, fragte dich eine junge blonde Mitarbeiterin in einem engen dunklen Kostüm, die mir mit einer Aktenmappe unterm Arm entgegenkam.

Ach“, sagte sie lächelnd. „Kassen gibt es hier nicht mehr. Wir arbeiten nicht mehr mit Bargeld. Das wird doch sowie bald abgeschafft. In Schweden sind sie fast schon so weit. Und wir wollen hier mit unserer neuen Filiale in Berlin Vorreiter sein.

Sieh’ an“, dachte ich. „So wird’s gemacht.“ Man schafft einfach eine Bank, baut statt der Kassen und Kundenschalter eine Lounge mit Computern für die polyglotten Hipster hinein und tut so, als sei es wahnsinnig cool, ohne Bargeld auszukommen oder umgekehrt, wahnsinnig uncool, noch Geld in der Tasche bei sich zu tragen.

Tatsächlich zahlen in Großstädten wie Berlin immer mehr Menschen selbst den Caffé Latte mit Karte. All diese Menschen, von denen nicht wenige glauben, sie seien überdurchschnittlich intelligent, mindestens zehnmal weltgewandter als der Rest der Welt und so wahnsinnig selbstbestimmt, haben noch nie darüber nachgedacht, was es denn heißt, wenn es kein Bargeld mehr gibt.

Schäuble und Walter Ulbricht

Wer das Bargeld abschafft, entzieht ihnen die finanzielle Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben.

Bargeld ist Freiheit.

Ohne Bargeld wird ihre finanzielle Situation nicht nur rund um die Uhr kontrolliert, sondern ihr Kontostand schmilzt durch die Negativzinsen wie ein Eis in der Sonne. Und irgendwann ist so mancher Hipster ein so armer Teufel, dass er gar nicht mehr reingelassen wird in die Tempel der bargeldlosen Ausbeutung.

Als ich die neue Filiale der Deutschen Bank verließ, musste ich unweigerlich an Finanzminister Wolfgang Schäuble und Walter Ulbricht denken. Schäuble hatte noch im Mai dieses Jahres vor dem Verein der Auslandspresse gesagt:

„In Kontinentaleuropa kenne ich niemanden, der die Absicht hat, Bargeld abzuschaffen.“[1]

Fast wortgleich hat DDR-Staats- und Parteichef Ulbricht am 15. Juni 1961 gesagt:

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Wie wir alle wissen, rückten zwei Monate später, im August 1961, die Bautrupps an. Und sechs Monate nach Schäubles Pressekonferenz eröffnet ausgerechnet die Deutsche Bank die erste bargeldlose Geschäftsstelle mitten in Berlin…

 

Anmerkung

[1] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wolfgang-schaeuble-niemand-will-bargeld-abschaffen-a-1094360.html


Quelle und Kommentare hier:
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