Die Ursachen des Weltkrieges 1914

Von Walter Post

Im Versailler Vertrag von 1919 wurde in Artikel 231 dem Deutschen Reich die alleinige Schuld am Ausbruch des Weltkrieges 1914 zugesprochen. Von diesem Artikel leiteten die Alliierten praktisch unbegrenzte Reparationsforderungen gegen Deutschland ab. Ein solcher Urteilsspruch wie der Artikel 231 hatte nach traditioneller europäischer Völkerrechtsauffassung nichts in einem Friedensvertrag zu suchen, und er wurde bereits während der Versailler Konferenz von der damaligen sozialdemokratischen deutschen Reichsregierung energisch angefochten.

Die Reichsregierung setzte eine Sachverständigenkommission ein und veranlaßte umfangreiche Veröffentlichungen deutscher diplomatischer Akten, aus denen hervorging, daß die kaiserliche Regierung von 1914 den Krieg keineswegs gewollt hatte. Zur gleichen Zeit veröffentlichte das neue kommunistische Regime in Rußland zahlreiche Dokumente, die die Regierung des Zaren in Sachen Kriegsschuld schwer belasteten. Österreichische, serbische und britische Aktenveröffentlichungen sollten wenige Jahre später folgen. Auf der Grundlage dieses Materials sowie einer umfangreichen Memoirenliteratur kamen deutsche, französische, vor allem aber amerikanische Historiker (Harry E. BARNES, Sidney B. FAY) bereits Mitte der zwanziger Jahre zu der Erkenntnis, daß von einer deutschen Alleinschuld am Kriegsausbruch 1914 keine Rede sein könne.

Am 30. Januar 1937 nahm der deutsche Reichskanzler Adolf HITLER eine feierliche Kundgebung zum Jahrestag der Machtübernahme zum Anlaß, die 1919 von der deutschen Reichsregierung erzwungene Unterschrift unter den Kriegsschuldartikel des Versailler Vertrages zurückzuziehen. Keine der Siegermächte von 1918 erhob gegen die Kündigung des Kriegsschuldartikels regierungsamtlichen Einspruch, was so viel hieß, als daß sie die deutsche Haltung stillschweigend anerkannten.

Nach 1945 wurde es wieder Mode, Deutschland die alleinige Schuld am Kriegsausbruch 1914 zuzurechnen. Nur noch wenige Historiker knüpften seither an die revisionistische Schule der Zwischenkriegszeit an, obwohl deren Thesen nie ernsthaft widerlegt worden sind. Die europäische Politik des 19. Jahrhunderts wurde maßgeblich von dem gegen das Frankreich Kaiser NAPOLEONS gerichteten Bündnis zwischen Preußen, Österreich und Rußland bestimmt. Die Befreiungskriege 1813-1814, der Wiener Kongreß 1815 und die im selben Jahr zwischen Zar ALEXANDER I., Kaiser FRANZ und König FRIEDRICH WILHELM III. geschlossene >Heilige Allianz< legten die Grundlage für eine stabile europäische Ordnung, die auch durch einzelne militärische Konflikte wie den Krimkrieg 1853-1856 und den Deutsch-französischen Krieg von 1870-1871 nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden konnte.

Nach der deutschen Reichsgründung 1871 galt der >Dreikaiserbund< zwischen den gekrönten Häuptern des Deutschen Reiches, der Österreichisch- Ungarischen Monarchie und des Russischen Reiches als Garantie für die Aufrechterhaltung des europäischen Friedens. Reichskanzler Otto VON BISMARCK und Zar ALEXANDER II. betrachteten gute deutsch-russische Beziehungen als Grundlage ihrer Außenpolitik.

Nach BISMARCKS Rücktritt 1890 verlängerte sein Nachfolger, Reichskanzler Georg VON CAPRIVI, den Rückversicherungsvertrag mit St. Petersburg nicht mehr. Rußland hatte sich seit dem Berliner Kongreß von 1878 allmählich Frankreich angenähert, weil die französische Finanzwelt umfangreiche Kredite für die Industrialisierung des Zarenreiches gewähren konnte und weil Zar ALEXANDER III. eine gewisse Abneigung gegen Deutschland hegte. 1892 schlossen Paris und St. Petersburg ein militärisches Bündnis.

In Europa bildete sich nun folgende Konstellation heraus: auf der einen Seite der Zweibund Frankreich-Rußland, auf der anderen der Dreibund Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien, wobei Rom aber als unsicherer Bündnispartner galt. Großbritannien verharrte vorläufig noch in seiner traditionellen >splendid isolation< und blieb neutral.

Gleichzeitig bildete sich ein Weltstaatensystem heraus, in dem das britische Empire, das französische Kolonialreich und das russische Reich mit ihren umfangreichen kolonialen Besitzungen wirkliche Weltmächte darstellten. In der Epoche des kolonialen Imperialismus schienen die europäischen Großmächte dazu berufen zu sein, die farbigen Völker der Welt zu deren „Wohl“ zu beherrschen.
Im Gegensatz zu England, Frankreich und Rußland war das Deutsche Reich nur eine europäische Regionalmacht, der deutsche Kolonialbesitz unbedeutend. Gleichzeitig zeichnete sich der Aufstieg der Vereinigten Staaten von Amerika zu einer Weltmacht von neuartiger Größenordnung ab. In den führenden Londoner Kreisen war man sich schmerzlich bewußt, daß Großbritannien dem natürlichen Machtzuwachs der beiden Giganten Amerika und Rußland auf die Dauer wenig entgegenzusetzen habe.

Das britische Weltreich war rein geographisch zwar riesig, aber die Britischen Inseln waren vergleichsweise winzig, und die meisten Gebiete des Empires waren entweder dünnbesiedelt (Kanada und Australien) oder völlig unterentwickelt (Indien und Afrika). Die Leiter der britischen Außenpolitik gelangten zu der Überzeugung, daß sie auf Dauer keine andere Wahl hatten, als jede Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten und Rußland zu vermeiden.

Rußland machte dem Foreign Office besondere Sorgen. Zwischen London und St. Petersburg herrschten in Asien Interessengegensätze wegen des Irans, wegen Chinas und wegen der indischen Nordwestgrenze. Im Foreign Office fürchtete man vor allem eine russische Expansion über Afghanistan nach Nordwestindien. Sobald Rußland eine Eisenbahnlinie zur Grenze Afghanistans fertiggestellt haben würde und damit in großem Umfang Truppen an die indische Nordwestgrenze verlegen konnte, drohte England in Indien in eine hoffnungslose militärische Unterlegenheit zu geraten. Angesichts der Tatsache, daß das Kronjuwel Indien den wichtigsten Kolonialbesitz Englands darstellte, waren dies düstere Zukunftsaussichten.

Die Beziehungen zwischen England und Frankreich waren wegen Interessengegensätzen über Kolonialfragen in Afrika gespannt. Ebenso litt das Verhältnis zwischen Großbritannien und Deutschland seit 1890 unter zunehmenden Störungen, die ihre Ursache im rapiden Wachstum der deutschen Wirtschaft und deren zunehmender Konkurrenz auf dem Weltmarkt hatten. Die britischen Eliten hatten also gute Gründe, die Politik der >splendid isolation< aufzugeben und nach Bündnispartnern zu suchen.1900/01 fanden deutsch-englische Bündnisverhandlungen statt, die aus komplexen Gründen ergebnislos blieben. London entschied sich daraufhin für eine Verständigung mit Frankreich und mittelfristig auch mit Rußland.

Im Foreign Office herrschte die Ansicht vor, man müsse mit St. Peters- burg zu einem Abkommen über Asien kommen und die russische Freund- schaft gewinnen, um so den Besitz Indiens zu sichern. 1904 konnte eine englisch-französische Vereinbarung (>Entente cordiale<) erzielt werden, die außer einer Abgrenzung der Interessensphären in den Kolonialgebieten auch Vorbereitungen für ein Defensivbündnis gegen Deutschland vorsah. 1907 folgte ein Abkommen mit Rußland über eine Interessenabgrenzung in Asien.

Dagegen waren die Beziehungen zwischen England und Deutschland in diesen Jahren von Spannungen beherrscht. Im Vordergrund stand der Ausbau der deutschen Kriegsflotte zur zweitstärksten der Welt, was in London als Herausforderung empfunden wurde und zu einem deutsch-englischen Flottenwettrüsten führte. Tatsächlich war die deutsche >Risikoflotte< von ihrem Schöpfer, Großadmiral Alfred VON TIRPITZ, in erster Linie als Abschreckungsinstrument geplant und zahlenmäßig zu schwach, um die englische Seeherrschaft ernsthaft gefährden zu können. Die britischen Marinefachleute in London wußten sehr genau, daß die kaiserliche deutsche Kriegsflotte trotz aller Rüstungsanstrengungen wegen der ungünstigen seestrategischen Lage Deutschlands wie auch rein zahlenmäßig keine wirkliche Gefahr für die britische Seeherrschaft darstellte.

Im Februar 1912 reiste der britische Kriegsminister Lord Richard HALDANE nach Berlin, um über ein Abkommen zur Begrenzung des deutsch-englischen Flottenwettrüstens zu verhandeln. Zwar blieben die Gespräche ergebnislos, aber in den folgenden Jahren hielten sich beide Seiten informell an ein Stärkeverhältnis der englischen und der deutschen modernen Großkampfschiffe von 3 : 2. Das deutsch-englische Verhältnis verbesserte sich allmählich, und im Februar 1914 kam es zu erfolgreichen Verhandlungen über eine eventuelle Aufteilung des portugiesischen Kolonialbesitzes in Afrika sowie über eine Vereinbarung über die umstrittene Bagdadbahn.

Im Januar 1912 wurde Raymond POINCARÉ französischer Ministerpräsident. POINCARÉ hatte bekannt, er wüßte nicht, wozu er am Leben sei, wenn nicht Elsaß-Lothringen wiedergewonnen werden könne. Allerdings waren diese mehrheitlich deutsch besiedelten, 1871 zum Reich zurückgekehrten Provinzen nur ein Vorwand, im Grunde konnte sich die kleine, aber lautstarke Gruppe der französischen Revanchisten nicht mit der deutschen Vormachtstellung in Mitteleuropa abfinden. POINCARÉ ging sofort daran, dem russisch-französischen Defensivbündnis von 1892 einen offensiven Charakter zu geben. Am 16. Juli 1912 wurde eine russisch-französische Marinekonvention unterzeichnet, außerdem erhielt Rußland neue französische Kredite, um seine strategischen Eisenbahnlinien in den westlichen Militärbezirken zur deutschen und österreichisch-ungarischen Grenze auszubauen. Die Generalstäbe beider Mächte arbeiteten einen gemeinsamen Kriegsplan aus.

Rußland erholte sich allmählich von der Niederlage im Krieg gegen Japan 1904/05 und von der Revolution von 1905 und konzentrierte seine Außenpolitik nun wieder auf Südosteuropa. Ein altes russisches Ziel war die Gewinnung Konstantinopels und der Dardanellen, der Meerengen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer. Der russische Außenminister Sergei SASONOW schrieb in einer Denkschrift an den Zaren Anfang Dezember 1913, daß dieses Ziel wohl nur im Rahmen »europäischer Verwicklungen« zu erreichen sei. Diese »europäischen Verwicklungen« bargen die Gefahr eines großen europäischen Krieges in sich. Im April 1913 schilderte Zar NIKOLAI II. gegenüber dem englischen Botschafter in St. Petersburg, Sir George BUCHANAN, seine Vorstellungen über den Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und ihre Aufteilung. BUCHANAN bemerkte, daß dies wohl kaum ohne einen großen Krieg vonstatten gehen werde. Dem Zaren selbst war der Gedanke an Krieg wenig sympathisch, aber am Hof von St. Petersburg gab es eine einflußreiche Kriegspartei um den Onkel des Zaren, den Großfürsten Nikolai NIKOLAJEWITSCH, Generalstabschef Nikolai JANUSCHKEWITSCH und den russischen Botschafter in Paris, Alexander ISWOLSKI. Diese Gruppe erhoffte sich die Rettung Rußlands vor einer neuen Revolution und die Erfüllung der panslawistischen Träume durch einen siegreichen Krieg. Die Bestrebungen der russischen Kriegspartei ergänzten sich mit denen der französischen Revanchisten, denen POINCARÉ, inzwischen 1913 zum Staatspräsidenten gewählt, nahe stand. Auch die Wiedergewinnung Elsaß-Lothringens war für Paris ohne Krieg nicht vorstellbar.

Die Österreichisch-Ungarische Monarchie, über deren Zerfall damals viel spekuliert wurde, erlebte zwar nach der Jahrhundertwende einen großen wirtschaftlichen Aufschwung und eine bedeutende kulturelle Blüte, wurde aber zunehmend von Nationalitätenkonflikten geplagt. Der Konflikt zwischen Deutschen und Tschechen in Böhmen führte ab 1912 praktisch zur innenpolitischen Lähmung der cisleithanischen (westlichen) Reichshälfte. Außenpolitisch höchst gefährlich war die Lage im Südosten der Monarchie, wo Slowenen, Kroaten, Bosnier und Serben lebten. Das im Jahre 1878 von der Türkenherrschaft befreite Serbien träumte nämlich von der Befreiung aller südslawischen Brüder aus dem >Habsburger Völkerkerkern< und der Bildung eines >Größeren Serbiens< oder Jugoslawiens. Die serbische Propaganda und Untergrundtätigkeit in Bosnien-Herzegowina und in Kroatien gefährdete aber die Existenz Österreich-Ungarns, denn eine Abtrennung der südslawischen Untertanen mußte die Nationalismen der anderen Völker wecken und den Zerfall der Donaumonarchie einleiten.

Einer derartigen Entwicklung konnte Deutschland nicht ruhig zusehen, das sich zunehmend eingekreist sah und in Österreich-Ungarn den einzigen zuverlässigen Verbündeten hatte. Auf der anderen Seite trat Rußland als Schutzmacht der slawisch-orthodoxen Serben auf. Angestachelt durch die panslawistische Bewegung, hoffte die russische Regierung, die slawischen Gebiete der k. u. k. Monarchie in der einen oder anderen Form dem Russischen Reich angliedern zu können. Ein Zwischenfall auf dem Balkan konnte also einen Krieg zwischen Österreich- Ungarn und Rußland auslösen, der wegen der bestehenden Bündnisverpflichtungen auch Deutschland und Frankreich mit hineinziehen mußte.

Rußland hatte 1909 mit einer Heeresvermehrung begonnen, die ihm zusammen mit Frankreich ab 1917 eine entscheidende Überlegenheit über die Streitkräfte Deutschlands und Österreich-Ungarns geben mußte. Bereits 1914 sah das Kräfteverhältnis der Friedensarmeen wie folgt aus:

Deutsches Reich 812 000 Mann,
Österreich-Ungarn 424 000 Mann,

Frankreich 846 000 Mann,
Rußland 1 300 000 Mann.

