Die späte Rache Erich Honeckers

Von E. H.

Ihr hattet alle Arbeit, ihr hattet alle eine Wohnung. Ihr hattet gute Schulen. Ihr hattet eine stabile Währung, eure Rente war sicher. Ihr konntet auf dem Alexanderplatz in Berlin bis in die tiefe Nacht hinein ohne Angst spazieren gehen. Ihr hattet keine Türken. Aber das hat euch nicht gereicht.

Ihr wolltet mehr. Ihr wolltet ein schickes Auto, weil euch der Wartburg nicht fein genug war. Ihr wolltet Bananen, weil euch unsere heimischen Äpfel nicht gut genug waren. Ihr wolltet die D-Mark, weil euch die DDR-Mark nicht edel genug war. Ihr wolltet Meinungsfreiheit, obwohl ihr in der DDR über alles frei reden durftet, außer über den Sozialismus.

Ihr wolltet die BRD, und ihr habt sie bekommen.

Was euch das Westfernsehen schon damals nicht erzählt hat, erzählt es euch auch heute nicht. In der BRD durfte man schon damals nicht ehrlich über Ausländer sprechen. In der BRD wurde schon damals mit zweierlei Maß gemessen: Es gab ein Recht für Deutsche, das im Gesetz stand, und es gab ein anderes Recht für die Ausländer, das politischen Vorgaben folgte. Aber ihr habt euch gern blenden lassen. Im Westfernsehen war die Propaganda genauso unwahr wie bei uns, sie war nur geschickter. Unsere Propaganda war leicht zu durchschauen, und ihr wart ja alle so neunmalschlau. Aber dem Westfernsehen seid ihr voll auf den Leim gegangen.

Schaut euch jetzt euer Leben an.

Euer schickes Auto habt ihr mit Schulden gekauft, geborgter Wohlstand auf Kredit, ihr seid Schuldknechte von Banken. Auf unseren Wartburg hattet ihr lange gespart und habt ihn bar bezahlt – mit Stolz. Für eure DDR-Mark bekamt ihr gute Zinsen und hattet alle viel Geld auf dem Konto, jetzt habt ihr gar nichts mehr, nicht mal mehr die D-Mark. Die Rente der DDR war sicher, jetzt ist eure Rente zum Leben zu viel, zum Sterben zu wenig. Eure Kinder konnten auf den Schulen der DDR nach sechs Wochen lesen und schreiben, jetzt können sie das nicht mal in der dritten Klasse.

Selbst in Berlin brauchtet ihr nachts keine Angst zu haben, niemand wurde am Alexanderplatz totgeschlagen. Jetzt traut ihr euch abends nicht mal im eigenen Dorf auf die Straße, weil Afghanenhorden ums Haus streunen. Unsere Volkspolizei, unsere NVA – das war euch immer zu viel Staat und zu preußisch, zu zackig, aber jetzt redet ihr über Bürgerwehren und wollt euch selbst bewaffnen, weil kein Staat mehr da ist, der euch hilft. In der DDR war euch das Leben zu planbar, jetzt könnt ihr euch auf gar nichts mehr verlassen. Wann habt ihr zum letzten Mal Bananen gegessen? Und frei reden dürft ihr immer noch nicht.

Damals habt ihr alle geschrien: Macht die Grenze auf! Jetzt wärt ihr froh, wenn sie zu wäre.

Ihr wolltet die totale BRD, jetzt habt ihr sie.


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