„Dokumente“ gegen Hitler – Die Lebensraumforderungen in „Mein Kampf“

von Udo Walendy

Die Hinweise in „Mein Kampf“ (Seiten 732, 740, 741, 742, 757) auf die zu lösende Lebensraumfrage im Osten (Rußland) werden oft als Beweise für Hitlers Angriffsabsichten und langfristige Eroberungspläne und somit für die Kriegsschuld angeführt.

Es ist lächerlich, behaupten zu wollen, daß Hitler vom Gefängnis in Landsberg 1925 aus bis zu seinem Tod 1945 die Initiative der Weltpolitik in der Hand gehabt und alle anderen souveränen und wesentlich mächtigeren Staaten Europas und der Welt nur auf seine Initiative hin abwehrend reagieren, nicht hingegen aktiv tätig werden konnten. Dies aber wäre die kausale Folgerung, wollte man „,Mein Kampf“ als außenpolitisches „Beweismittel“ anführen.

Wenn man aber „Mein Kampf“ als Untersuchungsgrundlage bei der Beurteilung der Kriegsschuldfrage heranzieht, dann hätte dies auch nur dann Aussagekraft, wenn gleichzeitig alle öffentlichen Auslassungen der französischen, englischen, polnischen, sowjetischen Publizisten und Politiker aus den zwanziger Jahren danebengestellt werden.

Erst dann würde man das damals übliche Agitationsniveau auf innen- und außenpolitischer Ebene bewerten können. Erst dann würde deutlich werden, daß Hitler mit „Mein Kampf“ nicht aus der Rolle der damaligen Zeit fiel. Legte man den gleichen Maßstab, mit dem heutzutage aus „Mein Kampf“ die Kriegsschuld Hitlers leichtfertig abgeleitet wird, den einstigen Schriften von Winston Churchill, den Zielsetzungen von Poincare oder Clemenceau, Masaryk, Benesch, Pilsudski, Lloyd George, Lenin oder Stalin oder auch nur der Vertreter der deutschen Parteien in der Weimarer Zeit zugrunde, so ließe sich aus ihnen ebenso leichtfertig Kriegsschuld bzw. Kriegswillen ableiten. Professor Theodor Heuß erklärte im Jahre 1932 zu den erwähnten Ausführungen:

„Es verknüpfen sich die romantischen Erinnerungen an die großartigen Kolonisationsleistungen des deutschen Mittelalters, die nach Osten über die Elbe herangetragen wurden, mit der gegenwärtigen und unmöglihen Lösung, die das Versailler System den deutschen Ostgrenzen aufgezwungen hat. Da hier eine unerträgliche Reiz- und Reibungsstelle geschaffen wurde, folgt das Empfinden leichter dieser Richtung; denn es weiß um das labile Wesen der europäischen Ostprobleme.“

Diese Gedanken eines der NS-Bewegung abgeneigten Politikers zeigen immerhin, daß in der Weimarer Republik „Mein Kampf“, dessen Titel ursprünglich „Viereinhalb Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit“ lauten sollte, als Ausbruch eines an der Not des Vaterlandes aufgeladenen Temperamentes, nicht dagegen als Programm einer kriegerischen Politik aufgefaßt wurde – auch von den Anhängern Hitlers.

Es handelt sich hier um die Äußerungen eines Propagandisten und Parteiführers, nicht um die eines ausgereiften Staatsmannes. Als Staatsmann ist Hitler – bis nach Kriegsbeginn – solchen Zielen nicht nachgegangen.

Auch der IMT-Anklagebehörde Nürnberg 1945/46 sind keine Nachweise aus deutschen Geheimakten gelungen, daß die Tschechenkrise oder der Polenfeldzug oder auch der Rußlandfeldzug mit deutschen Eroberungs-, Siedlungs- oder Vernichtungsplänen im Zusammenhang gestanden hätten, geschweige denn auf ihnen aufgebaut gewesen wären.

Vielmehr konnte nachgewiesen werden, daß allen diesen schicksalhaften Etappen gänzlich andere Ursachen und Anlässe, Motive und Erwägungen zugrunde gelegen haben. Zweifellos hätte Hitler gut daran getan, diese damaligen Ausführungen als Staatsmann aus „Mein Kampf“ zu streichen. Dennoch ist hervorzuheben, daß er mehrfach öffentlich erklärt hatte, da er kein Schriftsteller, sondern Politiker sei, solle man ihn nach seiner Politik, nicht nach einzelnen Worten seiner „Phantasien hinter Gitter“, die eine „Aneinanderreihung von Leitartikeln für den Völkischen Beobachter“ sein sollten, beurteilen.

„Ich bin kein Schriftsteller, sondern ein Staatsmann. Ich werde die Korrektur von ‚Mein Kampf’ in das Buch der Geschichte schreiben“,

erklärte Hitler am 21. 2. 1936 in einem Interview mit dem Vertreter der „Paris-Soir“ und ließ dieses Interview einschließlich der widerrufenen Stellen aus „Mein Kampf“ in allen deutschen Zeitungen auf der ersten Seite veröffentlichen. („In Paris sollte die Veröffentlichung dieses Interviews ungewöhnlichen Schwierigkeiten begegnen“!).

„Das jedenfalls weiß ich, wenn ich 1924 geahnt hätte, Reichskanzler zu werden, dann hätte ich das Buch nicht geschrieben.“

Hitler hatte als Staatsmann für die Korrektur seines Buches zweifellos keine Zeit mehr. Einzelne Korrekturen wären Stückwerk geblieben. „Mein Kampf“ wurde in der Frühgeschichte der NSDAP geschrieben und blieb der Tagespolitik, Journalistik und Agitation verhaftet.

Ebenso wie die Ausführungen über Frankreich aus der damaligen Nachkriegssituation und dem französischen Einmarsch ins Ruhrgebiet geboren waren, so ist auch Hitlers Ostkonzeption in „Mein Kampf“ nicht als feststehende außenpolitische Richtlinie des Dritten Reiches gegenüber einer erstarkten Sowjetunion anzusehen.

„Mein Kampf“ war weder ein Katechismus der NS-Weltanschauung noch eine theoretische Grundlage für die Innen-, Außen-, Wirtschafts-, Sozial- oder Kulturpolitik des Deutschen Reiches. Das sich erst später konkretisierende Programm der NSDAP, der Reifungsprozeß Hitlers im Laufe der Jahre – man begutachte seine Reden als Staatsmann -, die vielfältigen, nicht voraussehbaren Einwirkungen auf die deutsche Politik von innen und außen, haben die Linie der staatstragenden NSDAP bestimmt, nicht das überhastet und in agitatorischer Absicht zur Zeit eines innenpolitischen Machtkampfes niedergeschriebene Buch „Mein Kampf“.

Für die Lebensraumforderungen in „Mein Kampf“ sollte man folgende Überlegungen berücksichtigen, die die Gedankenwelt Hitlers bestimmt haben mögen:

a) Hitler wollte – und in dieser Erkenntnis sind sich alle Zeitgeschichtler einig – England gewinnen. Als Realist wußte er, daß er gut daran täte, Englands Besorgnis über eine eventuelle Bedrohung durch Deutschland mit einer von vornherein angezeigten deutschen Interessenausrichtung nach Osten auszuschalten.

b) Hitler versuchte auch Befürchtungen der kontinentaleuropäischen Staaten zu zerstreuen, die sich zukünftig aus dem Argument eines deutschen Bevölkerungsdruckes für jene Länder hätten ergeben können. Er wollte deutlich machen, daß er auch von Frankreich nichts forderte; er suchte die Feindschaft Frankreichs zu mildern – durch deutsche Blickrichtung nach Osten.

c) Angesichts der kommunistischen Ideologie und der Sowjetmacht, deren Inhalt und Wesen Hitler wesentlich früher als andere erkannt hatte, wußte er, daß er durch ein freundliches Verhalten gegenüber der UdSSR nicht mehr hätte gewinnen können, als er durch eine Politik entschlossener Unabhängigkeit verlieren konnte.

d) Für Hitler galt, in der Welt Verständnis für Deutschlands Raumnot, Lebensdichte und das Unrecht des Versailler Gebietsraubes – vor allem im Osten – zu gewinnen.

e) Hitlers Lebensraum-Ausführungen sollten den Verzicht- und Befriedungstendenzen von Weimar entgegentreten.

f) Das deutsche Volk hatte sich in einem Jahrhundert zahlenmäßig verdreifacht, der deutsche Lebensraum hingegen wesentlich verkleinert. Kein deutscher Politiker konnte an diesen Realitäten vorbeigehen. Unbekannt waren zu jener Zeit noch die Möglichkeiten, wie man mit Hilfe der Technik und Industrie ein wachsendes Volk auch auf engem Raum ernähren kann. Die Wirtschaftsnot in der Weimarer Zeit nährte solche Hoffnungen jedenfalls nicht.

Und wenn schließlich ein französischer Ministerpräsident Clemenceau programmatisch erklärt hatte, es mögen ruhig 25 Millionen Deutsche sterben, da sie zuviel auf der Welt wären, so dürfte eine solche Empfehlung bei Hitler genau die entgegengesetzte Reaktion hervorgerufen haben, nämlich den Versuch, alles zu tun, um die Lebensmöglichkeiten und die aus historischen Rechten hergeleiteten Ansprüche auf Lebensraum für das eigene Volk zu sichern.


Quelle und Kommentare hier:
Print Friendly

Das könnte Dich auch interessieren: