Die frühen imaginären Abenteuer von Gott

Von Bob Parkinson

(„The Early, Imaginary Adventures of God“, 1979); die vorliegende deutsche Übersetzung von Charlotte Winheller stammt aus einem alten SF-Taschenbuch und wurde von Deep Roots in dieser Form mit dem Titelbild von Gary Larson („The Far Side“) bereits auf „As der Schwerter“ veröffentlicht.

*  *  *  *  *  *  *

Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde in genau einhundertneunundzwanzig Stunden und siebenunddreißig Minuten. Er begann an einem Sonntagmorgen, als der er sich später entpuppte, nach dem Frühstück, und war am darauffolgenden Freitagabend fertig. Selbst bei Berücksichtigung der Tatsache, daß ER allwissend und allmächtig war und daß IHM dieses Projekt schon eine ganze Weile durch den Kopf gegangen war, durfte ER stolz sein darauf.

Am siebenten Tag ruhte ER sich aus.

Aber nicht lange. Denn schon nach allerkürzester Zeit schien es zwischen Adam und Eva Schwierigkeiten zu geben. Ein paar Jahre darauf zeigte es der Kain dem Abel und machte sich nach einem recht unerfreulichen Wortwechsel mit IHM in Richtung aufgehender Sonne auf, um eine Familie zu gründen und die Zivilisation in Gang zu setzen. Aber Gott ließ sich nicht entmutigen. Es hatte in seiner Absicht gelegen, interessante Situationen zu schaffen, und was auch immer geschah, ER würde sich später damit befassen und die Dinge ins Lot bringen. Was jedoch Sorgen bereitete, war der leise Verdacht, daß Kain nicht recht verstanden hatte, worauf es IHM eigentlich ankam. Als Eva ihre nächste Schwangerschaft austrug, kümmerte ER sich darum, daß das Kind ein bißchen mehr Intelligenz mit auf den Weg bekam.

Und daß Seth ein aufgeweckter Junge war, daran war nicht zu rütteln. Kain hätte ihn sicher nicht gemocht, aber Kain konnte niemanden leiden, der besser war als er, nicht einmal den Gedanken daran. Jedermann sonst war stolz auf den Jungen. Er wuchs heran, bis aus ihm ein gutaussehender Mann geworden war, bekam eine Reihe Söhne und Töchter und wurde über neunhundert Jahre alt.

Allerdings hatten die Nachkommen von Seth und die von Kain schon lange vorher damit begonnen, untereinander zu heiraten. Und wie es so kommt, erbten deren Kinder Seths Intelligenz und Kains Streitsucht. Anstatt Verständnis für Gott aufzubringen, fingen sie an, sich die Dinge zurechtzulegen.

Eines heißen Nachmittags saß ein Mann namens Kenan im Schatten einer Mauer und unterhielt sich mit seinen Freunden. Die Mauer gehörte zu einer der neuen Städte, die Kains Kinder emsig errichteten. Kaum einer würde auf Anhieb von einer Stadt reden, ja nicht einmal von einem Dorf, aber immerhin war es die erste ihrer Art, und sie konnten sie nennen, wie es ihnen paßte. Wenn die Sonne gar zu heiß auf sie herab brannte, machten sie eine Pause und setzten sich in den Schatten. Und dann unterhielten sie sich, was vielleicht auch ein Grund dafür war, warum die Stadt nicht größer werden wollte. Gott wurde auf sie aufmerksam, als sie sich über die Form, die die Welt hätte, zu streiten begannen. Seine Welt!

„Hört zu“, sagte Kenan. „Ich fände es geradezu idiotisch, wenn die Welt flach wäre.“

Einen Augenblick spielte Gott mit dem Gedanken, ihn auf der Stelle zu zermalmen – als Warnung für alle, die es wagten, Kritik zu üben. Die Welt war nämlich flach. Bis dahin war IHM das ganz selbstverständlich vorgekommen. Aber mit der Allwissenheit hatte es einen Haken: Oft ließ sich im voraus erkennen, wie es weiterging. Und das letzte, was Gott sich wünschte, war, daß Kenans zorniger Geist im Himmel aufkreuzte und IHN beschuldigte, seine Arbeit nicht vernünftig begründen zu können. Also hörte ER erstmal zu (Was seither mehr als einen Kritiker vor dem plötzlichen Ableben bewahrt hat).

Kenan hielt einen Teller in die Höhe, um zu zeigen, was er meinte. „Seht mal her! Wenn die Welt flach wäre, würde alles, was sich darauf befindet, am Rand runterfallen – oder?“

„Na und?“ sagte einer der Zuhörer.

„Und wo würde es hinfallen?“ fragte Kenan. „Was ich meine, ist: Wenn hier bei uns etwas runterfällt, dann fällt es auf den Boden. Aber die Welt selbst ist ja der Boden. Und wenn die Welt flach ist und man lange genug wartet, dann fällt nach und nach alles über den Rand runter, bis nichts mehr übrig bleibt, jedenfalls nichts Bewegliches. Oder nicht?“

Im Grunde hatte Kenan Glück, daß er in einer Zeit lebte, in der die tiefen Teller, mit nach oben gewölbtem Rand, noch nicht erfunden waren (genauso wenig wie Soßen). Aber an sich war sein Gedanke richtig. Einer seiner Zuhörer fragte: „Na, und welche Form würdest du ihr geben?“

Kenan sah sich nach einem Stein um, der seinem Zweck entsprach und mehr oder weniger kugelförmig war. Er hob ihn auf. „Ich würde sagen, sie muß rund sein, so wie der Stein.“

„Na, na, Kenan“, sagte der Zuhörer. „Das wäre ja noch schlimmer als dein Eßteller. Bei dem fallen die Sachen wenigstens nur am Rand runter. Wenn die Erde rund wäre, würde sich überhaupt nichts darauf halten.“

„Weit gefehlt“, sagte Kenan. „Deshalb habe ich ja gefragt, wo die Sachen hinfallen. Sie fallen auf den Boden. Und wenn das da unten der Boden ist, dann fällt doch alles da drauf, richtig?“

Gott war beeindruckt. Bis dahin hatte ER sich keinerlei Gedanken über die Schwerkraft gemacht, aber irgendwie klang das, was Kenan sagte, logisch und überzeugend. Ein anderer Zuhörer ließ sich nicht so leicht beeindrucken.

„Na schön Kenan“, sagte er. „Und wodurch bleibt die Welt, wo sie ist?“

Das war selbst Gott klar. Und Kenan erst recht. „Durch nichts“, sagte er. „Wo soll sie denn hinfallen? Wenn alles auf die Welt fällt. Die Welt fällt nirgendwo hin.“

Danach redeten sie über die Arbeit an den Mauern und von der Ernte, und Gott widmete sich wieder anderen Dingen. Aber Kenans Gedanke hatte etwas Praktisches, und nachdem ER sich erst mal daran gewöhnt hatte, fielen IHM alle möglichen Vorteile ein, die er mit sich brachte. Außerdem: Wirklich wichtige Dinge wurden davon nicht berührt. Daher nutzte ER die Gelegenheit und spielte einen Trick aus, den ER von Anfang an im Ärmel stecken hatte. ER vergrößerte seine Allmacht und brachte der Schöpfung eine kleine Korrektur bei.

Die Welt war eine Kugel, die im Leeren hing. Nicht erst ab jetzt, nein, schon seit eh und je.

Der nächste Fall ereignete sich zwei Jahrhunderte später. Als Gott war ER allgegenwärtig, überall und in allen Dingen. Das hatte zur Folge, daß ER immer nur mit halbem Ohr dabei sein konnte. Nur ab und zu passierte etwas, das seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermochte.

