Ehrenamt?

Von (real)Asmodis

Vorab und um nicht falsch verstanden zu werden: Ich halte ehrenamtliche Tätigkeiten für sinnvoll, wichtig und nützlich. Ich habe hin und wieder ja selbst schonmal die eine oder andere, ehrenamtliche Tätigkeit gemacht.

Doch wenn man einmal versucht, das vielgerühmte Ehrenamt neutral zu betrachten, dann erschrickt man.

Warum?

Wir haben in unserer Gesellschaft das Gegenspiel von zwei Antipoden, nämlich dem Altruismus und dem Egoismus. Der altruistisch eingestellte Mitbürger hilft anderen. Der egoistisch eingestellte Mitbürger nutzt andere aus. Was ist nun eigentlich das Ehrenamt? Es ist die freiwillige und i. d. R. unbezahlte Tätigkeit für Feuerwehr, Rettungsdienste, zig Vereine, als Flüchtlingshelfer, in der Katastrophenhilfe, für das THW usw. Das Ehrenamt ist daher eindeutig dem Altruismus zuzurechnen.

Warum tun die Menschen das; warum engagieren sie sich ehrenamtlich? Mitunter ist es reine Hilfsbereitschaft. Aber jeder Mensch strebt auch nach Anerkennung. Wem die Anerkennung im Beruf versagt bleibt, der wird depressiv, abhängig, aggressiv oder wählt eben häufiger als Alternative das Ehrenamt, um dort zeigen zu können, was er drauf hat.

Beruflich sieht es aber so aus, dass der Mensch im Zuge des Neoliberalismus zum beliebig verschleiß- und austauschbaren Rohstoff degradiert worden ist.

Anerkennung? Fehlanzeige!

Daran aber sind gewisse “hochwohlgeborene” Führungskräfte nicht ganz unschuldig, wie zwei Gallup-Untersuchungen (HIER und HIER) zeigen. Denn auffallen darf in unseren Betrieben niemand mehr. Fällt jemand negativ auf, dann wird er rausgeworfen. Fällt jemand positiv auf, dann ist immer mindestens eine Führungskraft da, die in der Kompetenz des Mitarbeiters eine Gefahr für die eigene, hohe Position sieht und der Betreffende wird dann auch für den Rauswurf sorgen.

Das Ehrenamt stellt bei vielen Menschen den Ausgleich für die fehlende, berufliche (mitunter auch gesellschaftliche) Anerkennung dar. Für unsere Politiker ist so ein Engagement offensichtlich wichtig, denn Frau Merkel will mehr Unterstützung für ehrenamtliches Engagement. Zitat:

Die Bundeskanzlerin ist davon überzeugt, dass das Leben sehr viel mehr Spaß macht, wenn man sich nicht nur einseitig in Richtung der Ökonomie ausrichtet.

Entsprechend dankt sie auch für ehrenamtliches Engagement. Das klingt ja schonmal ganz gut. Doch was steckt tatsächlich dahinter? Sind derartige Äußerungen ernstgemeint? Können sie es überhaupt sein?

Ich selbst war bei drei Fällen Zeuge, in denen sich ehrenamtliche Tätigkeit beruflich nachteilig auswirkte. Einmal bewarb sich jemand um einen Job und der Boss lehnte den ab, weil der Betreffende Mitglied einer freiwilligen Feuerwehr war. O-Ton (den ich nie vergessen werde):

Der soll für mich arbeiten und nicht das Feuer bei anderen Leuten löschen! Wer aufpasst, bei dem brennt’s auch nicht! Bei mir brennt es nie! So jemanden kann ich doch gar nicht einstellen! Der ist ja nie da!

In den beiden anderen Fällen ging es um Katastropheneinsätze. Einer der vom Land angeforderten Helfer wurde mit der Begründung abgemahnt, Katastrophenhelfer würden (auch O-Ton)

doch bloß rumsitzen, Kaffee trinken und ‘nen lauen Lenz schieben“.

Ein anderer erhielt wegen zu langer Abwesenheit von der Arbeitsstelle die fristlose Kündigung. Vor dem Arbeitsgericht wurde daraus zwar später eine fristgemäße Kündigung gemacht, doch seinen Job war er los. Und da der Betreffende die Vierzig bereits überschritten hatte, konnte er sich auch kurze Zeit später in das Heer der H4-Zwangsarbeiter einreihen und zum Dank für seine Hilfsbereitschaft ganz legal enteignen lassen.

Doch es existiert noch eine finanzielle Seite.

Betrachten wir dazu nur mal einen winzigen Ausschnitt aus dem Ehrenamt. Es gibt in Deutschland 7.285 freiwillige Feuerwehren. Angenommen, pro Feuerwehr wären nur läppische 5 Ehrenamtliche tätig, dann sind das bereits 36.425 Personen. Angenommen, sie täten das nicht freiwillig und der Staat müsste sie finanzieren.

Angenommen, pro Person würden dadurch monatlich 1.000€ bzw. jährlich 12.000€ an Kosten anfallen (das ist jetzt absichtlich meganiedrig angesetzt!).

Dann würden allein diese Freiwilligen den Staat “36.425 Personen * 12.000€ = 437.100.000€” u. d. h. rund eine halbe Milliarde Euro pro Jahr kosten. Bei zehn Freiwilligen pro Feuerwehr bereits 1 Milliarde usw.

Und das betrifft ausschließlich die Freiwillige Feuerwehr! Kommen noch JUH, MUH, DRK, ASB, THW und-und-und hinzu. Ich weiß nicht, welche Kosten auflaufen würden, wenn unser Staat sich nicht komplett aus diesem Bereich zurückgezogen hätte, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das gut in der Nähe des Verteidigungsetats von rund 33 Milliarden Euro anzusiedeln wäre.

Der Bundeskanzlerin macht so eine Kostenumverteilung sehr viel Spaß (vgl. obiges Zitat). Nochmal Merkel (Zitat):

Das Ehrenamt darf keine Sparbüchse sein.

Klingt gut. Zu gut, und das weckt Misstrauen.

Denn wie sieht es angesichts solcher schönen Worte in der Realität aus? Ich habe kürzlich jemanden zum Finanzamt begleitet. Die betreffende Person ist ehrenamtlich im DRK tätig. Turnusmäßige Einsatzabende und Sanitätsdiente bei Veransaltungen verursachten Fahrtkosten, und zwar in Höhe von rund 1.100€ jährlich.

Hinzu kamen noch die Beschaffungskosten für den einen oder anderen Ausrüstungsgegenstand wie Sicherheitsschuhe, Organizer, Taschenlampe etc.

Und was ist dabei herausgekommen? Derartige Kosten sind nicht mal steuerlich absetzbar, was die vollmundigen Aussagen einer gewissen Bundeskanzlerin glatt Lügen straft.

Ehrenamtliche bleiben auf ihren Ausgaben sitzen.

Damit aber relativiert sich das Bild vom Ehrenamt in Deutschland ganz gewaltig: So genannte “Volksvertreter” beschwören das Ehrenamt. Ein warmer Händedruck, etwas heiße Luft und gut is’.

Denn das kostet sie ja nichts und ist obendrein sogar noch äußerst publicityträchtig. Tatsächlich aber wird hemmungslos und satt abkassiert. Bei Menschen, die ausgebeutet werden sollen. Deren Hilfsbereitschaft von ganz oben kackendreist ausgenutzt wird.

Das ist nämlich bei neutraler Betrachtungsweise die Kehrseite des Ehrenamts. Woraus unschwer die Frage folgert:

Wer profitiert eigentlich von dieser Kehrseite?

Na, dämmert’s so langsam?!?


Quelle und Kommentare hier:
Print Friendly, PDF & Email

Das könnte Dich auch interessieren: