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Die Tragödie Ostpreußens

von nimmdas

In all den Jahren nach meines Erwachens, habe ich unzählige Zeitzeugenberichte der geschundenen Deutschen gelesen, die ihr Leben für des Judes Neid und seine unsägliche, geisteskranke Herrschgier haben geben mußten. Es waren die Berichte der Zivilisten, der Frauen und Kinder, der Alten und Kranken, welche in einer bis dato unbeschreiblichen Abart verfolgt, dahingemetzelt, bombardiert, vergewaltigt, beraubt, entwürdigt und gedemütigt; sowie auch die Berichte ihrer Verteidiger – unsere Soldaten -, die dann noch dafür gefoltert […] abgeurteilt, gehängt […] und erschossen – eben allesamt von ihrem Land und Leben “befreit” worden sind, nur weil sie Deutsche waren.

Ausgerechnet die Nachkommen der Zeitzeugen, sprechen mir heute nach all den Abermillionen von Zeilen ab, mich in diese Zeit hineinversetzen und fühlen zu können. Sie verweigern sich den Fakten, die nicht sind, was sie lesen, hören und sehen – es aber besser wissen wollen. Ein wahrer Graus, der sich in und über Generationen durch die gezielte Lügenpropaganda der leitenden Juden und ihrer Zöglinge einzementiert hat.

Einer dieser Fakten ist auch die folgende Dokumentation, die weder in meiner Erinnerung, noch als Lesezeichen auf meinem Computer verstauben darf. Sie zeigt im Tagebuchverfahren die Grausamkeit des Kampfes um Ostpreußen, samt privater Photos und Eindrücke, die einem den Schauer über den Rücken jagen, wenn… .

Es beginnt eine (textlich recht lange) Tragödie:

Die Tragödie Ostpreußens


Vorwort

Mit “Man kann nicht alles wissen!” reden sich viele Zeitgenossen heraus, wenn sie mit großen Augen Dinge erfahren, von denen sie bisher noch nichts oder nicht viel wussten. Das kann viele Gründe haben, ist zwar nicht tragisch, muss aber nicht sein. Seitdem wir das Internet haben, werden dort täglich Informationen eingestellt, welche viele Fragen wissensdurstiger Menschen befriedigen. Hierzu gehören auch sehr viele Senioren, die heute beginnen, ihre Vergangenheit zu erforschen. Angehörige finden nach dem Ableben ihres Vaters oder Großvaters sehr oft Bilder, Briefe und Aufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg, die ihr Interesse wecken. Auch sie verwenden einschlägige Suchbegriffe, wenn sie im Internet nach Informationen stöbern. Aber auch Schüler und Studenten recherchieren eifrig im Internet, wie meine Zugriffsauswertungen zeigen.

Seit dem Jahr 2006 recherchiere ich zum Beispiel im Internet, um Licht in die letzten Tage eines Verwandten zu bringen, der vermutlich im März 1945 im Kessel von Heiligenbeil ums Leben kam. Dabei stieß ich auf unzählige Berichte über das Flüchtlingselend am Frischen Haff. Über die Kampfhandlungen und das Los der Soldaten fand ich jedoch nur sehr wenige brauchbare Angaben. Knapp gehaltene Beschreibungen über Truppenbewegungen erzeugten kein wirkliches Bild. Das änderte sich schlagartig, als ich einem neuen Hinweis im Internet nachging. Welche Wissenslücke sich dabei schloss, erfahren Sie auf dieser Seite. Ich veröffentliche diese Erkenntnisse, damit zukünftig gezielte Fragen zum Untergang Ostpreußens und der 4. Armee facettenreicher beantwortet werden können.


Zum besseren Verständnis

Im Juni 2010 erhielt ich Kenntnis von privaten Kriegsaufzeichnungen aus dem Kessel von Heiligenbeil, in dem mein Verwandter Walter Michel vermutlich fiel, dem ich die Seite VERMISST – Das kurze Leben des Walter Michel widmete. Hermann Lohmann und Karl-Heinz Schmeelke erlebten als 20-Jährige den Untergang Ostpreußens und das der 4. Armee als Angehörige der 2. Panzergrenadierdivision des Fsch.Pz.Korps. HG (Hermann Göring).

Die beiden ehemaligen Frontkämpfer stellten diese Aufzeichnungen dankenswerter Weise zur Verfügung, damit auch heute noch das dramatische Geschehen ab der Winterweihnacht 1944 bis zum Untergang Ostpreußens sowie das Umfeld der letzten Tage Walter Michels nachvollzogen werden kann.

Diese Dokumentation umfasst Auszüge aus Gefechtsbüchern sowie eigene Aufzeichnungen von Karl Heinz Schmeelke. Sie soll gegenwärtigen und nachfolgenden Generationen zeigen, was in jenen Tagen in Ostpreußen passierte und was sich nie wieder wiederholen darf. Die immer wieder beschriebenen Gräueltaten der russischen Armee müssen allerdings im Kontext zum Verhalten Deutscher Streitkräfte auf russischem Boden gesehen werden. Nur so ist der grenzenlose Hass und der unbändige Vernichtungswillen der russischen Soldaten zu erklären. Täter und Opfer – Soldaten, Zivilbevölkerung und Flüchtlinge – waren gleichermaßen den Entscheidungen der Führung sowie deren Umsetzung während der Kampfhandlungen ausgesetzt. Exzesse waren an der Tagesordnung. Das Leid der Flüchtlinge und der Soldaten beider Seiten muss als Mahnung in Erinnerung wach gehalten werden.

Es muss davon ausgegangen werden, dass Karl-Heinz Schmeelke erst einige Jahre nach Kriegsende mit der dezidierten Beschreibung der Vorgänge begann. Vielleicht war es seine Art, das Grauen aufzuarbeiten, denn die traumatisierten Soldaten wurden nach dem Krieg nicht psychologisch betreut. Viele begruben ihre Erinnerungen in ihrem tiefsten Inneren. Mit Hilfe seiner eigenen Aufzeichnungen und denen, die ihm zugänglich gemacht wurden, begann er, das Geschehen zu rekonstruieren und zu kommentieren. Er zeigt seine Bilder durchaus mit Stolz auf seine Einheit und er lobt die Kameradschaft, ohne die er vermutlich nicht überlebt hätte. Mit Fortschreiten der Dokumentation wich diese Haltung zunehmend der Reflexion des Grauens, das er beim Ende von Ostpreußen und dem seiner Einheit erleben musste. So mündet der Schluss in eine zutiefst pazifistische Sicht, die ich gern und bewusst aufgreife.

Der Stolz auf seine Einheit steht für die Verführungskraft des Siegens und dessen, was Menschen in kriegerischen Ausnahmesituationen leisten können. Die pazifistische Haltung am Ende kann als bewusst erlebte Sinnlosigkeit von Kriegen – zumindest für die von ihren Auswirkungen betroffenen Menschen – gewertet werden. So gesehen bilden beide Faktoren eine untrennbare Einheit.

Bei der Übernahme der Texte und Bilder erfolgte eine schonende Überarbeitung, um das Zeitdokument so authentisch wie möglich zu reproduzieren und zeitgemäßen Lesegewohnheiten anzupassen. Die erwähnten Ortsnamen und Ortsbezeichnungen wurden blau und rot markiert, um den Zeitpunkt des Übergangs vom einem Gegner zum Anderen zu dokumentieren. Eigene Anmerkungen erscheinen auf grauem Hintergrund.

Karl-Heinz Schmeelke legt größten Wert auf die Feststellung, dass diese Aufzeichnungen in keiner Verbindung zu einer Vereinigung oder zum Kameradschaftsbund Fsch.Pz.Kps. HG e.V. stehen.

Klaus Klee



Die in den Grenzkreisen wohnenden Ostpreußen sahen bereits Anfang Juli 1944 die Gefahr heraufziehen, dass in nicht allzu ferner Zeit die Rote Armee die ostpreußische Grenze erreichen und überschreiten könnte. Doch alle hofften noch immer auf das Wunder einer Wende, das Aufhalten der “Rotarmisten” noch vor der ostpreußischen Grenze.

Die Übermacht der Roten Armee, die durch amerikanischer Hilfe gut ausgerüstet war, vor allem auch die Übermacht der sowjetischen Panzer wirkte sich besonders unheilvoll aus. Nach einem Rückzug von über 350 Kilometern fand am 20. Juli 1944 die Heeresgruppe Mitte einen vorläufigen Halt auf der Linie Wilkomir – Kowno – Grodno – Memel.

Die deutsche Heeresführung hatte sowohl den Zeitpunkt als auch die Stoßrichtung der sowjetischen Offensive auf Ostpreußen rechtzeitig erkannt und Verstärkung angefordert, um den Vormarsch des übermächtigen Gegners zu verlangsamen – zumindest aber verzögern sollte. Aber die Front rückte immer näher. Was viele befürchtet, aber nur wenige geglaubt hatten, trat noch im Juli 1944 ein. Die Bewohner des Kreises Gumbinnen wurden bis zum Sommer 1944 vom Kriegsgeschehen kaum berührt, abgesehen von Luftangriffen russischer Kampfflugzeuge ohne schwerwiegende Folgen. Die Stadt Insterburg, einer der wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte in Ostpreußen, erlebte in der Nacht vom 29. zum 30. Juli 1944 einen Bombenangriff mit verheerender Wirkung. Das Memelland geriet in die Gefahrenzone eines Angriffs der Roten Armee. Sowjetischen Verbänden war es gelungen, einen Panzerkeil bis zur Memel bei Kaunas und Grodno vorzutreiben, und sich der ostpreußischen Grenze bis auf 100 Kilometer zu nähern. Am 7. Juli wurde die Stadt Wilna eingeschlossen, und am 12. Juli ging die Stadt verloren. Am 17. Juli 1944 folgte die Stadt Grodno.

23 erfahrene deutsche Ost-Divisionen wurden aufgerieben. Da immer mehr deutsche Versorgungseinheiten mit ihren Trossen durch das ostpreußische Grenzland nach Westen zogen, ließ das die Hoffnung der Ostpreußen auf ein Wunder immer mehr schwinden. Eine unübersehbare Zahl von Flüchtlingen drängte nach Westen. Was besonders auffiel, waren die Panjewagen der Hiwis, der fremdländischen Hilfswilligen, die sich den deutschen Versorgungseinheiten anschlossen, um nicht der Roten Armee in die Hände zu fallen.

Die Reaktion der ostpreußischen Bevölkerung auf diese militärische Entwicklung, die ihr nicht verborgen geblieben war, war nicht der Wille und die Bereitschaft zur Heimatverteidigung, sondern die Vorbereitung zur Flucht. Doch trotz des strikten Fluchtverbots verließen noch vor Beginn der Oktober-Offensive Zehntausende von Frauen und Kindern ihre Heimat, bevor die Rotarmisten zum Sturm auf Ostpreußen antraten, um Schrecken, Tod und Angst in das Land zu tragen – die “Rache für Russland”.


Entwicklung bis Ende 1944

Übersichtskarte


Nemmersdorf

Im Herbst 1944 war der Kreis Gumbinnen das Ziel der russischen Angriffe. Hierzu gehörte auch der Vorstoß nach Nemmersdorf, der als das Massaker von Nemmersdorf und erste Gräueltat der Roten Armee auf Deutschem Boden bekannt wurde. Frauen, alte Männer und Kinder wurden auf bestialische Art umgebracht und teilweise an Scheunentoren mit dem Kopf nach unten gekreuzigt. Alte Männer wurden mit der Zunge auf dem Tisch festgenagelt, während sie zusehen mussten, wie ihre Angehörigen vergewaltigt und dann umgebracht wurden. Säuglinge und Kleinkinder fand man mit zertrümmerten Schädeln, als nach der Rückeroberung eine internationale Kommission Nemmersdorf aufsuchte.

Das Kriegshandwerk war nicht frei von Formularen und Aufzeichnungen. Für alle möglichen Dinge gab es Formulare, die nach Beendigung eines Einsatzes oder einer Maßnahme auszufüllen waren. Das galt für das Anlegen von “Heldenfriedhöfen” für den “Gräberoffizier” genauso, wie für den Führer eines Stoßtrupps. Im nachfolgenden Formular kam es Gott sei Dank nicht zu “Ausfällen”, die erneut die Bürokratie im Feld belastet hätte.


Gumbinnen 1944

Einige Bilder stammen aus der Zeit zwischen Oktober und November, ehe der eigentliche Bericht beginnt. Sie zeigen, mit welchen Mitteln die Sowjets auf Deutschem Boden empfangen wurden. Hierbei kamen auch Raketenwerfer zum Einsatz, wie sie auch die Sowjets benutzten.


Weihnachten 1944

24. Dezember 1944 – Die 1. FschPzDiv. wurde Mitte Dezember aus der Front herausgezogen, und zusammen mit einigen Heeres-Divisionen in rückwärtige Gebiete verlegt. Zu gleicher Zeit verdichteten sich die Anzeichen, dass ein sowjetischer Vorstoß nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Die Truppen wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Durch Aussagen von Gefangenen und sowj. Überläufern wurde festgestellt, dass die sowj. Verbände, die uns in den Stellungen gegenüberlagen, das sowj. 65. und 143. S.Rgt. Zug um Zug mit frisch herangeführten Truppen der 48. sowj. Garde-Schützen- Division ausgetauscht wurden.

Wetter

Beispielhaft kann der Wetterverlauf vom 24. Dezember 1944 im Raum Gumbinnen beschrieben werden. Um Mitternacht lagen die Temperaturen bei minus 6 Grad und es schneite, eine Schneedecke von 10 cm bildete sich im Frontgebiet. In den Morgenstunden zeigte das Thermometer bereits minus 12 Grad an, und am Abend setzte sehr starker Frost ein, bis zu minus 21 Grad. Die Belastungen der Truppe vorne in den Stellungen ohne feste Unterkünfte waren erheblich.

Gumbinnen Weihnachten 44 Front

Hochfließ

Nach Tagen gab es wieder Feldpost von zu Hause. Mit klammen Fingern, und im Schein einer Hindenburgkerze, wurden die Weihnachtspäckchen geöffnet. Vom Nachbarloch kamen die Männer zu uns herübergekrochen. Jeder gab dem anderen von seiner Körperwärme ab – es waren minus 23 Grad! Das Gefühl der Kameradschaft, milderte das Heimweh in jenen Stunden. Der Verpflegungsfahrer brachte für jeden Mann eine Feldflasche voll mit Wein und einen Weihnachtsstollen. Alles wurde gemeinsam verzehrt. Der Kompaniespieß schickte am 25.12. – am ersten Weihnachtstag – den Gefreiten Schmeelke aus der Stellung vor Hochfließ zum Entlausen nach Gumbinnen/Annahof.

Gumbinnen

An jenen Weihnachtstagen war Gumbinnen frontnahe Etappenstadt, in der nur noch die im Bahnhofsgelände und an der Goldaper-Straße herumstehenden abgeschossenen fdl. Panzer vom Typ T-34 und die zerschossenen Häuser an die Kämpfe am Stadtrand erinnerten. Viele gefallene Kameraden unserer Division hatten im schön angelegten Heldenfriedhof ihre Ruhestätte gefunden. (Am Stadtwald Fichtenwalde, Sportplatz F .C. Preußen)

Heldenfriedhöfe

Die Lage der Stadt als Straßenknotenpunkt brachte es mit sich, dass stets ein reger Verkehr von und zur nahen Front durch sie pulsierte. Der Russe reagierte daraufhin jeden Tag mit Artilleriefeuer auf die Kreuzung in der Stadtmitte. (Friedrich-Wilhelm-Platz)

Als es uns im Oktober 1944 noch einmal gelang, die Stadt dem Russen zu entreißen, konnten wir nicht ahnen, dass dieser schöne Ort und das herrliche Land nur noch ein Vierteljahr zu Deutschland gehören würde!

Dieser Weihnachtsbaum sollte es sein

Aber sonst war es erstaunlich ruhig auf der sowj. Gegenseite. Heute wissen wir, dass der Russe die Zeit sehr gut nutzte. Während wir notdürftig die Lücken schlossen und eine dünne Frontlinie aufbauten, wurde drüben im Raum Trakehnen eine gewaltige Offensive vorbereitet. Doch das bedrückte uns damals nicht, dankbar nahmen wir die ruhigen Weihnachtstage als Geschenk des Augenblicks hin. Am Abend wurden Weihnachtsfeiern in den Kompanien und beim Stab durchgeführt. Ein Weihnachtsbaum, den man besorgt hatte, stand mit brennenden Kerzen in der Ecke. Die Feldküche hatte einen ganzen Kessel voll Punsch gebraut, der in dampfenden Bechern vor uns stand. Kein Wunder also, dass die Stimmung ausgezeichnet war, wie es eben nur in der Etappe sein kann. Zu Weihnachten wurde eine Zusatz- und Sonderverpflegung ausgegeben, z.B. Weihnachtsstollen in Form eines Kommissbrotes. Nicht zu vergessen die von allen Landsern heißbegehrten Marketenderwaren. Diese bestanden u. a. neben zusätzlichen Rauch- und Trinkwaren – (wobei sich meist drei bis vier Mann eine Flasche Korn oder Wein teilen mussten) – aus nützlichen und notwendigen Dingen. Als wir in der sternenklaren Winternacht auseinander gingen, vom Hauptmann R. mit guten Weihnachtswünschen verabschiedet wurden, konnte niemand wissen, dass wir das letzte Kriegsweihnachten gefeiert hatten, für viele das letzte Weihnachtsfest überhaupt.

Wie weit liegt heute die Stadt Gumbinnen und das Land Ostpreußen von uns entfernt, fast unerreichbar in einer anderen Welt.

25. Dezember 1944 – Weihnachten in der Hauptkampflinie

Lage:

Der Ersatz wurde eingegliedert, wir waren wieder fünfzig Mann. Ein ansehnlicher Haufen. Zwei Uffz. als Gruppenführer dabei, viele Genesene, die aus der Kompanie stammten. Sogar Post ist mitgekommen, seit Tagen zum ersten Mal wieder. Die Nacht war klar und erleichterte den Ersatzleuten die Feindbeobachtung. Sie schanzen drüben. In der kalten Luft hörte man das Klappern der Spaten. – Vollmond. Gespenstische Helle.

10.45 Uhr warfen vier IL-2 Schlachtflieger 16 Schrapnellbomben. Drei Bomben explodierten beim dritten Unterstand, Erdbunker stark beschädigt. Ein 12-cm Granatwerfer demoliert, der Rest explodierte am Grabenrand mit leichten Sachschäden. Der Erdbunker des Kompanie-Gefechtsstand stark beschädigt.

Personenverluste : Uffz. /Mannsch. –

In der Sohle des Grabens lagen unter Zeltplanen drei tote Kameraden der 4. Kompanie. Es war ein trauriger Tag, das letzte und sechste Kriegsweihnachten für die Truppe.

Beobachtungsergebnisse:

Lebhafter Fußgängerverkehr beim Feind. Die Russen bewegen sich ungeniert und offen in der Ortschaft Weidengrund und im Gelände ostwärts . Auf den Wegen östlich Weidengrund ist Fuhrwerksverkehr in beiden Richtungen. Auf der Straße Jägersfreude – Mattischkehmen Lkw in beiden Richtungen, desgleichen 6 Meldereiter . Während dieser Zeit tauchen am Horizont (Trakehnen) mehrere Schlachtflieger des Gegners vom Typ IL-2 auf , die im Tiefflug die vorderste Linie angriffen, 50-kg Brisanz-Bomben direkt in unseren Abschnitt abwerfen und mit Bordwaffen in den Graben schossen. Eine Bombe fiel genau in ein Schützenloch, zwei Soldaten wurden zerrissen.

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Auch an Weihnachten ließen die Landser den Feind nicht aus den Augen

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Um 16.30 Uhr wurde etwa 200 m nördlich Grünweiden in einer Scheune ein fdl. Infanterie-Geschütz am Abschussqualm einwandfrei erkannt. Ferner wurde in einem Haus an der Straße westl. der Domäne Grünweiden ein fdl. Beobachter ausgemacht.

Kompanie-Gefechtsstand in Hochfließ, (Baugeschäft Borchert), Minenlager der 14. Pionier-Kompanie in der Schmiede. Der dritte Pionierzug lag im Haus Junkereit/Borchert, der zweite Zug im Haus Kahl und Gutzat. Ein kleines Stück ab von Gutzat steht das Schulgebäude, hier war bis zum 20. Januar Haupt-B-Stelle der Artillerie, von hier gab der Batteriechef seine Einsatzbefehle für die vorgeschobenen Beobachter in der Hauptkampflinie (YB).

Lagekarte Hochfließ Ende 1944

Lage im Abschnitt Domäne Grünweiden – Weidengrund

Lage am 26. Dezember 44:

Wie schon erwähnt, gab es hier eine durchgehende Frontlinie. Neben den Minenfeldern und Stacheldrahtsicherungen waren auf deutscher Seite (Pkt.66,3) Werfer in Stellung gebracht worden. Sie waren das Gegenstück zur Stalinorgel. Diese Raketen hatten ein Kaliber von 28-cm. Die Werfer standen ohne Bewachung, in Abständen von einigen 50 Metern mit Kabel verbunden, hinterm Bauerhof Rusch. Der Werfer-Beobachtungsstand befand sich in der sogenannten zweiten Linie.

10.34 Uhr – Alles deutete auf einen russischen Angriff. Deutlich hörbares Motorengebrumm während der Nächte sowie reger Verkehr nach Grünweiden – Weidengrund waren die Anzeichen. Durch konzentriertes Arifeuer der Art.-Abt. aus Ohldorf wurde versucht, diese fdl. Vorbereitungen zu stören. Bestärkt wurde diese Vermutung bei uns noch dadurch, als zwei schwere Pak, Kaliber 8,8-cm hinter unserem Beobachtungsbunker in Stellung gebracht wurden. Das deutlich längere Rohr von mindestens sieben Meter Länge, mit aufgesetzter Mündungsbremse, waren schon beeindruckend. Die ca. 1,2 Meter lange Patronengranate durfte ausreichen, jeden Panzer auf 4000 Meter zu vernichten. Vom (Pkt.58,5) HKL am Wassergraben bis zur fdl. Seite waren es 2.000 Meter. (Straße Weidengrund – Grünweiden). Außer einer Wache blieb die Bedienung tagsüber in Deckung um ihren Standort nicht zu verraten.

14.30 Uhr – Die Lage beruhigte sich wieder. Außer gelegentlichem Aribeschuss war es bis zum Jahresende verhältnismäßig ruhig. Die Beobachtungstätigkeit wurde ebenso zur Routine, wie die Störungssuche bei zerschossenen Fernsprechleitungen. In der hellen Mondnacht glaubten wir manchmal geduckte Gestalten zu erkennen, die sich dann zum Glück als stehende Sträucher entpuppten. Trotz der Kälte minus 23 Grad kontrollierte und bombardierte der russische UvD noch immer die Straßen im Hinterland. Zur eigenen Beruhigung stapelten wir noch mehr Balkenlagen auf unsere Behausung. Unangenehm war, dass wir bei Tage nicht heizen durften weil wir sonst unsere Stellung verraten hätten. Nachdem wir stabile Sichtblenden gebaut hatten, konnten wir unsere Behausung am Abend in Richtung Bauernhof Rusch (Pkt.66,3) verlassen.

Funkspruch von der Division: Sabotage-Befehle im Hinterland.

Befehle zum Sprengen der Geschütze und Absetzen durch Offz. und Feldw. in deutscher Uniform. (Komitee Freies Deutschland) “Vorsicht bei der Truppe” Im Allgemeinen an der Hauptkampflinie ruhig.

Lage am 27. Dezember 1944

Die Kompanieschreibstube der 14./4 Pionier-Kompanie liegt im Wohnhaus des Bauunternehmers Fritz Borchert in Hochfließ. An der Hauptstraße von OhIdorf zur Domäne Grünweiden. Im 900 Morgen großen Rittergut Austupönen, Gutsbesitzer E. Kuntze lag ab den 27. Dezember der Truppenverbandsplatz der Sanitäts-Kompanie des 4. PzGrenRgt. im Keller des Gutshauses. Von Gumbinnen aus kommend lag das Gutshaus am Ende des Dorfes, an einer richtigen Kopfsteinpflasterstraße, vor dem Hause stand eine hohe alte Kastanie, daneben stand ein Panzer VI. (Tiger) der 5. PzDi v. mit Kettenschaden. Der rechteckige Hof lag mit seiner einen Seite, dem schönen alten Speicher direkt an der Rominte, mit ihren recht steilen Ufern.

https://brd-schwindel.org/images/2015/07/02_angriff_ohldorf_a.jpgHochfließ (Austupönen) war 1936 das erste Musterdorf im Rahmen der allgemeinen geplanten Verschönerung unserer ostpreußischen Dörfer. Zwischen Ohldorf und Hochfließ war eine Stelle, die von den Kraftfahrern mit Vollgas und den Küchenkutschern mit Peitschenknall im Galopp passiert wurde. “Feindeinsicht” – dies wusste jeder Fahrer auch ohne die dort angebrachte Beschilderung.

Von (Pkt.55,3) -“FeindeinSicht” – bis zum (Pkt.55,9).

Die durchkommenden Fahrzeuge, Richtung Gutshof Serpenten und Hochfließ wurden von sowj. Pak und Artillerie aus Jägersfreude mit schweren Kaliber beschossen. Zu ihren Hauptaufgaben der Pioniere gehörten Stellungsbauten aller Art wie der Bau von Unterständen, an der Bahnbrücke in Gertenau (Wasserturm), Anlegen von Hindernissen wie Drahtsperren und Minenriegel in der Nacht zwischen den Linien.

Alle Minenfelder mit Panzer- und Schützenminen wurden im Raum von Hochfließ, Alt Grünwalde, Weidengrund bis östlich Schweizertal von der 14. Pionier-Kompanie nach Minenplan verlegt.

Im Dezember wurde der erste Zug der Kompanie, 7 Mann als Stoßtrupp mit zwei Flammenwerfern zum Sprengen und Ausräuchern von sowj. Stützpunkten in Grünweiden eingesetzt. Das FschPiBtl. hatte drei Kompanien mit einer Gesamtstärke von je vier Offizieren und 105 Mann (Dez.44) sieben Lkw, drei Kräder. Kompanie gegliedert in drei Züge mit je 38 Pionieren, Bewaffnung je Kompanie: acht s.MG. 42, fünf Flammenwerfer, vier Panzerbüchsen. Munitions- und Waffentrupp in Gertenau. Dazu die üblichen Trosse, Verpflegungstross Siedlung Annahof. Die 4./4 Pionierkompanie befand sich im Gutshof Husarenberg.

Spuren im Schnee in der Hauptkampflinie Dezember 1944

Einige Erlebnisse, und Begegnungen mit dem Gegner:

Das kleine Waldgebiet und die Felder rund um uns bis nach Pfälzerort – Schweizertal – Weidengrund gehört von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen uneingeschränkt den Russen. Sie kommen Nacht für Nacht, bauen Granatwerfer auf und bepflastern uns vor Hochfließ, dass uns Hören und Sehen vergeht. Tagsüber im Nebel tummeln sich dort deutsche und russische Spähtrupps – um es ganz präzise zu sagen – sie gehen sich gegenseitig mit List und Tücke aus dem Wege. Man braucht hier die Begegnung nicht, will man feststellen, wo der Gegner ist, was er macht und was er plant. Der lockere Pulverschnee erzählt wie ein aufgeschlagenes Bilderbuch alles, woher die Russen gekommen und wohin sie gegangen sind, ob sie etwas getragen haben, und wie viele es gewesen sind. Man bekommt allmählich einen Blick für all diese Feinheiten im Schnee.

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Sowjetische Kriegsgefangene mit grau-braunen Uniformen, wattierten Mänteln und Jacken und darüber die grauen Mützen mit dem kleinen roten Stern – nicht viel größer als ein Parteiabzeichen.

Leider können auch wir dem Iwan unsere Spuren nicht ganz verbergen. Jede Nacht müssen wir uns etwas Neues einfallen lassen, irreführende Trampelpfade, mit russischen Filzstiefeln marschieren, rückwärts gehen. Einer versucht, den anderen zu überlisten, aus einem sicheren Versteck heraus zu beobachten, aber jeder meidet die direkte Begegnung, aus guten Grund. Nur ganz selten kommt es zu einem Schusswechsel. Alle wissen, dass bei 20 -25 Grad unter Null ein simpler Streifschuss den sichren Tod bedeuten kann. Man erfriert sofort, wenn man keine Bewegung mehr hat. Da nützen auch aufopfernde Kameraden wenig.

Wir sind vier Mann und zwei ehemalige russische Soldaten, Wladimir Bojanow und Iwan Podlozky, die schon seit Dez. in unserer Kompanie in der Hauptkampflinie sind. Die beiden Russen sind es auch, die als erste feststellten, dass sich ein russischer Spähtrupp vorwiegend für unsere Fernsprechleitung interessierte. Sie finden ein russisches Feldkabel, das tief im Schnee parallel zu unserer Leitung lag.

Der Russe hört also unsere Gespräche ab. Erst viel später erfahren wir, dass die Russen mit einem gewöhnlichen Rundfunkempfänger alles heraushören konnten. Wir verlegen das Feldkabel bald an diese, bald an jene Stelle, verstecken es im tiefen Schnee. Jede Nacht gehen wir vorsichtig, um auf keine fdl. Mine zu treten, die die Russen seit neuestem in die ausgetretenen Spuren legen. Wir müssen also jedes mal einen neuen Weg im Schnee treten – und das ermüdet.

30. Dezember 1944 – Alt Grünwalde – Serpenten

In den frühen Morgenstunden des 30. Dezember und im Lauf des Vormittag erfolgten zwei fdl. Angriffe auf die Kampfgruppen Renneberg und Hoppe. Der Gegner, bis auf 40 Meter an die eigenen Linie herangekommen, wurde unter hohen Verlusten bei der Gruppe Hoppe im Raum Alt Grünwalde abgewiesen. Bei der Gruppe Renneberg wurde der Feind im Gegenstoß und im Nahkampf durch den Stoßtrupp (Lt. Klimpel) geworfen.

Gegen 12.45 Uhr trat der Gegner in Stärke von etwa 200 Mann aus dem Wald östlich vom Gut Serpenten zum Angriff an, der im zusammengefassten Abwehrfeuer aller Einheiten im Raum Alt Grünwalde – Gut Serpenten zerschlagen wurde.

Um 14.00 Uhr griff der Russe erneut mit etwa 40 Mann am linken Btl.-Flügel bei der 3. Kompanie an, wurde abgewiesen und zog sich auf seine Ausgangsstellung am Heidewasser (Pkt.57) zurück. Bei einen Angriff der Russen im Abschnitt Peterstal – östlich Höhe 112 – bei der 2. Kompanie/3.Rgt. erzielte er einen Einbruch. Durch einen sofortigen Gegenstoß mit dem Btl.-Stoßzug und Teilen des Btl.-Stabes wurde der Feind zurückgeworfen und die alte HKL erreicht. In der Dämmerung sickerte der Russe beim 2. Zug der 7. Kompanie (Ofw.Gagel) ein, wurde abgewehrt und zog sich auf seine Ausgangsstellung (Pkt.99) zurück.

In diesen Raum lagen die russischen. Stellungen oftmals nur etwa 60 m von der eigenen Linie entfernt. Ein in der Dämmerung angesetzter Stoßtrupp, brach in die feindlichen Stellungen ein. Die fdl. Grabenbesatzungen, soweit nicht ausgefallen, verließen fluchtartig die kurz vor der eigenen Linie liegende Höhenstellung bei Peterstal.

Die Kampftätigkeit beschränkte sich auf Späh- und Stoßtrupps, In der Nacht zum 31. Dezember wurde das Sturm-Bataillon durch die FschPzAufklAbt. (Hpm. Springorum) abgelöst und bezog Ruhestellung in Ohldorf. Btl.-Gefechtsstand im Gasthaus Friedrich. (Kap der Guten Hoffnung) II./1 in Wohnhäusern an der Straße nach Hochfließ, Haus Werner, Paulin, Asmus, Grün, Rapp und Naujoks. Die schwere Kompanie im Bauernhof der Familie Rohloff. Die 1./11. Pz.Art.Abt. 10,5-cm Haubitze, an der Rominte im Gehöft Schmidt und im Gebäude von Heisrath. Fernsprechtrupp und Vermittlung im Dep.Haus Rohloff. Auf der Haupt-Beobachtungsstelle {Haupt-B-Stelle) im Gut Serpenten (V.Below) befanden sich der Batteriechef mit Beobachter-, Richtkreis- sowie Funkoffizier. Die Feuerstellung befand sich mit sechs sFH Haubitzen (Pkt.55) am Torfbruch. Bttr.-Chef Obl. Langner, Bttr. Offiziere Lt.Hütner, Lt.Hirsch.

Lage vom 1. Januar bis zum 10. Januar 1945

Die Kampftätigkeit des angelaufenen Jahres verbleibt bei beiden Gegnern die gleiche wie in den letzten Wochen des abgelaufenen Jahres. Kleinere beiderseitige Späh- und Stoßtruppunternehmen wechseln ab mit oft überraschenden Feuerüberfällen der Artillerie auf Gumbinnen, Ortschaften und Hauptkampflinien östlich Gumbinnen. Die 48. sowj. Garde-Schützen-Division stand mit dem V. Garde- Schützenkorps im Abschnitt des FschPzKorps angriffsbereit. Die im Abschnitt Bahnhof Trakehnen stehenden Feindtruppen gehörten der 130. und 20. sowj. Schützendivision an, beide Verbände unter dem Oberbefehl der 28. Armee (GenLt.Letschinskij)

Der genannte Tätigkeitsbericht vom 5. Januar sagte wörtlich: Der Feind zwischen Ebenrode und Großwaltersdorf ist angriffsbereit. Mit Angriffsbeginn ist am 12. Januar zu rechnen. Ziel des Angriffs wird es sein, die Front mit selbständigen, großangelegten Offensivstößen zu spalten. Der Hauptangriff wird sich gegen Gumbinnen richten. Begleitangriffe sind zu erwarten.

Ein wesentliches Mittel, einen Aufmarsch aufzuklären, war und ist die Beobachtung des Eisenbahnverkehrs. Die Sowjets nutzten diesen Umstand zu groß angelegter Täuschung aus. Beladene Züge liefen nur nachts zu den Ausladeräumen und mussten jeweils bei Tagesanbruch ausgelaufen sein. Begünstigt wurden diese Maßnahmen durch die Schwäche der deutschen Luftaufklärung.

Die Ia.-Tagesmeldung des Armee-Oberkommandos 4 für den 10. Januar besagt, dass im Abschnitt des FschPzKorps, und der 61. InfDiv. fdl. Luftwaffentätigkeit in Verbindung mit örtlichen bataillonsstarken Erdkämpfen als Vorläufer für den erwarteten fdl. Großangriff zu werten seien. Größere Aktivität wurde nun auf beiden Seiten erkennbar, man erwartet die sowjetische Offensive.

Lage Januar 1945 im Kreis Gumbinnen

Stalin brauchte für die russische Offensive strengen Frost. Er wollte seine Panzer nicht in den masurischen Sümpfen oder den Seen absaufen sehen. Am Donnerstag, dem 4. Januar, hatten die Meteorologen Hoffnung gemacht. Über Ostpreußen hatte sich ein Hochdruckgebiet aufgebaut, das langsam nach Süden zog und Polarluft mit sich führte. Das Thermometer stand bereits auf minus 14 Grad. Dauerfrost. Am 9. Januar 1945 verzeichnete man bereits Minustemperaturen von fünfzehn Grad, die bis zum 12. Januar bis auf über zwanzig Grad Minus gefallen waren.

Die sowjetische Industrie arbeitete auf Hochtouren, die deutsche Industrie wurde von amerikanischen Bombern zerbombt. Die Russen hatten noch nie so viel Waffen gesehen, dank der amerikanischen Waffenlieferungen, die über Murmansk und Odessa eintrafen. Frachtschiffe mit Panzern, Artillerie, Flugzeugen und einer unabsehbaren Menge an Munition. Wir fanden bei Spähtruppunternehmen nur amerikanische Munition in Kisten aus Chicago – wasserabweisend verpackt.

Nach dem täglichen Waffendrill zeigten ausgesuchte sowjetische Politkommissare den Russen Filme über die Untaten der faschistischen Imperialisten, die Verwüstung russischen Städte und Dörfer. Auch dem letzten Rotarmisten wurde der Gedanke psychologisch eingeimpft. Es war nicht ein Krieg der Roten Armee gegen deutsche Soldaten, es war ein Hassfeldzug gegen alle Deutschen, vom Säugling bis zum Greis. Jede Nacht wurden von sowj. Flugzeugen Flugblattzeitungen und Flugblätter in russischer Sprache über unserer Hauptkampflinie abgeworfen, und von uns Soldaten gelesen.

Titel der ersten Seite rot unterlegt Mit dem Vermerk “Laut vorlesen” an die Soldaten der Roten Armee:

Rotarmist: Du stehst jetzt auf deutschen Boden – die Stunde der Rache hat geschlagen!

– Wir vernichten den Feind!

– Wir werden alle tot schlagen!

– Die Deutschen sind keine Menschen!

– Wir werden nicht sprechen.

– Wir werden uns nicht aufregen.

– Wir werden töten!

– Brenne, verfluchtes Deutschland!

So wurden ostpreußische Dörfer und Städte von Hunderttausenden von Rotarmisten niedergebrannt, nur weil es deutsche Dörfer und Städte waren.

Durch sowj. Flugblätter wurde uns Soldaten in der Hauptkampflinie vor Gumbinnen das ganze Ausmaß der kommenden “Tragödie Ostpreußen” aufgezeigt. Der Einmarsch der Roten Armee in Ostpreußen wird die Entfesselung der Hölle gegen Frauen und Kinder werden.

Die Russen fegten ab 13. Januar 1945 die einheimische Bevölkerung vom Erdboden in einer Art, die seit den Tagen der asiatischen Horden kein Beispiel hat. – Das war die Realität in Ostpreußen, als die Horden der Roten Armee das Land ab 13. Januar 1945 besetzten.

Hinter der deutschen Front verlief das Leben auch in diesen Tagen fast wie in Friedenszeiten. In der Stadt Insterburg fanden Viehmärkte statt, Die Straßen waren belebt mit Fuhrwerken aus dem Memelland, die Kinos waren ausverkauft. Am Insterburger Bahnhof standen die Kettenhunde.

Auszug aus dem Kompaniegefechtsbuch

3.1.1945

Bei Tage geringes, nachts lebhaftes Infanterie- und Granatwerfer-Störfeuer. Nachts leichtes Artillerie-Störungsfeuer, Kal. 12,2 und 17,2 aufs Hintergelände. Gegen 10 Uhr überflogen Schlachtflugzeuge den Abschnitt von Norden nach Südosten. Bombenabwürfe und Bordwaffenbeschuss in Gegend Serpenten.

4.1.1945

Bei Tag und Nacht geringes Infanterie- und Gr.W.-Störungsfeuer. Feind schanzt und verdrahtet vor Batt.-Abschnitt.

Pi-Batl. Baut 2. Graben für Großkampfgliederung aus. 2.

Graben seitens 1. Komp. fertiggestellt.

2. Komp. Führt Stoßtruppausbildung durch.

16 Abschüsse durch eigene Scharfschützen. Stellungen werden weiter ausgebaut und verdrahtet.

5.1.1945

Am Tage schweres Inf.-Feuer. Gegen 13 Uhr schweres Granatwerferfeuer auf B-Stelle ostwärts 66,3. Nachts verstärktes Inf.- und Granatwerfer-Störungsfeuer. Von 04.41 Uhr bis 04.55 Uhr Schein-Stoßtruppunternehmen zur Ablenkung des Gegners von dem bei II./1 (Lt. Pallos) durchgeführten Stoßtrupp. Stellungen werden weiter ausgebaut.

6.1.1945

Bei Tag und Nacht das übliche Störungsfeuer, rege beiderseitige Schafschützentätigkeit. 11 Granatwerfer zerstört, 1 feindl. Pak auf Friedhof westlich Straße nach Grünweiden außer Gefecht.

Stellungen wurden weiter ausgebaut und verdrahtet.

2. Graben durchlaufend zu 90% noch 1 Meter tief.

Laufgräben vom 1. zum 2. Graben angefangen bei 2. und 3. Komp.

2. Komp. Löste 1. Komp. in der HKL ab.

7.1.1945

Zeitweilig stärkeres Inf.- und Granatwerferstörungsfeuer sowie Pakbeschuss auf Gefechtsstand 3. Komp.

1. Komp. löste um 20 Uhr ab.

Lage am 11. und 12. Januar 1945

Lage:

Die Ia-Tagesmeldung des Armee-Oberkommandos 4 für den 11. und 12. Januar 1945 besagte, dass im Abschnitt des FschPzIorps und der 61. I.D. lebhafte feindliche Lufttätigkeit mit Bombenwurf und Bordwaffenbeschuss auf HKL und im Hintergelände bis zur Eisenbahnlinie Insterburg – Gumbinnen herrschte. Die Armee war der Auffassung, dass die fdl. Luftwaffentätigkeit in Verbindung mit örtlichen bataillonsstarken Erdkämpfen zwischen Amtshagen und Schweizertal als “Vorläufer für den erwarteten fdl. Großangriff, – bei der nun erwarteten Wetterbesserung – zu werten seien.

11. Januar 1945

Der Kommandierende Generalleutnant Schmalz erklärte:

Ziel der zu erwartenden fdl. Offensive in Ostpreußen ist nach Angaben eines gefangenen feindlichen politischen Offiziers die Wegnahme – mit dem V .Garde-Schützenkorps – Kattenau – Hainau – Gumbinnen – Insterburg. Mit abgeschlossenen Vorbereitungen und ständiger fdl. Angriffsbereitschaft ist etwa am 13.- 14. Jan. zu rechnen. – Lagebericht vom 11. Januar 1945.

12. Januar 1945

Die Ia-Tagesmeldung vom 12. Januar besagte, die sofortige Einnahme der Großkampfstellung mit 85% der Kampfstärken im Raum Gumbinnen vor dem ersten feindlichen Großangriff. Beim Angriff fdl. Truppen, komme es darauf an, die fdl. Vorstöße in der Hauptkampflinie aufzufangen. Eine freiwillige Aufgabe intakter Teile der HKL komme unter keinen Umständen in Frage. Die rückwärtigen Einheiten der 1. FschPzDiv. durften nicht zum Angriff verwendet werden. Diese katastrophale militärische Entscheidungen mussten sich für unsere engeren Heimat in höchsten Maße nachteilig in deren Verteidigung auswirken.

Die Verteidigungslage im Abschnitt Gumbinnen hatte sich im Laufe des Januars besorgniserregend verschlechtert, da durch Weisung des OKH die 1. FschPzDiv. am späten Abend des 15. Jan. diesen Raum Gumbinnen verläßt und über Insterburg weiter nach Westen in den Raum Litzmannstadt (Lodz) abtransportiert wurde. Somit wurde der 2. FschPzGrenDiv. eine schlagkräftige, bewegliche Reserven genommen. Das Ziel der 1. FschPzDiv. wurde nicht mehr erreicht, weil es bereits feindbesetzt war. Sie stießen schon in der Ausladung auf fdl. Truppen und wurden in den Rückzug hineingerissen, ohne hier die Lage in irgendeiner Weise verbessern zu können, während die 1. FschPzDiv. im Raum Gumbinnen zum gleichen Zeitpunkt ganz besonders fehlte.

Wetterlage: Im Tagesverlauf etwas Schneefall, böiger Wind.

Tagesmeldung für den 12. Januar 1945

Die Ia-Tagesmeldung im Abschnitt des FschPzKorps bestätigte, dass der Gegner vor der Front im Raum Gumbinnen angriffsbereit sei. Während der Vorbereitung der Operation hatte die Rote Luftwaffe gute Aufklärungsarbeit geleistet. Die Stellungen der deutschen Infanterie und Artillerie waren durch Luftaufnahmen im Raum Gumbinnen genau bekannt. Zwei Tage vor dem Angriff wurden die fdl. Minenfelder und Drahtsperren vor der eigenen Hauptkampflinie geräumt.

Die fdl. Truppen übten noch am 11. Januar den Angriff im Zusammenwirken mit Panzer, Artillerie und der Luftwaffe in einem Gelände zwischen Weidengrund – Grünweiden – Sprindort, das dem künftigen Angriffsgelände vergleichbar war.

Im Ia-Kriegstagebuch des FschPzKorps befindet sich eine klassische Lagebeurteilung, die alle Sorgen ausdrückt und die Ursachen der Niederlage vorausschauend sehr deutlich nennt.

Der Feind hat vor der Front des FschPzKorps östlich Gumbinnen in den letzten Wochen und Tagen einen Aufmarsch allergrößten Stils durchgeführt, und das Armee-Oberkommando ist der Überzeugung, dass diese fdl. Kräftemassierung im Raum Gumbinnen alles in den Schatten stellt, selbst die fdl. Kräftemassierungen im Raum Goldap. Zusammenfassend ist festzustellen, der Schwerpunkt der Feindkräfte ist im Raum Gr. Trakehnen – Mattischkehmen bis Großwaltersdorf anzunehmen, dass die an der Front der 2. FschPzGrenDiv. zu erwartenden Angriff auf Gumbinnen und möglicherweise südwestlich Großwaltersdorf mehr als örtlichen Charakter haben werden. Sie haben in ihrer Gesamtheit nach dem Ausmaß des Kräfteeinsatzes das Ziel, durch Aufreißen der Front an mehreren Stellen zum Einsturz zu bringen.

Dagegen konnte aus dem Kräftebild der Roten Armee, soweit es bekannt geworden ist oder berechnet werden konnte, noch nicht auf ein weitgestecktes Ziel wie z.B. Königsberg geschlossen werden. Allerdings muss auf die in der jetzigen Lage besonders großen Schwierigkeiten der Aufklärung hingewiesen werden. Die Beurteilung der. Gesamtlage an der Ostfront bleibt unverändert so wie am 10. Januar 1945.

Obwohl auch viele Einzelheiten des sowj. Aufmarsches vor der 2. FschPzGrenDiv. festgestellt worden waren, hat die deutsche oberste Führung die Wucht dieser fdl. Offensive erheblich unterschätzt, besonders die große Zahl der Artillerie- und Panzerverbände, die noch nie erlebte durchschlagende Luftunterstützung sowie den Umfang der strategischen Reserven.

In der Nacht zum 13. Januar 1945

22.00 Uhr – Die Lage blieb auffallend ruhig in der Hauptkampflinie. Außer gelegentlichem Aribeschuss. Die Beobachtungstätigkeit wurde ebenso zur Routine, wie die Bedienung des Funkgerätes und die Störungssuche bei zerschossenen Fernsprechleitungen. Die fdl. Aritätigkeit war recht unterschiedlich. Minuten hatte man Mühe die Mündungsfeuer im Raum Mattischkehmen einzuordnen und zu lokalisieren, während es auch Zeiten gab, wo in einer Stunde nicht eine Granate abgefeuert wurde. Vor dem fdl. MG-Feuer waren wir einigermaßen sicher, weil mit dem Scherenfernrohr über jeden Grabenrand oder aus einer Deckung heraus beobachtet werden konnte. Solche stillen Zeiten, die gelegentlich durch einzelne Gewehrschüsse oder durch eine Minenexplosion gestört wurden, nutzten wir um über die Ringleitung mit den Kameraden der anderen Stützpunkte von Schweizertal bis Alt Grünwalde ausgiebig zu palavern.

Zurückgekommene Urlauber berichteten von einer zunehmenden Hoffnungslosigkeit ihrer Angehörigen. Unser Kamerad lästerte ungeniert weiter. Dass wir den Krieg noch gewinnen, glaubt doch kein Mensch mehr, wenn er das Elend der Flüchtlinge in der Heimat sieht. Das muss man erlebt haben, wenn der Scheiß-Ami mit 1.000 Bombern mehrere Tage lang die Städte bombardiert. Die Verheerungen waren katastrophal und die Stimmung bei der Bevölkerung dementsprechend. Wir versuchten ihn zu beruhigen, denn unser Ordonnanzoffizier (Ib vom Stab) saß wie vor den Kopf geschlagen da und hörte entgeistert zu. Unser Fj.-Uffz. Walter von Hess meinte, verstohlen auf den Ordonnanzoffizier zeigend: “Beruhig Dich wieder, in ein paar Tagen hast Du Dich eingelebt, dann sieht die Welt schon etwas anders aus”.

24.00 Uhr – Neben dem eigentlichen Geschehen oder Nichtgeschehen standen Feindbeobachtungen zwischen Jägersfreude und Sprindort, Kampfstärke der Truppe, Lagekarten und Verlustlisten im Raum. Die Kälte mit Schneeregen war vorübergehend ein gemäßigtes Zwischenspiel, eine dünne Eisschicht hat unsere Stellungen überzogen. Um Mitternacht kommt ein Spähtrupp zurück, und meldet, dass die russischen Stellungen vor unserem Abschnitt auffallend dicht besetzt sind. – Erhöhte Alarmbereitschaft! – Der Kompanie-Chef meldet an die Division. Veränderungen im Feindbild und benachrichtigte die Artilleriebeobachter im Gut Serpenten und im Gutshof Kuntze Hochfließ.

03.15 Uhr – Vereinzelte fdl. Granaten oder Salven tasten Ziele in OhIdorf und Gumbinnen ab. Die Lage östlich Hochfließ ist besorgniserregend, aber unsere offene linke Flanke (Alt Grünwalde) ist es nicht minder. Auch was sich unmittelbar vor uns zusammengebraut hat, ist beunruhigend.

Lage am 13. Januar 1945 in der Hauptkampflinie

Zum Schneeregen hat sich Nebel gesellt. Es ist wieder etwas warm geworden und das Brot schimmelt. Dunkel- und Helligkeit gleichen sich erschreckend an, wie ein Schleier hängt die Landschaft vor unseren Augen, wir im Graben sind nur Ohr. Peinlich wirkt manchmal der sentimentale Trost eines Soldatensenders – Es geht alles vorüber…! Was da vorüberging, war auch unsere Jugend, unser Leben. und die es verbreiten lassen, sitzen irgendwo in ruhiger Etappe.

Punkt 05.00 Uhr erfolgte ein Feuerschlag der fdl. Artillerie und Infanteriegeschütze. Es hagelt Einschläge aller Kaliber auf unseren Stellungen. Eine nächste Lage zwingt uns auf den Grund des Grabens. Die Leitungen sind unterbrochen, bei nachlassendem fdl. Feuer wurden sofort Störsuchtrupps eingesetzt, damit die Verbindung zu den Kompanien wiederhergestellt werden konnte.

Kurz vor 05.30 Uhr kommt unser Feldwebel Völke völlig außer Atem. Bevor er den ersten Satz beendet, hagelte es Einschläge. Kurz berichtet der Fw., dass der Russe sich mit ca. zwei Kompanien bis an unser Drahthindernis herangearbeitet hat und versuchen wird, nach Durchschneiden der Hindernisse die Stellungen zu überrennen. Doch dieser fdl. Nachtangriff erstirbt im Abwehrfeuer aller Einheiten schon im Vorfeld. Eine Stunde später versucht der Russe noch einmal unsere Stellungen südl. Alt Grünwalde -(Pkt.62,7) – bis zum Gehöft Rusch-Schmitt – (Pkt.60.4) – Straße von Hochfließ – (Pkt.62,0) zu durchbrechen. Trotz hoher Verluste hält der Russe zäh das besetzte Gelände, bis eine Gruppe der fünften Kompanie in die fdl. Flanke stößt und die Stellungen am Gehöft wieder erobert. Jetzt löste sich der Rest der eingedrungenen Russen aus unseren Gräben und flüchtet über und durch den Draht in Richtung Weidengrund – Grünweiden.

Die Zahl der russischen Gefangenen war gering, die Zahl der Gefallenen erschreckend hoch. Die Gefangenen haben ausgesagt, dass ein Bataillon die Angriffe geführt hat, und ihre Verluste an Toten und Verwundeten bei mehr als 60% lagen. Auch unsere Verluste wiegen schwer.

Gefallen sind 16 Soldaten.

Verwundet wurden 28 Soldaten. Uffz. Walter von Hees – Ogfr. Paul Maurer – Ogfr. A. Bartel – Uffz. ? Ratta – Ogfr. R. Lebmann – Gefr. ? Wegmann -VB – Gren. H. Nockten

Ab 06.20 Uhr wurde es still. Totenstill.

06.30 Uhr – Auf Grund unserer Erlebnisse reimen wir uns die Ereignisse der vergangenen Nacht zusammen und machen uns ein annähernd das Bild vom Stand der Dinge. Von den Flanken werden zunehmende Feuerüberfälle gemeldet, und das Geknatter fdl. Maschinenpistolen klingt oft aus bedrohlicher Nähe, und sowjetische Leuchtschirme sinken vom Himmel herab. Alle Gespräche drehen sich um den bevorstehenden sowjetischen Angriff! Letzte Befehle und Weisungen werden durchgegeben. Bis zur Dämmerung verbleibt noch eine knappe Stunde, und bitterernst wird es jedem einzelnen klar, dass wohl in spätestens einer Stunde der erwartete Großangriff der Roten Armee seinen Anfang nimmt, und damit die letzte große Schlacht im Kreis Gumbinnen.

https://brd-schwindel.org/images/2015/07/04_panther_01a.jpg07.00 Uhr – Es ist, als hebe sich der Vorhang zum letzten Akt des furchtbaren Dramas hier in Ostpreußen, wie nun im langsam aufdämmernden Morgen ein Trommelfeuer von unvorstellbarer Wucht und Gewalt beginnt. Die russischen Batterien stehen in vielen Kilometern Breite und Tiefe gestaffelt, buchstäblich Geschütz neben Geschütz. Das ganze Land scheint zu brennen! Vor und hinter uns in der Hauptkampflinie liegt alles unter mörderischem Stahlgewitter. Tausende feindlicher Geschütze werfen ihre amerikanischen Granaten in einem rasenden Feuerwirbel mit schweren Phosphor- und Sprenggranaten in jeden Schützengraben, in die hinter Straßen und an Geländefalten angelehnten deutschen Artillerie- und Flakstellungen, Ortschaften, bis tief ins Land hinein . Das zwei Stunden dauernde Trommelfeuer konzentrierte sich westlich der Straße Ebenrode – Gumbinnen bei der 61.Inf.Div. (Grünhof – Teufelsmoor – Kattenau).

https://brd-schwindel.org/images/2015/07/05_panther_02a.jpgUm ca. 09.30 Uhr eröffneten die Russen das Feuer aus schweren Batterien und Stalinorgeln auf unsere Stellungen zwischen Gr. Baitschen, Hochfließ, Schweizertal, Girnen, Peterstal, Röden und Großguden bis zur Divisionsgrenze der 21. 50. InfDiv. etwa 120 Kilometer Luftlinie östlich von Königsberg. Ein grausames, alles vernichtendes Feuerwerk ohne gleichen prasselte auf die deutsche Front der 2. FschPzGrenDiv. nieder, so, als wolle man vor dem großen Sturm die gesamte Erde umpflügen. Die feindliche Überlegenheit an Feuerkraft verursachte bei uns Niedergeschlagenheit und Verzweiflung.

https://brd-schwindel.org/images/2015/07/06_panther_03a.jpg12.00 Uhr – Als vom Donner der Salven aus sowjetischen Geschützen die Erde erbebte und wie im Fieber zu erzittern begann, waren die Gedanken und Blicke nach vorn gerichtet. Und im Qualm und Feuerschein hinter und vor uns aufgeschleuderte Erde, Bunkerdecken, Bäume, Barrikaden, halbrechts voraus aufflammende Häuserruinen der Höfe Alt Grünwalde. Vom vordersten Schützenloch bis zum hintersten Graben harren wir Grenadiere hinter Maschinengewehren, Kampfständen dieser entscheidenden Stunde entgegen.

Alarmierte Reservetruppen rücken von Gumbinnen in ihre Bereitstellungs- und Verteidigungsräume. Vom vordersten Infanteriebataillon bis rückwärts zum Hauptquartier Austinshof, Schulzenwalde jagen sich die Funksprüche in ununterbrochener Folge. Die Meldungen aus den Abwehrstellungen der 61. und 21. InfDiv. sind spärlicher geworden. Die Leitungen sind wohl alle zerfetzt.

Besonders lehrreich war die sowjetische Operative der Panzerverbände. Die sowjetische Führung hatte viel dazugelernt. Sie hatte erkannt, dass die Infanterie allein den Durchbruch nicht schaffen konnte. Sechzig Prozent der Kampffahrzeuge wurden als Durchbruchswaffe den Angriffs-Divisionen zugeteilt. Sie legten dabei Wert auf ein hohes Angriffstempo. Die Fähigkeit der Panzertruppen, schwieriges Gelände zu überqueren, war ausgiebig geübt worden und größer, als es die deutsche Führung im Oktober 1944 in Ostpreußen für möglich gehalten hatte.

Es wird 14.00, und 16.00 Uhr. Noch scheint der vorderste Graben unserer Grenadiere dem übermächtigen Ansturm der siegessicheren Sowjetregimenter standzuhalten, noch ist nirgends ein Zurückfallen unserer Truppen zu beobachten, wohl aber ist in jedem Augenblick mit dem Durchbrechen ganzer russischer Panzerrudel zu rechnen . Entsetzlich, seit Stunden geht der unerbittliche Grabenkampf vor und zurück, ist zu keiner Entscheidung zu bringen. Eigene Verstärkung wird nachgezogen, es gibt empfindliche Verluste auf unserer Seite.

Um 16.00 Uhr greifen die Sowjets wieder an, Welle um Welle. Als abends die Meldungen bekannt werden, heißt es: “Zusammenhang der Front östlich von Gumbinnen noch gewahrt; tiefere Einbruchstellen konnten abgeriegelt werden” – schickt uns Munition! So lauten die Hilferufe von den bedrohten Frontabschnitten bei Gumbinnen. Unser Kompanie-Chef geht zum rückwärtigen Regimentsgefechtsstand und will artilleristische Unterstützung herbeiholen, was aber nicht klappt: – keine Munition!

23.00 Uhr – Erst gegen Mitternacht gelingt es nach und nach unserem Bataillon mit vier Sturmgeschützen, die so hartnäckig umkämpften alten deutschen Schützengräben zwischen Alt Grünwalde und Schweizertal wieder in Besitz zu nehmen. Die alten Gräben der Hauptkampflinie bieten ein Bild des Grauens: sie sind mit Hunderten russischer Leichen buchstäblich angefüllt, Das Ziel des sowjetischen Angriffsplanes war, Ostpreußen von allen Landverbindungen abzuschneiden, die deutschen Truppen in Ostpreußen einzukesseln und zu vernichten.

Lage am 14. Januar 1945 im Raum Gr. Baitschen – Hochfließ

Am Vormittag setzten die Sowjets ihre Angriffe fort. Während die deutschen Kräfte infolge riesiger Verluste rapide zusammenschmolzen, konnten die Sowjets ihre Kräfte erheblich verstärken. Unter Berücksichtigung der rückwärtigen Verbände und von eintreffenden Reserven verdoppelte sich die Personalstärke der eingesetzten Sowjettruppen.

In den Durchbruchsabschnitten im Bereich der 2. FschPzGrenDiv. mit einer Gesamtbreite von ca. 15 km konzentrierten die Sowj. drei Schützen-Divisionen, 143. und die 65. SchtzDiv. Im Raum Großwaltersdorf bis Daken das 48. SchtzKorps. Während auf deutscher Seite die 2. FschPzGrenDiv. und die 61. InfDiv. (Bhf.Trakehnen – Guddin – Amtshagen) einen Abschnitt von etwa 25 km oder mehr zu verteidigen hatte.

Am 14. Januar ergab sich aus der Sicht der deutschen Führung im Raum Gumbinnen folgendes Bild der sowjetischen Kräfte. Im einzelnen waren erkannt oder wurden vermutet: Teile der 4. Stoß-Armee, die 11. Garde-Armee als Reserve für die Zuführung in den Raum Roseneck – Gr.Baitschen, mit insgesamt fünf bis acht Schützen-Divisionen und bis 3 Panzer- oder mechanisierte Verbände. Im Raum Trakehnen – Mühlengarten wurde ein starker Ausbau von Flugplätzen erkannt. Die Zahl der eingesetzten Feindflugzeuge nahm man mit 1.200 an.

Neben Verbänden der schon vorher genannten sowj. SchtzDiv. sind auch Rgt. von der 21. sowj. Armme (Obfh.Gen.Ob.Gussjev) festgestellt worden. (Gussjev später gefallen bei Altkrug)

Ab 10.00 Uhr tritt der Feind nach äußerst starker Feuervorbereitung im Abschnitt der 2. FschPzDiv. beiderseits der Ostbahn – Gr. Baitschen – östl. Hochfließ – Schweizertal auf etwa 6 km Breite mit 3 Divisionen, unterstützt von Panzern und Schlachtfliegern, zum Angriff an. Bis Mittag hatten die Russen die Front im Abschnitt Amtshagen durchbrochen und drangen weiter nach Westen vor.

17.00 Uhr – Bis zum Abend verschärfte sich die Lage erheblich. Der Feind drang nun auch südostwärts vom Gut Alt Grünwalde nach Westen vor. Das Gut halten eigene Teile. Alt Grünwalde muss gehalten werden. Aufgegeben werde nur unter Feinddruck. Wenn wir erst mit dem Zurückgehen anfangen, kommen wir ins Schwimmen. Alt Grünwalde und Gr. Baitschen gehen jedoch schon am Nachmittag verloren, mit dem Dunkelwerden ist der sowj. Einbruch hart östlich Altkrug 5 km tief. Eine Korpsabteilung HG übernahm in der kommenden Nacht diesen Regiments-Abschnitt.

Gefechtskarte Gumbinnen Mitte Januar 1944:

Lage am 15. Januar 1945

In den Morgenstunden finden Feindangriffe nach heftiger Artillerievorbereitung statt. Das PzAOK gibt Befehl, den Feind im Frontvorsprung am Ostrand Altkrug – Hochfließ unter allen Umständen zum Stehen zu bringen und in aller Eile ca. 2 km südöstlich Gumbinnen – OhIdorf – Husarenberg rückwärtige Stellungen auszubauen. Denn mit weiteren Angriffen der Russen in Richtung Gumbinnen und nunmehr auch der ganzen 11. Garde-Armee wurde fest gerechnet. https://brd-schwindel.org/images/2015/07/12_t34_03a.jpg

Entlang der Reichsstraße 132 und beim Gutshof Husarenberg lag überall sowjetisches Kriegsgerät. Lastwagen, abgeschossene Panzer und Kanonen. An einer sowjetischen Panzerabwehrkanone beim Gasthaus Butzkies lagen noch die toten sowjetischen Soldaten bis November, dann wurden sie begraben.

https://brd-schwindel.org/images/2015/07/13_russ_pak_01a.jpg

10.00 Uhr – Die in Kompanie- und Regimentsstärke geführten fdl. Angriffe mit Schwerpunkten gerichtet auf Altkrug – OhIdorf – Hochfließ und auf den Raum Schweizertal. Südöstlich Schweizertal wurden zwei fdl. Bataillone sofort abgewiesen. Östlich der Rominte im Raum Hochfließ greift der Feind um 10.00 Uhr beim Bauernhof Rusch (Pkt.60,4) mit Teilen von 3 Bataillonen 12mal auf ca. 1 km Breite an, jedoch noch ohne Panzerunterstützung. Der Schwerpunkt lag zwischen (Pkt.60,4) und nordöstlich (Pkt.66,3) (Hof Saikat). Der Feind wollte offenbar Einbrüche als Ausgangsstellung für den Großangriff auf Gumbinnen erzielen.

In einem kurzen Planspiel wurde mit dem Kommandeuren der Sturmgeschütz-Abt. und den Ia (1 Generalstabsoffizier der Div. ) Einsatzmöglichkeiten festgelegt. Man war sich darüber klar, dass der heutige Tag die ersten Vorboten einer großen und schweren Abwehrschlacht im Raum Gumbinnen gebracht hat. Der Kommandierende Generalmajor Schmalz rechnete an den beiden Schwerpunkten zwischen Schweizertal und Hochfließ mit je 100 fdl. Panzern, die den Infanterieangriff unterstützen.

Die Frontlinie zwischen Gut Serpenten und östlich Hochfließ wurde durch eine Sturmgeschütz-Abteilung, und die Sicherungs-Kompanie des Korps verstärkt. Das Sturmbataillon wurde von Zweilinden in Marsch gesetzt, es komme darauf an, die fdl. Vorstöße im Anschluss an die noch bestehenden Teile der Hauptkampflinie aufzufangen. Bis zum Abend war die erwartete 11. sowj .Garde-Armee noch nicht aufgetreten.

Bei Altkrug am Fluß Rossbach gelang noch in den Abendstunden und in den Nachtstunden durch Einheiten des Panzerpionier-Bataillon 2 HG die Bereinigung kleinerer Einbruchstellen an der Bahnlinie Gumbinnen – Ebenrode. Die Abriegelungsfront östlich Girnen wurde verstärkt durch eine Kompanie des Füs.-Batl. 3. Rgt. Hier war schon in den Nachtstunden zum 16. Jan. die Annäherung fdl. Gruppen an die HKL bzw. Sicherungslinie ostwärts Ernstberg – Girnen erkannt worden.

Lage am 16. Januar 1945 – 13. und 14. Kompanie

Die Kompanie Drümmer 11./4. sichert als Rgt.-Reserve in Hochfließ nach Nordosten (Rekr.-Kp.F.E.B.) sichert am Südrand Gutshof Hochfließ – Rominte. Auf Feinddruck hat das I. Bataillon die Gef.-Vorposten (Pkt.65,1) zurückgenommen. Stärke des Gegners etwa 1 1/2 Regiment, dreht wahrscheinlich auf Schweizertal ein.

Luftbild Hochfließ Grünweiden:

09.30 Uhr – Feindangriff aus Grünweiden mit etwa 200 Mann, der in drei Wellen erfolgte, wurde vom der 14./4 abgeschlagen. Der in den Vormittagstunden erfolgte Btl.-starke Feindangriff zwischen Hochfließ und Gut Serpenten wurde durch den Rgt.- Pionier-Zug 14./4. unter Fhrg. von Lt. Golla und 5 Sturmgeschützen der St.Gesch.Abt. 10./Pz.Jg.Kp. unter Führung von Lt. Bauer im schneidigen Gegenstoß sofort zerschlagen, der eingebrochene Feind wurde geworfen und zum größten Teil vernichtet. 24 Gefangene wurden eingebracht, darunter ein bolschew. Oberleutnant. Feindverluste etwa 120 Mann an Toten.

Erbeutete Waffen: neun schwere, zwanzig leichte Maschinengewehre, sechs leichte Granatwerfer, vierundfünfzig Maschinen- pistolen, zwei Panzerbüchsen und sechzig Gewehre.

Eigene Verluste: 12 Mann gefallen. -3 Uffz. u. 13 Mann verw. Fw. Bethke (10.Pz.Jg.) schwer verwundet – Blasendurchschuss. Pz.-Fahrer Schubauer, Hopp, Franzmann schwer verwundet. Leutnant Flachberger und sieben Mann vermisst .

Luftbild Hochfließ Alt Grünwalde

14:30 Uhr – Während des ganzen Nachmittags griff der Feind mit überlegenen Kräften, in mehreren Wellen hintereinander, an der ganzen Front zwischen der Reichsstraße 1 und dem Gutshof Serpenten an, und erzielte trotz sofort einsetzender Gegenstöße und hervorragender Abwehrerfolge Einbrüche nördlich der Bahnlinie, die nicht mehr bereinigt, sondern nur abgeriegelt werden konnten. Begünstigt wurde der Feindangriff durch das übersichtliche Gelände und die schwache Besetzung am Fluss Roßbach unserer weit ausgedehnten Stellungen.

Ein Angriff zwischen Hochfließ und Schweizertal, zum Teil in drei Wellen in Stärke bis zu 400 Mann, weisen unsere Kampftruppen in zähen, verbissenen Abwehrkämpfen, oft Mann gegen Mann an diesem einen Kampftag östlich der Straße Hochfließ – Grünweiden ab. Wo der Feind einbricht, gehen Grenadiere zum Gegenstoß über. Alle Teile des 4. Regiments mit den zugeteilten Waffen, insbesondere die 15. Flakbtr. und die 10.Pz.Jg. Kp. (Sturmgeschütze) hatten an diesem Abwehrerfolg großen Anteil. Lt. Albert (Zugf.13.Kp.) und Lt. Golla (Zugf.14.Kp.) wurden während der schweren Kämpfe am 16.Jan. schwer verwundet. Kompanie-Gefechtsstand (Pkt. 66, 3) östlich Hochfließ.

Die schwere Feldhaubitze 18 mit einer Schussweite von 11 Km (je nach Ladung). Auf der Beobachtungsstelle befanden sich der Beobachtungsoffizier, Scherenfernrohr- und der Richtkreisunteroffizier (VB) in der KHL

Lage am 16. Januar 1945 – 4.FschPzGrenRgt.

Der Feind begann seinen entscheidungssuchenden Angriff. Nach einem dreistündigen Trommelfeuer, wie es die Truppe noch nie erlebt hat, tritt der Feind mit starker Unterstützung von Panzern und Schlachtfliegern zum Angriff an, und zwar, um 09 .30 Uhr zwischen der linken Divisionsgrenze zur 61. InfDiv nordöstlich Altkrug an der Reichsstraße 1 mit dem Schwerpunkt zwischen der Eisenbahnlinie und westlich Schweizerfelde.

um 11.00 Uhr östlich Hochfließ und Schweizertal tritt der Gegner bei aufklarendem Wetter (Nebel) auf breiter Front zu einem massierten Panzerangriff mit sehr starker Artillerie- und Schlachtfliegerunterstützung an, und konnte mit seinen Panzerspitzen das Ufer der Rominte gegen 13.00 Uhr erreichen.

13.00 Uhr – Die mit letzter Hingabe kämpfenden Kompanien standen in ununterbrochenen Kämpfen mit der erdrückenden feindlichen Übermacht an Infanterie und Panzern. Während es zwischen Hochfließ (Pkt.61,2) und Schweizertal (Pkt.66,5) und weiter nördlich beim Gutshof Serpenten zwischen (Pkt.50,7) und (Pkt.57,6) gelang, den Feind in hartnäckiger Abwehr aller Waffen aufzufangen und im Gegenangriff mit der Sturmgeschütz-Abteilung bis zur noch bestehenden Hauptkampflinie westlich Alt Grünwalde zwischen (Pkt.51,3) und (Pkt.58,7) zurückwerfen.

Im Raum Schweizerfelde Altkrug kamen die gegnerischen Truppen unter Einsatz einer PzBrig. beiderseits der Reichsstraße 1 gegen die starke deutsche Abwehr nur langsam vorwärts. Sie nahmen an manchen Stellen die vordersten Gräben, konnten aber nirgends in Richtung Gumbinnen durchbrechen. Lediglich am linken Flügel östlich von Riedhof – Pommerfelde drangen Teile der 11. Garde-Armee bis zu 4 km tief ein und kämpften abends um Schunkern, Straße von Gumbinnen nach Mallwen.

18.00 Uhr – Am Abend des 16. Januar hatte sich die Lage wieder halbwegs stabilisiert. Zwischen Altkrug – Hochfließ – Schweizertal konnte die noch bestehende Hauptkampflinie nur stützpunktartig besetzt werden. Die feindlichen Panzerverluste waren außerordentlich hoch. 84 Feindpanzer wurden bei den Kämpfen am 16. Jan. vernichtet, davon allein bei Hochfließ ca. 40 Panzer durch Sturmgeschütze, 8,8-cm Flak, 7,5-cm Pak der Panzerjäger- Kompanie und im Panzernahkampf mit der Panzerfaust und Panzerschreck. Aber was es hieß, nun wirklich die sowj. Panzerkolosse, die zudem meist in Rudeln auftraten, anzugehen und zu vernichten, – es kostete Nerven und Überwindung. Aber was blieb uns auch anderes übrig, als sich entschlossen gegen den Panzerfeind zur Wehr zu setzen.

Lage am 17. Januar 1945

In der Nacht zum 17. Jan. lagen die Überlebenden der Kompanien schussbereit in ihren Schützengräben. Der Kommandeur wurde verwundet und lag niedergeschlagen im Graben. An Nachschub war nicht zu denken, die Verwundeten konnten nicht abtransportiert werden. Wir sammelten unsere Toten um Mitternacht ein, und brachten Sie nach hinten zum HVP im Gutshof Kuntze Hochfließ.

Die Gesamtverluste lagen am 16. Januar 1945 bei 50 Prozent.

Verlustmeldung vom 17. Jan. 1945:

Gefallen durch Körpermine im Nahkampf mit fdl. Panzern – konnten nicht geborgen werden –

Grenadier Herbert Roth

Ofw. Ludwig Wam

Fahnenjunker K-H Meyer

Obgfr. Helmut Krämer

Feldwebel ? Völke

Gefr. Heinz Schulze

Uffz. ? Franke

Gren. Erich Heil

Gefr. ? Buschulte

Lt. Helmut Tölke

Zugf. Pionier ?

Pion Gren. Felix Schreiber

Hptm. Norbert Zimmer

Fw. ? Dentit

Gren. Horst Rietz

Außer Gefallenen und einer Vielzahl von Verwundeten am 16.Jan. über 120 Vermisste.

Ein hoher Verlust eines Kampfverbandes!

Für den heutigen 17. Januar lag eine Meldung des AOK-4 über die Kampfstärken der ihr zu diesem Zeitpunkt unterstellten Kampfverbände vor, die erkennen lässt, wie stark die Abwehrkraft dieser Truppen, die ständig dem Russen in der Abwehr gegenüberstanden, in Wirklichkeit noch war. So hatten an diesem 17. Jan. die drei zum Schutz ihrer Heimat eingesetzten Divisionen folgende infanteristische Kampfstärken:

  • Die 2. FschPzGreDiv. 2100 Mann 1/6 der festgelegten Sollstärke

  • Die 21.ostpr.lnfDiv. 2730 Mann 1/5 der festgelegten Sollstärke

  • Die 61.ostpr.InfDiv. 1460 Mann 1/4 der festgelegten Sollstärke

Über den Ablauf der Kämpfe meldet der Wehrmachtsbericht:

Durchbruchsversuche der Bolschewisten zwischen der Rominter Heide und Gumbinnen scheiterten. Im Raum nördlich der Stadt drangen fdl. Panzer bis an den Oberlauf der Inster vor. Nordöstlich Insterburg wurden Panzerangriffe abgeschlagen. In Ostpreußen wiesen unsere Truppen südlich Gumbinnen und am Ostrand der Stadt sämtliche feindliche Angriffe ab. Im Raum der ostpr. 61. InfDiv. wurden allein 34 fdl. Panzer vernichtet. Rückblickend ist zu sagen, dass bereits zu diesem Zeitpunkt die Russen vor Insterburg und Allenstein standen. Und die drei Div. -2.FschPzGrenDiv .-21.- 61.InfDiv. noch im Raum Gumbinnen.

Lageentwicklung am 17. Januar 1945 – südwestl. Großwaltersdorf

Sowjetische Verbände sind wieder sehr aktiv und liefern der 3. FschPzGrenDiv. harte Kämpfe im Raum Peterstal und Röden. Bei der 5. Kompanie, des 2. Bataillon weitet der Feind morgens seinen 3 km tiefen Einbruch im Abschnitt der Straße Peterstal Erlengrund zwischen Höhe (Pkt.115,1) und (Pkt.114,6 weiter aus und schaffen Einbrüche bei Hoheneck und Emilienhof.

10.00 Uhr – Die 7. Kompanie weist in den Morgenstunden Feindangriffe nach heftiger fdl. Artillerievorbereitung von Osten ab. Am Nachmittag tritt der Feind gegen den ganzen Abschnitt des 2. B tl. 3. FschPzGrenRgt. und am rechten Flügel der 21. InfDiv. zu neuen Angriffen an. Alle Angriffe bleiben ohne Erfolg, fast alle örtlichen Einbrüche wurden sofort bereinigt . Das Bataillon rechnet am Nachmittag mit verstärkten Angriffen gegen die Höhe 123,1 und mit eventuellem Übergreifen auf die Nachbarkompanie Höhe 111,3. Der Kompanie-Chef Lt. Saul verstärkte den 2. Zug durch eine Gruppe des 3. Zuges im Bereich der Höhe 123,1. Nach 20-minütiger Feuervorbereitung greifen um 14.00 Uhr die Russen überraschend die Höhe 123,1 frontal an.

14.00 Uhr – Der Gegner schlug hier eine völlig neue Taktik ein. Sie bestand darin, es wurde erstmalig eine doppelte Feuerwalze angewandt. Allem Anschein nach waren es zwei hintereinander mit einem Abstand von 500 bis 1000 Meter voranschreitende Feuerbänder, in deren Mitte sich die fdl. Angriffstruppen auf das Ziel Höhe 1?3,1 zu bewegten, in den Graben eindrangen und diesen aufzurollen begannen. Nach den Aussagen der Überlebenden waren die Kampftruppen in volle Deckung gegangen, erst als fdl. Truppen unmittelbar vor ihnen standen, versuchten die Gruppen die Stellung wieder zu beziehen. Nur zwei deutsche Soldaten konnten unverletzt entkommen.

16.00 Uhr – Am späten Nachmittag ereignete sich beim 1. Zug ein schwerer Zwischenfall. Einige der Russen, die nach einen Angriff in der Stellung des 1. Zuges liegen, hatten sich “tot gestellt”. Plötzlich eröffneten die Russen aus ihren versteckten Waffen das Feuer und töten dabei vier unserer Soldaten. Die Reste des 1. Zuges rückten nach dem Zwischenfall dicht an den rechten Flügel der 5. Kompanie heran. Die Grabenkämpfer befanden sich in einer sehr schlechten Verfassung. Seit Dezember gibt es für sie keine Möglichkeit sich aufzuwärmen. Bei einer Temperatur zwischen -5 und -20 Grad erweist sich das Fehlen jeglicher Unterstände als unerträglich. Viele beklagten sich über schmerzhafte Darmkoliken und Blut im Stuhl.

– Damit begann der letzte Akt der Tragödie –

Lage am 18. Januar 1945 – östlich Erlengrund

Die Ia-Tagesmeldung spricht von weiterer Steigerung der fdl. Angriffstätigkeit und von ernsten Krisen bei ständig absinkender Kampfkraft der eigenen Verbände. Die Stäbe der hohen Kommandostellen sind in großer Sorge über die weitere Entwicklung der Lage südöstlich Gumbinnen.

Verlustmeldung vom 18. Jan 1945:

Von den Kompanien des 3. FschGrenRgt. 2. Bataillon erlitt die 7. Kompanie, während der Zeit vom 26. 10. 1944 bis zum 18. 01. 1945 die schwersten Verluste. Dabei überwiegt die Zahl der Toten die Anzahl der Vermissten und Verwundeten in einer unverhältnismäßigen Höhe. Die Gesamtstärke eines Bataillon (Soll) betrug 17 Offiziere 60 Uffz. und 442 Mann. Stärke einer Kp. (Soll) 2 Offz. 93 Mann.

Bis zum 18. Januar verlor das Bataillon 117 Tote und132 Verwundete. Dazu kommen 85 Vermisste, deren Schicksal unaufgeklärt ist. Das ist ein MINDEST-GESAMTVERLUST von 334 Soldaten eines einzigen Bataillon.

– UNVORSTELLBAR! –

Lage:

Der Tag brachte die erwartete Fortsetzung und Ausdehnung der sowjetischen Offensive mit ernsten Krisen in den Gefechten. Schwierig ist der Nachschub aus Schulzenwalde. Fahrzeuge kommen nur bis zum Rand. eines Steilhanges Höhe 102,6 und 107,6 heran. Von dort musste alles herangetragen werden. Am späten Nachmittag kam unser Regimentskommandeur Obstlt. Rebholz zum provisorisch eingerichten Kompaniegefechtsstand an den Vordersten Rand der Verteidigung. Er führte ein längeres Gespräch mit dem Kp-Chef Lt. Saul. Danach war das Stimmungstief aller Grabenkämpfer abgebaut.

18.00 Uhr – In den Abendstunden beziehen wir auf einem Gehöft, welches 100 Meter links der Straße Hoheneck – Erlengrund (Pkt.94,9) liegt, eine neue Stellung. Gefechtsstand im Bauernhof Tengel. Von dort sollte um 21.15 Uhr die Höhe 123,1 erneut in Besitz genommen werden, während die 5. Kompanie gegen die Höhe 114,6 anrennen sollte. – Stärke je Kompanie noch 27 Mann.

21:30 Uhr – Der Kompanie-Chef gab um 21.30 Uhr den Sturmbefehl auf die Höhe 123,1, es folgte aber keiner der Soldaten! Zum ersten mal verliert der Kp.-Chef die Fassung. Er forderte mit Waffengewalt zum Angriff auf. Keiner der Soldaten handelte aus Angst oder Feigheit vor dem Feinde, nein, alle waren in einen Tiefschlaf gefallen, keiner war mehr ansprechbar. Die Kampferschöpfung hatte ihren Höhepunkt erreicht!

Dieser Angriff, von größenwahnsinnigen Etappenoffizieren befohlen, konnte nicht weiter vorangetrieben werden.

Lage am 19. Januar 1945 im Raum Alt Grünwalde – Schweizertal

Der Ia-Meldung des FschPzKorps ist zu entnehmen, dass der Feind jetzt beiderseits der Reichsstraße 1 bei Altkrug steht. Die Lage am 19.01.45 hat sich in der Winterschlacht im Kreis Gumbinnen krisenhaft entwickelt, besonders zunächst im Abschnitt Schweizertal, und der noch weiter südlich stehenden FschPzGrenRgt. 3, im Raum Girnen – Erlengrund.

Zwischen Großwaltersdorf und Brückental versuchten die Bolschewisten unter starkem Luftwaffeneinsatz und zahlreichen Panzern erneut den Durchbruch zu erzwingen. Bis auf einige Einbrüche blieb das Hauptkampffeld fest in unserer Hand.

Zwischen Alt Grünwalde – Gut Serpenten – Hochfließ setzte der Feind seine Einzelangriffe mit Panzerunterstützung im allgemeinen ergebnislos fort.

Gertenau

10.00 Uhr – Seit den 14. Januar begann jeden Tag pünktlich um 10.00 Uhr aus Grünweiden und Weidengrund ein fdl. Feuerschlag von einer Stunde Dauer auf unsere Verteidigungsanlagen (Pkt.66,3) an der Straße Hochfließ – Grünweiden. (Gehöft Seikat) und leiteten den sowj. Sturmangriff ein.

10.20 Uhr – Das fdl. Ari-Feuer steigerte sich zum Orkan. Der Gegner trommelte westlich von Grünweiden mit drei Stalinorgeln auf unsere Stellungen. Während die Raketengeschosse des Gegners mit ihren dicht aufeinander folgenden, massierten Einschlägen, greift der Gegner aus nordwestl. Richtung unsere Stellungen an.

Die Angriffstaktik der Russen vor Hochfließ war, an verschiedenen Stellen der Front anzugreifen und dort, wo ein Einbruch gelang, starke Kräfte nachzuführen. Manches Mal führten die Russen auch nur schwache Scheinangriffe, von Alt Grünwalde aus bis zum Hof Buttgereit-Schwarz, Straße Alt Grünwalde – Hochfließ (Pkt.60,5) durch, um dann mit geballter Kraft an einer ganz anderen Stelle zwischen der Straße Hochfließ – Grünweiden und Schweizertal anzugreifen.

Das Gelände ist völlig offen und eben und fällt nach Osten zu dem Bach hin etwas ab. Das Gehöft hart nördlich Straße (Pkt.66,3) ist noch in unserem Besitz, während die übrigen Gehöfte oder Häuser zwischen Hochfließ und Grünweiden – Weidengrund bis zum kleinen Bach vom Feind besetzt sind.

Um 11.00 Uhr folgte plötzlich eine einstündige Feuerpause, während der sich die sowj. Truppen zum nächsten Angriff am Hof Rusch (Pkt. 60,4) neu gruppierten. Das russisch besetzte Gelände und die Stelle, an der vor einer Stunde das fdl. Vordringen auf Hochfließ und Ohldorf gestoppt wurde, war vom Gehöft Seikat in der Winterlandschaft gut einzusehen.

Lage am 19. Januar 1945 im Vorgelände östlich Hochfließ

Am Morgen des 19. Januar weckte die noch nicht geflohenen Ostpreußen ein Trommelfeuer, von zweieinhalb Stunden Dauer. Der Lärm war so groß, dass es keinen Flecken im Kreis Gumbinnen gab, an dem er nicht zu hören gewesen wäre. In Gumbinnen und Hochfließ stürzten einige Ruinen ein. Die Dritte Weißrussische Front verschoss an jenem Morgen einhundertsiebzehntausend Granaten. Nachdem die Feuerwalze der Russen über uns hinweg gegangen war, griffen die Russen uns mit Panzern an.

12:30 Uhr – An den Boden gepresst erlebten wir in den nächsten 40 Sekunden, wie fünf fdl. Panzer Typ T-34 von unserer 7,5-cm-Pak vernichtet wurden. In den nächsten Minuten kommen drei Panzer, von Westen aus dem kleinen Wald, von uns zunächst nicht wahrnehmbar, im Rückwärtsgang durch unsere Stellungen, 20 Schritt vor dem Kompanie-Gefechtsstand wurden alle drei durch die Ofenrohrgruppe der 14.Pionier-Kompanie ein Ende bereitet.

16.45 Uhr – Zwischen der Straße und dem Hof fanden während des ganzen Tages Nahkämpfe statt, die die Kräfte auf beiden Seiten bis aufs äußerste beanspruchten und uns fast die letzte Munition kosteten. 100 Schritt vor unseren Stellungen liegen auf freiem hartgefrorenem Wiesenboden russische Soldaten. Nach kurzem Infanteriefeuerkampf ziehen sich die Russen, ihre Verwundeten mitschleppend, zurück.

Der ganze Hof von Seikat gleicht einem einzigen Trümmerhaufen. Wie auf einem Schrottplatz liegen zerstörte Panzer, Munitionskästen und Ausrüstungsgegenstände herum. Es gab hier keine Straße mehr, nur noch eine Kraterlandschaft. Dazwischen Tote und nochmals Tote.

Verluste der vergangenen Tage:

Gren. Berkenkampf. 14. /4

Uffz. Wecker Hochfließ Insterburg-Friedh.

Gefr. Bartels Hochfließ

Gefr. Schulze Hochfließ

Gren. Brodersen.

Gefr. Rössler

Gefr. Schmadke

Gefr. Bertels Hochfließ

Uffz. Stein

Obfr. Overbeck Hochfließ

Ogfr. Lebmann Hochfließ

Gefr . Krille

Ogfr. Meusel

Uffz. Friese Hochfließ

Gren. Schlüter Hochfließ

Ogfr. Hamacher Hochfließ

Gren. Lindner

Gefr. Schreiter

Unbekannte Vermisste und Tote:

74 Soldaten

Verwundete?

Wenn der Ausfall vieler tapferer Soldaten zu beklagen war, so war doch der Verlust von gutem Führungspersonal überhaupt nicht wieder zu ersetzen. Die Verluste die hier vor Hochfließ eintraten, waren erschreckend hoch. Die Reste der Kompanie waren nur noch bedingt zur Abwehr geeignet.

Der 7. Angriffstag hat der sowjetischen Seite bisher nicht den gewohnten Erfolg gebracht. Das erste große Ziel, die Einschließung und Vernichtung der deutschen Kampftruppen im Raum Gumbinnen wurde nicht erreicht. Die 2. FschPzGrenDiv. hatte seit Beginn der Großkämpfe 126 fdl. Panzer vernichtet, das 4. FschPzGrenRgt. hatte allein in den Abriegelungsfronten bis zum 19. Januar 78 fdl. Panzer vernichtet.

17.30 Uhr – Der Tag brachte ein weiteres Aufreißen der Front ohne jede Aussicht auf Besserung der Lage. Um 17.30 Uhr ging noch ein Funkspruch ein, der unter anderem besagte, dass die LwFeldDiv. im Raum Amtshagen Gr. Baitschen nicht mehr bestehe. Das Korps meldete: “Gesamtlage ernst, doch hoffnungsfroh”.

Dann geht noch eine weitere Hiobsbotschaft ein, dass der Feind zwischen Insterburg und dem Kurischen Haff eindrang, und in den Straßen von Insterburg und Georgenburg erbitterte Kämpfe im Gange seien. Nach mitgehörten fdl. Funksprüchen, wussten wir, dass schwere Kämpfe im Raum Rastenburg – Allenstein sind, und der Feind versucht, seinen Einbruch in Richtung Elbing zu erweitern.

Der Kommandierende General Schmalz meldete am 19. Jan., dass die drei Divisionen im Raum Gumbinnen nur noch aus stark abgekämpften Resten bestehe. Das Korps beantragt das Ausweichen der Kampftruppen hinter der Angerapp-Linie, da die Divisionen so vorgewölbt wie zur Zeit nicht stehen bleiben könne. Sie könne auch ihre derzeitigen Stellungen nicht mehr halten. Der Chef des Generalstabes erklärte: “Der Auftrag lautet noch immer klipp und klar, die Stellung zu halten und die Abriegelungsfronten zu stützen” – (Ende des Auszugs aus dem Kriegstagebuch)

17.45 Uhr – Im Verlaufe der Nacht wurde eine weitere Umgliederung des rechten Flügels Schweizertal – Husarenberg befohlen und durchgeführt. Neue rechte Grenze: zwischen Schweizertal – Pfälzerort. (Pkt.57,2) westlich Rominte-Ufer. Es wurden. starke Feindbewegungen zwischen Grünweiden und Sprindord festgestellt.

Ohldorf – Bismarckshöhe:

Gegen 18.00 Uhr versuchte der Russe noch einmal unsere HKL zu durchbrechen. Nach halbstündigem Ari-Feuer greift der Russe beiderseits der Straße Hochfließ – Grünweiden an. Jeder weiß, worum es geht. Jeder ist sein eigener Feldherr. Unterstützung durch schwere Waffen gab es nicht mehr. Jeder kämpfte ums Leben. Keiner hat gefragt, wann wir zurückgehen. Die erste fdl. Welle kommt bedenklich nahe. Die zweite Welle kommt jetzt von links. Als die ersten Russen getroffen liegen bleiben, zieht sich der Rest zurück.

Gefechtsbericht für den 19. Januar 1945 – Fallschirmjägerregiment “Schirmer”

Der Tag brachte wenig erfreuliche Meldungen. Im Raum Girnen Brückental standen in den Morgenstunden 8 fdl. Panzer mit Infanterie in Stärke von zwei Kompanien zum Angriff nach Westen bereit. Um 10.00 Uhr setzte der Feind zu den erwarteten Angriff auf Brückental und Girnen an. Erkannt wurden sieben Fahrzeuge mit schweren angehängten Kanonen. Vorfühlen gegen 10.00 Uhr in Stärke von 45 Mann an der Straße Brückental nach Girnen. Nach kurzen Feuerkampf blieb der Angriff liegen.

11.00 Uhr – Weiteres Feindvordringen in den Mulden längst der Straße von (Pkt.75,3) auf (Pkt.96,3) östlich Girnen, von etwa 150 Mann. Nach zähem Kampf gelang den Russen, sich in den Besitz der Häuser 50 Meter vor der Wegegabel (Pkt.96,3) zu setzen. Unsere Gefechtsvorposten setzten sich erneut nach Zuführung von Verstärkung zwischen (Pkt.89,5) und südlich der Straße am Gehöft Plickert (Pkt.91,9) fest. Der Feinddruck hielt weiter an. Im Bataillons-Abschnitt und auf Girnen lag Pak und s.Gr.Werfer-Feuer. Die fdl. Panzer hielten sich zurück. Im Verlauf des fdl. Angriffs wurde die Neugliederung und Verstärkung der Gefechtstruppen vorgenommen, und Verbindung zu den Gefechtsvorposten am Wege nach Husarenberg (Pkt.93,8) nach links hergestellt. Die Gefechtsvorposten Höhe (Pkt.94,7) am Hof von Schaal und Neubacher ließen sich von den fdl. Panzern überrollen, konnten sich der fdl. Überlegenheit nicht erwehren. Es konnte nicht verhindert werden, dass dieser Stützpunkt von den Russen umgangen wurde, und die Gefechtsvorposten im Nahkampf niedergemacht wurden.

Unsere Kräfte gingen zur Neige, man fragte sich, ob wir noch auf dieser Erde sind, so leblos und so unwirklich ist alles und unser guter Sanitäter liegt tot vor uns im Schnee

14.30 Uhr – Der Versuch, die Männer zu bergen, misslang. Beim langsamen Absetzen wurden den Russen etwa 30 Ausfälle beigebracht, Im weiteren Tagesverlauf belegte der Gegner unsere HKL bis in die Höhe des Btl.Gef.St. in Girnen (Pkt.107,6) im Haus Klinger am Friedhofsberg mit s.Gr.Werfer und Pakfeuer. Die Beobachtungen .ergaben, dass der Feind sich vor unserer HKL eingrub.

Eigene Scharfschützen und s.M.G. behinderten diese Arbeit des Feindes so, dass er es vorzog sich weiter zurückzuziehen. Beim Herausschieben der Sicherungen in den ersten Abendstunden wurde ein verwundeter Bolschewist gefunden, dessen Aussagen ergaben, dass sein Btl. neu herangeführt wurde und jede Kompanie ca. 80 Mann stark sei und sie den Befehl zum Angriff auf dieses Dorf hätten. – (Girnen)

22.00 Uhr – Die Lage machte ein Absetzen in eine neue Stellung in der Nacht zum 20. Jan. erforderlich, um damit eine Einkreisung und Vernichtung der eigenen Verbände verhindern zu können. Der Feind folgte nur langsam unseren Absetzbewegungen zur neuen Angerapp-Stellung im Raum Angermühle Angerhöh.

Lage am 19. Januar 1945 im Raum Hochfließ

Auf unseren Stützpunkt im Gehöft Saikat (Pkt.66,3) östlich Hochfließ lag des übliche Störfeuer, aber wir beobachten, dass in der Kiesgrube vor unserer Stellung eifrig geschanzt wurde. Von dort erhalten wir auch Feuer von Maschinengewehren. Das bedeutet, der Russe bleibt auf Tuchfühlung, um den Ansturm gegen unsere Stellung zu verkürzen.

Um 21.15 Uhr fallen immer noch Schüsse in unserem Rücken. Uffz. Feuer und vier Mann wurden um 21.30 Uhr zur Klärung der Lage mit einem Spähtrupp nach Hochfließ zurück geschickt. Es kommt zum Gefecht mit dem russischen Trupp, der fast ungehindert in unserem Rücken agierte. Unter Bergung der Verwundeten kommt der Spähtrupp zurück. Es hat den Anschein, dass der Russe uns von Alt Grünwalde her, im Dorf Hochfließ umgangen hat. Wie stark die Russen waren, wusste man nicht.

Auch in der Stellung hat es Verwundete gegeben, die der Sanitäter versorgt hat, aber sie müssten zum Verbandsplatz zurück. Aber im Gutshof Hochfließ gab es keinen HVP mehr. Und der Keller des Hofes Saikat lag voller Verwundeter. Mehrere Artillerie-Volltreffer in die Gräben sind nicht ohne Wirkung geblieben. Und die Kameraden? Tot, verwundet, vermisst? Sind wir verhärtet? – Härter sicherlich, sonst könnte man all das nicht überstehen, aber nicht gefühllos.

21.30 Uhr – In der Nacht wurden drei Spähtrupps gestartet. Der erste mit dem Ziel Schweizertal – Schweizertal feindbesetzt. – Der zweite in Richtung Norden. – Die Häuser (Pkt.60,5) Straße Hochfließ – Alt Grünwalde feindbesetzt. Der Feind zog sich bei der Annäherung der Spähtrupps zurück.. Der dritte Spähtrupp ging bis Hochfließ vor. Er stellte fest: Im Gutshof bis zur Rominte: kein Feind. Die Straße Richtung Ohldorf und am Weg zur Schule keine fdl. Truppen . Nun konnten wir versuchen, die Verwundeten und die vier Gefangenen in Richtung Wasserturm (Gertenau) in Marsch zu setzen. Die Lage machte ein Absetzen in eine neue Stellung Richtung Gertenau – Samfelde in der Nacht zum 20. Januar erforderlich.

Befehl für Absetzung um 23.00 Uhr:

Zur Schaffung von Reserven ist ein Zurückgehen auf die rückwärtigen Stellunng von Gertenau unumgänglich notwendig, da der Rücken des Korps kaum noch gedeckt ist. Westlich von Altkrug ist der Feind im Vorgehen auf Gumbinnen. Dort hat der Feind nordwestlich des Flusses offenbar völlige Bewegungsfreiheit.

– Endgültiger Funk-Befehl folgt. –

Lageentwicklung beim 2. Bataillon 3. Regiment

Wir sammelten uns beim Kompanie-Gefechtsstand um abzuwarten, ob der Befehl zur Weiterführung des Angriffs kommen würde. Niemand wusste es. Das Schlachtfeld, östlich von Erlengrund verdiente in jeder Hinsicht diese Bezeichnung. In der Nacht wurden nur noch Ziele im rückwärtigen Teil der deutschen Stellungen, insbesondere weiterhin mit fdl. Artillerie angegriffen. Anscheinend brauchte der Russe eine kurze Erholungspause, denn seine Verluste waren trotz seiner zahlenmäßigen Überlegenheit (Verhältnis 6:1) ungleich höher als bei uns.

Ein Offizier vom 16. FschjäRgt. erklärte uns die Lage.

Während der Nacht war es starken russischen Infanteriekräften gelungen, ein ca. 500 Meter vor uns auf einer Anhöhe 101,4 bei Jürgendorf liegendes Gehöft zu besetzen. Dieser strategisch wertvolle Punkt sollte durch einen Gegenangriff zurückerobert werden. Bisher waren keine Feindpanzer beobachtet worden, deshalb hoffte man, mit etwas Ariunterstützung die Lage zu bereinigen. Noch einen Funkspruch an den Stab – Fertig zum Angriff, folgte sofort ein kurzer Feuerüberfall der Artillerie von 10 Schuss auf das Gehöft.

23.00 Uhr – Wir gingen langsam vor. Das übliche flaue Gefühl im Magen, zu Beginn eines Angriffs, verschwand in dem Moment, wenn die Verwundeten nach den Kameraden oder dem Sanitäter riefen und andere Kameraden die Arme hochwarfen und getroffen liegen blieben. In überstürzter Flucht verließen die Russen die Anhöhe und das Gehöft. In der Nacht kam vom Stab die Anweisung, dass alle zum Stützpunkt zurück kommen sollen.

Wir hatten gerade unsere Position verlassen, als der Russe mit einem Feuerwerk aus Stalinorgeln begann. In wilder Flucht rannten alle praktisch um ihr Leben, denn der Feuerhagel war so dicht, dass fast kein Quadratmeter Boden verschont blieb. Hinter einer Uferböschung sammelten wir und warteten auf das Erscheinen der Russen. Das fast halbstündige Feuerwerk ging vorbei, ohne dass wir einen Russen sahen. In dieser Nacht wurde wir bis auf wenige aufgerieben.

Lage am 19. Januar 1945 im Gesamtbereich Hochfließ

Eine weitere Verstärkung der sowjetischen Angriffstruppen ist wahrscheinlich. Am 19. Januar wurde die 11. Garde-Armee zwischen der 5. und der 28. sowj. Armee eingesetzt. Es handelt sich um die 11.Garde-Armee, die am 20. Oktober 1944 durch den Vorstoss über Grosswaltersdorf hinweg bis hin zum Flußufer der Angerapp südwestlich von Gumbinnen und durch das Massaker in Nemmersdorf unrühmliche Bekanntheit erlangte. Bis in die Nacht hinein wechselten Angriffe und Gegenangriffe, dann wurde der Kampf aufgegeben, und man war froh, mit den restlichen schwachen Kräften die Stellung noch halten zu können.

18:45 Uhr – Überraschend wurden der Kompaniekoch, der eiligst seinen Pferdewagen belud von sowj. MG-Feuer im Dorf Hochfließ aufgeschreckt. Ein einzelnes deutsches Sturmgeschütz holpert vom Gutshof Kuntze dem Dorfeingang zu, um sich dem Feind zu stellen. Der Gegner war im Schutze der Dunkelheit aus Richtung Alt Grünwalde im Gutshof Serpenten und Hochfließ eingedrungen.

Jeder stürzte sich einfach in der Dunkelheit in Richtung Schule voran, ohne sich um sowj. MG-Feuer zu scheren. Hinter uns jagt der Küchenwagen im fliegenden Galopp in Richtung Ohldorf aus dem Dorf Hochfließ. Blechkübel und Verpflegungskisten fallen in den Schnee der Straße.

Hochfließ

Kaum hatten wir einzelne Häuser an der Schule durchsucht, knallt es am anderen Ende des Dorfes. Es war stockfinster, als wir von eingesickerten sowj. Angreifern beschossen wurden. Wenig später schoss jeder auf jeden. Niemand erkannte seinen Gegner. Auf jeden Schatten, der aus der Dunkelheit auftauchte, wurde sofort das Feuer eröffnet. Dazu schoss die sowj. Artillerie von Grünweiden und Weidengrund rücksichtslos ins Dorf, obgleich sie damit ihre eigenen Leute gefährdeten.

Die ganze Nacht hindurch führen wir einen Kampf gegen einen Gegner, der uns nicht zur Ruhe kommen lässt. Wo der Gegner eigentlich sitzt, können wir in diesem Durcheinander nicht feststellen. Immer mehr ziehen sich die Kämpfe an den Nordrand des Dorfes Hochfließ bis hin zum Gutshof Serpenten.

21.00 Uhr – Uns allen wird zunehmend klar, dass uns der Russe in der Nacht vom 19. zum 20. Januar bereits umgangen hatte, und wir hier auf verlorenem Posten unseren Krieg führten. Einzelne Kampfgruppen klammerten sich an den Heimatboden, und kämpften buchstäblich bis zur letzten Patrone, um der angsterfüllten Bevölkerung Zeit zur Flucht zu verschaffen.

Lage am 20. Januar 1945 – 14./4.Pi.-Kompanie

Absetzen nach Gertenau

Die Erde ist fest gefroren, und der dünne Schnee macht die Nacht hell und durchsichtig. Wetterlage: Tiefstwerte -10

Das Absetzen in der Nacht zum 20. Januar in die Stellungen an der Reichsstraße 132 ging planmäßig und vom Feind ungehindert vonstatten. Unter Zurücklassung der schweren Waffen zog sich die Kompanie zum Sammelpunkt im Gutshof Hochfließ zurück. Vier Mann als Nachhut und eine weitere Umgliederung wurde befohlen und durchgeführt. Die Kampfgruppen setzten sich befehlsgemäss um 24.00 Uhr von Hochfließ durch ein Minenfeld am Westufer der Rominte auf eine neue Linie verlaufend von (Pkt.60.0) Straßengabel – Straße 132 – Weg nach Gertenau ab.

Das Regiment befielt dazu folgendes:

02.00 Uhr – Die neue Riegelstellung zu besetzen, die um 02.00 eingenommen werden soll. Die neue Linie verläuft vom (Pkt.60,0) an der Straße 132 von Gumbinnen – Husarenberg entlang bis zum (Pkt.60,4) Straßengabel nach Schweizertal, von dort nach Westen am Weg nach Gertenau (Pkt.66,1) am Wasserturm. Der Gefechtsstand verbleibt im Haus am Wasserwerk Gertenau. Die Absicht des Korps ist, die erreichten Linien jeweils 24 Stunden zu halten.

06.00 Uhr – Während der Morgenstunden geringe Gefechtstätigkeit. Gr.Werfer und Pak-Störungsfeuer auf gesamten Abschnitt an der Straße. Nach Gefangenenaussagen sollen sich zwischen Hochfließ und Ohldorf 20 fdl. Panzer befinden und starke fdl. Mot.-Kräfte bei Schweizertal – Husarenberg über die Rominte herangeführt werden. Die Nachhuten beobachten, dass der Feind laufend Verstärkungen heranführt, gesehen wurden 6 Panzer, starke Pak-Aufbauten (9-cm) und das Ausladen von Mot-Infanterie. Als Feuerschwerpunkte werden deshalb die Räume beiderseits der Straße 132 befohlen.

Die Pak wird am Weg nach Gertenau eingesetzt und kann gleichzeitig Panzerangriffe von Osten und Süden abwehren. In den Vormittagstunden erfolgte ein Feindangriff in Stärke von etwa zwei Kompanien aus Richtung Hochfließ, der sich gegen Gertenau richtet. Zur gleichen Zeit greift der Bolschewist in etwa Kp.-Stärke entlang der von Husarenberg nach Gumbinnen verlaufenden Bahnlinie an. Alle verfügbaren Teile von der Straße 132 wurden nach Gertenau mit Teilen des Pi-Zuges zur Rundumverteidigung am Wasserturm eingesetzt und sämtliche fdl. Angriffe abgewiesen. Der Anschluss zu Nachbar-Einheiten besteht nicht mehr.

Hauptkampflinie Straße Eggenhof – Schulzenwalde

Der Anschluss am rechten Flügel ging verloren, die Lücke konnte nicht mehr geschlossen werden. Reserven der Division waren nicht vorhanden. Der Feind hat diese Lücke im Verlauf des Tages festgestellt und führte stärkere Kräfte in westlicher Richtung nach. Die Hauptkampflinie wurde deshalb westlich. ca. bis zur Straße Eggenhof – Schulzenwalde auf den 2. Graben am Bismarck-Turm zurückgenommen. Da die Verteidigung hier günstiger war. Die Ord.- Offz. des 4. Rgt.- Stabes nahmen auf Befehl des Rgt.- Kommandeurs Major Stauch -(Gef. am 27.3.45) sämtliche Versprengten und nicht unbedingt benötigten Männer des Stabes in die rechte offene Flanke auf, und bauten dort zusammen mit der 13. und 14. Kompanie eine starke Flankensicherung auf.

11.00 Uhr – Gegen 11.00 Uhr Feindangriff in Btl.- Stärke auf Wilken – Dauginten, wobei dem Gegner ein Einbruch bis zur Ortsmitte gelang. Trotz sofortiger Gegenstöße kann der Feind nicht mehr geworfen werden. Ein eigener Spähtrupp stellte fest, dass der Feind mit Stoßrichtung Nemmersdorf weiter vor geht.

Gumbinnen – Bismarckturmsprengung:

Befehl vom Rgt.- Stab:

Hemmen und Verlangsamen des feindlichen Nachfolgens: – Sperren der Straße am Waldrand der Kettenberge durch Verminen. Unterbrechen von Verkehrslinien, Wilken Schulzenwalde – Sprengen des Bismarck-Turmes. – sonst Häupt-B-Stelle der Sowj. Während des Tages drängt der Feind nach und greift vereinzelt unsere neue Stellung ohne Erfolg an. Nach heftiger Artillerie,- Stalinorgel- und Inf.-Feuer greift der Gegner mit überlegenen Kräften auf schmalem Raum beiderseits der Straße an, und brach bei dem Höhenzug ins Dorf Bismarckshöh ein. Es gelang dem überlegenen Gegner mit für beide Seiten verlustreichen Nah- und Waldkämpfen in unsere Stellung einzudringen. Ein sofort angesetzter Gegenstoß schlug nicht durch, sondern bleibt nach verlustreichen Nahkämpfen liegen. Der überlegene Feinddruck machten es erforderlich, dass sich die Kampftruppen auf eine neue Linie zurückziehen. Eine neue Linie verläuft am Fluß Angerapp entlang, – Angermühle – Schweden-Schanze. Die Nachhuten verbleiben bis 16.00 Uhr am Feind.

17.00 Uhr – Das 4. Rgt meldet abends: Starker mot. und Panzerfeind greift seit 16.30 Uhr zurückgehende Truppen an. Aufhalten wird an der Angerapp versucht, zur Verteidigung reichen Kräfte nicht aus. Das bedeutet, dass der Feind schon über die vorgesehene Stellung hinaus vorgestoßen ist. Die Kämpfe spielten sich bereits 40 km westlich der ursprünglichen Hauptkampflinie ab.

Am 20. Jan. 1945 begannen die Absetzbewegungen des Fallschirm-Panzerfüssilier-Bataillon 2 HG ab 22.00 Uhr. Unsere befohlene Wegstrecke ging über Schulzenwalde, Angerapp nach Trempen. Die Absetzbewegungen verlaufen unter erheblichen Schwierigkeiten, das Gehen bereitet Probleme, 100 Tage nur im Schützengräben gestanden, ließ die Beinmuskulatur erschlaffen. Feldwebel Ewald bricht zusammen und lag stöhnend auf der Straße. Er ist nicht verwundet, sondern erklärt, liegen bleiben zu wollen, weil die Kraft zum Weitermarsch fehle. Er hat sich dann eine Kugel in den Kopf geschossen.

20. Januar 1945 – die letzte Nacht im Kreis Gumbinnen

Vor uns und in den Flanken ist es ruhig geworden. Wir stehen noch am Ufer der Angerapp. In der Dämmerung könnte das Absetzen nicht verborgen bleiben. Der Kompanie-Chef sagte zu uns “Absetzen: um 18.30 Uhr” – Die Verwundeten sind so schnell wie möglich hierher zu bringen oder nach hinten zum Bhf. Hohenfried, Straße von Nemmersdorf nach Angerapp in Marsch zu setzen. Dort werden die Verwundeten auf LKW,s verladen und zurück gebracht. Die Feldküche erwartet zur Verpflegung in Hohenfried die Truppe.

Alle hatten sich schon zum Abmarsch fertiggemacht auch die sieben Verwundeten. Die Verbände wurden notdürftig angelegt. Der Sanitäter der sie verbessern könnte, liegt tot zu unseren Füßen. Erwin Rook hat sich die Verbandstasche umgehängt. Der Kompanie-Chef sitzt neben dem Toten. Ohne Fahrzeuge schaffen wir den Abtransport nicht, dann ist es besser, ihm gleich seine Ruhe zu lassen, als ihn unterwegs irgendwo ablegen zu müssen.

18:45 Uhr – Dann gehen wir der ersten Gruppe entgegen, die sich vorne gelöst hat, wir sind quasi Nachhut, und man vermutet, dass der Russe die Zange schließen will. Keiner spricht, aber alle sind hellwach, bereit, sich zu wehren, sobald es notwendig wird. Nach einer halben Stunde glaubte jeder, dass wir der sowj. Zange entgangen sind. Hunger und Kälte ist unser Begleiter in der Nacht. Mitternacht ist vorbei. Unsere Kräfte gehen zur Neige. – Der Einweiser – Wir sind am Ziel: – Die Männer lassen sich fallen, wo sie stehen geblieben sind. Das Essen in den Kanistern ist kalt geworden, aber daneben stehen Öfen.

Der letzte Akt des blutigen Dramas im Kreis Gumbinnen auf heimatlichem Boden ist gelaufen! – Der Kampf ist beendet! –

Das traurigste Kapitel hatte seinen Abschluss gefunden.


Vorstoß der Roten Armee im Kreis Heiligenbeil

Aufzeichnungen des Kriegstagebuches von Karl-Heinz Schmeelke

Beurteilung der Lage im Januar 1945

25 Jahre war der Russe aus der Welt verbannt. Jetzt steht er im Landkreis Gumbinnen. Er hat schon beim übertreten der deutschen Grenze die neue Welt kennen gelernt und sie mit seiner Welt verglichen. Er hat die großen Häuser gesehen, die gepflegten und sauberen Familienhäuser. Die verlassenen Gutshäuser mit den Ställen voll herrlichen Vieh’s. Das Klosett befand sich im Haus, nicht so wie in Russland, hinter dem Misthaufen oder im Schweinestall. Das alles haben die siegreichen Befreier entdeckt.

Lage:

Zuerst kommt der Frost. Dann am 13. Januar 1945 der Russe. Mit den stärksten Schneefällen seit vielen Jahren begann eine der größten Durchbruchsschlachten mit der Sturmrichtung auf Elbing und Königsberg. Die deutsche Front bricht wie ein Kartenhaus zusammen. Wir kämpften gegen eine elffache Übermacht. Man hatte fast vergessen, dass durch den weitgehenden Ausfall der U-Boot-Waffe pausenlos Konvois aus Amerika durch das Nordmeer nach Murmansk gelangt waren. Amerikanische Waffen- und Materiallieferungen haben eine schlecht ausgerüstete sowj. Armee in überlegenen Angreifer verwandelt.

Am 27. Januar, gespenstisch rasch, erreichen die sowj. Panzerspitzen Elbing. Die Falle Ostpreußen schnappt endgültig zu. Es gibt nur noch einen Notausgang, er führt in Richtung Heiligenbeil über das zugefrorene Frische Haff. Aus Pferdewagen werden Treck-Kollonen, keiner zählt sie, die Trecks rollen Tag und Nacht. Ohne Rast. Ohne Verpflegung. Keine NS-Volkswohlfahrt mehr, nirgendwo gibt es einen Teller heißer Suppe für die Kinder.

Als einzige NS-Einrichtung funktioniert nur noch das Standgericht.

Auch der weiße Tod greift sich die Menschen massenweise. Wer nicht aus eigener Kraft aufstehen kann, erfriert. Der Frost macht sich zum Auftragsmörder der Sowjets. Man wickelt die kleinen Toten in Zeitungspapier, legt sie beiseite, oft zehn, zwanzig in einer Reihe. Die Bestattung übernimmt der Schnee, der einen halben Meter hoch liegt, wie ein riesiges Leichentuch über die Landschaft Ostpreußen.

In Elbing ist der Teufel los. Insterburg, Gerdauen, Dommau, Pr. Eylau und Zinten wurden geräumt. Zwischen Kreuzburg und Wehlau jagen die T-34 die Treck-Kolonnen von den Straßen. Ein Drama der endlosen Flüchtlingskolonnen, die in einem Meer von Blut und Tränen nach Westen ziehen.

Beginn des Abmarsches über Angerapp – Trempen – Gerdauen

Lage vom 20. bis 30. Januar 1945

Der Rest unserer Kompanie, der die Aufgabe hatte, den Rückzug zu decken, war nicht mehr groß. Es war auch nicht mehr der alte Haufen, der auf Treu und Glauben zusammenhielt, sondern ein Gemisch aus sämtlichen Truppenteilen, die sich unter unvorstellbaren großen Verlusten hervorragend geschlagen haben, aber zu einem massiven Gegenangriff waren wir alle nicht mehr in der Lage. Der Abmarsch verläuft anfangs planmäßig, gestaltet sich aber sehr bald schwierig, da zu gleicher Zeit, zwischen Trempen und Gerdauen, drei verschiedene Divisionen auf eine Straße angewiesen sind und außerdem sehr starke Ziviltrecks zwischen den Kolonnen fahren. Straßenverstopfungen sind daher das ständige Bild.

In Dreierreihen, mehr stehend als fahrend, immer wieder abgedrängt, kommen die Kolonnen aus Angerapp, Nordenburg und Insterburg. Die Pferde können kaum weiter, die Menschen haben die Hoffnung verloren. Das Thermometer sinkt und sinkt. Wer nicht mehr kann, bleibt liegen, wer liegen bleibt wird von den anderen überfahren. Den Toten tut es nicht mehr weh, und die Räder fragen nicht danach, ob die Menschen jung oder alt sind. Man gewöhnt sich an ihren Anblick.

Rückmarsch – Räder müssen rollen für die Flucht

In jedem Moment dieser endlosen Flucht über vereiste Straßen, über weglose Schneefelder sind die Menschen, die ihre Heimat verlieren, in Gefahr, von den Rotarmisten überrollt zu werden. Sie treiben die Pferde an, die sich ins Geschirr stemmen und unglaubliche Strapazen durchstehen, als spürten sie, worauf es ankommt, und es ist nur dem ganz energischen Zupacken des Rgt.-Kommandeurs vom 4. Rgt. und seiner Offiziere und Unterführer zu verdanken, dass scheinbar unentwirrbare Verstopfungen in kürzester Zeit beseitigt werden. Bedauerlich ist nur, dass viele Offiziere anderer Einheiten nicht ähnlich verfahren, sondern warm eingepackt in ihren Wagen sitzen blieben und auf das Weiterrollen der Kolonnen warten. Es waren Offiziere der Rückwärtigen Verwaltungsdienste, vollmotorisiert, ohne Aufgaben.

Ein glücklicher Umstand war das trübe, schneeige Wetter am 22. bis zum 30. Januar 1945. Die feindliche Luftwaffe kam nicht zum Einsatz. Erst am 30. Januar klärte sich das Wetter auf und sowjetische Tiefflieger und Bomberverbände richteten mit Bombenwurf und Bordwaffen in den Kolonnen der Wehrmacht und Ziviltrecks schweren Schaden an. Nur Bilder des Grauens! Bei 21 Grad minus. Die russischen Maschinen fliegen so tief, dass man deutlich den roten Stern sehen kann, sie töten Mensch und Kreatur.

Lage am 21. und 22. Januar 1945

Vom Südosten kommend erreicht der Feind am 21.Januar die Rollbahn südlich Trempen – Nordenburg, und kann somit die Rückzugstraße sperren. Teile des 11. Btl. und Teile vom Artillerieregiment, 9. Bttr. 2. Rgt. und fast der gesamte bespannte Tross muss die Stadt Trempen südlich umgehen. 9. Art.Bttr. musste zwei Zugmaschinen wegen Getriebeschaden sprengen. Alle vier Geschütze konnten trotz Ausfall der zwei Zugmaschinen mit einem Lanz-Bulldog mitgeführt werden. Ein Zusammenhalten oder geschlossenes Marschieren der Einheiten ist bei erheblichen Kältegraden, Schneestürmen und den verschiedenen Abmarschzeiten nicht möglich. Ebenso ist aufgrund des Wetters und der starken Verstopfungen eine Verbindungsaufnahme zwischen den einzelnen Marschgruppen nicht durchführbar. Die Stadt Trempen wurde am 22. Januar 1945 besetzt. Der Rgt.-Gef.-Stand wurde in den Morgenstunden in dem Gutshof Dreimühl bei Nordenburg eingerichtet und einige Stunden später nach Gerdauen verlegt.

Lage am 26. Januar 1945

In den Abendstunden des 26. Januar greift unser Btl. südl. Gerdauen-Altendorf an, um das Dorf Wandlacken zu nehmen und die neue Stellung zu halten. Dazu stellen sich bereit: Das II. Btl. in den Gehöften nördl. der Reichsstraße 131 von Altendorf. Zur Unterstützung vom Artillerieregiment, die 9. Battr. Vorbereitungs- und Sperrfeuer, Bttr.-Stellung am Bhf. Gerdauen.

Auftrag: Forsthaus Prätlack und Dorf Wandlacken zu nehmen. I. Btl. stellt sich westl. des II. Btl. bereit, und greift nach Wegnahme des Forsthauses Prätlack, Wandlacken an, und säubert das Dorf von Feindteilen. Das II. B tl. folgt diesem Angriff rechts der Straße 131. Unterstützt wird der Angriff von vier Sturmgeschützen der Pz.Jg.Kp. der 14. Pi.-Kp. und der 9. Art. Bttr.

Um 22.00 Uhr Bereitstellung eingenommen.

Angriffsbeginn 22.30 Uhr: Im zügigen Vorgehen erreicht das vorne eingesetzte II. Btl. unter Führung von Hauptmann Rust den nördl. Waldrand vom Forsthaus Prätlack und das Dorf Wandlacken. Im Dorf verstreute fdl. M.G.-Nester wurden niedergekämpft. Artillerie und Sturmgeschütze bekämpfte und zerschlug fdl. Kräfte schon in den fdl. Bereitstellungen und brachte in allen Lagen wertvolle Hilfe und Unterstützung.

Lage am 27. Januar 1945

Dem Gegner gelingt es von Südosten her bis an den Südrand von Gerdauen vorzustoßen. Mit fdl. Angriffen auf Gerdauen selbst ist im Verlauf des 27. Januar zu rechnen. Das aus Friedland eingetroffene 3. FschPzGrenRgt., dem verschiedene Alarmeinheiten und kleine Teile des FschPzGrenRgt. 4. unterstellt werden, hat den Auftrag sich sofort so zur Verteidigung einzurichten, dass der Gegner noch vor der Stadt Gerdauen abgewehrt werden kann. Zum Kampfkommandanten von Gerdauen wird Oblt. Winkler befohlen.

Der erwartete Feindangriff erfolgte am 27. 1. um 09.00 Uhr.

Während die deutschen Kräfte infolge riesiger Verluste rapide zusammenschmolzen, konnten die Sowjets um 10.30 Uhr in Gerdauen eindringen, um 10.40 Uhr greift der Feind den Gefechtsstand der Division an. Die Kampfgruppen in der Stadt konnten sich, unterstützt von vier Tigerpanzern, zunächst behaupten, der Angriff des Feindes gewinnt aber an Boden. Am frühen Nachmittag kommt der Befehl zur Zurücknahme der Front in die Linie Böttchersdorf – Friedland.

Bis zum späten Abend setzt der Feind seine Angriffe in Richtung Friedland fort. Die Division ist heute um ca. 15 km zurückgewichen. Die Lage bleibt gespannt. Die Kampfgruppen unter Führung von Hauptmann Rust in Wandlacken ist mit seinen Nachhutteilen noch nicht eingetroffen. Wie das Regiment erfährt, ist es dem Gegner im Laufe des 27. Januar gelungen, überraschend die Reichsstraße 131 südlich von Friedland bei Böttchersdorf von Nordosten her zu erreichen. Große Teile des Regiments, darunter auch das I. und II. Btl Hauptmann Rust, befinden sich ohne Verbindung zur Division.

Lage am 28. und 29. Januar 1945

In der Nacht zum 29. Januar versuchen die Kampfgruppen auszubrechen. Nach ersten Erfolgen erlahmen die Kräfte aber immer mehr, bis sich schließlich die Verbände in kleinste Gruppen auflösen, die sich bis Domnau und Pr. Eylau durchschlagen, ständig von russischen Verfolgungskommandos gejagt. Eine kritische Lage entsteht bei Friedland am 28.1. wo der Feind von Süden her den Ort angreift und die Straße nach Heinrichsdorf – Domnau überschreitet. Bis zum Nachmittag gelingt es den dort liegenden Resten der 2. FschPz.- Div. in energischen Gegenangriff die Lage wieder zu bereinigen. Der Feind besetzt am 28.1. die Stadt Friedland.

Lageentwicklung im Raum Domnau – Pr. Eylau

Flüchtlinge: Bei minus 22 Grad steht Wagen an Wagen von Domnau bis Zinten

Die ungeheure Angst, die hier in der Bevölkerung vor den Bolschewisten herrscht, der Aufschrei, von uns Soldaten nicht verlassen zu werden in dieser Stunde, das trifft mich und anderen tief in der Seele. Irgendwie fühlen wir so etwas wie eine Verpflichtung, ihnen zu helfen. Aber wir können ja nicht. Wir erklären ihnen, dass das nicht geht, dass wir in den Kampf gehen. Alles, was uns übrigbleibt, ist ihnen zu raten, wenn die Russen kommen, in den Wald zu laufen. Die Häuser, so sagen wir ihnen, werden als erstes in Brand geschossen, das wissen wir. Wieder haben wir den Krieg gespürt bei 22 Grad minus, diesmal nicht an uns selbst, sondern deutlich und greifbar nahe am Schicksal der anderen, der armen Zivilisten.

Für sie gilt nur eines: “Rette sich, wer kann, die Russen, die Befreier kommen.”

Ende Januar: Hunderte von Fahrzeugen, gezogen von Pferden, die vor Hunger bereits die hölzernen Sprossen der Leiterwagen anfressen. Verzweifelte Menschen flüchten zu Fuß, auf dem Schlitten, oder ziehen an einer Schnur einen Koffer mit der letzten Habe hinter sich her. Viele wanken einfach zur Seite, lassen sich irgendwo auf einem Schneehaufen nieder, als würden sie noch über ihr Leben nachdenken. Die Mütter leisten Übermenschliches. Wenn sie einen Becher Milch ergattern, wärmen sie ihn an einer Kerze im Wagen, oder sie temperieren die Milch im Mund und flößen sie schluckweise ihrem Baby ein, wie Vögel ihre Jungen füttern. Es gibt kein Durchkommen, die Trecks müssen über Feldwege weiterziehen. Steifgefrorene Leichen werden vom Wagen hinausgeworfen. Jeder ist zu schlapp, um Platz zu machen. Die Kolonnen der unzähligen Wagen haben noch einen weiten Weg vor sich, aber vor Domnau werden sie von einem – Goldfasan – gestoppt.

“Wo ist der Treckführer?” brüllt der Goldfasan. Genauso könnte er fragen, wo es Milch für die Kinder gibt! Die Flüchtlinge, nur Frauen und Kinder, dazwischen mal ein alter Mann. “Verflucht noch mal, gibt’s denn hier keinen, der zuständig ist?”, schreit er die Flüchtlinge an. “Nur der liebe Gott”, ruft eine alte Frau unter der Plane. Die Flüchtlinge schauen teilnahmslos zu, wie der brüllende Hoheitsträger den Treck wenden lässt und in Richtung Königsberg schickt. Genau dahin, woher die Russen kommen. Außer Sichtweite kehren die Flüchtlinge wieder um und warten. Dadurch verlieren sie den rettenden Vorsprung, denn sie kommen erst in Richtung Pr. Eylau – Zinten weiter, als der Hoheitsträger eineinhalb Stunden später türmt.

Zwischen Domnau und Pr. Eylau im Februar 1945

Lage am 01. Februar 1945

Unsere Kompanie hat Versprengte aufgenommen und mit ihnen ihren Mannschaftsbestand ergänzt. Seit langem ist die Einheit wieder vollbewaffnet. Aus den Benzinlagern der Partei in Domnau, hat sich die 11. Sturmgeschütz-Abteilung, so gründlich mit Treibstoff versehen, dass sie mit aufgeschnallten Spritfässern in den Angriff nach Kapsitten, Straße von Domnau nach Pr. Eylau rollt. Beim Angriff wagt sich die Panzerspitze zu weit vor, zieht sich mit viel Geschick und Glück wieder zurück und schlägt dann sofort unsere Kompanie heraus, die sich nach kurzem Feuerkampf befehlsgmäss auf die eigenen Linien zurückziehen.

Gefechtsbericht für den 1.2.1945

10.00 Uhr – Eine feindliche Bereitstellung in Btl.-Stärke wird an der Kirche in Bekarten östlich von Pr. Eylau erkannt, und mit Infanterie-Feuer und Artillerie zerschlagen. Die Hauptlast dieses schweren Kampfes liegt auf den Grenadieren. Die schweren Waffen können infolge Munitionsmangels fast nicht zum Einsatz kommen. Die Standhaftigkeit der Grenadiere und der wendigen Führung ist es zu verdanken, dass alle sowj. Angriffe vor der eigenen Linie abgeschlagen werden. Solange die Massenflucht der Zivilbevölkerung noch eine Chance hat, zu entkommen, solange müssen wir die Sowjets aufhalten. Mit oder ohne Befehl, sagte unser Kommandeur.

16.00 Uhr – Tagesverlauf im allgemeinen ruhig. Durch die hohen Ausfälle, die der Gegner erlitt, greift er nicht mehr an. Ein eigener kampfkräftiger Spähtrupp dringt bis an die Bahnlinie bei Schmoditten, östl. Pr. Eylau vor, und stellt starke sowj . Truppen fest. Die eigenen Gefechtsvorposten wurden weiter vorgeschoben. Seit Einbruch der Dunkelheit auffallend starke Mot-Bewegungen, Straße von Domnau in Richtung Pr. Eylau, Kolonnen bis zu 20 LKW. Ebenso wurden Panzergeräusche von 20 – 30 Panzern festgestellt. Die Feindbewegungen halten die ganze Nacht an.

An diesem Tage wurden 83 Feindtote gezählt.

Auch unsere Verluste sind, durch die Härte des Nahkampfes bedingt, hoch.

19:00 Uhr – Unter dem Eindruck seiner Verluste zieht sich der Gegner im Laufe der Nacht etwas zurück. Das Batl. erreichte gegen 19.00 Uhr mit Teilen des Gef.-Trosses Pr. Eylau und wurden in einem Barackenlager im Nordteil von Pr. Eylau untergebracht. Der übrige Teil des Gef.-Tross wurde mit Schlitten und Fahrzeugen nachgeführt .

Gefechtsbericht für den 2. Februar 1945

Es galt vor allen Dingen, Waffen und Gerät für neuem Einsatz bereitzumachen. Es trafen laufend Angehörige des Btl. ein, die vom Marsch her versprengt waren. Der erwartete Einsatzbefehl traf um die Mittagsstunde ein. Teile des I. Btl. marschiert auf der Reichsstraße 128 Pr.Eylau – Königsberg und erreichte um 19.00 Uhr Gutshof Tharau, westlich von Wittenberg.

Um 22.30 Uhr trat das I. Btl. zu den befohlenen Angriff auf Wittenberg an. Das II. Btl. folgte dem I. Btl. um den Angriff weiter vorzutragen, nur wenn Wittenberg zu stark vom Feind besetzt ist. Da der Angriff um 23.30 Uhr flüssig vorgetragen wurde, die Ziegelei und der Bahnhof rasch in unserem Besitz kam, entschloss sich der Kommandeur, den Angriff auf Wittenberg fortzusetzen. Die schweren Waffe beim Gutshof Hasseldamm, konnten infolge Munitionsmangels nicht zum Einsatz kommen. Nach kurzen hartnäckigen fdl. Widerstand wurde Wittenberg um 24.00 Uhr genommen. Das II. Btl. bekam den Befehl nach rechts und zwischen Bahngleis und Straße herauszuziehen um die offenen Flanken zu schließen. In Wittenberg entschloss sich der Kommandeur, einen Zug der 14. Kompanie die Straße (Pkt.33) entlang anzusetzen, um dem Russen die Fluchtwege nach Süden zu verlegen. Kompanie Stützpunkt im Bahnhof .

Lage am 3. Februar 1945

In den Morgenstunden erhält das Btl. den Befehl, sich nach kurzem Feuerkampf in Wittenberg befehlsgemäß auf die eigenen Linien bei Kreuzburg – Dollstädt zurückzuziehen. Bereitstellung bei Kreuzburg eingenommen.

Auftrag: Gehöfte Dollstädt, Wald und Gutshof Sollau zu nehmen. I. Btl. stellt sich westl. vom II. Btl. bereit und greift nach Wegnahme Dollstädt an, nimmt und säubert den Wald von Feindteilen, verstreute fdl. M.G.-Nester werden niedergekämpft. Artillerie und Sturmgeschütze kamen nicht zum Einsatz.

21.45 Uhr – Vogelsang und Sollau genommen. Das I. Btl. übernimmt Sicherung vom Wald bis Sollau. Noch in den Nachtstunden wurden die Stützpunkte zur HKL ausgebaut. Die Fliegertätigkeit und das fdl. Art.-Feuer war stark. In der Nacht 28 Grad Kälte.

Verluste: 8 Mann und 2 Uffz. 11 Mann verwundet.

Lage am 4. Februar 1945 im Raum Kreuzburg

Die Nacht zum 4.2.45 verlief ruhig. Die frühen Morgenstunden brachten starken Gefechtslärm. Um 10.00 Uhr griff der Feind in Stärke von etwa 300 Mann rechts und links der Straße Kreuzburg – Arnsberg zu den erwarteten Angriff auf Kreuzburg an. Dank der umsichtigen Führung von Leutnant Dru. war es möglich, unsere Stellung trotz starken Beschusses vor allem durch Pak, Granatwerfer und Stalinorgeln zu halten. Ein Einbruch der Russen gelang beim rechten Stützpunkt am Bahnhof Kreuzburg um 08.30 Uhr.

09.30 Uhr – Mit Beginn des Tages wurde der Gefechtslärm sehr stark, vor allem durch Stalinorgeln auf Kreuzburg. Die Meldungen der Kompanie ergaben bald ein Bild, das auf einen erneuten Angriff der Russen schließen ließ. Um 09.30 Uhr trat der Gegner beim rechten Nachbar zum Angriff an. Da er zwischen Bahnhof und der Stadt Kreuzburg nicht recht vorwärts kam, dehnte er seinen Angriff nach links aus, und näherte sich unseren Linien mit etwa 120 Mann, die durch fünf Panzer T-34 unterstützt wurden. Durch das ungünstige Gelände, war es uns und unserer 8,8-cm Flak nur möglich, auf kürzeste Entfernung zu schießen. Der Angriff der Russen brach um 11.00 Uhr zusammen, und der Russe zog sich langsam bis zum Bahnhof zurück. Alle sowj. Panzer wurden vernichtet.

15.30 Uhr – Die Wetterlage erlaubte nur geringen Einsatz der fdl. Luftwaffe. Um 15.30 Uhr griff der Russe, nach starker Feuervorbereitung auf breiter Front an und erzielte einen größeren Einbruch in Kreuzburg. Die Situation um 16.30 Uhr, Schwerstes mehrstündiges Artillerie-Trommelfeuer unterstützte die sowj. Kampfhandlungen. Es war damit zu rechnen, dass der Feind am 4. Februar seine Angriffe auf Kreuzburg, unter Hinzuziehung weiterer und bisher zurückgehaltener schneller Verbände fortsetzen wird. Die mit Panzern geführten Angriffe bringen den Sowjets am 4. Februar um 18.00 Uhr an mehreren Stellen tiefe Einbrüche.

17.00 Uhr – Kreuzburg zum größten Teil von den Russen genommen. Dieser Einsatztag am 4.2.45 im Abschnitt Kreuzburg war auch der letzte Tag. Am späten Abend verlässt unsere Kompanie diesen Raum, und verlegt weiter nach TiefenthaI – Cavern.

Verluste: 1 0ffz., 5 Uffz., 21 Mann.

Lage am 5. Februar 1945

Um 21.30 Uhr wurde das Btl. herausgelöst und erreichte im Fußmarsch in den Morgenstunden des 5.2.45 den Ort TiefenthaI. Noch in den Morgenstunden wurden drei Spähtrupps gestartet. Der erste mit dem Ziel Gut Pasmarshof. Gutshof feindbesetzt. Rechts und links vom Hof, je zwei Pak und ca. eine Kompanie Russen. Der zweite Spähtrupp in Richtung Cavern und Höhe 33. Straße und Höhe feindbesetzt. Der Feind zog sich bei der Annäherung der Spähtrupps kämpfend zurück.

Um 07.00 Uhr kam der Befehl für den weiteren Angriff mit Sturmgeschützen. Diese traf beim Hellwerden ein und brachte die schon lange ersehnte Unterstützung. Durch wenige Schüsse aus ihren Kanonen, verließ der Russe fluchtartig seine Stellungen. Die Kompanien wurden bis zum Fluß Pasmar vorgezogen, um von dort aus, zum Angriff anzutreten.

Um 08.45 Uhr setzte ein Feuerschlag der eigenen schweren Artillerie ein, unter dessen Feuerschutz der Angriff vorgetragen wurde. Die Angriffsspitze kam gut voran. Schwieriger wurde die Aufgabe in der Siedlung bei Cavern, wo zäher Feindwiderstand und starker Pakbeschuss war. Es gelang jedoch, die Pakstellung zu umgehen und von der Flanke zu nehmen. Der Häuserkampf hielt den ganzen Tag an . Die Ausfälle waren groß!

Verluste:

gefallen: 9 Soldaten 1 Offz. 3 Uffz.

verwundet: 27 Soldaten 2 Offz. 10 Uffz.

vermisst: 48 Soldaten – Offz. 7 Uffz.

“Heißer und erbittert wurde wohl nirgends um ein Stück Land gerungen als hier im Kessel von Heiligenbeil”

Es war unsere Aufgabe, einen Schutzwall für die fliehenden Frauen und Kinder zu bilden. So kämpften die ausgebluteten Kompanien verzweifelt um jeden Quadratmeter Boden. Den Namen Kompanie verdienten sie allerdings kaum noch, nach großen Verlusten wie am 5.2.45, standen von den meisten nur noch Reste im Einsatz.

Immer energischer wurde die Evakuierung durchgeführt. Die Menschen wollten bei dem frostklaren Wetter (22 Grad minus) nicht mehr raus, weil ein Abtransport über das zugefrorene Haff aussichtslos war. Wer will beschreiben, was sich auf den Straßen abspielte. Unzählige versuchten zu Fuß in Richtung Heiligenbeil zu gehen, viele fanden den Tod.

Lebensmittellager Autobahn Elbing – Gutshof Rödersdorf

Der nächste große Angriff der Russen stand bevor. Jeder wusste es, niemand sprach es aus. An der Autobahn Elbing – Königsberg verlief unsere Frontlinie. Nach unseren großen Verlusten zwischen Zinten und Kreuzburg bekamen wir als Ersatz eine Kompanie Soldaten aus den Schreibstuben, Küchen und Wehrmachtsbeamten. Hitlerjugend und Volkssturm hatten Straßen und Wege der Ortseingänge aufgerissen, Panzersperren gebaut und hoben jetzt noch Schützengräben aus. Keiner vom Ersatz hatte jemals ein Gewehr in der Hand gehabt, es sei denn ein Luftgewehr. Ohne geschossen zu haben, ohne militärische Ausbildung kamen sie zu uns in Uniform ohne Waffen. Dem Wahnsinn nahe, kopflos geworden, warfen viele Soldaten vom Ersatz ihre Waffe fort, sprangen aus ihren Löchern, liefen zu den Russen über. Im Glauben damit ihr Leben retten zu können, rannten sie ins offene Feuer der sowjetischen MP’s. Ein Wehrmachtsbeamter im Majorsrang war längst über alle Berge.

Eine große Scheune stand hinter dem Ort Gr. Röderdorf (Gutshof). Flüchtlinge hatten sich dort eingefunden und versuchten in das Gebäude zu gelangen. Wie sich später herausstellen sollte, war es ebenfalls ein Lebensmittellager. Ein Wehrmachtsbeamter hatte drei Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett vor dem Tor postiert. Drohte, jeden von den Flüchtlingen zu erschießen, der es versucht ins Lager zu gelangen.

Nun sieh Dir das an, ringsherum Russen und der macht hier noch so ein Tamtam. “Schweinerei – eine verfluchte Sauerei, uns nicht an die Verpflegung zu lassen”, riefen alle durcheinander. “Sollen das die Russen kassieren? – Hören Sie nicht die Kinder schreien, die haben Hunger?” – Unberührt ließ ihn das. Dann kam ein Leutnant mit einer 2-cm-Flak. “Wir geben Ihnen 10 Sek. Zeit, das Tor freizumachen und zu öffnen.” Der Wehrmachtsbeamter blickte genau auf das Rohr der 2-cm Flak. – Dann gab er seinen Leuten den Befehl, die Tore zu öffnen und schickten den gesamten Treck durch die Scheune. Bis unter das Spitzdach in Kisten hoch mit Unmengen von Lebensmitteln gestapelt. Eine unübersehbare Menge an Kartons mit Wintersachen, im Nebenraum nur Cognac, Sekt und Wein in unzähliger Menge. Und wir hatten nichts zum Fressen! Jeder von den Flüchtlingen war mit Lebensmittel und dergleichen bepackt.

“Sie müssen in Richtung Balga weiter und beeilen Sie sich, wir sind die letzten.”

Wir waren nun wirklich die letzten und warteten nur noch auf den Russen. Also, fragten wir, sollen die Russen den Bestand bekommen, sich besaufen und weiter unsere Frauen vergewaltigen? Nein – und mit Leuchtspurmunition schoss ein Kanonier mit der 2-cmn-Flak alles in Brand. Der Wehrmachtsbeamte war mit seinen Männern schon lange davon gezogen, wir haben sie nie wieder gesehen. Drei Tage und Nächte wurden wir noch in schwere Kämpfe verwickelt. Starke Verbände der Sowjets machten uns unter großen Verlusten den Rückzug zur Hölle.

Lage vom 6. bis zum 10. Februar 1945

Im Raum Tiefenthal:

Fünf Tage und Nächte wurden wir in schwere Kämpfe verwickelt. Starke Verbände der Sowjets machten uns unter großen Verlusten den Tag zur Hölle. Der Russe rückte jeden Tag näher an uns heran, so dass wir wohl sehr viel Glück haben müssen, sollten wir aus dieser Umklammerung überhaupt noch herauskommen.

Ein Volkssturm-Bataillon zieht auf der Straße nach Zinten entlang. Alte, verbrauchte Männer, in Mänteln aller Art, mit Mützen und Hüten aller Farbschattierungen, mit hohen Stiefeln und Halbschuhen an der Füßen. In der Hand haben die meisten einen Krückstock, in der anderen einen italienischen Karabiner. Auf meine Frage, wie viel Munition sie denn hätten, sagen sie: “Vier Schuss pro Karabiner”.

“Fliegende Feldgerichte”

Weil sich so viele aus dem Staub machten, hatte die vorausschauende Führung Feldgendarmerie an den Verkehrsknotenpunkten und Kreuzungen postiert. Niemand sollte dem ihm vorausbestimmten Heldentod entgehen. Sie warfen neugierige Blicke unter die Verdecke der Flüchtlingswagen, um zu sehen, ob sich vielleicht ein Mann unter 60 Jahren darunter versteckt hielt. Für sog. Rückwärtige Verwaltungsdienste, Quartiermeisterabteilung, Beamte und Intendanten, die ein faules “Etappenleben” führten, galt das nicht.

Die Feldgendarmerie versah Polizeiaufgaben im rückwärtigen Divisionsbereich. Sie war zuständig für Ordnung und die Sicherheit beim Militär und sie war mit besonderen Vollmachten und Befugnissen ausgestattet. Bei Vergehen und strafbaren Handlungen von Uniformierten hatte die Feldpolizei auch in besonderen Fällen das Recht zum Schusswaffengebrauch. In den letzten Kriegsmonaten allerdings soll sie ihre Machtbefugnisse oftmals überschritten haben und die Trupps der Feldpolizei waren allgemein als “Kettenhund” gefürchtet. Sogar bei der Zivilbevölkerung löste ihr Erscheinen Angst und Schrecken aus.

Unsere Kampfgruppe hatte gerade eine Pause zwischen zwei russischen Angriffen, da erhält unser Hauptmann die Meldung, dass ein Exekutionsstab unseren Abschnitt hinter der HKL durchkämmt. “Schafft mir die Leute her!”, befiehlt der Hauptmann, “Wenn nötig, auch mit Gewalt!” Drei Standrichter und vier Uffz. treffen in der HKL ein. “Wir haben unbeschränkte Vollmacht vom Reichsverteidigungs-Kommissar, mit Feiglingen kurzen Prozess zu machen”, sagt er. Unser Hauptmann erwiderte. “In meiner Einheit gibt es nur lauter Helden.” In der Nähe brüllt jemand: “Panzeralarm!”

Das dumpfe Rumpeln der T-34 war bereits deutlich zu hören. “Dann ist ja alles in Ordnung” und die Standrichter wollen sich hastig verkrümeln. “Sie bleiben alle!”, befielt unser Hauptmann. “Ich brauche jeden Mann – auch Sie.” Gibt jedem eine Panzerfaust. Eine Pak ist bereits im Duell mit den angreifenden fdl. Panzern, aber unser Hauptmann weist dem Standrichtern ohne Eile ein Panzerdeckungsloch zu. “Klappen Sie das Visier auf!” befiehlt er. “Den Auslöseknopf werden Sie ja kennen. – Vorsicht, Rückstrahl” –

Wir stellten befriedigt fest, dass die Angst der Richter, das Gesicht aufquellen lässt wie Hefe. Unser Hauptmann schnappt sich drei Panzerfäuste, springt in ein zweites Deckungsloch. -“Wer den Tod in Ehren fürchtet -. …so heißt es doch in Ihren Urteilen, ruft er hinüber und lacht höhnisch. “Sollten Sie stiften gehen, leg ich Sie persönlich um!”

Die Pak fällt aus, aber eine gutgetarnte 8,8-Flak schießt vier Panzer ab. Einige T-34 ändern die Richtung, um das Geschütz niederzukämpfen. Das Gros der fdl. Panzer rollt stur weiter, kommt so dicht heran, dass man die sowj. Infanteristen, die den Panzern folgen, schon sehen kann. Eine Vierlings-Flak schießt in die Flanke der sowjetischen Panzer. Zwanzig Meter noch zu dem vorderen sowj. T-34. Die drei Standrichter verlieren die Nerven, alle drei springen aus der Deckung, werfen die Panzerfaust weg. Sie kommen nur ein paar Meter weit. Die Rotarmisten erledigen die Drecksarbeit.

Unsere Kampfgruppe lässt sich von den sowj. Panzern überrollen, fünf sowj. Panzer explodieren in einer Stichflamme durch unsere Panzerfaust. Nach einer Stunde schlagen wir diesen sowj. Angriff zurück, holen die Schwerverwundeten aus der Feuerzone heraus, und bringen Sie auf einem Schlitten ins nächste Feldlazarett.

Den vieren von der Feldgendarmerie befiehlt unser Hauptmann, “Sie bleiben, ich brauche jeden Mann in der Hauptkampflinie”. So kämpfte ein letztes Aufgebot gegen eine vielleicht hundertfache Übermacht. Ein vergeblicher Kampf, aber kein sinnloser Kampf. Es gilt, solange standzuhalten, bis die Zehntausende von Zivilisten, Frauen und Kinder, über die Ostsee abtransportiert und gerettet sind.

Nach Tagen verzweifelten Widerstandes zeichnet sich unaufhaltsam das Ende mit Schrecken ab. Der Frost schneidet wie mit Messern in die Haut. Den Anblick eines wimmernden Kindes werde ich nie vergessen. Es war an den Windeln angefroren. Vom Rücken, vom Gesäß, von den Füßchen löste sich die zarte Haut und blieb an den Windeln kleben. Eine Frau lag auf dem Sofa, wie im Schlaf, ein Junge kniet am Boden im Zimmer, und die beiden Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, halten sich an den Händen. Die ganze Familie ist tot und das Zeug, mit dem sie sich vergiftet haben, steht noch auf dem Tisch. Sie hatten erst gestern auf ihrer Flucht hier haltgemacht.

Wittenberg – Tharau – Arnsberg – Kreuzburg – Zinten

Vom 8. Februar 1945 an setzten stärkere sowj. Angriffe gleichzeitig an verschiedenen Frontstellen in Ostpreußen ein. Östlich Wormditt erfolgte über die Passarge der Hauptstoß, der Fluss wurde an mehreren Stellen überschritten, die Verbände der Roten Armee dringen langsam vorwärts. In den folgenden Wochen spielten sich im Rahmen der Gesamtkämpfe um den Heiligenbeiler Kessel erbitterte Gefechte ab, in deren Verlauf viele Ortschaften mehrfach den Besitz wechseln.

Als der Februar anbricht, haben sowj. Truppen die Oder erreicht. Sie stehen damit 350 km westl. von Ostpreußen! Von der Provinz Ostpreußen sind die Festung Königsberg, die restliche Samlandküste mit den Kreisen Braunsberg, Heiligenbeil, Pr.Eylau und der Kreis Zinten noch in deutscher Hand. Das ist alles. Und niemand, der auch nur einen gewissen Überblick hatte, konnte annehmen, dass sich die Kriegslage noch wenden ließe. Was bei Stalingrad begann, strebt jetzt immer schneller seinem dramatischen Schlusspunkt zu.

Die Parallele zur Provinz Ostpreußen drängt sich zwangsläufig auf, nicht erst, wenn man von jenen Flugblättern hört, die sowjetische Flugzeuge im Frontgebiet abwarfen:

“Denke an Stalingrad”

Der Vergleich ist gut gewählt. Stalingrad war ein furchtbarer Preis – Ostpreußen ein noch weit furchtbarer und – er muss von unbeteiligten, unschuldigen Zivilisten gezahlt werden.

Lage am 10. Februar 1945

Am 10. Februar erobern die Russen im Einbruchsraum Preußisch Eylau, und nach sehr schweren Kämpfen mit der 2. FschPzGrenDiv. Wittenberg, Tharau, Arnsberg, Kreuzburg, Cavern, Glauthienen, Maraunen und den Stadtwald südlich von Zinten am Waldschloss. Zum Teil greifen von See her die noch vorhandenen schweren Einheiten der Kriegsmarine in die Abwehrkämpfe ein.

Kreuzburg

Der Raum der Verteidiger verengt sich von Tag zu Tag mehr. Der würgende Druck der sowjetischen Übermacht legt sich immer beklemmender um den Soldaten der blutenden Armee. Aber nie wird man die wirkliche Zahl der Toten, der Vermissten, der an ihren Wunden umgekommenen Soldaten feststellen können. Ebenso wird die Zahl der Todesopfer aus den Flüchtlingstrecks für immer ein trauriges Geheimnis bleiben.

Raum Zinthen

In den Ortschaften und auf den Straßen herrschte die gleiche Not. Alle Gebäude und Gehöfte lagen voller Zivilisten, niemand wusste wohin, die Straßen und Wege waren verschneit, von Wagenkolonnen verstopft, von zerbrochenen oder umgestürzten Fuhrwerken versperrt. Stundenlang mussten die Trecks warten, bis es weiterging. Erschütternde Szenen spielten sich vor unseren Augen ab.

Raum Kreuzburg – Cavern – TiefenthaI

Lage 11. Februar 1945

Wir fühlten uns maßlos erschöpft, für heute musste es genug sein. Doch es kommt anders, denn gegen 12.00 Uhr reißt uns unerträglich laute Musik hoch. Nach einem deutschen Militärmarsch meldet sich ein Sprecher des Nationalkomitees Freies Deutschland zu Wort. Er trägt eine Beurteilung der militärischen und politischen Gesamtlage vor. Die Formulierungen sind klar und schmucklos, er könnte ein Generalstabsoffizier sein. Die Russen locken mit ihrer verlogenen Propaganda bei uns im Graben keinen “Hund hinter dem Ofen” hervor, denn jeder weiß aus eigener Anschauung, was uns bei ihnen erwartet.

Aus dem letzten, im Original erhaltenen Divisionsbefehl vom 11.2.45 ergibt sich die Aufgabe eines neuen Angriffsplanes für die FschPzGrenDiv:

  • Angriff der HG-Regimenter aus der Linie,

  • Gut Kissiten – Kreuzburg (noch feindbesetzt)

  • Tiefenthal

  • Cavern (feindbesetzt) in Richtung Arnsberg

  • Tharau

wieder zu gewinnen. Nach einem misslungenen Nachtangriff zur Verbesserung der Ausgangsstellung am Fluss Pasmar zwischen Kreuzburg und Cavern treten die Kompanien des 3. und 4. Pz.Gren.Rgt. HG gegen Cavern – Gutshof Neu Park – Kreuzburg und Kilges an.

Der Gegner hatte die Zeit genutzt und sich um Kreuzburg – Cavern und auch in den Waldstücken stark gemacht, die angreifenden Kompanien wurden von fdl. Werfer-Feuer, schwerer Artillerie geradezu überschüttet, und versuchten im Straßen- und Waldkampf das Vordringen der eigenen Kompanien aufzuhalten. Noch gelingt es den Kampfgruppen durch Kreuzburg bis zum Bahnhof und der zgl. Straße nach Arnsberg vorzudringen, aber das Sturm-Btl. – noch immer im Waldkampf bei Cavern verstrickt, kann diesen Erfolg nicht nutzen, es bleibt in schwersten Nahkämpfen an der Straße Kreuzburg – Globuhnen hängen.

Das Angriffsunternehmen wird abgebrochen, die erreichten Stellungen unter Verschiebung des Sturm-Btl. nach Globuhnen und Sollnicken, mit Gef.Stand im Gutshof Tykrigehnen, gehalten. Rgt.-Gef.-Stand im Gutshof WesseIhöfen, südöstl. der Autobahn. Die Front beruhigt sich wieder. Dennoch hatte die Feldgendarmerie (Kettenhunde) noch Zeit, hier im Gutshof WesseIhöfen ein Standgericht durchzuführen, in dem die Kettenhunde der Div. HG einen Landser, der angeblich bei dem großen Durcheinander fahnenflüchtig geworden war, durch Erschießen hinzurichten. Die ausgezehrten Überlebenden der letzten Kämpfe mussten zusehen, und kein Offizier der Div.HG half den Mann! Es war glatter Mord! Hier wurden auch fünf Soldaten der 15. Flak-Bttr. begraben.

Lagekarte Heiligenbeil:

Die Letzten im Kessel von Heiligenbeil

11. Februar 1945 – Volkssturm und Hitlerjugend hatten Straßen und Wege der Ortseingänge aufgerissen, Panzersperren gebaut und hoben noch bei 17 Grad Kälte Schützengräben aus. Ausgerechnet an der Autobahn nach Königsberg soll das den Russen aufhalten. Ein Wahnsinn und der Spieß macht fünf Minuten vor zwölf noch so ein Theater. Bis zur letzten Patrone hat er immer gesagt. Hatte er überhaupt noch eine letzte für sich? Als die Russen in Sollnicken einzogen, war der Spieß schon ausgezogen nach Pillau, er war auch kein Held!

Divisionsbefehl für den 11. Februar 1945

Feind vor unserer Hauptkampflinie mit Teilen XVI. Garde-Schützen-Korps (mit 11. und 31. G.S.D.) sowie mit Teilen der 16. und 18. Garde-Schützen-Division. Die ursprüngliche Absicht der Russen war, aus dem Raum Kreuzburg – Sollnicken zum Königsberger Haff durchzustoßen und dann mit der sowj. 11. Garde-Schützen-Division (Massaker von Nemmersdorf) nach Nordwesten entlang der Reichsstraße 1 auf Ludwigsort und Bladiau einschwenken, ist durch die eigenen Angriffe verhindert worden. Der Gegner, wird trotz seiner außerordentlich hohen Verluste, an seiner Absicht festhalten. Mit dem Auftreten einer sowj. Stu.-Gesch.-Abt. und Stalinpanzer im Raum der Autobahn muss weiterhin gerechnet werden.

Die 2. FschPzGrenDiv. hält am 11. Febr. 1945 die gewonnene Linie zwischen Tiefenthal und Autobahn, mit der Absicht, am 12. Febr. anzugreifen, um die Eisenbahnlinie Heiligenbeil – Königsberg zu gewinnen. Der erste Ansatz von zwei Batl. zusammen mit der FGD aus dem Bereitstellungsraum hart nördlich der Autobahn und den dort liegenden Waldstücken zum Angriff nach Osten rennt sich schon kurz nach dem Antreten in einem bekannt gewordenen aber ignorierten Minenfeld der Sowjets fest. Wiederum völlig nutzlose Opfer an Menschen und Panzern. Zwei Tage später eine ähnliche Wiederholung, die sich nunmehr wieder im Minenfeld, und am sowjetischen Widerstand nach einigem Geländegewinn festläuft. Weitere Versuche wurden aufgegeben.

Offiziell wurde die Bevölkerung immer noch mit Durchhalteparolen aufgepeitscht. Parteifunktionäre und Schnellgerichte führten ein furchtbares Regiment, um den im Inneren der Menschen lodernden Kampf gegen die Sinnlosigkeit des Krieges gar nicht aufkommen zu lassen.

Hunderttausende sowjetische Soldaten auf den Vormarsch Lage am 12. Februar 1945

Tausende Offiziere und Soldaten der sowjetischen Roten Armee haben in Ostpreußen deutsche Städte und Dörfer “betreten”. Der Russe hat schon beim übertreten der Grenze die neue Welt kennen gelernt und sie mit seinem sowjetischen Paradies verglichen. Sie werden stutzig und denken nach. Plünderungen waren an der Tagesordnung.

Niemand glaubte an das Märchen “die Befreier kommen”

“Die Russen kommen”, ja, diese drei Worte werden die Frauen nie in ihrem Leben vergessen!

Der Ruf der Verzweiflung aus tiefster Not wird begreiflich, wenn man sich das Bild vorstellt, das Toben der Plünderer, das Jammern misshandelter Männer, die zerschlagenen Gesichter der Kinder, bis zu zwanzig mal am Tage geschändete Frauen, erstochene alte Frauen, erstochene Männer, erschossene, die sich noch schützend vor ihren Frauen gestellt haben. Geschändete Großmütter von fünfundsiebzig, ja sogar vor Achtzigjährigen haben die Russen nicht halt gemacht.

Immer weiter zog der Flüchtlingsstrom in Richtung Heiligenbeil. Vorbei an zerschossenen Häusern, alte Menschen, junge Frauen und Kinder fast jeden Alters, meistens alle zu Fuß, dazwischen ein völlig überladener Pferdewagen. So zieht ein Volk dahin, waren damals meine Gedanken bei einem so unübersehbaren Haufen von Elend. Der Zug des Grauens, der Qual nahm kein Ende. Wir haben es erlebt! Das Mitleid, das man normalerweise für Mensch und Tier empfand, gab es kaum noch, ein Jeder dachte nur an sich, nur selbst vorwärts kommen in Richtung Heiligenbeil, was kümmert’s mich, wenn Hunderte am Straßenrand krepieren. Nur fliehen vor dem Russen oder einfach mitziehen, oder ist das Grauen, die tierischen Vergewaltigungen an den Frauen und Kindern, das Morden und Plündern der roten Armeesoldaten wie ein Lauffeuer ihnen schon vorausgeeilt!

Wir sind die letzten vor dem Russen, Mannschaftsdienstgrade zu Fuß. Und noch etwas hatten wir, ein bisschen Stolz in uns als Kameraden der letzten Einheit dafür Sorge getragen zu haben, dass Tausende Flüchtlinge durch uns Soldaten die Möglichkeit hatten, nach Balga oder Heiligenbeil in die Freiheit zu gelangen, bevor die Sowjets sie vereinnahmen konnten.

Frauen und Kinder saßen am Straßenrand zwischen Zinten und der Autobahn. Der Geschützdonner kam immer näher, wir Soldaten hatten ihn gar nicht mehr wahrgenommen. Können Sie denn nicht aufstehen, fragten wir, sie dürfen hier nicht liegen bleiben, denken Sie an Ihre Kinder und an Ihre alte Mutter. In diesem Menschenstrom gehe ich gänzlich zugrunde, ich kann nicht mehr, sagte die Frau. Die Kinder weinten!

Es war etwa 19.00 Uhr, ich hatte ihr mit Sorge zugehört. Was können wir nur tun, fragte ich meine Kameraden. Mitnehmen zur Hauptkampflinie bei Sollnicken konnten wir sie nicht, und hier lassen konnten wir sie auch nicht. Es gab einen Führerbefehl, wer 2 km hinter der Front ohne Marschbefehl aufgegriffen wurde, wird standrechtlich erschossen vom “Fliegenden Feldgericht”.

Wenn Sie aufstehen könnten, würden wir Sie in Richtung Autobahn bis Gr. Klingbeck zum Tross rausbringen. Zweifeld sah sie mich an. “Täten Sie das?”, fragte sie ungläubig. “Ja”, sagte ich, “wir werden Sie rausbringen.” “Ich kann”, sagte sie, dann stand sie auf, wenn auch ein bisschen schwach auf den Beinen, aber sie stand. “Denken Sie an Ihre Kinder und an Ihre Mutter, denn das müssen Sie jetzt, dann werden Sie die letzten Km bis zum Haff bei Heiligenbeil auch noch schaffen, stimmt’s ?”

Die alte Frau nahm den Kinderwagen und den kleinen Jungen. Die Mutter hielt sich am Handwagen fest und den großen Jungen nahmen wir. So zogen wir los, links das MG und die Munition, die MP umgehängt und rechts die Kinder. Auf der anderen Straßenseite brach das Vorderrad eines Treckfahrzeuges. Zwei Frauen wurden eingeklemmt und schrieen fürchterlich. Die Pferde, noch angeschirrt, stiegen auf der Hinterhand hoch und schlugen mit den Vorderbeinen wild um sich, trafen drei Kinderwagen, die zusammen brachen und schreiend schlugen die Mütter mit ihren Händen auf die Pferde ein. Niemand kümmerte sich um die Verletzten, über alles hinweg stiegen die Menschen, wie wenn nichts geschehen wäre, weiter, immer weiter, nur nicht stehen bleiben, das wäre das Ende. Was mögen diese Flüchtlinge wohl gedacht haben, ob sie überhaupt noch denken konnten?

Immer weiter zog der Flüchtlingsstrom, elternlose Kinder jeden Alters. Was erhoffen sich die vertriebenen und flüchtenden Menschen am Ende dieser Völkerwanderung, der größten aller Zeiten? Geopfert für die Idee eines großen Wahnsinnigen und seiner Partei und seinem Staat. Wir bemerkten vor uns eine Frau, die im Straßengraben lag. “Können wir helfen”, fragte Erwin Roock als wir neben ihr standen. Die Frau antwortete nicht. Mit großen irren Augen sah sie uns an und sagte dann, “Ich habe hier im Graben vor einer Stunde entbunden und niemand nimmt davon Notiz!” – “Sind Sie denn ohne Familie?” – “Da steht meine Mutter” und dabei zeigte sie auf eine Frau, die etwas abseits saß und einen Handwagen neben sich zu stehen hatte. “Das hier sind unsere Kinder, eins von vier Jahren auf dem Wagen, der Junge neben mir ist fünf Jahre alt, daneben im Kinderwagen ein Säugling von einen Jahr. Wir können nicht mehr weiter, und sind am Ende unserer Kräfte. Drei kleine Kinder und die Oma auf der Flucht, ich kann nicht mehr” und weinend brach sie über dem toten Kind zusammen. Niemand von den Anwesenden Soldaten sagte ein Wort.

Lage am 13. Februar 1945 – Kessel von Heiligenbeil

Auf der Straße nach Cavern stehen drei sowj. Panzer, deren Luken geschlossen sind. Zwischen den Panzern liegen Verwundete und Tote. Unter den Gefallenen finde ich den Unteroffizier Heinrich Frohne. Ich beugte mich zu ihm und verabschiede mich mit den Worten, die er vor Peterstal im Raum Großwaltersdorf, allen Gefallenen zurief: “Leb wohl , mein guter Kamerad!”

Hinter seinen Füßen lag der Oberfeldwebel Rotert, aus dessen Helm zwei widerlich gezackte Granatsplitter wie Dolche herausragen. Er war noch bei Bewusstsein, denn er erkannte mich und bittet mit schwacher Stimme um Hilfe. Ich war zu entkräftet, um ihn allein in den Gefechtsstand im Gutshof Pasmarshof zu tragen. Deshalb versprach ich ihm, sofort Hilfe zu holen.

Als wir zurück kommen, um die Verwundeten zu bergen, sind die fdl. Panzer, die Verwundeten und sogar die Toten verschwunden. Nach Erstattung der Meldung beim Btl. stellte mir Hauptmann Kuhlwilm eingehende Fragen, ich hatte den Eindruck, dass er über unsere Aktion nicht unterrichtet wurde.

Wir sollten nun in unsere Ausgangsstellung zurück gehen, im Raum Straße Kreuzburg -Cavern nordwestlich der Ziegelei (Pkt.29,4). Um den Weg abzukürzen, laufen wir über ein freies Feld das mit dem Feuer leichter fdl. Granatwerfer belegt wurde. Heil kamen wir in unserer Ausgangsstellung an. Leutnant Saul staunte über unsere Verstärkung. Gerade wurden drei durch Bauchschüsse verwundete Kameraden auf die Sturmgeschütze der 10. Kompanie gehoben.

In der folgenden Nacht und an den nächsten Tagen strömten trotz der großen Kälte (bis -26 Grad) zahllose Flüchtlinge zu Fuß und mit Fuhrwerken in Richtung Heiligenbeil, um von hier auf eine Weiterfahrmöglichkeit zu warten. Die Flüchtlinge wussten nicht, dass der Russe bereits vor Zinten und in Kreuzburg war. In den Ortschaften und auf den Straßen herrschte die gleiche Not. Alle Gehöfte” hinter der Hauptkampflinie lagen voller Zivilisten, niemand wusste wohin, die Straßen waren verschneit, von Wagenkolonnen verstopft, von zerbrochenen oder umgestürzten Fuhrwerken versperrt. Stundenlang mussten die Fuhrwerke (Trecks) warten, bis es weiter ging. Erschütternde Szenen spielten sich ab, wenn sowj. Flieger ihre Bomben warfen oder sowj. Panzer die Trecks überrollten, Männer und Frauen verschleppten und bei Widerstand niederknallten.

In der Nacht zum 14. Februar versuchte der Feind, die deutsche Front zwischen Zinten und Kreuzburg von Osten einzudrücken, aber auch hier verhinderten die Kampftruppen die Absicht des Gegners. Bei dem schweren Artilleriebeschuss wurde die Stadt Zinten in ein Trümmerfeld verwandelt.

Lage am 14.2.1945 im Raum Tiefenthal – Sollnicken

Am Mittag hörten wir plötzlich eine angstverzerrte Frauenstimme, die sich unserem Gefechtsstand näherte. Eine Frau durchquerte die sowj. Stellungen ohne dass ein Schuss fällt. An ihren Händen hält sie zwei kleine Jungen, die sich stolpernd bemühten, mit ihrer Mutter Schritt zu halten. Mit überschlagender Stimme betet sie schreiend das Vaterunser, welches sie ständig wiederholte. Über unseren Kampfabschnitt breitete sich eine beklemmende Stille aus.

Die sowjetischen Soldaten standen ungeschützt außerhalb der Stellungen und schauten zu uns herüber. Wir waren alle wie erstarrt. Eine unbegreifliche Teilnahmslosigkeit hatte uns alle ergriffen. Ich erfasste nicht mehr, was vor uns geschieht, sondern verhalte mich wie ein Zuschauer, der einen Film ablaufen sieht. Niemand von uns versuchte, die Mutter und ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Bald hörten wir die verzweifelte Stimme nur noch aus der Ferne.

Unsere scheinbare Teilnahmslosigkeit war zweifellos das Ergebnis einer totalen Erschöpfung, die an diesem Tag einen Höhepunkt erreicht hatte . Aber bis dahin mussten wir als Neunzehnjährige einen schweren Weg zurücklegen, der uns keine Zeit ließ, erwachsen zu werden. Das Ausbleiben jeglicher Erfolgserlebnisse ließ ein Gefühl hoffnungsloser Unterlegenheit in uns aufkommen, von dessen Ausmaß unsere höheren Führungsstäbe wohl kaum etwas ahnten. Was änderten daran ein kurzfristig gelungener Gegenangriff oder mehrere abgeschossene fdl. Panzer, wenn wir doch wussten, dass die gegen uns anrennenden gegnerischen Armeen im Kreis Heiligenbeil nicht aufzuhalten waren.

In dieser Situation zog sich der einzelne Soldat immer mehr auf sich selbst zurück und vereinsamte. Dies hatte zur Folge, dass sich seine gesamte Aufmerksamkeitsintensität nun nicht mehr auf seinen Nebenmann, sondern vielmehr auf sich selbst bezog. Alle Aktionen und Reaktionen geschahen vorwiegend unter der Steuerung des Willens zu überleben. Dadurch verengten sich unsere Blickwinkel und unser Zeithorizont auf die jeweils unmittelbare Gegenwart; auf den Augenblick, der über Tod oder Leben entschied. Nicht mehr das Überstehen und Durchhalten waren vorrangig, sondern das Überleben.

Am späten Nachmittag erkannten wir sechs deutsche Soldaten; welche in einem Abstand von ungefähr 300 Metern vor unseren vorderen Rand der Verteidigung bei Globuhnen am Fluss Pasmar an uns vorüberlaufen. Es waren Versprengte, die versuchten Anschluss an die eigenen Kampfverbände zu gewinnen. Durch lautes Zurufen wollten wir sie auf uns aufmerksam machen. Als sie nicht reagierten; schossen wir Leuchtkugeln hoch, leider nahmen sie auch diese Orientierungshilfe nicht zur Kenntnis. Hilflos mussten wir mit ansehen, wie sie unter den Gewehrschüssen der Sowjets zusammenbrechen. Die Auflösungserscheinungen nahmen zu, was sich auf unsere Kampfkraft nachteilig auswirkte. Die Schwachstelle unserer Kompanie beruhte auf ihrem mangelnden Zusammenhalt, weil niemand den anderen kannte.

Lage im Raum Zinten -TiefenthaI – Sollnicken – Autobahn

15. Februar 1945

Am 15. Februar: Feindeinbruch bei Zinten, im Abschnitt der FschPzGrenDiv. und der PzGrenDiv. G.D. mit Zielrichtung auf Heiligenbeil – Balga. Führte zum Zusammenbruch der Front westlich von Königsberg. Die GrenDiv. G.D., löst das II.Btl. – PzFüsRgt. an der Autobahn heraus und wirft es verstärkt durch eine Panzer-Kompanie unter Oblt. Meinicke nach Zinten. Dort greift die Kampfgruppe sofort in die Kämpfe ein und kann mit vier eigenen Panzern im Raum Klausitten – Zinten zwanzig fdl. Panzer, ohne eigene Verluste zum stehen bringen.

20. Februar 1945

Während des 20. Februar 1945 starkes Granat-Werfer- und Artl. – Feuer auf dem Abschnitt der 2. FschPzGrenDiv. im Raum Zinten. Der Standhaftigkeit der Grenadiere und der wendigen Führung ist es zu verdanken, dass alle fdl. Angriffe abgeschlagen wurden. Die Lage bei Zinten verschärft sich jedoch nach vorübergehender Beruhigung wieder in gefährlichem Außmaß, so dass die Panzergruppe G.D. am 23. Februar nordwestlich der Stadt Zinten, (Pkt.119) Heiliger Berg, an der Straße Zinten – Autobahn alle fdl. Panzerangriffe abwehren konnte.

Feindeinbrüche in Stellungen bei Konradswalde konnten bereinigt werden.

Befehl vom Korps:

Truppen haben an allen nicht angegriffenen Frontteilen stehen zu bleiben, bis sie vom Feind überlegen angegriffen und zurückgedrückt werden. Es dürfen nur die Kräfte aus der Front herausgezogen werden, die einerseits zum Schließen der Lücken im Frontgebiet an der Autobahn benötigt werden. Bei der PzGrenDiv. G.D. ist der Aufbau einer neuen Abwehrfront nordwestlich Perwilten nicht geglückt. Es wird seit 20.30 Uhr von Panzern mit aufgesessener Infanterie mit Kavallerie und Artillerie angegriffen. Der Ia der Kampftruppen wird daraufhin beauftragt, an der Autobahn eine Sicherung einzurichten und nördlich Konradswalde möglichst starke Kampftruppen zur Aufnahme und Sperrung einzusetzen.

Auch bei Klingbeck wird die Lage trotz zahlreicher örtlicher Erfolge in der Abwehr kritisch. Die jetzt 5 km breite Lücke am Nordflügel ist nicht mehr zu schließen. In der Mitte ist der Feind mittags bis 3 km westlich Klingbeck vorgedrungen. Mit einem Durchbruch starker fdl. Panzerangriffe auf Ludwigsort muss gerechnet werden.

Die Kampfgruppen melden abends:

Starker mot.- und Panzerfeind greift nördlich der Autobahn an. Aufhalten wird am Nordrand Grünwiese versucht, zur Verteidigung reichen die Kräfte nicht aus. Das bedeutet, dass der Feind schon über die vorgesehenen Stellungen vorgestoßen ist.

Die Lage bei Zinten und Konradswalde

Am 21.2.1945 begann die 4. Schlacht mit einem um 6.30 Uhr einsetzenden Trommelfeuer, das alles wie Boote schwanken ließ und in Minuten die Luft derart mit Qualm erfüllte, dass die Sicht nur noch 15 Meter weit reichte. Zwischen 7.00 und 8.00 Uhr brausten Salven der “Stalinorgeln” (russische Salvengeschütze), jedesmal in 30 Sekunden 84 Raketengeschosse, auf den Abschnitt der 2. FschPzGrenDiv. herunter. Es war eine wilde höllische Schießerei. Alle Leitungen waren im Nu gestört, 20 Minuten nach Beginn des feindlichen Feuers fielen auch die letzten Funkgeräte aus.

In der Zeit von 8.00 bis 10.00 Uhr fegten immer wieder Tiefflieger die Kampfgräben entlang, meist in Gruppen zu dreien, und belegten sie mit Bomben und Bordwaffenfeuer. Um 10.15 und um 11.00 Uhr wiederholten sich ihre Einsätze. Die Luft war voll lärmendem Getöse, es krachte, blitzte, staubte und qualmte.

22. Februar 1945

Fast im ganzen Divisionsabschnitt, Schwerpunkt beim Sturm- und beim Divisionsbataillon, tobte bereits der Nahkampf. Der Feind war mit 2 Schützendivisionen, mit 40 bis 50 Panzern und 60 bis 100 Schlachtfliegern im Angriff, unterstützt von einer mächtigen, an Munition überreichen Artillerie. Das Kampffeld zwischen Konradswalde und Wesselshöfen an der Autobahn glich einer grausigen, höllischen Szene. Pausenlos schleuderten die Einschläge Erdfontänen und alle Häuser hoch. Die Nacht zum 22.2.1945 sank herab auf eine unbeschreibliche Zerstörung und Erschöpfung .

23. Februar 1945

Am 22.2. und am 23.2.1945 konnten Feindeinbrüche an der Autobahn durch Gegenstöße wieder bereinigt werden, so dass bis zum 24. Februar Ruhe eintrat. Die 4. Schlacht im Kreis Heiligenbeil im Raum Zinten – Autobahn kostete die Divisionen in fünf Tagen schwerster Abwehrkämpfe an Verlusten 22 Offiziere und 825 Mann an Unteroffizieren und Mannschaften, das waren pro Tag durchschnittlich 169 Mann.

An der Autobahn beim Gut Albenort und Vw. Korschelken fanden wir im Straßengraben 24 tote Soldaten, die dicht beieinander auf dem Rücken lagen. Alle wurden in Höhe der Brust durch Naheinschüsse vom Gegner getötet. Soldbücher und Wertsachen fehlten, alle Männer waren vom 3. FschPzGrenRgt. Die toten Soldaten gehörten vermutlich alle dem Jahrgang 1927 an. Verzweifelt stolperten die Kompaniechefs und Kommandeure durch die Finsternis, suchten den Zusammenhalt zu wahren. Und es gelang. Am 24.2. 1945 ab 5.00 Uhr stand die Division abwehrbereit in der neuen Widerstandslinie. Schon mit Hellwerden fuhren bereits die ersten T-34 mit aufgesessener Feindinfanterie auf die HKL zu.

24. Februar 1945 Raum Baumgarten – Rödersdorf

Todmüde sackte jeder Mann am 24.2.1945 in sein Deckungsloch, machte sein Gewehr und MG zum Schießen fertig, schanzte noch an seiner Stellung. Ungewaschen, unrasiert, ohne Schlaf, mit entzündeten Augenlidern, mit zerschlissenen Uniformen, abgemagert und restlos überanstrengt stand hier an der Autobahn im feuchten Schnee der Infanterist – marschierte, schanzte und kämpfte gegen eine erdrückende Übermacht. So sah nach wochenlangen Kämpfen der Zustand der 2. FschPzGrenDiv. aus.

25. Februar 1945

Schon in der Frühe des 25. Februar griffen starke feindlich Panzerverbände hinter einer Feuerwalze der Artillerie und mit Jagdbombereinsatz die Front an und stießen zwischen den einzelnen Stützpunkten durch. Es entbrannte ein ungleicher Kampf mit einzelnen abgeschnittenen Stützpunkten. Die Verluste waren erschreckend hoch, die Front war durchbrochen. Kräfte, um den Feind weiter rückwärts auffangen zu können, fehlten.

26. Februar 1945

Am 26. Februar ab 10.20 Uhr schoss die feindliche Artillerie fünf Feuerwellen von je 40 Minuten Dauer, mit je zehn Minuten Pause. In diesen fegten Schlachtflugzeuge IL-2 über Stellungen hinweg und beschossen mit Bordwaffen oder durch Belegen mit Bomben alles, was sich noch bewegte oder irgendwie verdächtig erschien. Tiefe Einbrüche in die eigenen Stellungen waren die unvermeidliche Folge. Schritt um Schritt zurückgedrückt, gelang es dem tapferen Widerstand der Infanterie, noch zwei Tage lang den Zusammenhalt der Front einigermaßen zu waren. Dann war die Kraft erlahmt, der Damm brach, das Verhängnis nahm am 28. Februar seinen Lauf.

28. Februar 1945

Alle panzerbrechenden Waffen wurden durch das feindliche Trommelfeuer am 28. Februar zerschlagen. So gelang es dem Feind zunächst fast ungehindert, in Baumgarten und Lang sowie in die dazwischenliegenden Stellungen bei Bladiau einzudringen und dort Unterstände und Kampfstände nacheinander niederzuwalzen oder einzuschießen. Die fdl. Infanterie folgte den Panzern erst, als der größte Teil der Verteidiger ausgefallen war. Eines der vordringlichsten Probleme war die Abgabe und Weiterbeförderung der Flüchtlinge und der Verwundeten , die bis hierher mitgebracht werden konnten. Sie zurückzulassen, hätte ihren sicheren Tod bedeutet, entweder durch Erfrieren oder Liquidieren durch einen erbarmungslosen Feind. Die Toten mussten wir längst zurücklassen. Sie zu beerdigen war in den meisten Fällen unmöglich, entweder blieb wegen Feindeinwirkung keine Zeit dazu oder es fehlte an Sprengmitteln, um in den meist tief gefrorenen Boden zu kommen.

Lage im März 1945 im Kessel von Heiligenbeil

1. März 1945

Viele Kinder sind der Kälte bei Minustemperaturen von zehn Grad zum Opfer gefallen. Die Mütter glaubten sie warm eingepackt, ohne zu ahnen, dass selbst das dickste Bettzeug den menschlichen Körper nur für verhältnismäßig kurze Zeit vor der Kälte zu schützen vermag. Ohne dem Frost direkt ausgesetzt gewesen zu sein, starben sie an Unterkühlung. Die wenigsten dürften wirklich erfroren sein. Aber für Hunderte von Kleinkindern war das allmähliche Absinken der Körpertemperatur um wenige Grad verhängnisvoll geworden. Die Mütter sahen keine andere Möglichkeit, als die Bündel mit den toten Kindern am Straßen- und Wegrand oder in einem nahen Gebüsch abzulegen.

So erlebten wir Soldaten es auf unseren Weg von Gumbinnen bis Balga. Am meisten hatten die Fußgänger zu leiden, die vom Schleppen ihrer wenigen Habe ermattet, hungernd und ohne zureichende Bekleidung waren. Hinter einem aus Brettern errichteten Windschutz an der Straße Zinten – Gut Dösen lag eine fünfköpfige Familie aus Insterburg. Sie hatten alle hohes Fieber und konnten und wollten nicht mehr weiter. An einen Baumstamm oder gegen eine Böschung gelehnt warteten sie apathisch auf ein Ende. Vielleicht wurden sie noch von einem Wehrmachtsfahrzeug aufgelesen, oder sie sind am Weg liegengeblieben.

Zinten – Klausitten – Panzerkaserne PzRgt. 10

Viele Frauen und Kinder hatten das Dorf Klausitten und die Ziegelei erreicht und frierend in den überfüllten Häusern Schutz gesucht. Teile unserer Kompanie standen an der Straßengabel nach Glauthienen. Als die Flüchtlinge am Morgen im Aufbruch begriffen waren, griff der Russe das Dorf an. Erschreckt verließen Frauen und Kinder den Treck und rannten über die verschneiten Felder in den nahen Wald. Einige der Bauern wollten im fdl. Artilleriefeuer mit den Wagen nachfahren, kamen auf den gefrorenen Schollen der gepflügten Äcker nicht voran und mussten auf die Straße nach Nemritten zurück, wo inzwischen eine panikartige Flucht nach Norden zur Autobahn eingesetzt hatte.

Die Menschen waren so mit ihrem Fortkommen ihrem Überleben beschäftigt, das sie nicht zu merken schienen, was um sie herum vorging. Ein lautes Flugzeugbrummen war zu hören. Wir schauten zum Himmel und sahen aus Richtung der HKL bei Tiefenthal acht fdl. Bomber auf uns zukommen. Es waren amerikanische Flugzeugtypen. Beim Überflug geschah nichts. Wir beobachteten sie noch und stellten mit bangen Gesichtern fest, das sie einschwenkten und eine Drehbewegung um 180 Grad machten, also die Bomber kommen direkt auf uns zu. Wir von der 14.Pi.Kompanie an der Straßengabel beim Gutshof Korschellen beobachteten genau das Ausklinken der Bomben, das wegen der Fluggeschwindigkeit, weit vor uns erfolgte. Alles rannte in Deckung. Durch den Luftdruck der explodierenden Bomben wurde ich in einer Scheune des Gutshofs Korschellen geschleudert. Dann war das Bombardement vorbei.

Der Anblick danach war an Schrecklichkeit und Grausamkeit nicht zu überbieten. Überall auf der Straße von Klausitten zur Autobahn brennende, zerfetzte Treckfahrzeuge, dazwischen das Stöhnen der getroffenen und sterbenden Frauen und Kinder. Viele Pferde lagen mit aufgerissenen Leibern auf der Straße. Für viele wäre ein Gnadenschuss die Erlösung, aber ein jeder hatte nur mit sich selbst zu tun. Es war das absolute Chaos, was wir hier erlebten. Fünf Frauen krochen aus dem Straßengraben heraus, sie standen noch unter Schock von dem, was ihnen hier angetan wurde. Zwanzig Frauen und Kinder wurden durch Bombensplitter tödlich getroffen, umgestürzte Treckwagen verstreutes Flüchtlingsgepäck, verendete Pferde.

In wilder Flucht ging es wieder über die Felder weiter. Drahtzäune und Gräben halten sie auf. Die meisten gehen jetzt neben ihren Wagen, Rucksäcke und Taschen in Reichweite, falls sie querfeldein sich davonmachen müssen. In der Nähe stand eine Herde brüllender Kühe vom Gutshof Korschellen, und am Zaun des Hofes schiebt sich ein lahmender müder Bulle entlang, er konnte niemandem mehr gefährlich werden und die Euter der Kühe sind erfroren und die Milch kommt aus vielen Wunden. Für das Vieh gab es keine Hoffnung mehr.

Es herrschte ein heilloses Durcheinander. Auf den Bauernhöfen der Dörfer Glauthienen, Tiefenthal, Cavern und Globuhnen, die vorübergehend von Russen besetzt waren, dann aber von uns zurückerobert wurden, sahen wir tote Kinder, Frauen und alte Männer. Es war ein grauenerregendes Bild, das sich uns Soldaten hier im Raum Zinten bot. Es gab Situationen, wie im Kreis Gumbinnen, in denen Gutshofgebäude, Ställe und Scheunen im Raum Cavern – Tiefenthal sowohl von uns, als auch von Rotarmisten gleichzeitig besetzt waren, ohne dass wir dies sofort bemerkten.

Bei weiteren Kämpfen, die uns durch viele ostpreußische Dörfer führten, sahen und erlebten wir das ganze Ausmaß der Tragödie. Ganze Dörfer waren in der winterlichen Kälte auf der Flucht. Die Bewohner hatten ihre Häuser erst im letzten Moment verlassen. Buchstäblich bis zum letzten Augenblick.

In aller Eile, bei grausiger Kälte, eisigem Wind von der Ostsee und anhaltendem Schneefall zusammengestellte Flüchtlinkstrecks verstopften die Straßen zur Ostsee, gerieten zwischen die Fronten, wurden von sowj. Panzern überrollt. Zerschossene, geplünderte Wagen und Tote blieben an den Straßenrändern liegen. Doch gegen diese Übermacht kämpften wir vergebens, standen auf verlorenem Posten. Was Ostpreußen im März 1945 erlebte, war die Hölle – und wir waren mittendrin.

Das war das Kampfgebiet in Ostpreußen, das die 2. FschPzGren. Division zu verteidigen hatte. Wir alle wussten, welches Schicksal den ostpreußischen Frauen und Kindern bevorstand, wenn sie in die Hände der Rotarmisten fielen. Deshalb sahen wir Soldaten uns vor zwei Aufgaben gestellt: dafür zu sorgen, dass die Zivilbevölkerung aus den Kampfräumen abtransportiert wurden und dass diese Kampfräume solange verteidigt werden, bis die letzten Flüchtlinge aus dem Kessel fort waren. Viele Soldaten aller Einheiten wurden im Kessel von Heiligenbeil bei diesem Einsatz verwundet oder verloren ihr Leben.

Doch gegen diese Übermacht kämpften wir vergebens, standen auf verlorenem Posten. Durch Gegenangriffe deutscher Einheiten konnte nur zeitweise eine Entlastung geschaffen werden, aber an der Gesamtlage änderte sich nichts. Der Untergang Ostpreußens war nicht mehr aufzuhalten.

Die letzte Rettung waren Flucht und Rückzug. – Aber wohin? – Wir tun doch eigentlich nur noch unsere letzte Pflicht. Man übergibt den Russen Ostpreußen, langsam und schrittweise. Man nennt es heldenhaften Widerstand für Volk und Vaterland. Ist das noch Heldentum, hier wie auf dem Präsentierteller ohne Munition in den Löchern zu hocken und darauf zu warten, bis der Russe uns kassiert? “Helden?” Was ist das, was sind das für Menschen? Sind es solche, die von einer unfähigen Kriegsführung, von einem unfähigen und hilflosen Oberkommando in letzter Minute aus propagandistischen Gründen verheizt werden!

Trübsinnig gingen die folgenden Tage dahin.

Die Verpflegung ist schlecht, und war schlecht, die Lage hoffnungslos, nichts, was uns erfreuen konnte.

Auch eine Königsberger Zeitung hatte sich hierher verirrt.

“Festung Königsberg” – 1. März 1945

Überschrift: Standgerichturteile gegen Soldaten

“Feiglinge wurden erschossen”

Mit solchen Sprüchen hilft man kaum den Millionen Menschen, die ihre Heimat Ostpreußen für immer verloren haben. Immer wieder und immer häufiger mussten Teilverbände HG aus der eigenen Front herausgezogen und als Verstärkungen an anderen Gefahrenpunkten entsandt werden. Die eigene, etwa 18 km lange Front, wurde zunehmend durch zusammengewürfelte Kampftruppen besetzt. Von einer geschlossenen, nur mit HG-Einheiten besetzten Verteidigungsstellung konnte keine Rede mehr sein. Die Folge dieser Einsätze an den Brennpunkten sind die ungewöhnlichen hohen Verluste bei der überforderten HG-Einheit.

Regt.-Gef.-Stand 4. Rgt. in Ludwigsort Kompanie-Gef .- Stand: Legnitten – Pörschken

Am Abend des 1. März hatten die fdl. Truppen die Linie an der Autobahn bei Klingbeck (Klingbecker-Wald) – Gut Grünwehr – Wargitten -Eisenbahnlinie – Poplitten – Gut Luisenhof erreicht. Währenddessen kämpfen Infanterie-Verbände mit Erfolg an der Passarge im Raum Braunsberg – Waltersdorf – Autobahn – Thierau. gegen die von Westen angreifenden Sowjets, die einen Durchbruch auf Heiligenbeil erzwingen wollen. Das Pz.-Korps GD stand im Raum Autobahnkreuz (Straße Zinten – Ludwigsort) zwischen Klingbeck Baumgarten, zugleich auch als Eingreifreserve der 2. FschPzGrenDiv. in, zweiter Linie gegen von Zinten her zu erwartenden Feinddurchbruch.

02. März 1945

Und das geschieht sehr bald, als sich die Tiger und Panther der Heeres-Division GD, die der FschPzGrenDiv. unterstellt sind, im Raum Gr.- Klingheck – Grünwiese – Alter Hof-Berg (Pkt.76) in schwersten Kämpfen mit den dort angreifenden Feindpanzern herumschießen. Die Gefahr fdl. Eindringen in die tiefe Flanke in Richtung Ludwigsort – Bladiau verstärkt sich zunehmend. Das Sturm-Bataillon HG unter Major Ostermeier ist im schweren Waldkampf verstrickt, (Gr.Klingbecker-Wald) dort bleibt der Feind in schwersten Nahkämpfen hängen. Die Kämpfe wurden mit aller Erbitterung geführt. Die Kampfgruppen hatten die Aufgabe, Zeitgewinn zu erreichen und den verteidigten Raum so lange wie möglich zu halten. Es galt, die vielen Flüchtlinge, die noch im Kessel waren, zu retten und ihre Flucht über das Haff und die Frische Nehrung nach Pillau zu sichern.

Rund 60.000 eingeschlossene Flüchtlinge drängen gewaltsam zur Frischen Nehrung. Wenn überhaupt noch eine Rettung möglich ist, dann übers Eis. Bis zur Frischen Nehrung sind es, je nach dem Verlauf der abgesteckten Straße, vierzehn bis sechzehn Kilometer. An den meisten Fuhrwerken schaukeln brennende Stalllaternen. Wagen um Wagen ohne Anfang und ohne Ende. Zu dicht aufzuschließen erhöht die Gefahr, einzubrechen. Und wer den Vordermann aus den Augen verliert, irrt ziellos über das Haff, bis er in irgendeinem Loch ertrinkt.

Weiter! Vorbei an einer versprengten Kuhherde. Der Versuch, sie über das Eis zu treiben, war gescheitert. Einige Tiere sind eingebrochen und brüllen im Todeskampf. Fleisch gibt es in rauen Mengen und trotzdem müssen viele Flüchtlinge und wir Soldaten erbärmlich hungern. Während ganze Herden verenden, werden oft für eine Scheibe Brot bereits zwanzig Mark verlangt und bezahlt. Die Pferde, seit Tagen auf Hungerration gesetzt, sind noch halbwegs bei Kräften. Hafer war Mangelware Nummer eins. Alles was nicht unbedingt lebenswichtig war, wurde noch einmal aussortiert und weggeworfen.

So kämpft ein letztes Aufgebot gegen eine vielleicht hundertfache Übermacht. Ein vergeblicher Kampf, es gilt, solange standzuhalten, bis die Zehntausende von Flüchtlingen abtransportiert und gerettet sind.

Nationalkomitee Freies Deutschland

Uns Soldaten an der Front hat man sämtliche Erkenntnisse über die Deserteure vorenthalten und dadurch in tödliche Fallen laufen lassen. Die meisten ließen ihre Kameraden im Stich, weil sie mit einer Bestrafung wegen anderer Delikte rechnen mussten, weil sie in Frauengeschichten verwickelt waren, oder weil sie aus verschiedenen Gründen einfach zum Russen wollten. Viele von ihnen begingen nach der Fahnenflucht weitere Verbrechen, und kämpften hier im Kessel von Heiligenbeil gegen uns. Wenn die Deserteure zum Feind überliefen, waren vielfach die eigenen Kameraden die ersten Opfer ihrer Tat, weil sie deren Stellungen, Bunker und Schützengräben verrieten, Im Ergebnis zeigte sich, dass mit den Deserteuren eigentlich kein Staat zu machen war.

03. März 1945

Der in Heiligenbeil gelegene Flugplatz wurde bis zum letzten Tag seines Freiseins zu Verwundeten-Rückflügen genutzt. Im Stadtgebiet von Heiligenbeil, in der Kirche, im Amtsgericht, im Kreishaus , in Schulen, in der Gneisenau-Kaserne und im Industriewerk befanden sich Lazarette. An Großkampftagen war mit jeweils etwa 3000 Verwundeten zu rechnen, die Zahl der Toten mit etwa 2000.

Urplötzlich brechen am 3. März bis zum 6. März alle weiteren sowjetischen Durchbruchsversuche ab, außer gelegentlichen Art.-Feuer tritt an den Fronten im Kessel völlige Ruhe ein. Kein gutes Zeichen für die Verteidiger – erfahrungsgemäß ist das die Ruhe vor dem endgültigen Durchbruchsversuch der Russen in Richtung zum Haff, – Bladiau – Ludwigsort – Balga.

Verlegung des Rgt.-Gef.-Standes nach Groß Hoppenbruch

06. März 1945

Gegen Mittag am 6. März 1945 brach wieder ein Feuersturm der feindlichen Artillerie und Werfer los. Mehrere fdl. Schlachtfliegerstaffeln griffen laufend alle Ziele in der Tiefe des Hauptkampffeldes an, insbesondere die Batteriestellungen und die Gefechtsstände der Stäbe. Es war wieder ein Bild des Großkampfes. Trotz Abschusses von mindestens acht Panzer durch 7, 5 cm Pak und einer 8, 8 cm Flak durchbrach ein starkes Panzerrudel zwischen Lang und Quilitten die HKL. Ihm folgten weitere 18 Panzer T-34 nach, welche mit ihren Kanonen und MGs die einzelnen Kampfgruppen der HKL niederkämpften. Obwohl die Kämpfer tapfer aushielten, wurden sie doch schließlich ebenso wie die Pakbedienung überwalzt oder zusammengeschossen.

07. März 1945

Die Verluste der vorderen Bataillone waren bis zum 7. März schwer, die Kompanien mussten sich in einzelne Kampfgruppen auflösen. Unter den vielen Gefallenen der letzten Tage befand auch der Divisionsarzt, der ungeachtet des heftigsten Artilleriefeuers die Verwundeten mitversorgte, bis ihn selbst ein tödlicher Splitter traf.

08. bis zum 11.März 1945

Tag und Nacht waren die Nerven aufs Äußerste gespannt. Immer wieder brandete das heisere “Urrä” der angreifenden Russen gegen die letzten Verteidiger, immer wieder wurde der Feind im Nahkampf, oft mit den blanken Waffen, zurückgeworfen.

Die Verwundeten wurden in der Mitte des “Igels” gesammelt, in der Hoffnung, dass bald Entsatz käme. Wir Grenadiere sahen keine Möglichkeiten auf Besserung der Lage, alle waren ununterbrochen den Witterungsunbilden ausgesetzt. Die Masse der Grenadiere, auch die besten Kämpfer, sind völlig apathisch. Der Wunsch, .verwundet zu werden, wird immer stärker, um endlich von den an Qualen grenzenden Strapazen erlöst zu werden. Die Verpflegung ist den Verhältnissen entsprechend knapp, mehr kalt als warm. Keine Aussicht auf Wiederherstellung der Kampfkraft durch erträgliche Kampfbedingungen. Fast alle Fahrzeuge mit den gesamten vorn eingesetzten schweren Waffen und Gerät waren verlorengegangen. Viele hielten dies nicht durch, gerieten erschöpft in sowj. Gefangenschaft.

Im Raum Stutkenen – Groß Hoppenbruch

Es war am 15. oder 16. März 1945. Gegen 14.00 Uhr bemerkten wir in der Ferne, Gutshof Stutkenen, das Herannahen von Panzern und gaben die Meldung an den Kompanie-Chef durch. Dieser beobachtete durch das Scherenfernrohr, dass diese Panzer mit deutschen Balkenkreuz versehen waren, und wir hielten sie, es waren 12 Stück, für deutsche Panzer. Plötzlich erhielten wir von diesen Panzern heftigen Beschuss. Da die Russen erhebliche Panzerkräfte einsetzten, und unsere Pak. nicht vorkam, mussten wir uns unter Zurücklassung unserer nicht gehfähigen Verwundeten zurückziehen. Für eine Gegenwehr waren wir zu leicht bewaffnet und zu einem überstürzten Verlassen unserer Stellung vor Groß Hoppenbruch gezwungen. Wir konnten nur noch die Verwundeten in die ehemaligen Stellungen und Panzerdeckungslöcher etwas in Sicherheit bringen.

Beim Zurücklaufen habe ich mich öfters umgedreht. Ich sah aus einer Entfernung von 200-300 mtr., wie die nachdrängenden sowj. Infanteristen mit dem aufgepflanzten Bajonett in die Panzerdeckungslöcher, in denen wir die Verwundeten niedergelegt hatten, einstachen oder mit dem Gewehrkolben auf die wehrlosen Verwundeten einschlugen.

In der Nacht fanden wir die zurückgebliebenen 12 Mann tot vor. Ich selbst habe 7 Mann gesehen, deren Körper zahlreiche Bajonettstiche aufwiesen. Im Gesicht sah man Abdrücke von Stiefelabsätzen und Gewehrkolben. Bei den Toten fehlten die Feldblusen und die Stiefel. Unter den Toten, die ich gesehen habe, war auch Leutnant ? Sanitäter sagten mir, dass dieser Leutnant keine tödliche Verwundung gehabt habe. Er ist offenbar von den Russen zu Tode gebracht worden.

12. März 1945

Bis zum 12. März blieb es im Kessel ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Der Tag verlief verhältnismäßig ruhig, wenn man von ein paar Feuerüberfällen der Russen mit der Stalinorgel absah. An manchen Tagen gab es überhaupt keine Verpflegung. Der Tross in Gr. Windkeim hatte keine Verbindung mehr mit uns. Die Reste der Kompanien wurden völlig auseinander gerissen. Erst gegen Abend sammelten wir uns in der zweiten Linie beim Gutshof Charlottenthal/Ludwigsort, um gemeinsam zu kämpfen. Denn wir wissen, als einzelner ist man verloren.

13. März 1945

Am 13. März 1945 um 07.00 Uhr setzt die erwartete Durchbruchs-Offensive der Sowjets mit aller Macht ein und führte zur Vernichtung des Kessels von Heiligenbeil und den Gewinn der Ostsee. Unter einem noch nie erlebten sowj. Trommelfeuer aller Kaliber decken die Sowjets alle nur erkennbaren deutschen Stellungen ein und erschüttern damit vollends die Moral der Verteidiger! Die sowjetische Führung hatte den Verteidigungsabschnitt der FschPzGrenDiv. zum Schwerpunkt seiner Offensive bestimmt. Ein Schwerpunkt scheint am 13.3. an der Bahnlinie bei Wargitten und nördl. davon zu sein, jedoch das dort eingesetzte tapfere Btl. HG und GD hält unerschütterlich seine Stellung. Doch nördl. bei Brandenburg bricht der Gegner in die Stellungen ein, und konnte nicht mehr bereinigt werden.

14. März 1945

Am 14. März besteht loser Anschluss an die letzten Soldaten der PzGrenDiv. GD, das hier vor allem das Überschwemmungs- Gebiet zu verteidigen hat. Von Brandenburg her kommt ein einzelner Tiger, bei Pörschken greift der Panzer in das Gefecht ein, wehrt sich verzweifelt gegen die Vielzahl der Feindpanzer und wird gegen 14.00 Uhr von 14 fdl. T-34 abgeschossen. Die Besatzung kann sich durchschlagen. Das war einer der drei letzten Tiger der II.Abt./PzRgt. GD. Als die fdl. Panzer in Höhe des Tigers stehen, wird er durch die Selbstzerstörung gesprengt. Das Munitions-Lager zwischen Ludwigsort und Brandenburg wird gezündet, alle Muni-Bunker fliegen in die Luft, mit all der wertvollen Munition, an der es gefehlt hat.

15. März 1945

Viele der Verwundeten bleiben liegen, keiner kann sie mehr mitschleppen. Ihr Schicksal ist unbekannt. Ein mit Verwundeten beladener Lastwagen wird von einem Sowjet-Panzer gerammt, schlägt um und zermalmt die Verwundeten. Immer mehr nimmt der Verwundeten-Ausfall zu. Bei der 1. San. Kp. in Wolitta ist der HVP in einem der noch heilen Bauernhäuser untergebracht. Davor liegen schon ganz erstarrt vor Kälte, viele Verwundete und Tote.

Am 15. März 1945 hatte Groß Hoppenbruch zwischen 14.00 – und 15.30 Uhr einen schweren Luftangriff. Die Bauernhöfe Rommel, Kahfeld, Insthäuser von Bohl’s und Lemkes und das von Gehrmanns sind eingestürzt oder brannten nieder.

Es gab 21 tote Soldaten 11 Frauen und Kinder – Flüchtlinge aus Zinten – 38 Verwundete Zivilisten.

Särge gab es natürlich nicht. Die Verstorbenen wurden in Decken oder Säcke eingenäht. Die Beerdigungsfeiern im Dorf Groß Hoppenbruch am Sandberg standen schon unter dem Zeichen der Kriegswirren. Ganze Familien starben hier am Haff aus.

Ich denke noch oft daran, wie einst ein zwölfjähriger Junge beim Kompaniegefechtsstand in Groß Hoppenbruch den Tode seiner Mutter anmeldete, die wenige Tage zuvor ihre drei anderen Kinder verloren hatte. Er war nun der Letzte, und ob er – auf sich allein gestellt – die Zeit überstanden hat?

Soll man flüchten? Diese Frage wurde im Dorf Groß Hoppenbruch immer dringlicher. Sowjetische Artillerie hämmerte mit Hunderten von Rohren aller Kaliber, auch mit Stalin-Orgeln, auf das Dorf. Das kündigte den baldigen, den Todesstoß des Kessels von Heiligenbeil – Balga an. Wer das Haff bei Follendorf und Balga erreichte, hat dort längere Zeit unter schweren Entbehrungen bei Kälte und Hunger auf Weitertransport warten müssen, wer im März 1945 nach Pillau kam, erlebte dort Bombenabwurf und Artilleriebeschuss in überfüllten Häusern und Notquartieren, bis man von ein Schiff mitgenommen wird.

16. März 1945 – Verlegung nach Groß Hoppenbruch

Der Regiments-Gefechtsstand verlegt nach Groß Hoppenbruch, und versucht in der Schule unterzukommen. Es gleicht einem Heerlager. Die zahlreichen Häuser, Scheunen und sonstigen Gebäude liegen voll mit Verwundeten. Es wurde Zeit, sich ein Bild von der Lage zu verschaffen, was ich auf der Karte sah, ist erschütternd. Etwa in vier Kilometer liegt Heiligenbeil und zwei Kilometer hinter uns Balga – das Haff – das Wasser. Ein weiterer Stellungswechsel nach hinten zur Küste ist nicht mehr möglich, das hier ist die letzte Stellung. Die Schlacht in Ostpreußen nähert sich dem Ende.

Wir Soldaten beginnen zum erstenmal ernsthaft über unser weiteres Schicksal nachzudenken, und so kreisen die Gespräche um diesen einen Punkt: “Wird man uns hier herausholen?”

Der Endkampf bis Balga 16. März 1945

Der Gefechtsstand lag östlich von Gr. Hoppenbruch an der Bahnlinie Heiligenbeil -Königsberg im Gutshof Rensegut. Seit den ersten Morgenstunden schießt der Feind mit schwerer Artillerie Feuerschlag auf Feuerschlag auf das Gut.

Gegen 08.00 Uhr scheint ein Erdbeben loszugehen, die überschwere Stalinorgel geht auf uns nieder, die gleiche, die ich vor ein paar Tagen bei Bladiau aus einiger Entfernung sah. Nun liegen wir mittendrin. Auf dem Fußboden gekauert und an die Hauswand gepresst lassen wir die nervenzerrüttenden Detonationen über uns ergehen mit dem Gedanken, bloß keinen Volltreffer in diesen Raum, viel Leben würde nicht übrigbleiben!

Eine Detonation wirft uns gegen eine Zimmerwand, und dann ist wieder die Hölle los, Ziegelstaub, Möbel und Ekrasitgestank hüllen uns ein, wir rollen im Flur durch eine offene Falltür in den Keller. Dort sitzen verstört sieben Zivilisten, zwei alte Männer, drei Kinder und zwei ältere Frauen. Der Mann hält stumm seinen Kopf gestützt, eine Frau und die Kinder weinen herzzerreißend, die andere betet. Die Orgel draußen ist vorüber, wir müssten wieder hinaus – aber man kann plötzlich nicht mehr. Uns allen ist zumute, als müssten wir hier in diesem Kellerloch das Ende abwarten. Ein kaltes Grausen läuft über meinen Rücken, so berührt mich in diesem Augenblick diese Umgebung.

Das große Wohnzimmer des Gutshauses dient als Verbandsplatz, Verwundete liegen herum, stöhnen, fluchen oder stieren abwesend ins Nichts. Blut, Verbandsstoffe, Sanitäter – Grauen und Entsetzen, Verwundete und die aufgereihten Gefallenen. Oberleutnant Schink und der Regiments-Kommandeur 4.Rgt. HG Major Stauch gefallen, eine entsetzliche und erbarmungslose Wirklichkeit. Im Herrenhaus, einem alten, ehrwürdigen Bau, war Rgt.-Stab untergebracht. Die zahlreichen Ställe, Schuppen und sonstige Gebäude liegen in Trümmern. Welche Werte gehen hier durch diesen Krieg verloren, riesige Besitzungen an Ackerland und Wald. Gebäuden und Maschinen.

Wie mag den Menschen ums Herz sein, die hier lebten und arbeiteten, die das alles geschaffen und bearbeitet haben. Es muss schlimm sein, ein Lebenswerk im Stich zu lassen – alles aufzugeben. Besteht denn eine Aussicht, dass die Besitzer jemals wieder nach Hause kommen würden? Es gibt keine Zeit mehr für derart sentimentale Gedanken, nun geht es nur noch um das Überleben, um Deckung, Granaten, Verwundete und Gefallene. Die letzte Runde in der Schlacht um Ostpreußen hat hier begonnen.

Feldkriegsgericht der Feldkommandantur in Groß Hoppenbruch

In einem Fall wurden zwei Soldaten (beide 19 Jahre alt) der 14. Pionier-Kompanie vom 4. Rgt.HG. wegen unerlaubten Entfernen von der Truppe zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung fand im Dorf Groß Hoppenbruch am Transformatorenhaus statt. Kein Frontkommandeur oder Truppenoffizier half diesen zwei Soldaten. Zeugenvernehmungen wurden nicht durchgeführt.

Die Gefahr, allein als Versprengter aufgegriffen zu werden, ohne “Marschbefehl ” oder Verwundetenpapiere. Wir nannten es den “Frachtbrief” – Kontrollkarte – war sehr groß. Nur mit diesem Nachweis der Kampfunfähigkeit konnte man von Balga übers Haff nach Neutief / Pillau gelangen. Kettenhunde und Goldfasane, die nie die Front gesehen haben, hatten hier in Pillau das Sagen. Die Feldgendarmerie kontrollierte sehr genau, sogar die Verbände und die Wunden.

17. bis 21. März 1945

Ein fürchterliches Sauwetter setzt ein. Dauerregen, der Boden weicht immer mehr auf, bald sitzen wir in unseren Gräben nur noch im Schlamm. Der Feind zeigt sich hauptsächlich artilleristisch sehr aktiv, er schießt sich auf Groß Hoppenbruch ein. Doch infanteristisch scheint auch ihm das Wetter arg zu schaffen zu machen. Ein massiver sowj. Großangriff ist zu erwarten. Unsere Kampfgruppe hat mit einer 8,8-cm Flak in den letzten vier Stunden im direkten Beschuss fünf fdl. Panzerangriffe auf der Chaussee von der Reichsstraße 1 achthundert Meter vor Groß Hoppenbruch zum Stehen gebracht, und wurde zum Bollwerk des gesamten Dorfes. Der Russe wird versuchen, uns sobald wie möglich hier auszuheben, dann steht einem erfolgreichen Panzerangriff auf Groß Hoppenbruch und Balga nichts mehr im Wege. Bei Tag kann sich kein Mensch aus den Löchern herauswagen, der Russe knallt mit Scharfschützen jeden einzelnen Mann ab.

Ein Vorkommando des Stabes vom 4.Rgt.HG geht nach hinten zum Haff (Balga) um eine rückwärtige Stellung zu suchen? –

Zum drittenmal studieren wir heute die Karte. Hinter uns Balga, dann nichts als Wasser – da drüben die Nehrung – da Pillau. Ein Paar hundert Meter hinter uns beginnt die Niederung – Sumpf und Wasser – und um uns herum der Iwan. Was ist aus uns geworden? Lebewesen mit einem Stahlhelm auf dem Kopf und eine Maschinenpistole in der Hand. Die Gedanken kreisen nur noch um Deckung, Munition, Nahverteidigung und dem Heilherauskommen. Seit Wochen stehen wir ununterbrochen im Einsatz, alle Sinne Tag und Nacht gespannt. In diesem Zustand leben wir nun schon seit Wochen und nun tritt wie ein neues, scheußliches Gespenst ein Wort hinzu: Das Haff. Es wird zum Verbündeten des Feindes und scheint uns die letzte Hoffnung zu nehmen. Es knallt an allen Ecken und Winkeln, wer draußen nicht unbedingt etwas zu tun hat, bleibt im Loch.

20.00 Uhr – Es gibt als Verpflegung: die berühmte, über Jahre bewährte Kost. Kommissbrot, Pfannkuchen (von H. Sagehorn), Margarine und Dosenleberwurst – bei uns Soldaten bekannt als “Sanitätsgefreiten Neumanns graue Salbe” Auch die Flüchtlinge bekamen bei dieser Gelegenheit ihren Anteil ab. Nur für die Säuglinge und Kleinkinder wurde die Versorgung immer schlechter. Dazu kam die Kälte, Temperaturen fast immer um 5 bis 7 Grad. Entsprechend hoch waren auch die Opfer, vor allem bei Kindern und alten Leuten. Die Truppe bemühte sich nach Kräften, diese armen Menschen so gut es ging zu beschützen. Es gelang nicht immer.

22. März 1945

Mehr als sieben Wochen ruheloser und verlustreicher Rückzugs- und Verteidigungsgefechte mit täglichen Stellungswechseln lagen hinter uns. Wenn der Russe, der nur noch ca. fünf Kilometer vor dem Haff steht und eines Tages zum Großangriff antritt, dann erleben wir hier in Groß Hoppenbruch eine Katastrophe.

Und wer aus dem Kessel herauskommt, das haben wir in den letzten Stunden gehört und gesehen, höhere Offiziers-Stäbe die angeblich in Pillau für die Division Quartier machen wollen, oder über Pillau ins Reich zur Neuaufstellung? Wir Grenadiere in unseren Stellungen am Bahngleis in Groß Hoppenbruch sind fassungslos, was sich hier am Haff abspielt. Wenn man wenigstens die nicht unbedingt benötigten Menschen, vor allem Frauen, Kinder und unsere Verwundeten herausbringen würde!

Auch in den folgenden Nächten verließen einige Offiziere aller Einheiten mit Tross-Angehörigen unter Führung ihres Chefs, Oblt. S. und Z. die Einheit im Raum Groß Hoppenbruch! Die näheren Hintergründe und Zusammenhänge dieses eigenartigen “Verschwindens” blieben uns damals verborgen und konnten auch bis zum Kriegsende und in späteren Jahren, beim “ruhmseligen Veteranengeschwätz” nicht aufgeklärt werden.

Wir dachten an den zitierten Befehl von gestern Abend : “Kein kampfkräftiger Mann verlässt die Festung Ostpreußen!” Auf “Feigheit vor dem Feind” stand die Todesstrafe.

23. März 1945

Hier lagen bis zum 14. März 1945 zusammengepfercht die gesamten rückwärtigen Einheiten einer Armee. Zwischen Groß Hoppenbruch und Balga lagen Nachschubeinheiten, die weder Waffen noch Munition noch Treibstoff hatten.

Die Panzer-Werkstattkompanie lag im Gutshof Rommel. Es wurde repariert, Schaden behoben und Panzer wieder flottgemacht, bloß ohne Treibstoff konnte kein Panzer mehr fahren! Im Gut Ritterthal, Verwaltungen für Versorgungslager, Verwaltungen für Lebensmittellager, bloß es gab nichts mehr zu Verwalten. Aber 2 km östl. der Bahnlinie vorn an der Front waren keine Soldaten und hier treten sie sich auf die Füße, die meisten ohne wirkliche Funktion, dazwischen noch viele Flüchtlinge.

18.00 Uhr – Gegen Abend verläuft die HKL an der Bahnlinie von Wolittnick – Rensegut, (Pkt.39) Straße nach Groß Hoppenbruch (Pkt.37) am Schrangen Berg, Bahnlinie bei Keimkallen bis zum Flugplatz. Zwischen Heiligenbeil und Keimkallen befand sich ein Flugplatz Auf ihm lag Störungsfeuer einer schweren russischen Batterie. Zwei, drei Flugzeuge konnte man vom Gutshof Ritterthal und der Bahnlinie erkennen. Am Stadtrand von Heiligenbeil fanden erbitterte Kämpfe statt. Hierbei verblutete die 131. I.D. fast. Die ganze Stadt war nur noch ein einziges Flammenmeer, nach zweitägigem mörderischen Kampf in einem Inferno von Feuer, Rauch und Tod war der Kampf um Heiligenbeil zu Ende, über der Stadt Heiligenbeil wehte die rote Fahne der Sowjets.

Wir hatten uns nach Groß Hoppenbruch zurückgezogen. Unser Bataillons-Gefechtsstand befand sich im Keller der Mühle Hartmann am Mühlenteich. Die Häuser waren von den Bewohnern längst verlassen, teilweise – wie der Bahnhof – waren sie zerstört und damit zugänglich für alle Soldaten. Allmählich wurde es heller, aber kein Schuss war zu hören. Freund und Feind schienen zu schlafen. Wir lagen am Schrangenberg hinter einer Bodenerhebung, wir konnten sie mit unserem SMG überschießen. 300 Meter rechts von uns lag die 7,5 cm Pak hinter den Häusern des Gehöftes Ritterthal, um die Straße nach Groß Hoppenbruch zu sichern. Noch weiter dahinter die Bahnlinie mit Bahnhof und Stellwerk und einem langen Güterzug.

Die Schützengräben waren alle bis zur halben Tiefe mit Schmelzwasser vollgelaufen. Das stundenlange Stehen im Wasser, in gebückter Haltung war schwierig und anstrengend. Einige von uns waren im Transformatorenhaus hoch geklettert, um den Russen besser beobachten zu können, wurden aber gleich bemerkt und mit Pak- Feuer belegt.

Vor uns auf der Straße (Pkt.37) standen einige deutsche Lkws, hier montierten die Russen die Reifen ab. Ein deutscher Offizier überbrachte den schriftlichen Befehl mit Stempel und Unterschrift eines höheren Stabes. Eine Rückfrage war in dem Chaos nicht mehr möglich. Erst später stellte sich heraus, dass dies Sabotage war, vermutlich eine Aktion des “Nationalkomitees Freies Deutschland”, welches schon im Raum Gumbinnen mit Lautsprecherdurchsagen und Flugblättern sehr aktiv war. Wir krochen aus dem Wassergraben heraus , und gingen zum Btl.Geft. am Mühlenteich. Die Stellungen am Schrangenberg waren verlassen, der Russe kam näher.

24. März 1945

Wir Grenadiere wurden nun in Groß Hoppenbruch in den Häusern hinter Wohnzimmerfenster postiert. Es ist wieder dichter Nebel die russische Artillerie legt Feuerwalzen bis nach Balga, die Salven gehen über uns hinweg. Die Feuerwalze wurde verstärkt von der sowjetischen Luftwaffe. Im Keller der Schule und der Post, befand sich der Kompanie-Gefechtsstand und der größere Verbandsplatz. Dort wurden die Ein- und Ausschusswunden mit Gardinen zugeklebt, weil es an Verbandszeug mangelte. Hier, mitten zwischen Schwerverwundeten und sterbenden Kameraden, fühlte ich mich ziemlich verlassen. Der Stabsarzt, erwähnte so ganz nebenbei, in einer Stunde sind sicher die Russen hier. Acht Schwerverwundete, dazu noch zwei Beinamputierte, sollten liegend auf einem Panjewagen nach Balga abtransportiert werden, dann kam ein sowjetischer Luftangriff auf Groß Hoppenbruch, sie jagen Schuss um Schuss aus ihren Bordkanonen auf alles, was sich noch bewegt. Zwei Sanitäter, die die Verwundeten wegtragen sollten, ließen einfach die Tragen fallen, suchten Deckung und waren auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Hier suchte jeder nur noch die eigene nackte Haut zu retten.

Dazu die Flüchtlingstrecks, alle wollten nach Balga, alle wollten nur Rettung vor den Horden der Sowjets. Am Abend, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, dröhnt es mit mächtiger Stimme über Groß Hoppenbruch und der Hauptkampflinie:

“Kameraden. Es hat keinen Sinn mehr! Ergebt Euch!

Die glorreiche Rote Armee wird Euch morgen Zusammendrücken!

Noch ein paar Kilometer und Ihr werdet ins Wasser geworfen!

Nach dieser Aufforderung:

“Guten Abend, gute Nacht….”

“Nationalkomitees Freies Deutschland “

“Bund Deutscher Offiziere”

Jeder wusste, dass die Falle bei Elbing zu war. Zwischen Heiligenbeil und Groß Hoppenbruch waren sämtliche Gleise der Bahnlinie parallel zur Haffküste mit Güterwagen der Reichsbahn belegt – fertig verpackte Wirtschaftsgüter – verpackte Beute für die Sowjets.

Es gab entlang der Haffküste kein Gebäude mehr, in dem nicht flüchtende Menschen versuchten, sich aufzuwärmen. Die meisten aber trieb die Kälte und die Furcht vor den Russen weiter, ohne dass sie sich Ruhe gönnten, Dann rumpelten die Treckwagen eingekeilt in Zweierreihe über einen Bahnübergang im Dorf Groß Hoppenbruch weiter zum nahen Haffufer zwischen Follendorf und Balga, wo sie in einem großen Stau zum Stehen kamen. Am Straßenrand häufte sich herausgeworfenes Flüchtlingsgut. Jetzt liegen die Dinge im Dreck, die im Zeitpunkt des überstürzten Aufbruchs am wichtigsten zum Überleben schienen.

Hauptmann Stolpmann wird Ortskommandant von Groß Hoppenbruch. Ein Lazarett war in einer Schule am Weg nach Balga eingerichtet. Die Türen im Haus konnten nur ganz wenig aufgemacht werden, weil auf dem Fußboden Mann neben Mann lagen. In der Mitte des Raumes lagen Ruhrkranke auf zusammengeschobenen Tischen, andere lagen unter den Tischen. So lagen Tote und Lebendige durcheinander. Durch einen Vorraum traten wir in die Küche, und dann in die Stube. Ein entsetzlicher Gestank quoll uns Soldaten entgegen und ein fürchterlicher Anblick bot sich uns. In einer Ecke lagen drei Frauen und zwei Kinder, alle tot durch Bauchschuss, auf dem Fußboden im Schlafraum zwischen den Betten eine Frau von vielleicht 30 Jahren, durch einen Kopfschuss getötet, und neben ihr zwei Soldaten, ebenfalls mit einer Schusswunde im Kopf.

25. März 1945

Gegen 18.00 Uhr am 25. März 1945 brach in Groß Hoppenbruch eine wilde Schießerei aus. Alle Verwundete und drei Ärzte mit ihren Sanitätern waren dem Geschosshagel der angreifenden Russen ausgeliefert. Ihr Schicksal hat sich nie aufgeklärt.

Das Dorf Groß Hoppenbruch war das Thema dieser Seiten. Wenn ich dabei von meinem persönlichen Erleben viel erzählt habe, so soll das bedeuten, dass an dem Schicksal eines Einzelnen das Erleben Tausender seine Darstellung im Kessel von Heiligenbeil – Balga finden sollte.

Von Soldaten und Flüchtlingen wurde übereinstimmend berichtet, dass das Kriegserlebnis um Zinten, Heiligenbeil und Balga herum das Furchtbarste von 1945 gewesen sei. Die Rückzugsstraßen über das Haff – 10 km über deckungslose Eisflächen – war dem Bordwaffenbeschuss der sowj. Flieger ausgesetzt. Am Ufer des Haffs waren in immer engerer Umschnürung Wehrmachtsteile und Bauerntrecks durcheinander dem konzentrierten sowjetischen Artilleriebeschuss preisgegeben, das war eine entsetzliche und aussichtslose Situation. So gerieten alle, Frauen, Kinder und Soldaten in die entsetzlichsten Kämpfe, die es in diesem Krieg gegeben hat. Auf engem Raum wurde die Wehrmacht und die ostpreußische Bevölkerung zusammengedrängt, ein Untergang mit Schrecken. Auf großen Plakaten am Bahnhof Groß Hoppenbruch prangte in einem Aufruf des Gauleiters Erich Koch das Wort: “Ostpreußen kann nicht geräumt werden” und die Bevölkerung wurde aufgerufen, jede Stadt in eine Festung, jedes Dorf in eine Burg zu verwandeln.

Die Verluste auf deutscher Seite waren ungemein hoch. Die Kämpfe dieses Kessels werden zu den blutigsten des ganzen Krieges gerechnet. Die Verbände schmelzen dahin, Kompanien und Bataillone mussten immer wieder zusammengelegt werden, ganze Divisionen abgeschrieben und einige Korpsstäbe aufgelöst werden.

Am 25. März unterstanden dem FschPzKorps nur noch schwache Reste der Heeres-Division “Großdeutschland” – 562. VHD., 28. Jäger-Div. und die 2. FschPzGrenDiv. HG. – Die 562. VGD war längst aufgerieben. Rechte Nachbardivision war nun die 28. Jägerdivision (Raum Keimkallen – Groß Hoppenbruch) Auch die beiden Divisionen, die vorher zwischen der 28. JägDiv. und der 2. PzGrenDiv. HG eingesetzt waren, nämlich die 50. ID. und die 256. V o1ksGrenDiv. bestanden nicht mehr.

Das Heeresgruppenkommando war bereits von Heiligenbeil nach Pillau verlegt worden, das Armeeoberkommando befand sich in Kahlholz. Die drei Korpskommandos VI. XX. und XXXXI. führten die Divisionen “Großdeutschland” “Hermann Göring” die 28. , 50.,56.,61., 14., 170., 256., 292., 541., 24. Panzer Division.

Diesen deutschen Verteidigern standen auf sowjetischer Seite eine Übermacht an Menschen und Material, die die 4. Armee im Kessel immer enger zusammendrückte.

Endlich kommt der Befehl zum Absetzen, in der Nacht gehen wir von Groß Hoppenbruch am Mühlen Fließ entlang durch die Niederung in Richtung Follendorf. Vorsichtig, die Waffen in der Hand, tasten wir uns lautlos nach rückwärts.

Es ist 23.00 Uhr, seit dreieinhalb Stunden gibt es vor uns keine HKL mehr. Keine Meldung, kein Schuss , kein Einschlag, kein Befehl – man könnte meinen, der Krieg sei zu Ende. Zum 4. Regiment bekommen wir keine Verbindung mehr, die sind längst weg.

An einer Abzweigung von der Straße nach links am Mühlen Fließ entlang finden wir eine Kuhle, die noch nicht mit Wasser vollgelaufen war, und wir entschließen uns, hier die Nacht zu verbringen. Wie ein Mahnmal leuchtet das brennende Balga auf der Höhe in den Nachthimmel und landeinwärts noch immer Gefechtslärm, ab und zu irrt ein Trupp Versprengter durchs Moor, das ist alles – keine Verteidigungslinie – nichts. Zum Glück gibt es im weichen Boden der Niederung fast nur Blindgänger, oder der Moorboden verschluckt die Detonation. Mit nur kurzen Pausen schießen die Russen die ganze Nacht.

Ein letztes Tor der ostpreußischen Flüchtlinge nach Westen

Die Dörfer waren ein einziger brennender Trümmerhaufen. Die Wege waren übersät mit Granat- und Bombentrichter. Die Luft stank nach Brand, nach Pulver, überall lagen Leichen herum. Diejenigen, die es gestern und in den letzten Tagen erwischt hat, sind schon vom Sand am Haff stark eingeweht. Niemand dreht sie um, niemand nimmt ihnen die Erkennungsmarke ab, hier werden mir die vielen unbekannten Toten auffällig bewusst. Das Inferno war ausgebrochen.

Die Trecks ostpreußischer Flüchtlinge standen am Haffufer, beladen mit der Last ihres schweren Schicksals und der wenigen Habe, die der Krieg ihnen gelassen hatte. Russische Tiefflieger kamen von Osten. Sie schossen auf alles, was vor die Mündungen ihrer Bordkanonen kam. Frauen, Kinder und wir Soldaten warfen uns nieder, und rannten um unser Leben. Die Sowjets kannten keine Gnade. Sie schossen auf alles. Nicht einmal ihre eigenen Leute (Gefangene) fanden Gnade vor ihnen. Wir wussten nicht, dass in den Flugzeugen, von denen wir angegriffen wurden, auch französische Piloten saßen, die auf sowjetischer Seite kämpften. Die deutsche Luftwaffe in Ostpreußen existierte nicht mehr.

Die zahlreichen Verwundeten im Kampfgebiet konnten nicht mehr versorgt werden. Zu jener Zeit war Raum um Balga zusammengedrängt worden. Die Dörfer FolIendorf und Balga waren bis zum letzten Winkel mit Verwundeten vollgestopft. Nachdem der Russe das Zeichen des Roten Kreuzes lange respektiert hatte, verwandelte er in den Abendstunden des 25. März 1945 unerwartet mit Phosphorbomben und Granaten die beiden Dörfer in einen großen Scheiterhaufen.

Zu meinen schaurigsten Kriegserinnerungen gehört Balga 1945.

Es muss aber leider auch erwähnt werden, dass sich in den hohen, steilen Haff-Ufern bei Balga Tausende Drückeberger, angeblich verwundet und krank auf eigene Faust eingegraben hatten, um ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Viele Soldaten, besonders diejenigen aus der Etappe, die nicht zu den Kampftruppen gehört hatten, und die gab es hier am Haff reichlich, schleppten soviel Gepäck mit, wie sie tragen konnten. Offiziere hatten sogar ihre Koffer dabei. Der Abtransport der Verwundeten und der Evakuierten ging weiter. Handgepäck und Gepäckstücke wurden zu Gunsten der Frauen mit Kindern vom Schiff entladen und blieben in Balga.

Das Inferno von Groß Hoppenbruch und Follendorf

Als die Dämmerung hereingebrochen war, bemerkten wir, dass sich Kriegsgefangene unter die Trecks mischten. Engländer und auch Russen. Wir forderten die gefangenen Russen auf, sich zu zerstreuen. Doch die Russen wollten das unter keinen Umständen. Sie weigerten sich, zu ihren Leuten zurückzukehren. Sie wollten lieber unter deutscher Bewachung “befreit” werden. Warum? Die Antwort liegt vermutlich im Stalin-Befehl begründet. Soldaten der Roten Armee, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren, und später wieder in den Gewahrsam der Roten Armee kamen, sind zu erschießen, weil sie nicht bis zum Tod gegen die Deutschen Faschisten gekämpft hatten. usw. usw.

In der Bevölkerung verbreiteten sich aber auch Gerüchte über seltsame Vorgänge an der Front im Kessel von Groß Hoppenbruch und Balga. Die Propagandalautsprecher von russischer Seite waren nicht zu überhören. Es mussten Deutsche sein, die die Durchsagen machten. “Hitler kaputt! Woina kaputt!” (Haut ab) Gespielt wurde dazwischen deutsche Marschmusik. Der Kessel selber war kein feststehender Raum, es war ein wandernder Kessel. Die Frontlinien veränderten sich täglich und zuletzt stündlich.

Bei einer Fronteinheit meldeten sich Soldaten in deutscher Uniform, und gaben an, sie hätten sich durch die russischen Linien geschlagen und wollten zum nächsten Regiments-Gefechtsstand, Gutshof Rensegut, geführt werden. Dort holten sie unter ihren Mänteln Maschinenpistolen hervor, schossen um sich alles nieder und nahmen vier Gefangene mit. Es waren “Seydlitz-Leute” nach dem in Stalingrad in Gefangenschaft geratenen und zum Nationalkomitee Freies Deutschland übergetretenen General Walther von Seydlitz-Kurzbach. Sie trugen deutsche und sowjetische Uniformen mit einem schwarz-weiß-roten Abzeichen. Dass sie nun auch als deutsche Soldaten an der Front mit der Waffe in der Hand gegen uns eingesetzt wurden, schaffte Verwirrung. Sie hatten sowjetische Generalstabskarten des Umfeldes von Groß Hoppenbruch und Balga bei sich. Auf ihr waren alle Namen von Orten und kleinsten Häusergruppen in russischer Schrift angegeben. Alle deutschen Befestigungen, alle Schützengräben waren eingezeichnet, bei den Maschinengewehren auch die Schussrichtung. Die Karten waren auf Grund ständiger Luftaufnahmen der sowj. Aufklärer erstellt worden, und die letzte vor dem Sturm.

Kämpfe um Groß Hoppenbruch

Man könnte es fast wie ein Wunder bezeichnen, die Nacht verlief ruhig, und wir konnten endlich einmal durchschlafen. Doch bereits kurz nach Tagesanbruch wurden die Russen wieder rege und greifen an. Im Laufe des Tages folgen die gewohnten Ereignisse: Ständig sind Schießereien im Gange. Eine klare HKL gibt es nicht mehr, auf jedes Geräusch wird von irgendwoher sofort geschossen – jeder schießt auf jeden.

Als wir zum Himmel sahen, erschraken wir. Russische Flugzeuge kamen. Es waren IL-2, acht Maschinen, hintereinander. Von der ersten Staffel hatte jedes Flugzeug sechs Splitterbomben. Die zweite und dritte Staffel warf Schüttbomben auf das Dorf. Die nächsten acht Maschinen, die folgten, gingen zum Tiefangriff über, schossen je vier Raketen auf unsere Stellungen im Dorf und am Bahngleis – ohne uns jedoch zu treffen – dann feuerten die Flugzeuge mit ihren 33 mm-Bordkanonen auf alles, was ihnen gefährlich erschien. Es folgte Staffel auf Staffel. Ein Feuerhagel ohne gleichen ging auf uns und das Dorf nieder.

Einige Zeit später wurde das Dorf von russischem Artilleriefeuer eingedeckt, so dass wir aus der Deckung nicht mehr herauskamen. Es gab viele Volltreffer in unseren Stellungen, wobei schwere Verluste bei uns entstanden. Unbemerkt hatten sich bei dem Lärm zwei russische Panzer von der Mühle übers Bahngleis am Mühlenfließ, und drei Panzer vom Hohlweg bis zur Schmiede am Bahnhof vorgeschoben. Noch bevor diese feuern konnten, wurden sie von zwei 8,8 cm-Flak abgeschossen.

Ungefähr im Garten vom Gasthaus Knorr am Bahndamm lagen die Verwundeten. Sie schrieen den ganzen Tag um Hilfe. Erst in der Dunkelheit, bei einer Feuerpause, konnten wir einige Verwundete, die in Zeltplanen eingehüllt wurden, holen. Die erbitterten Kämpfe waren voller Dramatik und fast in jedem Augenblick voller Lebensgefahr für uns deutschen Soldaten, wie auch für den russischen Gegner.

In der Nacht erhielten wir den Befehl, unsere Stellung in Groß Hoppenbruch zu verlassen und uns direkt am Frischen Haff entlang nach Follendorf abzusetzen, um dort erneut in “Abwehrkämpfen” eingesetzt zu werden. Hier bei Groß Hoppenbruch wurden alle sinnlosen Dinge des Abteilungsgefechtsstands in Kisten vergraben, die gesamten Klamotten und die Tagesberichte der Division. Es war sinnlos, diese Dinge mitzunehmen, jetzt heißt es nur noch, weg von hier!

Bis zum bitteren Ende am Haff 26. März 1945

Um 06.00 Uhr entdecken wir einen gangbaren Pfad in das große Bruch hinein – überall Sumpf, größere und kleinere Wassergräben, ein Labyrinth von Wasser. Nach einer Stunde sehen wir ein paar Häuserruinen. Das muss Follendorf sein.

Was wir erblicken ist zu vergleichen mit einem Heerlager. Tausende sind hierher geflüchtet und bevölkern den kleinen Ort. Stumpfsinnige, mutlose und ausgemergelte Menschen, die auf ihre Vernichtung warten. Entsetzlich!

Wir stehen auf einer erhöhten Düne und sehen in Richtung Pillau. Die Stadt wird von einem englischen Bombengeschwader angegriffen. Die Luft vibriert von den Detonationswellen bis nach Balga und FolIendorf, Rauchsäulen steigen über Pillau hoch. Zehn Kilometer vor unseren Augen hält der Tod Ernte.

Der Strand war übersät mit Flüchtlingen und Soldaten. Im Haff schwammen unzählbare Lebende und Tote. Viele Menschen, die im Wasser waren, taten dies, weil sie Durst hatten. Sie tranken das Leichenwasser vom Mühlen Fließ und gingen danach elend zugrunde. An den Dünenrändern lagen die Reste zerschlagener Divisionen, Trosse, Militärfahrzeuge und dazwischen Flüchtlinge. Treckwagen, Frauen, Kinder, Greise, kaputte Fuhrwerke, Pferdekadaver, getötete oder gestorbene Flüchtlinge, die man nicht beerdigen konnte. Furcht und grauenerregende Anblicke, Greise fielen vor Erschöpfung tot um, die Menschen lebten unter freiem Himmel. Ein chaotisches und trostloses Bild. Und über allen russische Bomber und Schlachtflugzeuge.

Follendorf am 26. März 1945

Der Ring wird immer enger. Am Strand bei Follendorf hetzen Frauen und Kinder. Aus Richtung Peyse – Zimmerbude kommen sowj. Jabos, jagen im Tiefflug über die Flüchtlingskolonnen und schießen sie zusammen. Fahrzeuge der Wehrmacht und Trecks verkeilen sich ineinander. Getroffene Tiere brüllen. Wer nicht aus eigener Kraft aufstehen kann, verblutet. Die Lage wurde von Tag zu Tag verheerender. Ob alt, ob jung, ob Zivilist oder Soldat, nur verzweifelte Menschen. Alle wollten nach Pillau. Nur sich selbst das Leben retten, war die Parole. Mütter warfen ihre Kinder im Wahnsinn ins Meer. Menschen hängten sich auf, andere stürzten sich auf verendete Pferde, schnitten sich Fleisch heraus, brieten die Stücke über offenem Feuer. Frauen wurden im Treckwagen entbunden. Der Kessel von Balga am Frischen Haff, der Millionen die Flucht über das Eis ermöglicht hatte, ist am Ende.

Alte und Kinder starben schnell. Schlimm war das Los der Säuglinge. Die Mutter hatten keine Milch, und wir mussten alle zusehen, wie die kaum Geborenen verhungerten. Wer krank wurde, war verloren. Die Schiffs-Verladeplätze am Haffufer geraten immer wieder unter Beschuss. Immer wieder sind Szenen der Panik zu beobachten. Mütter verlieren ihre Kinder, Feldgendarmen versuchen, mit Gewehrkolben Ordnung zu schaffen. Sie werden überrannt, übertölpelt, und auch bestochen.

Unter den Flüchtlingen in Balga gehen solche Schilderungen von Mund zu Mund. Es sind keine Gerüchte, sondern Tatsachen.

Viele Flüchtlinge, die zu den kleinen Schiffen drängen, sind von den Russen schon ein- oder gar zweimal überrollt worden. Balga und Follendorf wird zur Mausefalle. Nur der Weg über’s Haff ist noch frei, ein schmaler Küstenstreifen. Hier bleibt das Strandgut des Krieges und der Flucht hängen wie in einem verstopften Sieb. Die Menschen sind hart geworden, egoistisch, wer überleben will, muss sich selbst am nächsten sein. Hilfe bleibt Mangelware. Wenn am Morgen die Sonne den Nebel hochzieht, werden Menschen und Tiere zu Zielscheiben. Latrinenparolen geistern über das Haff, im Hafen von Pillau sollen schwedische Schiffe liegen? Ach, wie oft wurden Hoffnungen erweckt und arg enttäuscht! In der Nacht war dann die Marine mit ihren Schiffen und Kähnen bemüht, die Flüchtlinge und verwundeten Soldaten fortzuschaffen in Richtung Neutief – Pillau.

26. März 1945 – mein 19. Geburtstag

Jeder hat den gleichen Gedanken: Weg von hier – kein Mensch wartet mit Gleichmut auf seinen Heldentod oder auf die sowj. Gefangenschaft. Es dämmert, leichte weiße Nebel legen sich übers Haff und die Niederung, landeinwärts noch immer lauter Gefechtslärm. Am Strand liegen Tausende, die die Nacht in Deckungslöchern verbracht haben und es werden immer mehr. Es wimmelt bald wie in einem Ameisenhaufen. Die Toten werden im Sand begraben, und die Verwundeten vom HVP-Balga bringt man so dicht wie möglich an den Anleger heran. Nicht nur am Strand, auch der Hang zum Ort Balga hin ist voller Verwundete.

Ich wollte zur Ordenskirche, kam aber nur bis zur Außentür, dort hielt mich ein Militärpfarrer zurück. Die Kirche war voll von toten Soldaten vom Hauptverbandsplatz in der Jugendherberge und Gefallenen, die man hierher gebracht hatte. Die Sanitäter kümmerten sich vorbildlich in den Trümmern des Dorfes Balga um die Verwundeten, besorgten Verpflegung und hielten Ausschau nach einer Möglichkeit, alle auf ein Schiff zu bringen. Doch dies schien zunächst aussichtslos. “Rüberschwimmen wäre Selbstmord”, sagt der Sanitäter “das schafft keiner, denn das Wasser ist lausig kalt.”

Wir gehen am Haff wieder zurück in Richtung Follendorf. Wenige hundert Meter vor dem Ort liegt am Anleger eine Pionierfähre, vor der wie eine große Traube Hunderte von Menschen stehen. Verwundete werden verladen, es war ca. 10 Uhr, Auf der Fähre stehen Feldgendarmen, sie versuchen, die Frauen und Kinder vom Schiff fernzuhalten. “Hier kommen nur Verwundete drauf – kein anderer betritt das Schiff”, brüllt der Feldgendarm immer wieder. Ein Tumult lag in der Luft.

Lagekarte Balga Ende März 45:

Sammelstelle

Ein Arzt im Leutnantsrang und ein paar Sanitäter. Die Wunden wurden nur notversorgt, sie entzündeten sich, eiterten, die Verbände nässten durch. Es gab keine Medikamente, nicht einmal genügend Papierverbände. Mit der Verpflegung war es nicht besser. Verwundete konnten nicht mehr aufgenommen werden, sie wurden nach Balga und Kahlholz weitertransportiert. Dort sei die Gelegenheit, auf ein Schiff zu kommen. Doch dies glaubte niemand.

Die Absicht der Russen war es, alles was sich am Haff im Raum Balga befand, zu vernichten. Dazu trugen auch die sowj. Flieger bei, die mit ihren IL-2 Maschinen mit Bomben, Bordwaffen und Phosphor die Menschen und Fahrzeuge und die strohgedeckten Fischerbuden am Haffstrand in Brand schossen. Der Strand am Haff – auf jedem Quadratmeter lagen zwei Tote! Fast alle Pferde wurden durch Artilleriebeschuss getötet, fast alle Fahrzeuge durchsiebt.

Im losen Sand am Haff werden viele Frauen, Kinder und Soldaten verschüttet. Ununterbrochen wütet die russische Artillerie, schießt die Pak und heulen die Stalinorgeln. Kaum ein Quadratmeter bleibt übrig, der nicht umgepflügt wurde. Nach der Besetzung von Rosenberg fuhren die Russen sofort schwerste Artillerie am Ort auf, die das ganze Haff bis Pillau beherrschten.

An den Dünen- und Wegrändern lagen Reste der wochenlangen Flucht, kaputte zerschossene Fuhrwerke, Pferdekadaver, aufgebrochene Koffer und Kisten, getötete oder gestorbene Flüchtlinge, die man hatte nicht beerdigen können. Über die zerschundene ostpreußische Erde rast ein Inferno sondergleichen. Und über allen – russische Schlachtflugzeuge. Vom erwachenden Morgen bis zur Abenddämmerung ließen sie den Tod vom Himmel fallen. Tiefflieger auf Menschenjagd rasten über die Flüchtende, töteten mit den Geschossgarben ihrer Bordwaffen alles, Menschen und Pferde, zerschossen die Fahrzeuge und die Anleger am Haffstrand. Wo hielt der Tod jemals eine reichere Ernte? Doch es grenzt an ein Wunder und ist für mich heute noch unfassbar, dass es Menschen gab, die diesen Totentanz lebend überstanden hatten, wozu auch ich gehöre.

18.00 Uhr – Mit dem Einbruch der Dunkelheit versucht mancher, zu einem schwimmenden Untersatz zu kommen. Flöße werden gebaut, es wurde herangeschleppt, gehämmert, gezimmert. Doch woher das Material nehmen? Wir haben nichts mehr, nicht mehr als das was wir auf dem Leib tragen, und vor Balga und Follendorf sitzen die Russen. Die wenigen gezimmerten Flöße legen ab, sie sind bis zum Kentern besetzt. Im Wasser schwimmend klammern sich verzweifelte Menschen an den Floßrand, doch die Insassen drängen sie ab, sie gefährden das Gelingen. Mancher Schwimmer kehrt erschöpft zurück. Eine unheimliche Tragödie spielt sich vor unseren Augen am Strand von Follendorf an meinen Geburtstag ab. Dazwischen immer wieder die russische Artillerie, die den Strand geradezu umpflügt. Immer wieder gibt es Tote und Verwundete.

22.00 Uhr – Gegenangriff von Follendorf in Richtung Rosenberg um 22 Uhr. Es galt, Zeit für den Abtransport der Menschen zu gewinnen, es meldeten sich ca. 120 Freiwillige aller Einheiten. Der Russe ging bis Rosenberg zurück. Nur ca. 70 Mann kehrten zurück, aber der Zweck war erreicht. Im russischen Artillerie-Feuer ging der Abtransport von Follendorf und Balga vom Landungssteg mit Schiffen der Marine übers Haff nach Neutief und Pillau weiter.

27. März 1945

An der immer weiter schrumpfenden Kampffront löste ein Angriff der Russen den anderen ab. Schlimm war es für unsere Truppe, dass die Munition für alle Waffen, insbesondere für die Panzerabwehr, langsam aber sicher zu Ende ging. Der Kessel um Balga wurde immer kleiner. Wir hielten die letzte Bastion von Kahlholz bis Follendorf. Verpflegung und Trinkwasser gab es nicht mehr. Schließlich trank man salzhaltiges Haffwasser, und am Haff geschah es, dass die Feldgendarmerie (“Kettenhunde”) nach Fahnenflüchtigen und Drückebergern suchte, denn die Zeiten waren so, dass auch Lahme und Halbblinde zu den Waffen greifen mussten. Hier am Haff läuten die Sterbeglocken.

Sowjetische Flieger schütten über hundert Tonnen Bomben auf die Dörfer am Haff. Pferdekadaver neben zusammengebrochenen oder zusammengeschossenen Wagen. In einer Kiefernschonung stehen verlassene Kinderwagen mit Inhalt, steifgefroren. Strapazen und Entbehrungen bis zum Tode. Am Horizont brannte es überall. Unsere Vorposten hatten festgestellt, das die ganze Chaussee von Groß Hoppenbruch bis fast nach Balga mit russischen Panzern usw. besetzt war .

Natürlich gab es Tote und Verwundete. Die Verwundeten schleppte man während der kurzen Feuerpausen zurück zum Haffstrand. Dort mussten sie warten, bis sie in der Nacht abtransportiert werden konnten. Unser Spieß Hauptfeldwebel Schneewei steckte unentwegt vorne im Schützenloch ohne Stahlhelm! Er kam lebend und unverletzt mit in die Heimat.

Der Haffstrand ist nicht mehr für Fahrzeuge passierbar, voll zurückgelassener, zerschossner und ausgebrannter Fahrzeuge der Wehrmacht wie auch der geflüchteten Zivilbevölkerung. Am Strand mussten wir über die Leichen der inzwischen massenweise gefallenen und verwundeten Kameraden steigen, ja sogar am Tage gegen die Tieffliegerangriffe neben diesen Deckung suchen. Wir waren einfach hilflos geworden.

Sanitäter? Die gibt es hier nicht mehr, hier hilft keiner, solang diese Flugzeuge am Himmel sind.

Unaufhörlich sind sie dabei, die Menschen hier am Strand von Balga zu töten.

In dieser Situation bauten die Pioniere in der Nacht vom 26.- zum 27. März 1945 an mehreren Stellen Anleger, teils aus primitiven Material von den liegengebliebenen LKW-Aufbauten. Doch am Tage wurden die Anleger wieder zerschossen, und wir in der Hauptkampflinie mussten wieder weiter in Richtung Balga und Kahlholz rücken, da auch FolIendorf am 27. März 1945 nach schweren Kampf verloren ging.

Wir Kampftruppen gehen am Dünenrand in Richtung Balga und erkennen vom Steilufer eine schreiende Menschenmasse am Anleger. Die vorn Stehenden wurden von der nachschiebenden Menge rücksichtslos ins Wasser gedrückt. Wie festgekeilt stehen die Massen. Dazwischen immer wieder Artillerieeinschläge, niemand achtet jetzt mehr darauf, wer getroffen wird, wer liegen bleibt, wird rücksichtslos niedergetrampelt.

Eine Panik größten Ausmaßes ist hier bei Balga entstanden. “Rette sich, wer kann!!!”

In der Hauptkampflinie vor Balga verteidigten wir verbissen jeden Quadratmeter Boden. Major Marwan-Schlosser vom Divisionsstab, immer wieder hämmerte er uns ein, dass es besser wäre, sich zu wehren und mutvoll zu kämpfen als von den Russen abgeschlachtet zu werden.

Und als Augenzeuge schilderte er denen, die bei Nemmersdorf nicht selbst dabei waren, die Gräueltaten, die die Russen an den wehrlosen Kinder, Frauen und Greisen verbrochen haben.

Seine Debatte beendete er immer mit den gleichen Worten:

“Sich ergeben bedeutet den sicheren Tod! – Denkt an Nemmersdorf! Kämpfen birgt die Chance des Überlebens in sich! Und ich sage Euch, wir kommen hier heraus! Daher: Wehrt euch eurer Haut! Denkt an die vielen Schwerverwundeten in der Burgruine und in den Trümmern des Dorfes Balga!”

Die Feuersalven nahmen kein Ende. Der Russe schoss nur Flächenfeuer auf Balga, immer in das gleiche Rechteck, vom Haffstrand bis zur Burgruine, immer in das gleiche Rechteck mit der gleichen Streuung. Unsere Stellungen lagen am bewaldeten Steilhang, vor uns lag rund 300 Meter freies Ackerland, etwa 40 Meter vor einer Hausruine in Richtung zum Dorf stand eine Gebüschgruppe. Hier saßen die Russen. Am Tage bewegte sich hier nichts. Nur Feuersalven der russischen Stalinorgel.

An den vorbereiteten Anlegestellen standen Heerespioniere bereit, um unsere Truppen der FschPzGrenDiv. mittels Schlauchboot und Fähren zur eisfreigehaltenen Fahrrinne zu bringen, wo in Schiffen der Marine überzusteigen ist. Diese bringen uns nach Pillau. Jeder Soldat darf nur ein Gepäckstück mitnehmen, lediglich eine Handfeuerwaffe je Soldat bleibt beim Mann. Die zurück zu lassenden Waffen sind geräuschlos unbrauchbar zu machen, um den Russen nicht zu alarmieren!

Am 27. März 1945 versammelte sich der Divisions-Stab am Steilufer, in einem größeren, mit Hölzern abgestützten Erdloch. Hier auf diesem Gefechtsstand wurde am 27.März 1945 der letzte Divisionsbefehl handschriftlich ausgegeben.

“Befehl”

Die Reste der 4 .Armee werden in der Nacht vom 27. auf den 28. März über das Haff nach Pillau übergesetzt. Beginn der Absetzbewegungen erst nach Einbruch der Dunkelheit. Dem Russen muss unsere Absicht verschleiert bleiben

“Die Befehlsausgabe war beendet”

gez: Major Schweim DivFü. -Ib: Major Marwan-Schlosser

17.45 Uhr – Der Kommandeur schärfte uns ein: Gleich nach der Dunkelheit lösen wir Kamptruppen uns vom Feind, fünf Mann bleiben Nachhut, lösen sich 20 Minuten später. Rennen so schnell man kann zum Anleger. Der Weg zum Boot wird für die Nachhut freigehalten. Ganz besonders eindringlich erläuterte der Major das Einbooten.

“Um 18.00 Uhr marschieren wir los, einer hinter dem anderen! Ich führe persönlich – Wir bleiben dicht aufgeschlossen! – Kein Feigling oder Drückeberger darf sich in unserer Marsch- reihe einschieben. Wer sich vorschiebt, wird von mir erschossen. “So wie wir im Gänsemarsch bei der Anlegestelle unterhalb von Balga ankommen, bleibt jeder auf seinem Platz innerhalb der Reihe stehen, bis er drankommt. Wer sich hier vordrängt wird von der Feldgendarmerie erschossen! Über den Laufsteg ist mit drei Meter Abstand ohne Gleichschritt zu gehen, damit der Steg nicht ins Schwanken gerät. Schießt der Russe Störungsfeuer, legt sich jeder an Ort und Stelle nieder, es darf nicht auseinandergelaufen werden. In jeder Phase ist Ruhe zu bewahren, eine Panik wäre für viele von uns das Ende!”

Die Heerespioniere erwiesen sich als Spitzenkönner ihres Handwerks, jeder Griff saß, es fiel kein Wort. Der Russe belästigte uns nicht. Der Major stand am Kopf der Anlegestelle und überwachte die Ordnung, jede Disziplinwidrigkeit wurde mit Waffengewalt erstickt. Nach dem Kommando “besetzt” legten die Boote ab und schon schob sich das nächste Boot heran. Dieses Boot wartete auf die Nachhut, dann hatten alle Verwundeten bei der Verladung Vorzug. Unser Major musste sich mit gezogener Pistole durchsetzen und die kopflose Masse daran hindern, die Fähren zu stürmen. – Es wurde sofort geschossen. –

Nur wer einen Verwundeten trug, durfte auf der Fähre. Mittlerweile versuchen mehrere, diesen Weg zum Schiff durch das Wasser zu gehen. Wir holten sie mit einer entsetzlichen Anstrengung aus dem Haffwasser. “Gerettet??”

Je mehr sich die Boote füllen, desto größer wird der Tumult der vielen, die zurückbleiben müssen. Oben im Ort Balga wüten viele Großbrände, gespenstisch stehen die großen unbelaubten Bäume vor den Flammen. Am Steg kommt vor Drängeln und Schieben kaum noch einer vorwärts. Hier gehen dem erfahrensten Frontsoldaten die Nerven durch. Ab und zu brüllt einer wie ein Wahnsinniger. In der Ruine der Ordensburg Balga aus dem 12. Jahrhundert lagen noch viele Verwundete, die nicht mehr abtransportiert werden konnten.

Einige Ärzte und Sanitäter meldeten sich freiwillig, zurückzubleiben, um die Verwundeten dem Russen zu übergeben. (Als der Einbruch der Russen erfolgte, hat keiner …………).

In der Panik überfuhr ein Halbketten-Fahrzeug auf der Fahrt durch die Schlucht, an der Burgmauer, zum Strand einige auf Tragbahren liegende Verwundete. Nur langsam füllten sich die Boote, viel zu langsam für die bereits Geretteten! Es gab immer wieder heftigen sowj. Feuerüberfälle schwerer Waffen, hoffentlich bekommen die Boote keine Treffer! Dann wäre alles aus. Ein paar hundert Meter landeinwärts veranstalten die Russen ein Freudenfeuerwerk mit Leuchtkugeln. Ein schauerliches Bild in der dunklen Nacht. – Minuten der Grausamkeit.

Soweit der Bericht von Oberleutnant H. Meuselbach. K.d.N.: FschPzGrenRgt. 4/2. HG.

Lageentwicklung am Haffufer

Follendorf ist vernichtet. Dort ist es in den letzten Tagen sehr schlimm zugegangen. Kein Haus steht unbeschädigt. Vor Balga in der Fahrrinne liegen untergegangene Wagen der Flüchtlinge und Marineprähme. Der Ort Balga erhielt besonders am 27. und am 28. März 1945 starkes Artillerie- und Bombenfeuer. Kein Haus ist auch hier unbeschädigt. Die gebauten massiven Deckungsgräben im Dorf mit zusammengeschossenen Fahrzeugen und Treckwagen boten während des Kampfes um Balga guten Schutz. Trostlos sieht es auch in der Burg-Balga aus. Was soll beim Einmarsch der Roten Armee mit den vielen Verwundeten werden. Ein Tag später verhaften die Russen alle Ärzte und verschleppen die vor Hunger Geschwächten bis hinter den Ural.

Immer weiter griff der weit überlegene Russe mit allen seinen reichlich vorhandenen Kampfmitteln am Boden und in der Luft an. Den ganzen März 1945 war die Luft klar, und damit günstig für Luftangriffe. Wie es die Russen bei dicht aneinanderliegenden Fronten machten, setzten sie auch hier in Balga ihre an den schwarz-weiß-roten Ärmelbändern kenntlichen “Seydlitz”-Grenadiere ein, es waren deutsche Soldaten! Diese sollten zur Übergabe auffordern. Es muss noch erwähnt werden, das die angeblich Versprengten und Drückeberger, sowie die “Seydlitz-Leute” irgendwie versuchten auf die Nehrung zugelangen, um ihr teures Leben in Sicherheit zu bringen. Die Feldgendarmerie, im Volksmund (Kettenhunde, Heldenklau} genannt, hatten sich sicherheitshalber nach Pillau aus dem Staub gemacht. Es ist, als ginge nach dem Weltuntergang in Balga nun in Pillau das Licht an.

Ein Schiff! Das war es, was uns jetzt noch fehlte. Wir wussten, dass nicht einmal mehr die Verwundeten geregelt abtransportiert wurden und wegen mangelnder Versorgung zugrunde gingen. Schon am nächsten oder übernächsten Tag konnte es zu spät sein, um noch herauszukommen. Dabei musste auch unser Kampf in Ostpreußen bald ein Ende finden. Doch welches Schicksal wartete auf uns? Tod oder sowj. Gefangenschaft – das eine so schrecklich wie das andere.

Am 27. März kehrte ich mit meiner MG-Gruppe von einem vorgeschobenen Stützpunkt in Balga zur Küste zurück, den wir hatten aufgeben müssen. Was tun? Verlassen durfte man den Brückenkopf Balga nur bei Vorlage eines Krankenzettels. Wer sich illegal absetzte, wurde erschossen.

28. März 1945

Das Ende der Halbinsel Balga-Kahlholz war am 28. März gekommen. Unter Trümmern und Blut fand hier an der Steilküste Balga der Untergang der 4. Armee statt. Im Morgengrauen des 28. März wurden noch einmal ca. 2.900 Verwundete, ca. 2.500 Soldaten und Flüchtlinge, über das Haff abtransportiert.

Doch es waren noch immer nicht die letzten. An der Steilküste Balga hielten sich noch immer Nachhuten, die den Abtransport der Kampfgruppen gesichert hatten. Sie wussten, dass es für sie keine Rettung gab. Sie hielten aus, bis sie, wie ihr Kommandant, Oberst Hufenbach, unter den Kugeln der Russen fielen oder von sowjetischen Panzern überrollt wurden. Nach der völligen Aufgabe war Balga-Kahlholz zum “Dünkirchen Ostpreußens” geworden.

Dem Russen fielen beim Endkampf der 4. Armee große Mengen an Waffen und anderem Kriegsgerät in die Hand. Auch konnte er, nach sowjetischer Zählung, im Verlaufe der seit dem 13. März 1945 begonnenen Offensive ca. 40.000 Soldaten der 4. Armee gefangen nehmen – Ostpreußen ist verloren!

Karte Pillau – Neutief:

28. März 1945 – 5 Uhr morgens in Pillau

Langsam leert sich die Fähre – langsam und zögernd betreten wir Hafenanlagen von Pillau. Vier “Kettenbunden” versperren den an Land Gehenden den Weg. “Welche Division?” – “FschPzGre!lDiv.” – die sammelt im Raum Fischhausen – wurde uns gesagt.

Diese Worte wirkten auf uns wie ein Donnerschlag der Ernüchterung. Der Krieg geht weiter, das wissen wir nun – aber wie und womit? Einige kamen ohne Waffe. Es bestand ein Befehl, dass diese zu melden sind und vor ein Kriegsgericht gestellt werden sollen. Diesen irrsinnigen Befehl konnte nur einer gegeben haben, der das Chaos drüben in Balga nicht miterlebt hat. Dort ging es doch nur um das nackte Leben. Wie konnte einer, der schwimmend ein Boot erreichen wollte, sein Gewehr mitnehmen. Dort drüben in Balga liegt die Ausrüstung, die Ausrüstung einer ganzen Armee! Sämtliche Geschütze, Feldküchen, Panzer und Fahrzeuge, wir sollen noch das Samland verteidigen und besitzen keine Munition.

Pillau ist rückwärtiger Versorgungsplatz für die Samlandarmee, tiefe Etappe. Hier scheint man am Ablauf der Kämpfe drüben auf dem Festland um Balga nicht im geringsten interessiert zu sein. Da drüben steht der Russe, 12 Kilometer durch Wasser getrennt ging eine Armee vor die Hunde, und hier machen sie Appelle und Dienst nach Dienstplan. Die Russen könnten kommende Nacht hier bei Neutief/Pillau landen und die Stadt im Spaziergang einnehmen. Kaum einer würde es merken.

29. März 1945

Am 29. März meldete sich Major Schweim und Major Mawan beim Kommandierenden General des FschPzKorps Generalleutnant Schmalz, auf dessen Gefechtsstand in Fischhausen. Die Offiziere meldeten den Restbestand der 2. FschPzGrenDiv. VOll 1.923 Soldaten und die von Balga mitgebrachten Waffen.

Etwa 200 Mann sind in Balga geblieben, etwa 60% sind verwundet, gefallen, gefangen. Nun beginnt die namentliche Feststellung der Verluste und die Benachrichtigung der Angehörigen, da aber das gesamte Inventar der Schreibstuben drüben in Balga liegt, fehlen die Heimatadressen der Gefallenen und Vermissten.

03. bis 04. April 1945

Vom 3. bis zum 5. April erfolgte die Verlegung nach Berlin und Dresden – Königsbrück. – Die Stadt Pillau und Hafen wiesen ab 3. April bereits sehr starke Beschädigungen auf – viele Brände gab es. Die Zivilbevölkerung befand sich noch in der Stadt. Die nicht gehfähigen Verwundeten wurden auf Schiffe der Marine abtransportiert, die Gehfähigen blieben in zwei Baracken im Hafengelände, “ErsFldLaz.152″ Stabsarzt Urban. Stadt, Hafen und Seetief lagen von Balga und Rosenberg unter ständigem Beschuss schwerer russischer Artillerie

Alle wollen auf ein Schiff

Die Seestadt Pillau hatte 13.000 Einwohner. Für Ostpreußen – und vor allem für Königsberg – war Pillau das Tor zur Ostsee. An der Flüchtlingssituation hatte sich jedoch nichts geändert. Sie war eher im April 1945 noch schlimmer geworden, deren einzige Sorge es war, lebend aus Pillau herauszukommen!

Der Fährverkehr von Neutief nach Pillau lief pausenlos, und nicht selten versuchten sowjetische Tiefflieger dazwischen zu schießen. Seit der Strom ausgefallen war, gab es in der Stadt Pillau keinen Fliegeralarm mehr. Am Mittag kamen die Sowjets mit ca. 50 Maschinen in mehreren Wellen, und griffen die Stadt und den Schiffsverkehr an.

An der mit Menschen vollgepackten Pier brach eine Panik aus, alles lief und fiel übereinander bei dem Versuch, an einer Hauswand Deckung zu suchen oder gar dem Hochbunker am Seedienstbahnhof zu erreichen. Das Geschrei der Kinder ging in dem Motorengeräusch der tieffliegenden Bomber und dem einsetzenden heftigen Flakfeuer von Neutief und von den Schiffen unter. Der Angriff ging zum großen Teil ins Wasser. Insgesamt gab es ca. 60 Tote, darunter 18 Wehrmachtsangehörige, auch Soldaten der 2. FschPzGrenDiv. Ein Dampfer sank im Vor-Hafen, auch eine Fähre Neutief – Pillau sowie eine Anzahl Gebäude in der Nähe des Hinterhafens hatten die Russen in ein Trümmerhaufen verwandelt. In Pillau hatte sich die Situation in den vergangenen Stunden noch mehr zugespitzt

Evakuierungshilfe:

Mit dem letzten großen Schwall von Flüchtlingen aus dem Samland waren auch von allen Seiten noch mehr Soldaten, Stäbe, Trosse und Verwundete in die Stadt gekommen. Da nur noch wenige Schiffe in Pillau eingelaufen waren, war der Hafen schwarz von Menschen, die darauf warteten, von einem der wenigen Verwundetentransporter mitgenommen zu werden. Und immer wieder wurden Menschen ins Wasser gestoßen – vor allem, wenn sowj. Artillerieeinschläge von der jenseitigen Haffküste, Balga und Rosenberg eine Panik auslösten.

Die Feldgendarmerie am Hafen hatte schließlich keine Kontrolle mehr. Teilweise waren die Kettenhunde schon selbst auf den Schiffen verschwunden. Doch jetzt, Anfang April, wurde es auch in der kleinen Hafenstadt Neutief am Seetief brenzlig. Die nach Balga ans Haffufer gezogenen russischen Batterien hatten sich auf Neutief und Pillau eingeschossen. Ihre Artilleriebeobachter leiteten das Feuer von einem Fesselballon aus, der ungestört über der alten Ordensburg Balga in der warmen Frühlingssonne glänzte.

Die Zielgenauigkeit der feindl. Geschütze war über die weite Entfernung nicht mehr sehr groß. Immer wieder riskierten die Besatzungen von Schiffen alles, um diesen Menschen zu helfen.

Am 23. April lief als letztes Schiff die MARS in Pillau ein, und konnte 2.000 Verwundete und Flüchtlinge in Pillau übernehmen.

Anmerkung: Der Frachter “GOYA” war noch einmal von Swinemünde nach Hela gefahren und auf der Rückfahrt von dort nach Swinemünde am 16. April 1945 wurde die “GOYA” torpediert, das Schiff sank in acht Minuten mit Siebentausend Menschen an Bord, nur 128 haben überlebt!

05. April 1945 – Festung Pillau

Im Hafen lagen vier größere Schiffe, und alle waren bereits überfüllt mit Verwundeten und Flüchtlingen. Der Rest vom 4. Regiment sollte sich marschfertig machen zum Schiffstransport von Pillau nach Swinemünde – Dampfschiff GOYA – Die Schiffskarten wurden verteilt.

Am 4. April wagte sich das kleine Lazarettschiff GLÜCK AUF in den Hexenkessel von Pillau, trotz schwerem Artilleriebeschuss und Luftangriffen kam auch sie mit mehreren Hundert Verwundeten und einer kleineren Anzahl von Flüchtlingen am 5. April unversehrt aus dem Hafen. In diesen Tagen war vieles sinnlos geworden. An der Nordmole gab es einen neuen Friedhof, der reicht von den Dünen bis fast an die Strandhalle, einen halben km, Der Friedhof wurde zwischen lockerer Kiefernbewaldung angelegt. Ein großes Holzkreuz stand in der Mitte der Dünen und sollte im Lauf der Zeit über 7.000 Menschen aufnehmen, die in jenen Tagen an den Straßenrändern Ostpreußens und in Pillau starben.

Wer von der Nehrung am Friedhof vorbei wie wir nach Pillau kam, hatte kaum noch die Kraft, sich am Hafen zur Feldgendarmen-Kontrolle anzustellen nach vier oder fünf Wochen Flucht durch Eis und Schnee, immer in Angst und oft unter Beschuss, krank und hungrig. In der Danziger Bucht spielte sich der Hauptverkehr zwischen Pillau und den Häfen von Danzig-Neufahrwasser und Gotenhafen ab. Zwischen dem Nehrungsort Kahlberg und Neufahrwasser wurde ab Februar ein Pendelverkehr eingerichtet, um die vielen Verwundeten von der überfüllten Nehrung abzutransportieren.

Jeder war nervös!

Gegen 19.00 Uhr waren wir an Bord der GOYA, um 22.00 Uhr kam die Auslaufgenehmigung, das Schiff war voll mit Menschen. Etwa 6.000 Flüchtlinge, Soldaten und Verwundete, und es wurde weiter geladen. Unter den zerschossenen Aufbauten des Schiffes war militärisches Gerät und Gepäck gestapelt, dazwischen saßen einige Hundert Soldaten, es war der Rest der 2. FschPzGrenDiv., die versuchten sich gegenseitig in der Nacht zu wärmen. Der Verladeoffizier vom Divisionsstab HG ging an Deck der GOYA auf und ab. Missmutig stieg er zwischen dem Gepäck herum und. prüfte die Vertäuung und ob sich niemand an den wertvollen Ausrüstungsgegenständen zu schaffen gemacht hatte. Seit die Front in Balga zusammengebrochen war, war die Klauerei an Lebensmitteln zur Manie geworden, jeder nahm sich, was er in die Finger bekam, wer erwischt wurde, wurde von der Feldgendarmerie erschossen.

An der “GOYA” drängten sich die Menschenmassen nicht nur über die Landgänge auf das Schiff. Mit dem Ladegeschirr hatte die Besatzung Paletten heruntergelassen, mit denen Kinderwagen und Gepäck an Bord gehievt wurden. Daneben lag ein Schiff, an der es ähnlich zuging, hinter einer Absperrung warteten geduldig und halberfroren viele Frauen und Kinder, alles wollte noch an Bord. Vor allem nachts sind bei dem rücksichtslosen Gedränge an der Vorderkante der Pier stehende Frauen und Kinder ins Wasser gestoßen worden und ertrunken, noch ehe ihnen jemand hätte helfen können. Wir sahen an einem anderen Schiff, wie ein Fallreep brach. Ohne ein Laut schlugen die Menschen auf das Wasser im Hafen. Im gleichen Augenblick sprangen einige Matrosen von der Besatzung nach und holten die Leute wieder an Bord, es ging nicht immer so glimpflich ab.

Außer den geringen Vorräten für die Besatzung befanden sich an Bord der “GOYA” keinerlei Lebensmittel. Was sie entbehren konnten, verteilten die Seeleute an Schwangere und Mütter mit Kindern. Der Admiral östliche Ostsee hatte den schweren Kreuzer HIPPER nach Pillau beordert, um von dort aus die sowj. Batterien im Raum Balga zum Schweigen zu bringen. Der Kreuzer HIPPER war südöstlich vom Vorhafen in der erweiterten Königsberger Kanaleinfahrt vor Anker gegangen. Ein Schlepper hielt sie achtern in Position, und dann feuerten ihre 28-cm schweren Geschütze eine Stunde lang ununterbrochen in Richtung Balga. Danach lief der Kreuzer HIPPER mit der GOYA um 24.00 Uhr nach See aus.

Wenige Stunden später legt die HIPPER in Gotenhafen an, die GOYA dampfte weiter nach Hela. Geleitschutz gaben zwei Schnellboote und die Minensuchboote M 256 und M 328. Auf dem Schiff GOYA löste sich unter den Flüchtlingen die Spannung, die Angst vor Luftangriffen ließ nach.

Nach einem längeren Stopp vor Hela setzte die GOYA ihre Fahrt nach Swinemünde fort. Kaum hatte das Schiff angelegt, hieß es aussteigen. Bahntransport nach Meissen-Dresden.

Ich und vier Mann unserer Kompanie hatten den Kriegsschauplatz Ostpreußen überlebt. Die Schlacht um Gumbinnen, den Kessel von Heiligenbeil und die Hölle von Balga. Weltgeschichte wurde hier entschieden, und geschrieben und plötzlich wurde uns bewusst, das wir mittendrin standen in einer geschichtlichen Katastrophe!

Karl-Heinz Schmeelke

QUELLENNACHWEIS Fotosammlungen:

G. Tschierschwitz

T. v. Werthern

H. Eichhorn

F. Löhde

S. Scheuer

G. Rommel

P. Hallfelder

H. Lütz

K. Wallhäußer

B. Kahnert

W. Begemann

G. Baituttis

F. Kastl

E. Roog

G. Metzler

H. Becker

G. Völke

J. Meusel

G. Feuer

H. Kuntze

L Kuntze

T. Kuntze

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0. Dunst.

G. Schmitz

Oberleutnant

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Hauptmann

Hauptmann

Feldwebel

Feldwebel

Feldwebel

Leutnant

Oberleutnant

Feldwebel

Hauptfeldwebel

Obergefreiter

Obergefreiter

Obergefreiter

Obergefreiter

Obergefreiter

Feldwebel

Obergefreiter

Unteroffizier

Bewohner

Bewohner

Bewohner

Bewohner

Kreis Heiligenbeil

 

Panzer-Regiment HG

Kampfgruppe GD

5. SS-Div. Wiking

Foto-Luftaufklärung

Foto-Luftaufklärung

Art.-Feuerleit-Aufklärung (Me 109)

16.FschJgRgt. Schirmer

PK-Berichter FschPzDiv. HG

Kommandeur-PzJgAbt. HG

10. Sturmgeschütz-Abt.-HG

Begleit-Rgt.-HG

3. Rgt.-HG. Kompanie-Melder

11. PzArt.-Abt. HG 15cm Wespe

14. Pi.-Kp. 4.Rgt. HG. Waffenmeister

4. Pi.Kp. 2. Bataillon 1. Div. HG

5. Flak-Abt. HG. Ostpreußen

14. Pi-Kp. 4. ~gt. 2. Div. HG

10. Gren.-Kp. 4. Rgt. 2. Div: HG

Panzerflak-Abt. HG. Hochfließ

Gutshof Hochfließ -Augstupänen

Gutshof Hochfließ Augstupänen

Gutshof Hochfließ Augstupänen

Baugeschäft in Hochfließ bis 1944

Dorfplan von Gr. Hoppenbruch

Donau-Bodensee-Zeitung

 

Spurensuche von Karl Heinz Schmeelke 60 Jahre nach Kriegsende Bildersammlung von der Spurensuche

Während der Ruhezeiten wurde die Verpflegung in Frontnähe gebracht. Eine solche Essensausgabe hier im Bunker war eine nicht ungefährliche Sache. Das weithin hörbare verräterische Klappern der Kochgeschirre hatte oft feindliche Überfälle zur Folge.

Sowjetische Panzerabwehrkanone 7,5 cm – Hauptträger der Panzerabwehr

Zerstörter Panzerkampfwagen “Panther”. Das Bild zeigt die starke Frontplatte und das übergreifende Panzerkastenoberteil. Das Laufwerk ist kein eigentliches “Schachtellaufwerk” mehr, sondern nur noch überlappend angeordnet. Kaltblütigkeit und Nervenkraft gehörten dazu, ein derartiges Stahlungetüm anzugreifen und zu vernichten. Das lässt sich – wie so vieles im vergangenen Krieg – heute nur noch schwer vorstellen.

15 cm Panzerhaubitze “Hummel” (Sd.Kfz.165) und Ju 52 mit Brandschaden

Es ist erstaunlich, dass heute noch Ruinen des Krieges, wie das zerstörte Transformatorenhaus bei Gumbinnen, als Zeitzeugen existieren. Die Ruinen werden als “Steinbrüche” benutzt, um Ziegelsteine zu gewinnen.

Am 13. April 1945 lief dieses Landungsboot der Marine als letztes Schiff in der Nacht unter schwerem sowjetischem Artilleriefeuer und ohne Geleitschutz aus dem Hafen von Pillau mit 200 Verwundeten und Flüchtlingen aus, und steuerte auf dem nördlichsten Zwangsweg direkt nach Bornholm und weiter nach Kiel.

Als Balga der letzte Stützpunkt am 28. März 1945 fiel, wurden fast sämtliche Einheiten der 4. Armee auf die Frische Nehrung mit diesem Marinefährpram übergesetzt. In Buchstäblich letzter Minute wurden auch die Nachhuten von Balga nach Pillau in Sicherheit gebracht. Viele Soldaten versuchten, auf Balken und Kanistern das Haff zu überqueren und warfen sich ins Wasser. Viele wurden von diesem Prahm aufgefischt aber viele ertranken auch.

Heute liegt dieses Landungsboot in München-Schleißheim.


(Quelle)

Siehe auch:

Gumbinnen bis Balga

Egomanisches Protokoll