Zwei Männer mit Namen Jared und Methusael saßen eines Abends am Hirtenfeuer und starrten gedankenversunken in die Flammen. Nach langem Schweigen blickte Methusael seinen Begleiter an und sagte: „Leg mal ’n neues Stück Holz ins Feuer. Es ist schon ganz runtergebrannt.“

Jared griff nach einem Stück Holz und warf es in die Flammen. Ein Funkenregen sprühte durch die Nacht. „Hast du dir schon mal überlegt“, fragte er, „daß die Sonne irgend so eine Art Feuer im Himmel sein muß“

„Kann schon sein“, sagte Methusael. „Aber wenn, dann ein gehörig großes. Allerdings möchte ich gern wissen, wo Gott wohl sein Holz herkriegt?“

„Das hab’ ich mir auch schon überlegt“, sagte Jared. „So ein Feuer brennt ja nicht ewig, auch wenn man anfangs ordentlich was zum Brennen reinlegt. Und die Sonne, die ist jetzt schon an, solange du lebst, und solange dein Vater gelebt hat, und dessen Vater.“

„Du hast vielleicht ein Glück“, sagte Methusael, „daß du deine Vorfahren so weit zurückverfolgen kannst.“

„Und außerdem“, fuhr Jared beharrlich fort, „gibt die Sonne tagsüber fast genauso viel Wärme ab wie unser Feuer. Wenn ich aber nur knapp fünf Meter weggehe, spüre ich kaum noch was von der Wärme, wohingegen ich den ganzen Tag rumspaziere, ohne auch nur die geringste Veränderung an der Sonne festzustellen. Sogar als wir bis nach Erech gegangen sind, wurde sie nicht dunkler und machte auch nicht den Eindruck, als wäre sie weiter weg. Deshalb muß sie ganz schön weit von hier entfernt sein – und das heißt, daß sie in Wirklichkeit noch viel größer ist, als sie aussieht.“

„Wie du schon sagtest“, stimmte Methusael zu. „Aber wie groß und wie weit entfernt?“

„Vielleicht so groß wie die Welt“, sagte Jared. Er überlegte. „Oder vielleicht sogar noch größer. Muß sie denn nicht so groß sein, wenn sie die ganze Welt solange warm halten soll? Aber wenn sie tatsächlich so groß wäre, dann müßte sich unsere Welt um sie herumbewegen und nicht umgekehrt.“

Eigentlich hatte Gott nicht vorgehabt, die Sonne derart groß zu machen. Bis dahin hatte ER immer nachts Holz nachgelegt, von hinten, wenn es niemand sah. Trotzdem, das reichte kaum den Tag über, und wenn sie dann hinter dem Horizont versank, war sie nur mehr ein rotes, ausgeglühtes Holzscheit. Jareds Idee gefiel IHM bedeutend besser.

„Aber wenn sich die Welt um die Sonne herumbewegt“, wandte Methusael ein, „müßte die Sonne dann nicht die ganze Zeit am Himmel stehen?“

„Ganz und gar nicht“, sagte Jared. Und stand auf. „Unsere Welt würde sich drehen. So.“ Er machte es vor. „Wenn man das Feuer ansieht, ist es Tag, und wenn man ihm den Rücken dreht, ist es Nacht.“

„Aber würde es einem nicht schwindlig werden von der ganzen Dreherei?“ fragte Methusael.

„Wieso? Wenn es einen ganzen Tag dauert, bis man sich einmal rumgedreht hat, muß man ganz gehörig aufpassen, um davon überhaupt etwas mitzukriegen“, sagte Jared. „Und wie der Mond aussieht, das käme ganz darauf an – je nachdem, wo er gerade steht.“ Er machte eine Faust und hielt sie hoch, während er sich um sich selbst drehte, ganz verzückt von seiner eigenen Idee. „Herrlich ist das“, sagte er zu sich selbst. „Wie ein wunderbar harmonischer Tanz.“ Dann stolperte er über eine Wurzel und setzte sich hastig hin.

„Eines weiß ich sicher“, sagte Methusael. „So große Füße wie du hat Gott nicht.“

„Meinst du nicht?“ fragte Jared. „Und wo soll dann bitte der Donner herkommen?“

Aber Gott hatte sich schon entfernt und dachte über die Folgen nach, die Jareds Projekt nach sich zog. Erst einmal löste sich damit das ziemlich schwierige Problem, für die Sonne andauernd Holz beschaffen zu müssen, ganz von selbst, und außerdem paßte das Ganze ausgezeichnet zu der Idee mit der Schwerkraft. Ein bißchen Schöpfung im Nachhinein, und gut ein halbes Dutzend Schwierigkeiten und Unstimmigkeiten waren aus der Welt geschafft.

Zu Beginn war die physikalische Beschaffenheit des Universums  eher Nebensache gewesen. Was IHN interessierte, waren die Menschen. Aber wenn die Menschen unbedingt auf einem logischen Universum bestanden, dann mußte ER dafür sorgen, daß sie es auch bekamen. Dieses Universum war seit der ersten Planung ganz gehörig gewachsen. Jetzt gab es eine Sonne und ein Sonnensystem, in dem sich die Erde drehte. Danach war ER eine Weile mit anderen Dingen beschäftigt. Es gab ein paar Probleme wegen Überschwemmungen, die IHM zu schaffen machten. Gelegentlich wurden Vorschläge und neue Ideen an IHN herangetragen, die ER sich für später aufhob, zum Beispiel die Frage eines Kindes, wie fein Sand zu machen ginge, oder die Überlegungen eines Reisenden, ob die Sterne nicht vielleicht auch Sonnen waren, genauso wie unsere, nur viel weiter entfernt.

Dann lauschte ER eines Tages wieder der Unterhaltung zweier Hirten. Sie hießen Jakob und Laban. Jakob war der Jüngere von den beiden, er hatte krauses, schwarzes Haar und fuchtelte mit den Armen in der Luft, während er seine Spekulationen anstellte.

„Ich hab’ mir mal Gedanken gemacht, wie das mit dem Sex ist und so“, sagte Jakob.

Der andere lachte. „Worüber sollte man sich denn sonst Gedanken machen?“

„Nein, im Ernst“, sagte Jakob, und Gott wußte sofort, daß es mal wieder um Physisches ging. „Warum sind eigentlich zwei nötig, um ein Baby zu machen?“

Nun gehörte Sexualität zu den Dingen, auf deren Erfindung Gott mächtig stolz war. Sie brachte alle möglichen interessanten Fragen moralischer Art mit sich, und außerdem schien sein Volk nie müde, sich damit die Zeit zu vertreiben. ER selbst hatte Sex noch nie als ein physisches Problem gesehen.

„Also, ich könnte mir vorstellen, daß es ziemlich umständlich ist, immer gleich zwei Leute aufzutreiben, wenn man mal ins Heu will“, sagte Laban. „Und immer nur allein und mit sich selbst, ist ja auch langweilig.“

„So hab’ ich das nicht gemeint“, sagte Jakob. „Zum Beispiel mein erster Junge. Was würdest du sagen, nach wem der kommt?“

Laban dachte nach. „Ich glaube, der kommt mehr nach seiner Mutter. Aber die krausen Haare, die hat er von dir.“

„Du sagst es.“ Jakob nickte. „Und so ähnlich ist das, glaub’ ich, bei allen von uns. Jeder kriegt ein bißchen was von beiden Eltern mit, aber keiner ist ganz genauso wie einer von beiden. Das hab’ ich damit gemeint. Sex bedeutet Veränderung.“

„Stell ich mir ziemlich langweilig vor, wenn wir alle gleich wären“, sagte Laban.

„Bestimmt. Aber denk doch mal an die Schafe. Was passiert, wenn du dein kräftigstes Mutterschaf hernimmst und es mit dem tauglichsten Bock zusammentust?“

„Dann zücht’ ich mir ’ne gute Herde ran“, sagte Laban.

