Deutsche Bundesanleihen: „Lange Laufzeiten – Dicke Verluste“ – Teil 1

von Bondaffe

Dass sich Staaten gerne verschulden, daran besteht kein Zweifel. Im Idealfall möglichst lange, also langlaufend und möglichst günstig, also mit niedrigstem Zins. Im Moment sind die Voraussetzungen idealst, zumindest für den deutschen Finanzminister.

zinsen-konto-ueberziehung-kredit-100~_v-facebook1200_9e74f7

Langlaufende Schulden sind bequem zu managen, die zu zahlenden Zinsen sind übersichtlich und langfristig kalkulierbar. Das lästige „Umrollen“, also die Rückzahlung alter und die Aufnahme neuer Schulden zu aktuellen Marktkonditionen und das Managen des Zinsänderungsrisikos entfällt. Die Bundesrepublik Deutschland ist (noch) ein guter Schuldner und die beste Bonität wissen die Geldanleger zu würdigen.

Laufzeit „XXLong“

Es war stets üblich sich „extra lang“ zu verschulden. Man kann viele Gründe suchen. Vor allem Immobilienkreditkonstruktionen mit niedrigen Tilgungsanteilen des Kredits verlangen eine lange Laufzeit. Diese ist auch vom Eintrittsalter des Schuldners abhängig. 30 Jahre sind für beide Kreditparteien eine überschaubare Zeitspanne. Vielleicht liegt es auch an der gesetzlich definierten maximalen 30jährigen Verjährungsfrist für Schulden in Deutschland?

Kurzum, eine „XXLong-Laufzeit“ für Schulden aller Art ist nichts Ungewöhnliches. Auch für einen Finanzminister ist es Programm und üblich, 30-jährige Schuldtitel in Form von Bundesanleihen zu begeben.

Extra lang ist nicht gleich lang und geldmarktkurz ist nicht gleich kurz

Der Bekanntheitsgrad der „extra langen“ und „ultra-ewig-langen“ Laufzeiten bei festverzinslichen Wertpapieren döst wohl in den Schlummerecken des eigenen Bekanntheitsgrades vor sich hin. „XXLong is smart and beautiful“ sozusagen.

Zinsen-Konto-wucherDas ist eher etwas für die Analysten in den Banken und Investmenthäusern, die sich der intensiven Pflege der Lebendigkeit diverser Zinsstrukturkurven verschrieben haben. Dennoch, das lange Laufzeitenende lebt, es existiert, auch wenn es in der Öffentlichkeit nicht so lebendig wie bei den Profis wahrgenommen wird.

Hier einige Hausnummern der Laufzeitenbereiche für die festverzinslichen Anleihetypen:

  • Geldmarktbereich: bis ein Jahr
  • Kurzläufer: 2 Jahre
  • Mittelfristig: 5 Jahre
  • Langfristig: 10 Jahre
  • Extra lang: 30 Jahre
  • Ewig lang: Endfälligkeit am 12ten von irgendwann

Die Zwischenbereiche sind fließend, jeder Tag der vergeht verkürzt konsequenterweise die Laufzeit des Papiers. Daher sollte man nicht allzu sehr an starren Vorgaben festhalten. Wobei jede Laufzeit möglich ist, auch 50 oder 100 Jahre Laufzeit lassen sich darstellen. Man muss nur einen Käufer dafür finden. „Wer so was kauft?“ fragen Sie. „Tja, irgendeiner ist immer da!“ sage ich.

Renditedifferenz / Zinsspread

spreadNatürlich gibt es einen Zinsunterschied bzw. Renditeunterschied zwischen den „langen“ und „extra langen“ Laufzeiten. Für die marktaktuelle 10-jährige Anleihe mit Fälligkeit 15.02.2025 erhält man aktuell (Stand 22.05.15) eine Rendite von +0,60%, für die marktaktuelle 30-jährige Anleihe mit Fälligkeit 15.08.2046 sind es schon +1,25%. Das entspricht einer Renditedifferenz oder einem sogenannten Spread von 0,65%-Punkten oder 65 Basispunkten.

Zinsänderungsrisiko – Programmierte hohe Kursverluste bei extra langen Papieren

Tragisch aber wahr und somit das beste Beispiel dafür, was passieren wird wenn die Marktzinsen steigen. Sie erinnern sich noch: Mitte April dieses Jahres erreichten die Zinsen/Renditen für bundesdeutsche Anleihen ein absolutes Niedrigstniveau, eine 10-jährige Anleihe notierte dabei bei +0,05% Rendite. Die große Schwester, die 30-jährige Anleihe rentierte bei +0,44%.

Die Kursnotierungen der Papiere waren auf Mount-Everest-Niveau angekommen und die Renditen extrem niedrig. Ein weiterer Anstieg der Kurse in dünnen Renditelüftchen gestaltete sich schwierig, dafür war der Abstieg um so leichter zu bewältigen. In den letzten Wochen sind die Renditen aber dramatisch angestiegen. 10-jährige Anleihen rentieren jetzt wie bereits erwähnt bei +0,60% und 30-jährige Titel bei +1,25%. Was bedeutet das aber für den Kurs?

Analysemethode #1

Wir blicken auf die Kursveränderungen der Basisanleihen; dazu wird gerne der Begriff Benchmark-Anleihe verwendet. Das ist aktuell die Anleihe im Markt die, neu herausgegeben, vom Zinssatz und der Laufzeit her das Marktniveau würdig widerspiegelt.

Zahlungsverzug-zahlungszielDie aktuelle 10-jährige Bundes-Benchmark-Anleihe hat einen Zinssatz von 0,50% und eine Laufzeit bis zum 15.02.2025 (WKN 110 237). Der Höchstkurs dieser Anleihe betrug (lt. Börse Stuttgart) Mitte April im Jahreshoch 104,40%. Der Schlusskurs vom 22.05.15 betrug 99,03%. Das entspricht einem Rückgang von 5,37%-Punkten absolut und 5,1% prozentual (auf eine Nachkommastelle gerundet) vom Höchstkurs her. Um besondere Beachtung wird dennoch gebeten. Der Zinssatz für die Anleihe liegt bei 0,50%, d.h. in vier Wochen ergaben sich Kursverluste in Höhe der Gesamtzinszahlungen aus der Anleihe für die gesamte Laufzeit von zehn Jahren!

Bei der 30-jährigen Anleihe mit einem Zinssatz von 2,5% und der Endfälligkeit 15.08.2046 (WIN 110 234) sieht es folgendermaßen und erschreckend aus: Höchstkurs Mitte April 160,31%, Schlusskurs am 22.05.15 132,21%. Das ergibt einen Kursrückgang von 28,10%-Punkten absolut und 17,5% prozentual vom Höchstkurs her gerechnet.

Wenn so mancher Aktienfreund meint festverzinsliche Papiere wären langweilig, wird er hier eines Besseren belehrt was plötzlich auftretende Kursverluste angeht. Große institutionelle Anleger sind über diese Bewegungen auf jeden Fall „not amused“.

Die Kursrückgänge bei den 10-jährigen Titeln waren verbunden mit einem Renditeanstieg von +0,05% auf +0,60%. Die Rendite der 30-jährigen Papiere stieg von Mitte April von +0,44% auf aktuell +1,25%.

Analysemethode #2

Wir blicken auf die Kursveränderungen der Rentenfutures. Der bekannteste und weltweit beachtetste Futureskontrakt für deutsche Bundesanleihen ist der BUND-Future. Das Marktbarometer schlechthin für 10-jährige Titel. Der Bundfuture ging von einem Höchstkurs Mitte April bei 160,69% auf zuletzt (22.05.15) 153,89% zurück. Macht 6,80%-Punkte Kursrückgang absolut und 4,2% Rückgang prozentual.

bunds-staatsanleihen-bondsIm Gegensatz zu seinem großen Bruder, dem BUND-Future, führt der unscheinbarere BUXL-Future für extra-lang laufende Bundesanleihen ein Schattendasein. Das dahinter liegende Laufzeitenspektrum reicht von 24 bis 36 Jahren Restlaufzeit.

In den einschlägigen Medien wird er selten erwähnt. Auch ist das gehandelte Volumen eher gering. Dennoch, auch der BUXL-Future ging im selben Zeitraum von 181,54% auf 158,04%-Punkte zurück. Das macht 23,5%-Punkte Kursrückgang absolut und 12,9% Rückgang prozentual vom Höchstkurs her gerechnet.

Die Differenzen in den Berechnungen zu den Ergebnissen der Benchmark-Anleihen beruhen auf Besonderheiten in der Zusammensetzung der synthetischen Futureskontrakte, resultierend aus den Restlaufzeiten der Papiere und des verwendeten Basiszinssatzes.

Chart-BUXL-Future-22.05.2015BUXL-Future: Beachten Sie im Chart den unglaublichen Anstieg der absoluten Kurse von 70 auf 181 seit 2008

Je länger die Laufzeit, desto gehebelter die Kursbewegung

Die Kursverluste bei extra-lang laufenden Anleihen sind also enorm. Aber sie sind immer abhängig von der Renditeentwicklung. Denn die „Spreads“ leben. Es gibt keine Garantie dafür, dass die Zinsen am langen Ende genauso schnell steigen wie am kurzen Ende. In Normalfall steigen die Zinsen über alle Laufzeitenbereiche konstant an, also gehen die Kurse über alle Laufzeitenbereiche zurück. Im „Normalfall“ werden die kurzfristigen Zinssätze allerdings relativ gesehen höher steigen.

financial-leverage-hebelungDas bedeutet, dass auch kurzlaufende Anleihen wie zweijährige Titel relativ gesehen viel verlieren. Hier genügt ein Blick nach Griechenland. 2-jährige griechische Anleihen verzinsen/rentieren sich aktuell mit +23,87%, 10-jährige mit „nur“ +11,39%. Daher sind relativ gesehen auch die Kursrückgänge bei Kurzläufern hoch wenn sie vom gleichen Niveau her kommen. Das deutsche Niveau liegt übrigens aktuell bei -0,21% zu +0,60% (2 Jahre / 10 Jahre).

Die anderen machen es doch auch

Nicht nur die Bundesrepublik Deutschland verschuldet sich am ganz langen Ende, die anderen Staaten machen es genauso. Allen voran die USA. Im Mutterland der Futures gibt es sogar zwei zusätzliche Futures, um der Bedeutung des langlaufenden Sektors und der Marktliquidität Rechnung zu tragen.

Der gewöhnliche Langläuferbereich mit 10 Jahren Laufzeit wird durch den T-Note-Future abgedeckt, der T-Bond-Future deckt die 15 – 25jährigen Laufzeiten ab und der Ultra-T-Bond-Future erstreckt sich in den Bereich 25 Jahre und darüber. Dennoch scheint im Bereich von 30 Jahren Laufzeit eine gewisse Obergrenze für das globale Massengeschäft mit Staatsanleihen zu existieren.

Ein Hauch von Seriosität und Weitsicht schwingt mit und verleiht dem Markt einen gewissen Schutz vor Restlaufzeiten-Ausschweifungen. Allerdings gibt es Nischen, das internationale Anlegerpublikum will zufriedengestellt werden.

Weiterlesen Teil 2


Quelle und Kommentare hier:
Print Friendly, PDF & Email

Das könnte Dich auch interessieren: