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Erinnerungen: Die 1970er Jahre

Von (real)Asmodis

Mal sehen – vielleicht setze ich die Zeitzeugenberichte noch länger fort. Nach den 1960er-Jahren soll es jetzt um die 1970er Jahre, auch genannt die “wilden ’70er” gehen. Auch in diesem Beitrag steht das Alltagsleben von Otto Normalverbraucher im Vordergrund.

Hinsichtlich der “großen Ereignisse” nehmt doch bitte ein Geschichtsbuch zur Hand. Und, um Missverständnissen von vornherein vorzubeugen, es geht auch in diesem Beitrag um Westdeutschland. Wie lief das also damals in den so genannten “wilden ’70ern”?

Die 1970er: Es kam beinahe zur Panik, als in Meschede die Pocken ausbrachen. Wer noch nicht nachgeimpft worden war, der holte das jetzt schleunigst nach. Die Epidemie hielt sich in Grenzen und forderte vier Tote. Ansonsten war die Zeit farbenfroh und lebensbetonend, so mit Glamour-Klamotten und Schlabberhosen und das Fernsehen frech. Woodstock ’69 sowie Flower Power hingen noch nach, Heavy Metal war gerade erst im Entstehen begriffen und der Glamour-Rock (Gary Glitter, T. Rex, Roxy Music usw.) war schwer angesagt.

Psychoaktive Substanzen waren zwar illegal, aber dennoch durchaus üblich und später beim analytischen Drogenpraktikum während meiner Chemieausbildung machte ich es selbstverständlich wie die meisten anderen auch und verkonsumierte die von den Proben übrig gebliebenen Reste (Schema: “Haste Haschisch inne Tasche, haste immer was zu nasche!“).

Leben und leben lassen lautete die Devise. Allerdings überspielte man damit auch die Tatsache, dass das deutsche Wirtschaftswunder unweigerlich zu Ende ging. D. h. wer bis jetzt noch nichts vom großen Kuchen abgekriegt hatte, der ging auch definitiv leer aus. Doch die Mark saß locker und wer wenig hatte, der bemühte sich nach Kräften, anderen das Geld aus der Tasche zu leiern. Ich machte dabei keine Ausnahme. In Büsum, wo ich die ersten drei Jahre des neuen Jahrzehnts verbrachte, fiel das auch gar nicht mal so schwer.

Das Krabbenpulen bildete standardmäßig den Zuverdienst. Seinerzeit gab es ja auch noch reichlich Krabbenkutter. Bei denen, die heute noch im Hafen liegen, fällt es den Touristen niemals auf, dass da die Netze fehlen. Die bereits an Bord gekochten Krabben wurden vom Hafen aus in großen Kisten bei den örtlichen Haushalten angeliefert und dann wurde eben schnellstmöglich gepult (weil leichtverderbliche Ware), Bezahlung nach Gewicht gepulter Krabben. Krabbenpulen kann man m. E. eigentlich nicht lernen. Man kann’s oder man kann’s nicht. Das ist angeboren. Ich konnte es. Aber ich sollte nicht. Weil dabei mehr Krabben in meinen Mund als in die zum Verkauf bestimmten Schalen wanderten. Damals wurden gerade die Perlebucht abgegrenzt und der Sandstrand aufgeschüttet. Den Kern des Walls zum Abgrenzen bildeten Steine von der Ostsee und die saßen voll mit Fossilien. Also nichts wie hin auf die Baustelle (Betreten verboten, Lebensgefahr!) und da die Fossilien (vorzugseise Belemniten und Seeigel) aus den Steinen rausgehämmert. Touristen nahmen die gerne als Souvenir mit und bei fünfzig Pfennig bis eine Mark pro Teil kam mehr rum als beim Krabbenpulen. Das ich beim Sammeln einmal fast ersoffen bin steht auf einem anderen Blatt, denn mit dem Gewitter-bedingten Windstau, der das Wasser vorzeitig und unglaublich hoch reindrückte, hatte nun wirklich keiner gerechnet. Da musste ich um mein Leben schwimmen – auch ‘ne Art, das Schwimmen richtig zu lernen!

Irgendwann war die Steinschüttung der Perlebucht aber so ziemlich abgegrast. Watt’ ‘nu? Geld bräuchte man … Was könnte man noch sammeln und an Touris verhökern? Logisch: Seesterne, Strandkrabben und Taschenkrebse. Vor den beiden letztgenannten Arten von Viechern hatte ich ziemlichen Respekt, denn die Strandkrabben konnten verdammt gemein zukneifen und die Taschenkrebse waren spielend dazu in der Lage, einem Finger oder Zehen zu amputieren. Musste halt gelernt werden, wie man das Viehzeug mit bloßer Hand fängt. Da ich noch über alle Finger und Zehen verfüge darf ich wohl von einem Lernerfolg ausgehen. Alle möglichen Chemikalien gab’s damals noch frei verkäuflich. Ergo wurde aus einer Apotheke Formalin (Formaldehyd) im Zehn-Liter-Eimer besorgt. Da kam das gesammelte Viehzeug rein. Am nächsten Tag wanderte das dann auf’s Flachdach. Das Trocknen besorgte die Sonne. Getrocknet kauften es anschließend die Touristen, Preise wie vor. Zugegeben, beim Sammeln der Seesterne bin ich einmal ins Hafenbecken gefallen; shit happens … Es handelte sich auch um die Zeit der großen Bauprojekte; so entstand damals gerade die neue Mole in Büsum.

Schwer angesagt waren die Butterfahrten. D. h. der Kahn fuhr über die Drei-Meilen-Zone raus und dann wurde an Bord zollfrei eingekauft. Offiziell ging’s dabei um verbilligte Butter. Das Hauptgeschäft aber bildeten ganz zweifellos Zigaretten und Alkohol, beides spottbillig zu kriegen. Je mehr desto besser und der Schmuggel dieser Waren geriet geradezu zum Volkssport. Durfte man sich eben nicht vom Zoll erwischen lassen. An Land wurde die steuerfreie Ware danach deutlich unter normalem Ladenpreis verkauft – unter der Hand, versteht sich – was auch einen gewissen “Mehrwert” brachte. Eine wichtige Rolle dabei spielte der Felsen – d. h. Helgoland – denn da gab’s obendrein auch noch spottbillige Unterhaltungselektronik (Import auf’s Festland selbstverständlich verboten, aber daran störte sich keiner). Ich weiß nicht mehr, wie oft ich seinerzeit auf dem Felsen gewesen bin, aber gelohnt hat es sich jedesmal. Insgesamt waren das drei sehr schöne Jahre mit zwar nicht viel, aber eigentlich immer genug Geld in der Tasche, auch wenn’s nicht wirklich legal erworben worden war. Aber das machten eben alle so.

Wieder zurück am Harzrand, so zu Zeiten der ersten Ölkrise, sah es dann etwas anders aus. Da mussten Abstriche gemacht werden. Viele Firmen hatten dichtgemacht und Arbeitsplätze wurden rar. Jetzt bekam auch der Allerletzte mit, dass es mit dem Wirtschaftswunder vorbei war. Nicht selten stand man im Lebensmittelmarkt vor leeren Regalen und die sonntäglichen Fahrverbote verdeutlichten drastisch, dass man vom Ausland abhängig war. Am meisten aber fehlten mir die gewohnten, schier endlosen Wattwanderungen. Auch das Geldverdienen fiel schwerer, denn das Vertickern lief nur noch auf Sparflamme, weil kaum einer noch Geld hatte. Dazu wurde in der einen Apotheke Schwefel gekauft und in der anderen Schwefelkohlenstoff. Den Schwefel im Schwefelkohlenstoff auflösen und über graue, nach nichts aussehene Wackersteine kippen, anschließend das (giftige) Lösemittel verdunsten lassen und schon hatte man schönste “echte Harzmineralien” (Steine mit Schwefelkristallen drauf) zum Verscheuern an ahnungslose Touristen zu hohen Preisen. Das bildete, zusammen mit den wirklich echten Mineralien, wohl auch so ziemlich meinen späteren Einstieg in die Chemie, obwohl der noch warten musste. Daneben war Ferienarbeit angesagt, nämlich in der Herstellung von Konservendosen, bei Schmalbach-Lubeca am Fließband.

Eigentlich lief das alles ziemlich monoton: Schule, schier endlose Hausaufgaben und in den Ferien immer das Fließband. Ich machte am Gymnasium noch die “Mittlere Reife” und danach nahm mich mein Erzeuger von der Schule, denn seiner Meinung nach gehörte sich das Abitur für jemanden aus meiner sozialen Schicht nicht. Konnte er ja machen, denn die Grenze zur Volljährigkeit lag bei 21 Jahren und die hatte ich noch nicht erreicht. Ich sollte, wenn es nach ihm gegangen wäre, Boxer oder Fußballer werden, denn (O-Ton) “die sind im Fernsehen und wer im Fernsehen ist, der ist auch reich“. Sah ich ziemlich anders und stieg völlig eigenmächtig in das Chemiestudium ein. Das aber kostete verdammt viel Geld, was bedeutete Fließband in der Freizeit sowie in den Ferien, frühmorgens Zeitungen austragen usw. Immerhin galt zu der Zeit ein gewisser Luxus bereits als Standard, d. h. Waschmaschine, Farbfernseher, Bad im Haus etc. War anfangs das Studenwohnheim in Braunschweig noch in bequemer Nähe zum Studienort gewesen, so musste aber letztlich aus Kostengründen doch wieder die alte Wohnung im Elternhaus herhalten, was täglich jeweils fünfzig Kilometer hin und zurück bedeutete. Nicht ganz einfach, denn die Bahn begann bereits massiv mit ihren Stilllegungen so genannter unrentabler Strecken. Das bedeutete für den Landbewohner endlose Reisezeiten mit mehrmaligem Umsteigen ohne Freizeit für Disco, Konzerte o. ä. Außer wenn man sich beizeiten außerhalb eine Schlafgelegenheit organisierte.

