Die erzwungene deutsch-russische Feindschaft

von Lars Dalibor

Wir wissen, dass in jedem Krieg die Gegner Ziele verfolgen und bis diese nicht erreicht werden, endet auch nicht der Streit. Wir wissen, dass Kriege, wie Lenin schon sagte, eine Begleiterscheinung des Kapitalismus sind. Und der Kapitalismus erreichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine höchste Stufe – den Imperialismus.

Mit diesem Wissen soll nun einmal gefragt werden: Was war denn eigentlich das jeweilige Hauptziel der Hauptbeteiligten des I. Weltkrieges? Die Großmächte strebten nach neuen Märkten, Eroberung neuer Kolonien / Gebiete und Rohstoffquellen. Letztendlich war es ein Eroberungskrieg der kapitalistischen Staaten der nach einer Neuaufteilung der Welt strebte.

England wollte seinen größten Konkurrent Deutschland zerschlagen, dessen Waren auf dem Weltmarkt eine immer größere Nachfrage erzielten. Die immer stärkere deutsche Flottenrüstung bedrohte die Vorherrschaft Englands in den Meeren. Außerdem beabsichtigte Großbritannien der Türkei Mesopotamien und Palästina zu rauben und in Ägypten fest Fuß zu fassen.

Frankreich wiederum wollte Deutschland das kohlereiche Saarbecken und das eisenreiche Elsaß-Lothringen entreißen und seine Führerschaft in Mitteleuropa wieder herstellen, welche es nach 1871 verloren hatte.

Russland träumte von der Eroberung der Dardanellen, der Meerenge zwischen Schwarz- und Mittelmeer und von der Eroberung Konstantinopels. 1907 entstand der Dreiverband – bekannter als Triple Entente – ein Bündnis zwischen England, Frankreich und Russland.

Russland hatte seit den 80. Jahren des 19. Jahrhunderts immer häufiger mit Streiks und Aufständen zu tun gehabt. Die bürgerlich-demokratische Revolution von 1905 schwächte die zaristische Regierung dermaßen, dass Nikolaus II. mit einer kleinen Minderheit regierte. Die Bolschewiki, mit Lenin an der Spitze, erkämpften sich Schritt für Schritt die Macht im Land.

Es war kein Zufall, dass Russland auf der Seite der Entente war. Vor 1904 waren die wichtigsten Industriezweige in der Hand der ausländischen Konzerne – hauptsächlich der Franzosen, Engländer und Belgier. Die wichtigsten Hüttenwerke, die Hälfte der Erdölförderung und ein großer Teil der Steinkohleindustrie befanden sich in der Hand des englisch-französischen Kapitals. Ein Großteil der Gewinne wanderte in ausländische Banken. Außerdem nahm der Zar eine Milliardenanleihe von englisch-französischen Banken auf, was Russland total abhängig machte.

Während des Krieges wurden in Russland viele Fabriken stillgelegt, etwa 14 Millionen Arbeitskräfte wurden zur Armee eingezogen und der Getreideanbau ging zurück. Die Soldaten an der Front verhungerten und das russische Volk war mit der Situation überfordert und unzufrieden. Die zaristische Armee erlitt Niederlage auf Niederlage. Es fehlten Kanonen, Geschosse und sogar Gewehre (ein Gewehr für drei Soldaten).

Die zaristische Regierung verhandelte mit Deutschland ein Separatfrieden, was die beiden Entente-Mächte verhindern wollten, denn sie würden dadurch einen Bundesgenossen im Krieg verlieren. Durch die Unfähigkeit Nikolaus II. den Krieg weiterzuführen, suchte die Entente ein Weg Russland weiter auf ihrer Seite zu haben. Sie unterstützten die russische Bourgeoisie. Finanziert durch westliche Gelder stürzten sie im Februar 1917 die Zarenregierung und übernahmen die Herrschaft Russlands. In dieser Revolution kamen nicht nur die russischen Kapitalisten an die Macht, sondern auch die Bolschewiki mit Lenin an der Führung. Es herrschte eine Doppelregierung.

Erst nach der sozialistischen Revolution im Oktober 1917, als die Bourgeoisie von den Bolschewiki vertrieben wurde, nahm Lenin die Friedensverhandlungen wieder auf. Die Sowjetregierung machte allen kriegführenden Regierungen das Angebot, Verhandlungen über einen demokratischen Frieden einzuleiten. England und Frankreich weigerten sich. Deutschland und Österreich nahmen das Angebot an, sodass die Verhandlungen am 3. Dezember in Brest-Litowsk begannen. Am 5. Dezember wurde ein Abkommen über einen Waffenstillstand unterschrieben.

Trotzki, der Vorsitzender der Sowjetdelegation in Brest-Litowsk war, erklärte, dass die Sowjetrepublik die Unterzeichnung des Friedens zu den vorgeschlagenen Bedingungen – Deutschland wollte die zaristischen Gebiete Polen, Ukraine und die baltischen Länder ans Reich angliedern – ablehne. Trotzki handelte unabhängig von der bolschewistischen Partei. Es lässt sich vermuten, dass er als Spion der Bourgeoisie und der westlichen Mächte arbeitete.

Am 10. Februar 1918 wurden die Friedensverhandlungen abgebrochen. Deutschland ging sofort in die Offensive über. Am 18. Februar, durch Lenins Vorschlag, telegraphierte Russland einen sofortigen Friedensschluss an Deutschland.

Am 23. fasste die Sowjetregierung den Beschluss, die Friedensbedingungen Deutschlands anzunehmen. Der Friedensvertrag wurde endgültig unterschrieben. Die Entente-Mächte empörten sich über die russischen Maßnahmen. Denn sie fürchteten eine Stärkung der deutschen Truppen und die Ausbreitung des Friedens auf andere Kriegsbeteiligten.

Somit entschloss die Entente eine militärische Intervention in Russland einzuleiten und finanzierte interne Aufstände, um die Sowjetregierung zu stürzen und den Krieg durch den Osten weiterhin gegen Deutschland zu führen können.

Der Westen schaffte es jedoch in der Folge nicht mehr, Russland zum Krieg gegen Deutschland zu zwingen.


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