„Richtig. Dann kriegst du kräftige, gesunde Lämmer. Sex bedeutet also nicht einfach Veränderung, es kann die Veränderung zum Besseren bedeuten. Aber jetzt wird’s knifflig – was verstehst du unter zum Besseren?“

„Was soll ich darunter verstehen? Eben besser“, sagte Laban. „Ich weiß gar nicht, worauf du hinaus willst.“

„Na schön. Reden wir über Katzen“, sagte Jakob. „Du hast doch nichts dagegen, wenn ich Berglöwen als eine Art große Katzen bezeichne, oder?“

„Wenn es unbedingt sein muß“, brummte Laban. „Ich wünschte, du kämest endlich zur Sache.“

„Also gut. Ich schätze, für einen Löwen bedeutet besser sein so viel wie stärker, schneller, größer – meinst du nicht? Größer als eine gewöhnliche Katze, zum Beispiel.“

„Klingt einleuchtend.“

„Aber der vor ein paar Monaten die Schafe aus Ismaels Herde gerissen hat, war vielleicht anderer Meinung, als wir ihn erledigt haben“, sagte Jakob. „Wann hast du zum Beispiel zum letztenmal eine gewöhnliche Katze gejagt, weil sie deine Schafe getötet hätte?“

„Eine gewöhnliche Katze könnte also denken, sie wäre besser dran“, sagte Laban. „Ich glaube, ich verstehe, was du sagen willst. Wenn du also irgendwo den Prototyp einer Katze hättest, dann würden die einen bei ihrer Fortpflanzung auf Größe und Stärke aus sein, und die anderen auf eine möglichst zierliche Statur und Schlauheit. Aber das würde alles schrecklich lange dauern.“

„Immerhin hast du zugegeben, daß diese Veränderungen stattfinden“, sagte Jakob. „Dazu ist nichts weiter nötig als Zeit. Die Ähnlichkeiten liegen auf der Hand. Katzen und Löwen. Hunde und Wölfe. Esel und Pferde. Und wenn man noch viel, viel weiter zurückgeht, stößt man vielleicht sogar auf einen gemeinsamen Vorfahren für den Prototyp Katze und irgendeiner anderen Gruppe – den Prototyp Bär, zum Beispiel. Und das alles nur, weil Sex bedeutet, daß sich jede Generation ein kleines bißchen verändert.“

„Ich weiß nicht, ich weiß nicht“, sagte Laban voller Zweifel. Er sah sich um. Hinter ihnen war ein selbständiges Schaf der Meinung, daß sie zu schnell an dem guten Weidegras vorbeizogen, und hatte eine ganze Gruppe zu einem Ausbruch verleitet. Laban ging auf die Seite, um sie wieder zur Herde zurückzutreiben, und nach ein paar Minuten holte er Jakob wieder ein.

„Hör mal, Jakob“, sagte er. „Glaubst du nicht, daß sich diese ganzen Veränderungen nach einer Weile ganz von selbst irgendwie aneinander anpassen?“

„Warum sollten sie?“ fragte Jakob. „Das ist dasselbe wie mit den Schafen. Wenn du sie nicht fortwährend alle zusammenhältst, dann laufen sie irgendwo anders hin, und am Ende sind sie wer weiß wo verstreut. Die Tatsache, daß sich die Veränderungen immer weiter ausbreiten, ist auch die Erklärung dafür, warum es so viele verschiedene Tierarten gibt.“

„Alles schön und gut“, sagte Laban. „Aber das ist nur eine Theorie. Genausogut könnte es anders sein. Zum Beispiel, daß der HERR von Anbeginn alles so eingerichtet hat? Könnte es nicht sein, daß ER einfach ein und denselben Entwurf zweimal verwendet hat, einmal für Katzen und einmal für Löwen?“

Eine gute Frage, dachte Gott.

Aber Jakob war entsetzt. „Das würde nichts anderes heißen, als daß ER etwas vortäuscht, um uns in die Irre zu führen“, sagte er. „Ich gebe gern zu, daß Gott manches Mal ein bißchen schwer zu verstehen ist, aber ich will und kann einfach nicht glauben, daß ER uns absichtlich hinters Licht führen würde.“

Und plötzlich erkannte Gott, daß ER gar keine Wahl hatte. Die Physis ließ sich kaum mehr nur unter dem Aspekt beiläufiger Unterhaltung betrachten. Jakob hatte ein moralisches Problem daraus gemacht. Jetzt ging es sozusagen um eine Demonstration seiner Zuverlässigkeit.

