Die Frau als Schöpferin und Erhalterin des Volkstums (1938)

von Josefa Berens-Totenohl
(1891 – 1969) deutsche Schriftstellerin und Malerin.

Unendlich in Zeit und Raum wirken die Lebensgesetze eines Volkes, bestimmt und geformt durch das gleiche Blut. Sie wirken von Generation zu Generation, so daß es scheinen könnte, daß diese Formen der völkischen Lebensäußerungen starr seien, und daß die jeweiligen Geschlechter eben nur als ihre Träger aufzutreten hüten.

Gewiß gibt es nichts Festeres als diese lebendigen Gesetze – mögen sie ewig ungeschrieben sein! – Gewiß gibt es nichts Bestimmteres als diese Formen, in denen ein Volk sich erlebt. Man braucht nur den heiligen Ernst zu sehen, mit dem die Kinder schon in den ersten Lebensjahren die auf sie Überkommenen Bräuche und Handlungen aufnehmen und vollziehen. Da ist nichts Gekünsteltes, sondern Gewachsenes. Darum gerade darf man hier bei allem Stetigen dennoch nicht von Starrheit sprechen, denn die Sitten und Forderungen, die sich an bestimmte Tage und ihre Feiern knüpfen, sind durchblutet von dem lebendigen Strom, der aus Urtiefen aufsteigt, alt, uralt, und der doch ewig neu ist, ewig jung.

Das gilt nicht nur von den Festen und Feiern der Kinder, sondern von all jenen Volksschichten, die wie die Kinder elementar sind: von den Bauern und Arbeitern. Zu ihnen kommt die Frau, die ebenfalls vom Instinkt her den Urtrieb ihres Lebens und Handelns empfängt. Den Anfang bestimmter Bräuche und Sitten weiß keiner. Er ruht im Sippenbeginn, und damit in einer Nebelferne, die von keiner Geschichte erhellt wird, denn soweit Geschichte reicht, sind bestimmte Formen schon da, und diese Formen haben ihre Gültigkeit schon in der Gemeinschaft.

Wir können aber nicht von der Gemeinschaft und vom Volke reden ohne seine Mütter. Von dem Weltbezwinger Alexander ist uns überliefert, daß er einst in einer Straße einer schwangeren Frau begegnete und daß er ihr auswich, damit sie frei ihren Weg habe. So stark und ins Allgemeine wirkend war dieser Vorgang, daß er aufbewahrt wurde neben seinen großen Taten und seinem gewaltigen Kriegsruhm.

Goethe spricht von jenem Ort, an dem die Mütter wohnen. Er läßt den suchenden Faust, der den letzten und tiefsten Rätseln nachsinnt, zu den Müttern gehen, dorthin, ins Unbetretene, nicht zu Betretende. In Einsamkeiten, wo man den Schritt nicht hört, den man tut, dort läßt er die Mütter wohnen. Wo die Göttinnen ihren Thron haben, dort wähnt er sie.

Unsere Vorfahren, die Germanen, schufen in ihrer hohen Ehrfurcht vor der Frau, der Mutter der Sippe, die Nornen, jene Gestalten der mythischen Frauen, in deren Händen die Schicksale ruhten, in deren Wissen die Zukunft war. Und selbst den höchsten Gott, den Rätsellöser Odin, hießen sie zur Norne gehen, damit er die Zukunft der Welt, der Götter und Menschen erfrage.

Diese hohe Ehrfurcht vor dem Wesen der Frau und Mutter wurde gebrochen durch mittelländische und orientalische Einflüsse, die bei uns Fuß faßten, und die in der Frau nicht mehr jenes Wesen sahen wie die Germanen, jenes Wesen, das mehr als irgendein anderes im Dienst des Schöpfers steht, sondern ein nur dem Manne verpflichtetes Eigentum.

Der Dienst der Frau, der für uns höchster Dienst am Leben ist, wurde mit der Sünde in Verbindung gebracht. Das Leiden der Mutter um das Kind, das für uns das Ergreifendste ist, das es gibt, das wir erkennen und deuten als tiefste Weisheit des Schöpfers, als Mittel, durch das er die Mutter erst ganz liebesbereit und opferbereit macht bis ans Ende – denn ganz liebt man nur, wenn man um das Geliebte litt – dieses Leiden der Mutter wurde als Strafe für eine Sünde, als Folge für die Ursünde gedeutet. Damit nahm man dem Schmerz der Mutter seine heilige Bestimmung, man nahm ihm seine Weihe, und der Dienst der Mutter am Leben sank in die Sphäre der Unreinheit, die Mutter selber sank. Das Kind, das sie zur Welt brachte, war von der Sünde gezeichnet.

Niemals wäre diese Anschauung im germanischen Weltbilde entstanden. Hier war die Frau gleichwertig, wenn auch andersartig, neben dem Mann. Er war der Herr, sie war die Herrin des Hauses. Und das Kind mit der Sünde in Verbindung zu bringen wäre unmöglich gewesen. Verehrungswürdig war die Frau und Mutter dem Mann – vorausgesetzt, daß sie es in sich war. Daß sie dem Mann im Hause diente, daß sie den Kindern diente, hat sie in den Augen des germanischen Mannes nie erniedrigt. Diente er seiner Hausfrau etwa nicht, und diente er den Kindern nicht, indem er die Waffe für sie führte und ihnen Brot schuf? Die Ehre der Frau aber war seine Ehre.

Es ist die Anschauung, die man heute noch auf guten Bauernhöfen findet, auf denen sich das germanische Lebensgefühl ungebrochen erhalten hat, trotz südlicher und orientalischer Einflüsse. Wenn man auf solch einem Hofe hört, wie Knecht und Magd einfach von „der Frau“ reden, so klingt der alte hohe Glaube an die Herrin noch in dem Wort nach bis in unsern Tag. Und wie sollte der Bauer leben und sein Werk tun können, wenn er nicht die Ehrfurcht vor dem Göttlichen empfände und in sich trüge, und wo sollte sich ihm das Göttliche mehr nähern als in dem, was sich durch seine Frau, die Mutter seiner Kinder, vollzieht, in der Schöpfung des Lebens. Das ist die Erfüllung des göttlichen Willens unmittelbar, des Willens zum ewigen Leben aus der Zeit in die Unendlichkeit hinein. Das ist der Dienst aller Mütter in allen Völkern und zu allen Zeiten. Herrlich ist er, groß und erhaben. Kein anderer Dienst steht so auf der Schwelle zwischen Zeit und Ewigkeit, kein anderer darf so vermitteln zwischen Zeit und Ewigkeit.

Wenn aber der Dichter den Ort, an dem die Mütter wohnen, das Nichtzubetretende nennt, so mag wohl jeder Mensch, der sich ihm naht, erschauern und in Ehrfurcht stille werden. Beugen mag er sich vor dem Geheimnis, das der Schöpfer in seiner Weisheit als schützende Hülle um jede neue Schöpfung legte. Selbst die Mütter wissen nur dunkel um das Wunder, das an ihnen geschieht. Aber sie dürfen ihm dienen mit dem ganzen Dienmut, den wir heute Demut nennen. Nur so haben sie teil an der Schöpfung.

Wie aber sollen wir das Ewige fassen, zu dem uns die Mütter Brücke sind? Da wächst nun der Dichtung ihre Aufgabe zu. Kein Motiv ist öfters und mit mehr Hingabe vom Dichter und Künstler aufgegriffen und gestaltet worden als eben dasjenige der Mutter mit dem Kinde. Hier spricht sich die unserm Volke innewohnende Ehrfurcht vor dem Muttertum aus. Man mag sagen, daß der Madonnenkult der christlichen Kirche die Ursache und die Veranlassung dieser Darstellung sei. Es dürfte keinen unter uns geben, der die Großartigkeit und die Fruchtbarkeit dieses Kultes für das Leben leugnen wollte. Vergessen wir aber nicht, daß der Madonnenkult eine rein abendländische Sache ist und nicht aus dem Orient zu uns kam. Im Gegenteil, man könnte annehmen, daß sich der abendländische Mensch diesen Kult schuf, um die Ehre der Frau, die auf eine tiefere Ebene niedersank, nämlich auf die Ebene der jüdischen Frau, die alle Geburt mit der Unreinheit und Sünde in Verbindung bringt, wieder emporzuheben. Nun hat das Christentum das Dogma der Erbsünde festgehalten. Alle Frauen von der Sünde zu lösen und alle Geburt von ihr zu befreiten, hat man nicht vermocht. Also befreite man die eine Frau, Maria, von der sündhaften Empfängnis und häufte auf diese eine alle Verehrung, die nun einmal tief im germanischen und abendländischen Menschen vorhanden ist. Diese eine Frau erhob man in die nächste Nähe Gottes.

Nun ist es zu sehen, daß der germanische Mensch aus seiner Art heraus die Verehrung der Madonna immer wieder auszuweiten und auszudeuten versuchte auf die Frau und Mutter überhaupt. Gerade unsere deutschesten Meister, wie Albrecht Dürer, Schongauer, Riemenschneider, Rembrandt, und mit ihm viele Niederländer sind diesen gegangen, und es war das Wesensgefühl des eigenen Lebens, das sie auf diesen Weg wies. So schuf Dürer seine deutsche Mutter im Marienleben oder im Heckenwinkel. Es ist die Mutter unseres Volkes. Es könnte die Mutter eines jeden deutschen Menschen sein, und man denkt sicher nicht falsch, wenn man annimmt, daß die Künstler der eigenen Mutter oder der Mutter ihrer Kinder im Werk gedachten.

Nun steht die Frau aber niemals handelnd im Mittelpunkt dieser Verehrung, sondern sie läßt sie an sich geschehen, wie sie alles an sich geschehen läßt. Eine tiefe Unbewußtheit ist um alle Mutterschaft gelegt. Damit hat diese den größten Schutz bekommen, der ihr gegeben werden konnte, denn nur in der Unbewußtheit kann jene elementare Kraft wirken, die das Leben braucht, um zu bestehen. Allzubewußte Zeiten sind lebensfeindlich. Sie zerstören sich selber, vernichten sich sehenden Auges. Hierher gehört auch das große Spiel der Geschlechter, das ja Vorspiel zu dem größeren anderen ist. Was wäre das erste ohne die Krönung durch das zweite? Wo wäre sein Sinn? Die Ganzheit des Liebeserlebnisses, welche die jungen Menschen erfüllt, löst sich hernach bei der Frau nicht auf. Sie wandelt sich nur dem neuen Wesen zu, das sie ins Leben trägt, aber sie bleibt elementar, vom Gefühl her bestimmt, nicht vom Verstande. Würde das Leben vom Verstande abhängig, es würde untergehen. Der Verstand ist nicht lebenschaffend, sondern lebenordnend. Der Verstand trennt, teilt, unterscheidet, gliedert, zergliedert.

Diese Gebundenheit der Frau muß man bedenken, wenn man ihr selber und ihrem Tun gerecht werden will. Da der eigentliche Dienst, den die Frau zu leisten hat, sie völlig bindet, kann ihr nicht viel Kraft bleiben für anderes, und so wird draußen nur wenig von ihrem Leben sichtbar. Ich bin in diesen Jahren oft gefragt worden: warum haben wir Frauen heute kein Vorbild, das uns so sichtbar unser Ideal vorlebt, wie es die Männer im Führer haben? Darauf gibt es nur eine Antwort: Die Frau kann ihr eigentliches Leben niemals sichtbar vor allen andern Augen leben, niemals kann sie ihr Leben und Erleben der Öffentlichkeit preisgeben, so wie es der Mann in seinem Werk täglich tut. Das Leben der Frau, ihr tiefstes Leben, ihr Schöpferdienst – so muß man es im unmittelbaren Sinne nennen – deckt ewig der Schleier. Was an die Außenwelt dringt, ist der Teil ihres Tuns und Lebens, der die Öffentlichkeit verträgt, und der Teil hat irgend etwas mit der Art des Mannes zu tun, auch wenn er im Bereich fraulicher Pflichten liegt.

Diejenigen aus ihren Reihen aber, denen es gegeben ist, in Dichtung und Kunst das Leben zu deuten, sie werden Bilder und Sinnbilder aufstellen von der Frau. Sie werden in der Dichtung das aufzeigen, was in der Wirklichkeit sich hinter verschlossenen Türen vollzieht, sie werden in der Dichtung das Leben der Frau und Mutter verklären und ihr selber erst in seiner ganzen Hoheit zeigen. An den so geschaffenen Gestalten kann nun die Mutter ihr Maß nehmen und sich selber überprüfen, ob sie recht diente.

Hier muß ich einige Worte über die schöpferische Frau sagen, die Frau, die berufen ist, das Unsagbare auszusagen. Wir wollen unseren Blick einmal zurückwenden auf eine jüngst vergangene und vergleichen in dieser Zeit das dichterische Schaffen des Mannes mit dem unserer Frauen. Es war die Zeit der Fäulnis und der Verderbtheit unseres Kulturlebens durch fremdrassige Kunst und Literatur. Es war eine Zeit der Verfälschung aller Werte, eine Zeit, in der das Heldentum des Mannes als Dummheit bezeichnet wurde, und in der die Mutter verlacht wurde, die noch die Beschwernis vieler Kinder auf sich nahm. Es war die Zeit, in der die Dirne als Romanheldin mehr wert war als die Frau, die Mutter, es war die Zeit, in der die Frau einzig ihren Wert hatte, solange sie den Mann als Geschlechtspartner reizen konnte. War das vorüber, dann galt ihr Dasein schon mehr eine lächerliche Angelegenheit. Wer sprach damals von der Mutter? Wer von der Bäuerin? Dem Bauern? Wer sprach von der ganzen elementaren Volksschicht? O ja, man sprach schon davon, aber man machte den Arbeiter zum Proleten, den Bauern zum Tölpel.

Auch in dieser Zeit sind Bücher entstanden von einer Reinheit und Wahrhaftigkeit des Lebens, erfüllt von Ehrfurcht. Es waren Männer da, welche die Würde des deutschen Wesens hochhielten. Das aber dürfen wir Frauen uns zur Ehre anrechnen, daß unsere Dichterinnen nicht teilhatten an der Verseuchung. Eine Agnes Miegel, eine Lulu v. Strauß und Torney, eine Ina Seidel u. a. haben in den Jahren ihre Hauptwerke geschaffen, und diese Werke stehen so wesenhaft im lebendigen Acker des Volkes, als hätte es nie eine Zeit der Seuche gegeben.

Warum war das möglich? Die Antwort ist oben schon gegeben. Weil die Frau elementar ist, weil sie berufen ist, Leben zu geben, und ihr Ziel ist das gesunde Leben, weil sie naturnotwendig nicht Zerklüftung des Lebens, sondern seine Gebundenheit wollen muß, darum mußte sie zu aller Zeit auf der ihr angewiesenen Ebene bleiben und ihr Werk tun. In der Gebundenheit ihres Wesens ans Leben selber liegt auch das Gesetz ihres Schaffens, liegt die feste unwandelbare Richtung ihres Strebens. Die Droste könnte heute ihre Gedichte schreiben, sie brauchte sie nicht zu ändern, sie würden heute wie damals ihren Glanz haben. Ja, es scheint, als steige erst heute ihr Stern zu voller Höhe auf. Auch die Karschin würde heute wie ehedem Heldentum und Natur besingen, sie würde ihre Harfe nicht neu zu stimmen brauchen. In dieser Lebensgebundenheit auch liegt es, daß sich die Frau so gut wie gar nicht an den jeweils hervorbrechenden Modeströmungen in der Kunst beteiligt hat, und daß ihr die vielen heute überwundenen Ismen völlig gleichgültig geblieben sind. Sie konnte und kann sich nicht dahin wandeln, ist sie doch dem ewiggleichen ruhigen Strom anheimgegeben, der aus dem Geheimnis der Gottheit kommt und wieder in ihr mündet.

Soviel von der schöpferischen Arbeit und dem schöpferischen Leben der Frau, die in der Dichtung und Kunst an der Seite des Mannes ihr Werk tut. Hier kann es sich immer nur um Einzelberufungen handeln.

Es gibt aber noch eine andere schöpferische Tätigkeit, sie ist namenlos und wird ausgeübt in der Stille des Hauses. Ich meine die schönste Pflicht und die beglückendste Arbeit, von der Mutter ausgeübt, die das Kind sprechen lehrt. In langer stiller Geduld wird die kleine Menschenseele aus der Dumpfheit, aus dem Schlummer aufgeweckt. Das erste kleine Licht des Geistes wird angezündet. Es gibt keinen schöneren Augenblick zu erleben als den, in welchem nach langen Wiederholungen die gelallten Laute plötzlich einen Sinn verraten. Das Tor der Seele ist aufgesprungen. Nur ein kleiner Spalt ist es, aus dem es leuchtet, aber der Spalt wächst von Tag zu Tag. Ein weiter Weg ist es, bis aus dem Stammeln das Wort geboren wird, aber es ist wahrhaftig Schöpfung. Und sie geht auch als Schöpfung vor sich. Es ist oft, als sei mit der Geburt des Kindes die Gabe einer neuen Sprache über die junge Mutter gekommen, denn wie anders könnte sie den Reichtum der liebenden, tosenden, tröstenden, aufmunternden Worte und Lieder gefunden haben, Worte und Lieder, die keine Feder aufzeichnet, und die doch immer neu entstehen? Es ist nicht abzuschätzen, was an Bildern, Sprachbildern, Geschichten wechselseitig durch Mutter und Kind geschaffen wird, wenn sie ihre Zwiegespräche führen.

Wir dürfen es daher als recht ansehen, wenn das Volk seine Sprache der Mutter zueignet, wenn es sie Muttersprache nennt. Darin liegt eine hohe Ehre für die Frau und ein Dank des ganzen Volkes an sie. Man kann damit den Dank vergleichen, den das Volk dem Manne zuerkennt, wenn es seine Erde, sein Land Vaterland nennt, denn für den Lebensraum hat der Mann einzustehen mit seinem Leben. Die Sprache aber schenkt die Mutter dem Volke.

Hier verwischen sich nun die Grenzen zwischen der schöpferischen und der erhaltenden Tätigkeit der Frau im Volke, so wie sie überhaupt an keinem Punkte scharf getrennt sind. Wenn die Frau berufen ist, Leben zu schenken, so schließt das in sich, daß sie es zu erhalten bestrebt sein muß, anders würde alle Geburt ihren Sinn verlieren. So ist es natürlich, daß die Frau dem Manne die Kriegswaffe überläßt, daß sie, statt zu töten, das Amt der Wundpflege auf sich nimmt. Das schließt keineswegs aus, daß die Frau und Mutter, die Notwendigkeit des Opfertodes begreifend, den Mann von sich ziehen läßt, daß sie den Sohn hingibt, und daß sie alles Leid auf sich nimmt, das Leid, das in seiner langen Dauer oft schwerer ist als die kurze Not des Sterbens.

Unter Leben verstehen wir nicht nur das Dasein als solches. Hinzu treten alle Funktionen desselben, die Gesamtheit des Kräftespiels. Auch da strebt die Frau naturnotwendig ins einmal Erreichte, sie wünscht es dauernd. Dem Mann ist es auferlegt, ins Unbekannte vorzustoßen, neue Erkenntnisse einzuholen, neue Formen und Bedingungen zu erkämpfen, um das Bestehende, das Schongewordene zu verbessern. Was er in seinem Streben erreichte, nimmt die Frau in ihre Hand und macht es einfach. Sie setzt es um in Lebensgut, mit dem sie Kind und Haus führt.

Man merkt bald an dem jungen Menschen, der aus dem Hause ins Draußen den Schritt wagt, ob die Mutter jene Forderung zu erfüllen vermocht hat. Man merkt, ob der Junge oder das Mädel eine erstgeprägte Form aus dem Hause mitbringt. Man merkt die „Kinderstube“, so sagt man und erkennt dahinter das erzieherische Wirken der Mutter. Was sie an dem Kinde geformt hat, ist unzerstörbar, und alle spätere Formung wird von dieser ersten irgendwie durchstrahlt oder verdunkelt.

Mit welchen Mitteln vermag die Frau ihre Aufgabe zu erfüllen?

Hier müssen wir unterscheiden zwischen der Frau auf dem Lande und der Stadtfrau. Für die erstere stehen zur Verfügung: Haus und Hof, Garten, Feld und Wald, Nachbarschaft mit all dem, was diese in sich beschließen. Es ist nicht schwer, mit Hilfe oder an Hand dieser Dinge Überkommenes zu pflegen und zu erhalten, denn das Wesen dieser Welt im einzelnen wie im allgemeinen strebt nach Bestand. Jedes von ihnen führt ein Eigenleben und steht in Wechselbeziehung zur Familie. Der Bauer mit allem, was er ist und hat, steht inmitten dieser Welt. Er hat ihr Lebensgesetz und ist lebensnah, erdnah wie sie. Seine Arbeit ist unveränderlich und seine Aufgabe ist ewig. Die Form der Arbeit mag sich ändern, je nach dem Fortschritt der Technik; das Wesen bleibt. So kommt es, daß die Spanne zwischen dem Bauern und der Bäuerin viel geringer ist als z. B. die zwischen einem Arbeiter in der Stadt und dessen Frau. Bauer und Bäuerin wirken an einem Werk, nicht so der Arbeiter und die Frau.

Daß nun das Land und seine Menschen allen Neuerungen abhold sind, hat man vielleicht als Beschränktkeit ausgelegt, oft auch als Eigensinn. Beides ist falsch. Alles Gewachsene will Dauer, will sie mit allen Mitteln. Das ist zu sehen auf dem Lande in allen Bereichen des Lebens, mag man an Wohnung, an Kleidung, an die Geräte und Dinge des Tages denken, an die Arbeitsweise, an die Art, Feste zu feiern, Feste in der Familie oder in der Gemeinschaft des Dorfes. Vor allem geschieht es in der Sprache, der Mundart, die der Bauer pflegt – und die er noch viel mehr pflegen möge. Ist sie doch ein Brunnen von Bildhaftigkeit und Wahrheit, voll herber Schönheit. Heute sind wir glücklich wieder dort angelangt, wo wir einen Sinn haben für Schönheit und den Wert des wahrhaftigen ehrlichen Lebens. Heute finden wir die Übertünchtheit wieder häßlich, und wir finden es häßlich, wenn der Bauer städtische Art auf seinen Hof und in sein Leben hineinzieht und sein Eigenstes verleugnet. Heute wissen wir, daß das Land der große Gesundbrunnen für das Leben ist, der Gesundbrunnen des Volkes, an dessen frischen Wassern sich alle laben, wenn sie in der Stadt müde geworden sind.

Auf solch fester, sicherer Ebene steht die Frau der Stadt nicht. Darum ist ihre Aufgabe, von der wir hier sprechen, schwerer zu lösen, und sie wird sie auch nur in geringerem Maße überhaupt lösen können. Die Stadt ist dem Wechsel zugänglicher. Der Grund liegt in der übermächtigen Gewalt, mit der die Stadt von außen her sich des Menschen bemächtigt, in der Gewalt, mit der sie ständig das Eigenleben, das Innenleben ihrer Menschen angreift und aufsaugt.

Ich fuhr vor einiger Zeit mit der Bahn von Altenhundem nach Hagen-Essen. Auf einer kleiner Sauerlandstation stiegen etwa dreißig Mütter ein, die zur Erholung vier Wochen auf dem Lande gewesen waren. Die Mütter waren fröhlich, sie erzählten, wie gut sie es gehabt hatten, und nun freuten sie sich auf die Heimkehr und auf ihre Familie. Es dauerte nicht lange, da stimmte eine Frau ein Lied an. Es war ein Volkslied. Bald war allgemeiner froher Gesang da. Ich dachte: wann hörte man früher Mütter singen? Wann überhaupt sah man früher Mütter? Diese Bahnfahrt konnte wirklich Freude machen. Dann kam Hohenlimburg. Kaum waren wir durchgefahren, da plötzlich kam der erste Schlager auf. Dieselbe Frau, die das erste Volkslied angestimmt hatte, sang: „Du kannst nicht treu sein.“ Die andern fielen ein. Vorher, in den grünen Bergen, war kein Schlager aufgekommen. – Wie war das möglich? In Hohenlimburg ist die Nähe Hagens spürbar. Die große Stadt ist zu merken. Das Industriegebiet. Es nahm seine Menschen auf. Unwillkürlich folgten die Frauen jenem Gesetz, ohne es zu ahnen.

Es wäre nun blind, wollte man das Land als die alleinige Stätte des Lebens ansehen, und wollte man die großen Zusammenwürfe der Menschen in den Städten verneinen. Mächtige Völker schaffen weite Kreisläufe ihrer Kräfte, und so entstehen Brennpunkte des Lebens, in denen es sich zusammenballt zu größten Leistungen und größten Untergängen zugleich. Glanz und Vergängnis sind die beiden Pole der großen Stadt. Alle geistigen Spannungen drängen sich zu dieser Mitte hin, entladen sich, sprühen dort auf im Angesicht der Menschheit, türmen sich dort zum Gipfel, weithin sichtbar, und sie werfen ihr Licht zurück auf das Land ihrer Herkunft, dorthin, wo ihr Anbeginn liegt. Denn anders kann man das Land nicht sehen als Anbeginn, als den mütterlichen Schoß des Lebens, kraftspendend, kraftbewahrend in seiner Gebundenheit. Anders kann man die Stadt nicht sehen, als letzte und höchste Darbietung und Entwicklung dieser Kraft, als männliche Auswirkung und Steigerung der Kraft bis zur Erfüllung ihres innersten Gesetzes.

Hier müssen wir nun noch nach der Frau fragen, nach der Frau in der Stadt und ihrer Pflicht am Volkstum. Heimat im ländlichen Sinne gibt es in der Stadt kaum. Der Hundertsatz der Menschen, die ihre ganze Kindheit und Jugend in ein und derselben Stadt zugebracht haben, oder die gar ihr ganzes Leben darin bleiben können, ist klein. Wieviel Wohnungen schon kann der einzelne Mensch nennen, die er innehatte, bis er erwachsen war! Und verläßt er eine Wohnung, so zieht ein anderer ein, und der andere verändert sie nach seiner Weise. Sogleich ist alles ausgelöscht, was einer irgendwie liebgehabt hat. Heimatlosigkeit ist das Schicksal des Menschen der Stadt, Wechsel von Ort zu Ort.

Dennoch kann sich keiner der Frage nach der Heimat entziehen Jeder Mensch sucht einen Ruhepunkt, von dem er ausgehen kann, wenn er seinen Weg überblicken will. Der Mensch vom Lande hat eine ganze kleine Welt, die ihre bestimmte Form und ihr unverrückbares Leben durch lange Zeiten und Geschlechterreihen hat. So wird man immer, wenn man ihn nach der Heimat fragt, die Schilderung dieser Welt und seine kleinen Erlebnisse in dieser Welt gesagt bekommen. – Fragen wir den Menschen der Stadt nach der Heimat, so beginnt er mit seiner Mutter. Er beginnt nicht einmal mit der Wohnung, so gering ist das Örtliche, ist die Welt der Stadt als Heimat. Erst später, wenn der junge Mensch selber Stellung zu der Welt der Stadt nimmt, dann bildet sich auch der Ort zur Vorstellung Heimat aus. Was vorher ist, das füllt die Mutter ganz aus. Dazu kommt der Vater, wie er von der Arbeit, von der Schicht, von der Geschäftsreise usw. auf Stunden in die Familie heimkehrt. Der Ruhepunkt aber ist die Mutter.

Wehe aber, wenn die Mutter in der Stadt dieser Aufgabe nicht mächtig ist! Wenn sie zu gering ist, wenn ihr Innenleben zu schwach ist für diese Aufgabe, Heimat zu sein! Da ihr keine äußeren Mittel der Bewahrung zur Verfügung stehen wie der Frau auf dem Lande, so muß sie alles in sich selber finden. Das ist ein Kampf, in dem es Siege, aber keinen Sieg gibt, denn ohne Aufhören brandet das Meer der Wandlungen und Verwandlungen von außen an die Frau heran, und man kann nur fragen: wieweit vermagst du dein eigen Wesen zu retten in dieser ewigen Brandung? – Hier mag wieder ein Beispiel stehen!

Ich erhielt einen Brief aus der Großstadt, geschrieben von einem Mädel oder einer Frau, der mir zeigte, daß die Schreiberin meine Bücher sehr ernst und gut gelesen hatte. Sie hatte die Gestalten der Bücher durchaus richtig gesehen, ihre Handlungen verstanden bis auf eine: daß die Wolfstochter wieder heimkehrte unter das Dach ihres väterlichen Hauses, um noch mit dem Vater dort zu leben. Sie schrieb:

„Das halte ich für Schwäche. Magdalene mußte sich entweder selber töten oder auf die Landstraße gehen.“

So konnte nur ein Mensch aus der Stadt schreiben, der nichts mehr vom Bauerntum und der Gebundenheit an Hof und Heimat weiß. Magdalene ist eine Bäuerin. Eine Bäuerin aber verläßt den Ort ihrer Pflicht niemals. Sie steht an ihrem Platze bis sie zusammenbricht. Sie weicht der Pflicht nicht aus, auch dann nicht, wenn ihre Erfüllung schwer ist, wenn sie schwerer ist als der Tod. Und was für einen Sinn hätte dann ihre Liebe gehabt und die Hoffnung auf das Kind? – Man darf annehmen, daß jene Schreiberin ganz mit den Augen der Stadt, vielleicht des Films, sah, für den ein solches Ende wirkungsvoller gewesen wäre. – An diesem Beispiel werden die beiden Welten sichtbar, die unser Volk in seiner Gesamtheit umfassen. Wie groß aber die Aufgabe der Frau in jeder dieser Welten ist, das darzutun war mein Bemühen.

Ich möchte Ihnen zum Schluß noch einmal jenes Bild der Frau vor die Seele rufen, das unsere germanischen Vorfahren in ihrer hohen Ehrfurcht von der Frau schufen, das Bild der Norne. Völker schaffen ihre Zeichen und Symbole immer aus einer tiefen Wahrheit heraus, und diese Zeichen sind Bekenntnis und Verpflichtung zugleich, Verpflichtung für uns alle, die wir unmittelbar im Dienst am Leben stehen. Seien wir der erhabenen Deutung würdig, die unsere Vorfahren ihren Frauen in dem Bild der Norne gaben!

Josefa Berens-Totenohl
(1891 – 1969) deutsche Schriftstellerin und Malerin.


„Man hat die Frau befreit, gewiß, in erster Linie von sich selbst, von dem guten Genius, der von ihren Ahnen her in ihrem Blut festgewurzelt war: man hat sie befreit von der inneren Gebundenheit an ihre Art und ihr dafür einen Wechselbalg in die Hände gelegt, der sich stolz Selbständigkeit nannte! Selbständigkeit, Gleichstellung auf allen Gebieten, los von der Bevormundung durch die Männer und wie diese Dinge alle hießen, das waren die Schlagworte, durch die in der deutschen Frau zuerst einmal ein Minderwertigkeitsgefühl geweckt werden sollte, das an sich schon gar keine Daseinsberechtigung hatte. Man nahm ihr gerade mit dem allzuvielen Gerede ihr ureigenstes Selbst, zu dem sie stehen sollte und warf sie hinein in eine Geistesströmung, die mit ihrem Selbst überhaupt nichts mehr zu tun hatte.“ — Gertrud Scholtz-Klink, 1933


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