Die Suche nach Hitlers Atombombe

von Thomas Mehner

Man mag kaum glauben, was da am vergangenen Dienstag, dem 28. Juli 2015, zur besten Sendezeit im ZDF präsentiert wurde: Eine Dokumentation, die den Titel »Die Suche nach Hitlers Atombombe« trug und zahlreiche neue Informationen zum Thema präsentierte. Mittlerweile scheint das Thema, das nach offizieller Lesart das Betätigungsfeld von Verschwörungstheoretikern und Spinnern war, eine Evolution durchlaufen zu haben und salonfähig geworden zu sein.

Ich möchte mir an dieser Stelle eine ausführliche Darstellung des Inhalts der Dokumentation »Die Suche nach Hitlers Atombombe«, die sich jeder in der ZDF-Mediathek ansehen sollte, der an diesem Thema interessiert ist, ersparen. Stattdessen erlaube ich mir, auf die entsprechenden, gut aufbereiteten Informationen im ZDF-Presseportal hinzuweisen, die auch eine Reihe von weiterführenden Links beinhalten, und festzustellen, dass das Thema offensichtlich an Bedeutung gewinnt.

Bekanntermaßen haben Edgar Mayer sowie meine Wenigkeit bereits vor über zehn Jahren darauf hingewiesen, dass etwas in Bezug auf die Geschichte, die Amerikaner hätten den Sieg bei der Entwicklung und beim Bau der Atomwaffen davongetragen, nicht stimmen kann. Im Laufe der Jahre (beginnend ab 2001) publizierten wir eine Reihe von Büchern, die sich vorwiegend mit Thüringen und der hier unterirdisch realisierten Geheimwaffenproduktion der zweiten Generation befassten. Uns war zu Beginn der Recherchen keineswegs klar, welche Dimension das Thema erlangen würde, denn nicht nur Thüringen spielte in den geheimen Forschungen der Nationalsozialisten eine Rolle, sondern auch das Erzgebirge, der Raum Böhmen/Mähren, der Norden Deutschlands sowie das Siegerland.

Mittlerweile hat sich das Thema nochmals weiterentwickelt, und zwar dank der Arbeit des Berliner Wirtschaftshistorikers Dr. Rainer Karlsch und des österreichischen Dokumentarfilmers Andreas Sulzer. Letzterer war bei Recherchen darauf gestoßen, dass in seiner Heimat im Raum St. Georgen an der Gusen – Gusen – KZ Mauthausen die SS unter Obergruppenführer Dr. Ing. Hans Kammler an einem Projekt arbeitete, das ebenfalls mit der deutschen Atomforschung zu tun hatte. Auch hierzu soll nicht das wiederholt werden, was der ZDF-Beitrag berichtete, sondern nur ergänzend erwähnt werden, dass nach den mir vorliegenden Informationen eine Verbindung zwischen dem Raum Thüringen (Arnstadt, Ohrdruf, Plaue, Erfurt) und dem eben genannten Areal in Österreich existiert. Bahntransporte, die in Thüringen abgingen, wurden im Raum St. Georgen an der Gusen in Empfang genommen. Dabei spielte ein Wehrmachtsoffizier, der auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf Dienst tat, eine besondere Rolle, denn er war derjenige, der die von Thüringen nach St. Georgen an der Gusen laufenden Transporte verantwortlich begleitete.

Nach dem Krieg wurde nicht offenbar, was der Mann mit einem schwer aussprechbaren Namen da im Geheimen getan hatte, jedoch wissen wir heute, dass er auch für Kammler tätig war, obwohl er keineswegs die schwarze Uniform trug. (Sein Name wird zu gegebener Zeit offenbart werden.) Und wenn wir schon einmal dabei sind, über Verlagerungen zu sprechen, dann sei noch angedeutet, dass es über 140 Einlagerungsstandorte im Bereich von St. Georgen an der Gusen, Gusen und dem KZ Mauthausen geben soll, in die wichtige Dinge gebracht wurden, unter anderem – auch wenn das niemand glauben mag – fertige Atomwaffen. Diese kamen aus Thüringen. Kammler hatte entschieden, bestimmte Dinge auf mehrere Standorte zu verteilen, um sie so für die Alliierten schwer erreichbar werden zu lassen.

Viele derjenigen, die die Bücher meines Koautors und mir lasen, mögen es bedauert haben, dass wir uns letztmalig 2009 in einer ausführlichen Publikation zu Wort meldeten. All den Interessenten sei aber versichert, dass die Recherchen fortgesetzt wurden und unsererseits das Thema keineswegs fallen gelassen worden ist.

Im Gegenteil: Was wir in den vergangenen fünf, sechs Jahren fanden, zeigt mehr als deutlich, dass sich die weitere Spurensuche lohnt. Und einiges von dem, was zwischenzeitlich entdeckt wurde, wird in nicht allzu ferner Zukunft präsentiert werden. Die Frage, die uns in diesem Zusammenhang umtrieb, war die, dass wir uns nicht darüber einig werden konnten, ob man der interessierten Öffentlichkeit wirklich alles berichten sollte, was da an SS-Geheimentwicklungen lief und ob man den heute Lebenden Angst machen sollte angesichts der von uns vermuteten Altlasten.

Es existieren (leider) diesbezügliche Hinweise, die man auch durchaus weiterverfolgen kann und die unter anderem die (unterirdischen) Standorte einiger Kernreaktoren betreffen, die wahrscheinlich von den Alliierten nach dem Krieg nie gefunden wurden und sich künftig unaufgefordert melden werden, und zwar in einer Form, die alles andere als wünschenswert ist.

Nur so viel: Wurden die Reaktoren nach dem Krieg heruntergefahren und nicht mehr gewartet, dann liefen auch ohne menschliches Zutun weiter kernphysikalische Prozesse in ihnen ab, die so lange kein Problem bedeuteten, wie bestimmte Sicherheitssysteme funktionierten. Bekanntermaßen unterliegen diese Systeme jedoch einem Verschleiß. Muss ich noch mehr schreiben?

Doch zurück zur ZDF-Dokumentation. Im Zusammenhang mit dieser gab es auch Seltsamkeiten, die einen nur den Kopf schütteln lassen. Einen Tag vor Ausstrahlung des Films echauffierte sich Sven Felix Kellerhoff in seinem Artikel »Jetzt sucht auch das ZDF nach Hitlers Atombombe« über die Dokumentation. Es scheint in Deutschland mittlerweile zur bewährten Praxis der Vertreter der »Qualitätsmedien« zu gehören, Dinge zu bewerten, die man noch gar nicht gesehen (oder gelesen) hat – seien es Filmberichte oder Bücher.

Offenbar sind die Herrschaften, die das tun, mit der Gabe des Vorauswissens ausgestattet und von einem Heiligenschein umgeben. Anders lässt sich nicht erklären, dass das von ihnen präsentierte Geschreibsel von einigen Zeitgenossen auch noch ernst genommen wird. Kellerhoffs Artikel sollte wahrscheinlich dazu dienen, mögliche Interessenten der ZDF-Doku abzuschrecken, denn alles, was der Welt-Redakteur schrieb, lief darauf hinaus, dass das Thema keine Relevanz besitze und die Fakten dagegen sprächen – also alles Blödsinn sei. Kellerhoff stellte zum Schluss seines Artikels fest:

»Rätselhaft bleibt, warum das Thema ›Hitlers Atombombe‹ trotz dieser Faktenlage immer wieder eigentlich kenntnisreiche Historiker reizt. Laut Stefan Brauburger soll der Film nur ein ›Zwischenergebnis‹ zeigen; die Recherchen gingen weiter. Man könnte sich dieses Geld auch sparen oder besser für seriöse Dokumentationen ausgeben. Denn eine deutsche Kernwaffe hat es niemals gegeben, nicht einmal ansatzweise. Daran ändern weder sowjetische noch US-Geheimdienstberichte irgendetwas.« (Hervorhebung durch TM)

Herr Kellerhoff hat sich mit der Aussage sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Ich wette darauf, dass er – auch wenn das noch ein paar Jahre dauern mag – aus demselben fallen wird. Der Aufschlag dürfte hart werden, dann aber verdientermaßen erfolgen. Kellerhoff und Konsorten versuchen etwas zu beurteilen, das sie nicht einmal ansatzweise verstehen. Offenbar ist in den Redaktionen bestimmter Medien nicht bekannt, dass sich eine immer größer werdende Zahl von Personen mit dem Thema befasst, die über die Jahre viele Informationen zusammengetragen, aber nicht veröffentlicht haben.

Manches darunter ist höchst interessant. Zudem wurden in den vergangenen Jahren die Aussagen von Zeitzeugen, so diese bestimmte Standorte unterirdischer Anlagen betrafen, überprüft. Bei Radarmessungen zeigte sich immer wieder, dass die Zeugen nicht gelogen hatten, sondern tatsächlich mehr oder weniger ausgedehnte Hohlräume, teils mehretagig, identifiziert werden konnten. Das Problem besteht generell darin, behördliche Genehmigungen zu erlangen, um die Verdachtsmomente überprüfen zu können. Die Herren Karlsch und Sulzer können ein Lied davon singen (besser gesagt davon, wie man sie abblockte) – von den Erfahrungen derjenigen, die in Thüringen Recherchen betreiben, hier einmal ganz zu schweigen.

Natürlich ist die Suche nach Beweisen in Form handgreiflicher Objekte extrem schwierig. Nicht vergessen werden darf aber dabei, dass vieles eine Frage des Geldes ist, das insbesondere bei denjenigen knapp ist, die auf privater Basis Recherchen betreiben. Nur wenige haben die Möglichkeit, sich quasi beruflich mit dem Thema zu befassen. Doch auch sie stoßen an ihre Grenzen, nämlich immer dann, wenn zum Beispiel Dokumente, die weitergehende Informationen über Standorte liefern könnten, immer noch der Geheimhaltung unterliegen – was seinen Grund hat. In der ZDF-Doku kam der Sohn eines US-Geheimagenten zu Wort, der ein enger Vertrauter Präsident Roosevelts war und einiges von den Dingen erlebt hatte, die das deutsche Atom(waffen)programm betrafen.

Der Mann namens Richardson sprach gegenüber seinem Sohn davon, dass er dabei war, als mehrere Dutzend Kilogramm (!) angereichertes Uran nach London per Flugzeug überstellt wurden. Würde sich diese mündlich überlieferte Information untermauern lassen, so müsste die Geschichte umgeschrieben werden: Den Deutschen wäre dann etwas gelungen, was die Amerikaner (ihrer Darstellung zufolge) nur unter allergrößtem Material- und Personaleinsatz bewerkstelligen konnten – und das zu den damals astronomisch hohen Kosten von zwei Milliarden US-Dollar!

Vorausgesetzt, Deutschland habe bei Kriegsende tatsächlich 50 oder mehr Kilogramm angereichertes Uran-235 besessen: Wo befand(en) sich die Anlage(n), in denen das Material für die Bombe produziert wurde? Mit welchem Verfahren wurde es hergestellt? Gab es vielleicht eine spezielle deutsche Technologie dafür, die bis heute nicht bekannt wurde (beziehungsweise werden durfte), weil sie relativ einfach ist und quasi jede Nation in die Lage versetzen würde, eine Atomwaffe zu bauen? Wer waren die Köpfe, die hinter dem Projekt standen? Was wurde aus ihnen? Und was geschah mit dem Material?

Von diesen Fragen einmal abgesehen: Ich behaupte, dass Deutschland eine fortgeschrittene Technologie besaß, die es ihm erlaubte, Atomwaffen herzustellen. Genau diese Technologie war es nämlich, die bei Kriegsende an den Verbündeten Japan überstellt wurde und bei den Amerikanern hektische Betriebsamkeit auslöste. Mittlerweile ist es mir gelungen, einige neue Zusammenhänge herauszuarbeiten, die vor allem mit der Lieferung von Quecksilber zu tun haben – eine Geschichte, auf die bei passender Gelegenheit noch einzugehen sein wird, hier aber aus Platzgründen nur kurz Erwähnung finden kann.

Ein guter Bekannter von mir, der vor drei Jahren seine Recherchen zum Thema beendete, meinte zum Schluss sinngemäß, dass der Beweis für die Existenz des deutschen Atom(waffen)programms irgendwann erbracht werde. Auch dann, wenn niemand mehr nach ihm suche. Denn das, was unterirdisch schlummere, werde eines »schönen«, nicht allzu fernen Tages auf brutale Weise zeigen, dass es da ist. Ob der Mann recht behalten wird?


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