Also machte ER sich daran, für die Tiere Stammbäume auszuarbeiten. Aber nach einer Weile wurde IHM klar, daß das nicht genügen würde. Auch die Vögel und die Fische mußten mit einbezogen werden und alle Pflanzen und Bäume. ER würde soweit zurückgehen müssen, bis alles Leben in einer einzigen Familieneinheit mündete.

In einem Anfall retrospektiver Neuschöpfung verlegte ER den Anfang der Dinge um eine Million Jahre zurück, wodurch ER seinen Geschöpfen genügend Zeit zur Fortpflanzung, Mutation und Besiedlung der Erde gab. Aber selbst das reichte noch nicht aus. ER suchte in der Vergangenheit, um irgendeinen gemeinsamen Vorfahren ausfindig zu machen, aber der zog sich immer weiter zurück. ER hatte jetzt eine Welt, deren Alter in die Milliarden Jahre ging, bis zurück zu der Zeit, da das Leben aus den gleichen Bedingungen heraus entstand, die ganz zu Anfang auf der Erde geherrscht hatten. Aber nicht genug. Denn davor mußte ER den Ursprung der Erde in Betracht ziehen, den der Sonne und den der Atome, aus denen sie sich zusammensetzten und die sich in den nuklearen Schmelzöfen entwickelten, die ER Sterne nannte, ja, sogar den Ursprung des Universums selbst.

ER hielt sich ein bißchen damit auf, hin und her zu überlegen, ob ER dem Universum als Ganzem irgendeinen bestimmten Anfang in der Schöpfung geben sollte, oder ob es zu seiner eigenen unendlichen Erhabenheit nicht viel besser paßte, wenn es ebenfalls unendlich und auch ewig war. Schließlich traf ER seine Entscheidung, und am Ende war alles komplett.

Es war ein großartiges Unternehmen. ER hatte alles gründlich und umfassend geprüft. Mit perfekter Logik ging es von den ersten einfachen Anfängen Schritt für Schritt gleichmäßig eine Leiter hinauf, die durch alle Stadien der Evolution führte. Durch Atome und Elemente, durch Sterne und Planeten, über chemische und biologische Reaktionen bis hin zur Entstehung von Intelligenz. Auf der alleruntersten Stufe schien nichts als Chaos und Zufall vorzuherrschen, aber wenn man es näher betrachtete, dann wurden allmählich Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten erkennbar, die sich zu einem vollständigen und detaillierten Muster zusammenfügten. ER hatte jetzt ein anderes Volk, andere Welten, andere Zivilisationen, die alle bisher vorstellbaren Möglichkeiten der Schöpfung in geradezu unfaßbarer Weise übertrafen. Eine glorreiche Tat, und wenn ER nicht so bescheiden gewesen wäre, zudem ein trefflicher Tribut an seine Herrlichkeit.

Und doch konnte ER sich nicht des Gefühls erwehren, daß an jenem ersten Konzept etwas dran gewesen war, etwas, das nun fehlte. Sicher, es hatte sich nur um eine recht grobe Skizze gehandelt – aber in ihr war alles enthalten gewesen, was ER für wichtig erachtet hatte. Es wäre schade, wenn das nun völlig verlorenginge.

Gott blickte auf seinen Planeten Erde. Irgendwo da unten, in der Wüste Sinai, kämpfte ein Ausgestoßener darum, aus einem zerschlagenen Stamm freigekommener Sklaven eine Nation zu gründen. Unlängst hatte er sie wieder mit wachsendem väterlichem Interesse beobachtet. In einer Wolke aus Feuer und Rauch stieg ER hinab zu ihnen und wartete, daß ihr Anführer zu IHM kam.

„Moische, alter Freund“, begann ER. „Ich habe eine Geschichte für dich, die du nie und nimmer glauben wirst.“


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