Die zahlenmäßige Überlegenheit Frankreichs und Rußlands wurde durch die qualitative Überlegenheit des deutschen Heeres etwas ausgeglichen. Die französische Armee war bereits allein etwas größer als die deutsche, obwohl es nur 40 Millionen Franzosen gegenüber 68 Millionen Deutschen gab. Im Deutschen Reich wurden im Gegensatz zu Frankreich nur etwas mehr als 50 Prozent aller Wehrpflichtigen tatsächlich eingezogen. Insgesamt standen entsprechend den Planungen bei Kriegsausbruch nach der Mobilmachung etwas über 5 Millionen Mann der russischen und französischen Armeen nur 3 358 000 Mann der Mittelmächte gegenüber. Um ihre militärische Überlegenheit weiter auszubauen, versuchten die Regierungen in Paris und St. Petersburg das formal noch neutrale England auf ihre Seite zu ziehen.

Seit 1906 hatten regelmäßig geheime englisch-französische Generalstabsbesprechungen stattgefunden. Im Juli 1912 gelang es POINCARÉ, Großbritannien durch den Abschluß einer Marinekonvention enger an Frankreich zu binden. Im November desselben Jahres konnten POINCARÉ und der französische Botschafter in London, Paul CAMBON, dem englischen Außenminister, Sir Edward GREY, die geheime Zusage abgewinnen, daß England im Falle eines europäischen Krieges fest an der Seite Frankreichs stehen werde. Das britische Kriegsministerium versprach, Frankreich im Ernstfall durch Entsendung eines Expeditionskorps von 160 000 Mann zu unterstützen.

GREY war aber nicht bereit, wegen Elsaß-Lothringens oder der Dardanellen in einen großen europäischen Krieg einzutreten. Deshalb setzte POINCARÉ seinen Einfluß in London und St. Petersburg ein, um ein englisch-russisches Bündnis herzustellen und dadurch Großbritannien noch enger an den Zweibund zu binden. Der russische Außenminister SASONOW drängte das Foreign Office, ein offizielles Bündnis abzuschließen; dies mußte GREY aber mit Rücksicht auf die Stimmung im Kabinett und in der britischen öffentlichen Meinung ablehnen, denn ein förmliches Bündnis in Friedenszeiten widersprach der Tradition der englischen Außenpolitik. SASONOW schlug als Ersatz eine britisch-russische Marinekonvention vor, aber auch dies lehnte GREY zunächst ab. Anfang April 1914 erneuerte Zar NIKOLAI II. diesen Vorschlag, und mit diplomatischer Unterstützung aus Paris begannen im Frühjahr jenes Jahres englisch-russische Verhandlungen über eine gemeinsame Seekriegführung. Die geplante Marinekonvention sah für den Kriegsfall die Vernichtung der deutschen >Hochseeflotte< durch die britische >Grand Fleet<, das Eindringen britischer Seestreitkräfte in die Ostsee sowie die Landung russischer Truppen auf englischen Schiffen an der Küste Pommerns vor, von wo aus sie den Vormarsch nach Berlin antreten sollten.

Über den Inhalt dieser in London unter strenger Geheimhaltung geführten Verhandlungen wurde der deutsche Reichskanzler Theobald VON BETHMANN HOLLWEG unterrichtet, und zwar durch den Verrat des baltendeutschen Sekretärs der russischen Botschaft in London, Benno VON SIEBERT. Diese Vorgänge wurden in Berlin als höchst geheim behandelt, es wurde nicht einmal der Kaiser eingeweiht. Die deutsche Führung sah ihre schon lange gehegten Befürchtungen über eine Einkreisung Deutschlands bestätigt. Es drohte die Entstehung einer übermächtigen Koalition, gegen die das Reich aufgrund der russischen Aufrüstung ab 1917 keine Siegeschancen mehr gehabt hätte. Der deutsche Generalstabschef, Helmuth von MOLTKE der Jüngere, trug sich schon seit geraumer Zeit mit Präventivkriegsgedanken, die er auch dem Reichskanzler nahezubringen versuchte. BETHMANN HOLLWEG lehnte einen Präventivkrieg zunächst ab, zog ihn aber im Sommer 1914 zunehmend in Erwägung, falls es nicht gelingen sollte, die Bildung eines festen Bündnisses England-Frankreich-Rußland mit diplomatischen Mitteln zu verhindern. Die Überlegung war die, einen Krieg besser zu einem Zeitpunkt zu führen, zu dem Deutschland noch reale Siegeschancen hatte. BETHMANN HOLLWEG war persönlich nach dem Tod seiner Frau von tiefem Pessimismus über die Zukunft Deutschlands erfüllt, hoffte aber, daß die überlegene Qualität des deutschen Heeres und der deutschen militärischen Führung einen schnellen Sieg über Frankreich und eine erfolgreiche Abwehr der Russen möglich machen würde.

In dieser von untergründigen Spannungen beherrschten Lage ereignete sich am 28. Juni 1914 das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Erzherzog und Thronfolger FRANZ FERDINAND und seine Frau, die Herzogin SOPHIE VON HOHENBERG. Der Doppelmord ging auf das Konto der serbischen Terrororganisation >Bereinigung oder Tod< und war von dem Obersten Dragutin DIMITRIJEWITSCH, Chef der Nachrichtenabteilung des serbischen Generalstabs, organisiert worden.

Der serbische Ministerpräsident, Nikola PASCHITSCH, wußte von dem geplanten Anschlag auf FRANZ FERDINAND, unterließ es aber, den österreichischen Behörden eine Warnung zukommen zu lassen. Die serbischen Verschwörer glaubten, FRANZ FERDINAND müsse beseitigt werden, da er bei Verwirklichung seiner Reformpläne die Weiterexistenz der Österreichisch-Ungarischen Monarchie zu sichern fähig gewesen wäre; dies aber hätte die großserbischen Träume zunichte gemacht. Den Weitsichtigeren unter den Verschwörern muß klar gewesen sein, daß das Attentat einen europäischen Krieg auslösen konnte.

Die russische Regierung hatte den Serben ihre uneingeschränkte Unterstützung für den Fall eines österreichischen Strafkrieges zugesagt; das bedeutete, in letzter Konsequenz könnte durch einen großen europäischen Konflikt und einen Sieg der >Triple-Entente< Rußland, England und Frankreich über die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn der Traum vom Staat aller Südslawen, Jugoslawien, verwirklicht werden.

In ihren offiziellen Stellungnahmen stritt die serbische Regierung natürlich jede Beteiligung an dem Attentat ab, aber in Wien hatten Generalstabschef Franz CONRAD VON HÖTZENDORF und Außenminister Leopold VON BERCHTOLD auf die Gelegenheit für einen Präventivkrieg gegen Serbien gewartet, um die großserbischen Bemühungen zu dämpfen und das Ansehen Österreich-Ungarns in Südosteuropa wiederherzustellen. Insgeheim verfolgten sie das Ziel, Serbien zu verkleinern, indem Rumänien, Bulgarien und Griechenland Teile des serbischen Gebietes erhalten sollten.

Unmittelbar nach dem Attentat von Sarajewo erschien die Stimmung für die Österrei-chisch-Ungarische Monarchie günstig, da der Mord von der gesamten europäischen Öffentlichkeit – mit Ausnahme der serbischen – mit Abscheu aufgenommen wurde.

Von ausschlaggebender Bedeutung für die österreichische Politik gegen Serbien war für Wien die Rückendeckung durch Deutschland. Kaiser WILHELM II. war mit FRANZ FERDINAND eng befreundet gewesen, und er sah die möglichen Folgen des Attentats für die Stabilität der Donaumonarchie als so schwerwiegend an, daß er auf ein persönliches Schreiben Kaiser FRANZ JOSEPHS hin am 6. Juli Wien die uneingeschränkte Unterstützung Deutschlands zusicherte.
CONRAD und BERCHTOLD hätten am liebsten sofort einen Straffeldzug gegen Serbien begonnen, wurden aber vom ungarischen Ministerpräsidenten Stephan TISZA gebremst. BERCHTOLD veranlaßte zunächst eine geheime Untersuchung der Verantwortlichkeit an der Ermordung FRANZ FERDINANDS und seiner Frau. Diese Untersuchung führte bereits am 13. Juli zu dem Ergebnis, daß die Spuren in Richtung Belgrad wiesen. Daraufhin machte sich das österreichische Außenministerium daran, ein Ultimatum an Serbien zu formulieren. Dessen Fertigstellung wurde bis zum 23. Juli hinausgezögert, da die Wiener Regierung erst den Besuch des französischen Staatspräsidenten POINCARÉ in St. Petersburg abwarten wollte.

POINCARÉ traf am 20. Juli in der russischen Hauptstadt ein. Bei den Staatsgesprächen machte POINCARÉ Zar NIKOLAI, Großfürst Nikolai NIKOLAJEWITSCH und SASONOW die Zusage, Frankreich werde Rußland bedingungslos unterstützen; beide Mächte sollten eine Verletzung der Souveränität Serbiens durch Österreich-Ungarn nicht hinnehmen. POINCARÉ reiste am 23. Juli ab, und am selben Tag übergab die österreichische Botschaft in Belgrad der serbischen Regierung das besagte Ultimatum; darin forderte Wien:

  1. 1. Unterdrückung jeder Propaganda und aller Aktionen, die auf österreichisch-ungarisches Gebiet zielen.
  2. Gerichtliche Untersuchung gegen die Teilnehmer an dem Attentat von Sarajewo, soweit sie sich in Serbien befinden, unter Mitwirkung österreichischer Beamter.

Als der Text der österreichischen Note am 24. in St. Petersburg bekannt wurde, äußerte SASONOW, daß dieses Ultimatum einen europäischen Krieg auslösen werde.

Was die Lage weiter komplizierte, war die Politik BETHMANN HOLLWEGS, die durch das Attentat von Sarajewo entstandene Krise zu benutzen, um GREY die Gefährlichkeit eines Bündnisses mit Frankreich und Rußland vor Augen zu führen. Die englische Regierung sollte erkennen, daß sie wegen obskurer Vorgänge auf dem Balkan in einen großen Krieg hineingezogen werden konnte. Tatsächlich wollte BETHMANN HOLLWEG mit Hilfe der Julikrise die >Triple-Entente< sprengen. Deshalb hatte der Reichskanzler die Politik des deutschen Kaisers, Österreich-Ungarn gegen Serbien einen Blankoscheck auszustellen, auch befürwortet. Das Kriegsrisiko nahm BETHMANN HOLLWEG in Kauf, denn die sich abzeichnende übermächtige Koalition ließ ihm und MOLTKE einen Präventivkrieg als letzten Ausweg erscheinen. In der gespannten, von Chauvinismus und Nationalismus erfüllten Atmosphäre der letzten Vorkriegsjahre hielten viele Politiker und Militärs einen Krieg für unvermeidlich. In St. Petersburg beschloß am 25. Juli der russische Kronrat, Vorbereitungen für eine Teilmobilmachung gegen Österreich-Ungarn zu treffen.

Die serbische Regierung war sich der Unterstützung durch Rußland und Frankreich gewiß. Sie übermittelte Wien am 25. Juli eine Antwort auf das österreichische Ultimatum, die in der Form entgegenkommend schien, den entscheidenden Punkt aber, die Teilnahme österreichischer Beamter an der Untersuchung des Mordanschlags auf FRANZ FERDINAND, ablehnte. In Wien war man über die serbische Antwort keineswegs unglücklich. CONRAD und BERCHTOLD wollten ihren Strafkrieg gegen Serbien, von dem sie hofften, daß er sich lokal eingrenzen ließ. Sowohl Österreich-Ungarn als auch Serbien begannen am 25. Juli mobil zu machen.

Am folgenden Tag ordneten der russische Kriegsminister, General Wladimir A. SUCHOMLINOW, und Generalstabschef JANUSCHKEWITSCH geheime Mobilmachungsmaßnahmen an. Am 28. Juli erklärte Wien Belgrad den Krieg. Am selben Tag wurde in St. Petersburg der Beschluß gefaßt, 13 Armeekorps gegen Österreich-Ungarn zu mobilisieren. Nun bedrängte JANUSCHKEWITSCH SASONOW, eine Teilmobilmachung sei unzureichend, wenn ein Krieg gegen Deutschland nicht ausgeschlossen werden könne. Die russische Generalmobilmachung bedeutete aber nach der damals herrschenden Auffassung, daß Deutschland nun ebenfalls die allgemeine Mobilmachung anordnen mußte, wenn es nicht entscheidende Vorteile bei Beginn des Krieges verschenken wollte. Damit wurde der automatische Ablauf von Mobilmachung, Aufmarsch und Kriegseröffnung in Gang gesetzt.

SASONOW hatte am 25. Juli vom französischen Botschafter Maurice PALEOLOGUE die Zusicherung erhalten, daß Frankreich die russischen militärischen Maßnahmen gutheiße. Außerdem hatte am 27. Juli in London der Erste Seelord, Prince Louis BATTENBERG, die fortgesetzte Kriegsbereitschaft der englischen Flotte angeordnet, die gerade ein großes Manöver mit vorangegangener Probemobilmachung abgehalten hatte. Die Beibehaltung einer Probemobilmachung in Spannungszeiten wurde in Paris und St. Petersburg als Signal dafür aufgefaßt, daß England mit Frankreich und Rußland gehen würde.

Am Morgen des 29. Juli überredete SASONOW den Zaren, den Befehl für die Generalmobilmachung zu geben, wobei NIKOLAI II. die Konsequenzen offenbar gar nicht recht begriff. Im Laufe des Tages erhielt der Zar ein Telegramm von WILHELM II., worin der deutsche Kaiser zur Mäßigung riet und seiner Hoffnung auf eine diplomatische Beilegung der Krise Ausdruck verlieh. Zar NIKOLAI, dem der Gedanke an Krieg letztlich widerstrebte, machte daraufhin die Order zur Generalmobilmachung rückgängig. Die Lage in St. Petersburg spitzte sich nun dramatisch zu. SASONOW, SUCHOMLINOW und JANUSCHKEWITSCH setzten nun ihre ganze Überredungskunst ein, um den Zaren zur Rücknahme des Widerrufs zu bewegen.

Am Nachmittag des 30. Juli hatten sie Erfolg, und der Zar genehmigte nun endgültig die Generalmobilmachung der russischen Armee gegen Deutschland und Österreich-Ungarn. Der Chef der Mobilmachungsabteilung im russischen Generalstab, Sergei DOBROROLSKI, schreibt in seinen Erinnerungen, daß damit der Beginn des Krieges mechanisch vorausbestimmt gewesen sei.
Die russische Generalmobilmachung machte alle diplomatischen Bemühungen zunichte, den Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien zu lokalisieren. Seit dem 26. Juli hatten die englische und die deutsche Regierung versucht, direkte Gespräche zwischen Wien und St. Petersburg zur friedlichen Beilegung der Krise zu vermitteln. BETHMANN HOLLWEG hatte die Julikrise ursprünglich zur Sprengung der >Triple-Entente< benutzen wollen, mußte aber erkennen, daß sich eine Katastrophe anbahnte.

Der Reichskanzler versuchte nun energisch, die österreichische Regierung zur Zurückhaltung und Annahme der Vermittlungsvorschläge zu bewegen, aber Wien war zum Krieg gegen Serbien entschlossen und ließ sich kaum mehr beeinflussen.

Am 31. Juli wurde nach Bekanntwerden der russischen Maßnahmen die Generalmobilmachung in Österreich-Ungarn angeordnet. Die deutsche Reichsregierung erklärte den Zustand drohender Kriegsgefahr und forderte St. Petersburg ultimativ auf, innerhalb von zwölf Stunden die allgemeine Mobilmachung rückgängig zu machen. Nachdem keine Reaktion erfolgte, verkündete Berlin am folgenden Tag, dem 1. August, die deutsche Generalmobilmachung und erklärte dem Russischen Reich den Krieg, was praktisch nur noch eine Formsache war. Am selben Tag ordnete auch Paris die allgemeine Mobilmachung an.

GREY hatte England durch geheime Absprachen ohne Wissen des britischen Kabinetts an Frankreich gebunden; am 22. November 1912 hatte GREY dem französischen Botschafter CAMBON schriftlich zugesichert, England werde im Falle eines europäischen Krieges an der Seite Frankreichs stehen. SASONOW und POINCARÉ hätten es wahrscheinlich nicht gewagt, das Risiko eines Krieges einzugehen, wenn sie nicht auf die Unterstützung GREYS vertraut hätten.

Die maßgeblichen Unterstaatssekretäre im Foreign Office, Sir Arthur NICHOLSON und Sir Eyre CROWE, drängten auf eine Teilnahme Großbritanniens am Krieg. Sie argumentierten, England müsse wegen seiner gefährdeten asiatischen Besitzungen sich unbedingt die Freundschaft Rußlands erhalten. GREY schwankte anfangs noch, gab aber dann den Kriegsbefürwortern nach. Das Problem, vor dem GREY stand, war, wie er den Kriegseintritt Englands vor dem Kabinett und der Öffentlichkeit rechtfertigen sollte. Er mußte darauf hoffen, daß Deutschland die Neutralität Belgiens verletzen würde, was der deutsche Kriegsplan auch tatsächlich vorsah. Großbritannien konnte sich dann als Beschützer der kleinen neutralen Nationen ausgeben und seinem Vorgehen damit eine moralische Rechtfertigung geben.

BETHMANN HOLLWEG machte am 30. Juli GREY über den britischen Botschafter in Berlin, Sir William GOSCHEN, den Vorschlag, Deutschland könne den territorialen Bestand Frankreichs garantieren, wenn England neutral bleibe. GREY lehnte ab, und WILHELM II. sah seine langjährigen Befürchtungen bestätigt, daß die englische Politik die systematische Einkreisung Deutschlands betreibe.

Am 1. August sprach der deutsche Botschafter in London, Fürst Karl VON LICHNOWSKY, bei GREY vor und machte im Auftrag der Reichsregierung das Angebot, Deutschland werde die Neutralität Belgiens respektieren, wenn England verspreche, seinerseits neutral zu bleiben. GREY antwortete ausweichend, woraufhin LICHNOWSKY fragte, unter welchen Bedingungen England neutral bleiben werde. Der deutsche Botschafter bot an, die Reichsregierung könne den territorialen Bestand Frankreichs und seiner Kolonien garantieren. GREY wich wieder aus, und damit waren die deutschen Vorschläge gegenstandslos.

Am 2. August bestätigte das britische Kabinett die von GREY an CAMBON gemachte Bündniszusage an Frankreich vom 22. November 1912. Dies war faktisch der Entschluß, am Krieg teilzunehmen, weshalb die Minister John MORLEY und John BURNS aus Protest ihren Rücktritt erklärten.

Am 3. August erklärte Berlin Paris den Krieg, und am folgenden Tag überschritten deutsche Truppen die belgische Grenze. Die deutschen Hoffnungen auf einen schnellen Sieg beruhten auf einem an der berühmten SCHLIEFFEN-Denkschrift angelehnten Operationsplan, der einen massiven Vorstoß durch Belgien nach Nordfrankreich vorsah, um dann in einer riesigen Umfassungsbewegung die französische Armee zu vernichten. Anschließend sollte sich die Masse der deutschen Kräfte gegen Rußland wenden, gegen das bis dahin nur eine hinhaltende Verteidigung aufrechterhalten werden konnte. Die Mißachtung der belgischen Neutralität war also die Voraussetzung für einen schnellen deutschen Sieg. Gleichzeitig gab sie GREY gegenüber der britischen Öffentlichkeit den Vorwand für den englischen Kriegseintritt.

Am 4. August stellte London der Reichsregierung ein Ultimatum des Inhalts, die belgische Neutralität zu respektieren und die deutschen Truppen zurückzuziehen. Nach Ablauf des Ultimatums brach London die diplomatischen Beziehungen zu Berlin ab, was praktisch der Kriegserklärung gleich kam. Während auf spontanen Massendemonstrationen in Berlin wie in vielen anderen europäischen Großstädten über den Krieg gejubelt wurde, herrschte in der deutschen politischen Führung Bestürzung.

In dem Jahrzehnt vor dem Ausbruch des Weltkrieges betrachteten die Leiter der britischen Außenpolitik die Weltmacht Rußland, und nicht die Regionalmacht Deutschland, als ihr zentrales Problem. Die These von der Störung des europäischen Gleichgewichts durch die Gründung des Deutschen Reiches ist nichts mehr als eine Legende. Das Deutsche Reich von 1871 stellte die kleindeutsche Lösung und damit nur eine Vergrößerung Preußens dar. Der damit verbundene Machtzuwachs für Preußen konnte langfristig kaum ausreichen, um den Machtzuwachs Rußlands zu kompensieren, der sich durch die innere Erschließung dieses riesigen Landes ergab. 1914 waren der britische Außenminister GREY und die führenden Beamten im Foreign Office faktisch bereit, für die Freundschaft mit St. Petersburg und die Sicherung Indiens das europäische Gleichgewicht zu opfern, also mit Rußland gemeinsam einen Krieg gegen Deutschland zu führen und eine russische Vorherrschaft in Europa hinzunehmen.Die britischen Politiker erkannten nicht, daß ihre Politik innerhalb von nur fünfzig Jahren zum Zerfall des Empires führen sollte.

Maßgeblichste Verantwortung für den Ausbruch des Weltkrieges trug die russische Regierung, die zunächst Serbien einen Blankoscheck ausstellte und damit faktisch die Handlungen einer serbischen Terrororganisation deckte und schließlich überstürzt die Generalmobilmachung anordnete, als sich eine diplomatische Lösung des Konflikts abzuzeichnen schien.

Die verfehlte Politik des Zaren sowie zahllose militärische Niederlagen im Weltkrieg schufen in Rußland die Voraussetzung für die >Große Sozialistische Oktoberrevolution< von 1917, die zur Herrschaft Wladimir I. LENINS und der Kommunistischen Partei führte.

Die Österreichisch-Ungarische Monarchie zerfiel 1918 und sollte Europa eine Reihe von schwer lösbaren Nationalitätenkonflikten hinterlassen.

Von den maßgeblichen Staatsmännern des Jahres 1914 hatte Kaiser WILHELM II. den Krieg am wenigsten gewollt, dessen ungeachtet wurde er später am meisten verleumdet. Sein Sturz, die Kriegsniederlage 1918, der Versailler Vertrag und endlose revolutionäre Wirren ebneten in Deutschland schließlich den Weg für den Aufstieg Adolf HITLERS und des Nationalsozialismus.

Die Anlässe für den Ausbruch des Weltkrieges 1914-1918 waren nichtig im Vergleich zu den langfristigen Folgen: die Selbstentmachtung der europäischen Großmächte einschließlich Sowjetrußlands, der Aufstieg der USA zur einzigen Supermacht, die Auflösung der europäischen Kolonialreiche und schließlich der Aufstieg Chinas und Indiens zu neuen Weltmächten.

***

Die Einleitung der Katastrophe für Deutschland, welche bis heute anhält, stellt der erste Weltkrieg dar. Dieses Ereignis, dem Beginn des Untergangs Deutschlands möchten wir in den nächsten Beiträgen behandeln. Wir müssen wissen, welche Kräfte und welche Aktionen zu genau diesen Ereignissen führten. Nur so wird es uns möglich sein, die Geschichte zu verstehen und sie bei möglichen ähnlichen „Konstellationen“ mit der Gegenwart zu vergleichen.

Der heutige Artikel wird für viele Leser nicht unbedingt neuer Erkenntnisse gebracht haben, doch ist hier die besondere Schuld Rußlands herausgearbeitet. Die damaligen deutschen Politiker haben sehr hoch „gepokert“ und geblufft, und am Ende ging alles nach hinten los. Dem Kaiser Wilhelm wurden Informationen höchster Wichtigkeit verheimlicht und als sich die Katastrophe nicht mehr abwenden lies, sollte er die „heißen Kastanien“ aus dem Feuer holen – was ihm letztendlich selbst nicht gelang. Selbst die Kriegsziele, sofern überhaupt welche vorhanden waren, waren für das Deutsche Reich nicht relevant. Es ging am Ende nur um die Befriedigung der K.u.K.Monarchie, den Hohenzollern, einen Straffeldzug gegen Serbien zu führen!

Bündnisse können gut sein, doch so wie sie am Anfang des 20.Jahrhunderts geschaffen waren, mußte es zu einem großen europäischen Krieg führen, wenn Kreise der Politiker daran höchstes kriegerisches Interesse zeigten. In die Gegenwart versetzt, kann man der NATO ähnliches Verhalten bestätigen.

All diese Ereignisse haben nicht besonders viel mit gesunden nationalen Gedankengut zu tun. Denn das richtet sich bei einer politischen Normalität nie gegen andere Völker. Wird jedoch der gesunde nationale Gedanke überhöht, mündet er zwangsläufig in eine Form, die bei anderen Völkern als Arroganz und eigener Überbewertung gegenüber steht. In dieser Frage nahmen sich alle Kriegsparteien nichts.


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