Braunschweig war in den 70ern auch ein heißes Plaster. Zu Beginn des Jahrzehnts hatten sich die ersten Rockervereinigungen gebildet und die nahmen es mit Recht und Ordnung nicht so genau, was dem typischen, obrigkeitshörigen, “anständigen Deutschen” gallebitter aufstieß. Um die Mitte des Jahrzehnts herum formierte sich die Punk-Bewegung mit der damals noch typischen Sicherheitsnadel in Backe oder Ohr. Mit solchen Leuten wollte doch keiner was zu tun haben, echt jetzt! Dabei galt auch da nur die Devise: Leben und leben lassen. Klar, man musste sich schon verteidigen können. Zusätzlich zu meinen zuvor bereits erworbenen Judo-Kenntnissen brachte mir ein Koreaner die Grundlagen des verbotenen Shi-Bu Mi bei. Das dient dazu, einen Gegner unter Verwendung aller verfügbaren Hilfsmittel entweder ins Krankenhaus zu bringen oder aber zu töten, denn Fairness ist was für Verlierer. Ich musste das nur einmal anwenden, als nämlich ein angetrunkener Punker im Braunschweiger Stadtpark mit einer Fahrradkette auf mich losging. Nachdem ich ihn ins Krankenhaus, wo seine gebrochene Hand gegipst wurde, begleitet hatte, wurden wir für viele Jahre (bis wir uns später irgendwann aus den Augen verloren) die dicksten Freunde.

Die 70er waren aber auch die Zeit, in der Deutschland nach dem Schock der Ölkrise energieautark werden sollte. Das bedeutete einen massiven Ausbau der Kernenergie und mich beschlich das Gefühl, dass so mancher vermeintliche “Volksvertreter” es mit dem Vertreten des Volkes nicht so genau nahm und sich die eigenen Taschen füllte. Die Umwelt ging ohnehin vor die Hunde, denn die Flüsse waren überwiegend begradigt worden, wurden von den Schaumbergen der phosphathaltigen Waschmittel verziert und der Rhein war, bar jeglichen Lebens, zum größten Abwasserkanal Europas verkommen. Mit dem “Wasser” im Rhein konnte man belichtete Filme entwickeln! Wer findet die meisten toten Fische? Für tote Pferde und Kühe gibt’s Extrapunkte! Giftmüll wurde immer noch, wie schon im vorausgegangenen Jahrzehnt, in irgendein Loch gekippt, Erde drüber und was ich nicht weiß macht mich nicht heiß. Hauptsache die Kasse stimmte und nach mir die Sintflut. Heute nennt man das Altlasten. Es gab Verzehrverbote für das im eigenen Garten angebaute Gemüse und für das Trinkwasser, weil beides zu stark mit Giftstoffen belastet war. Mangels zur Verfügung gestellter Alternativen wurde es aber trotzdem verzehrt. Gegen die Kernkraft jedoch regte sich zunehmend Widerstand.

Da war eine Großdemo angesetzt worden, nämlich in Brokdorf im Jahr 1977. Ich hatte ursprünglich vorgehabt, zusammen mit ein paar Kumpels daran teilzunehmen, denn auf die Straße gegangen war ich schon öfter und ich lebte die Devise “Wer sich nicht wehrt der lebt verkehrt” (tue ich auch heute noch). Allerdings wurde das von höherer Seite ganz und gar nicht gerne gesehen. Angesichts der Drohung mit einer Exmatrikulation verzichtete ich auch darauf. War vielleicht ganz gut so, denn wer weiß, was ich in der Schlacht von Brokdorf abbekommen hätte. Allerdings kam mir dabei auch siedend heiß zu Bewusstsein, dass es mit der vielbeschworenen Meinungsfreiheit nicht wirklich sehr weit her sein konnte – es sei denn, man vertrat die Meinung der Herrschenden. Wie groß war der Unterschied zwischen den beiden deutschen Staaten eigentlich wirklich? Unvergesslich bleibt mir aus der Zeit noch ein Referat über die Kernenergie. Ich sollte es halten und setzte mich daher mit den Konstruktionsprinzipien unterschiedlicher Atommeiler auseinander, arbeitete auch ihre Vor- und Nachteile heraus. Beim Siedewasserreaktor wies ich auf das Problem der Metall-Wasser-Reaktion bei Überhitzung hin und nahm damit die Katastrophe von Tschernobyl um sechs oder sieben Jahre vorweg. Aber Kritik war nicht gefragt. Besagtes Referat wurde zwar mit 1+ bewertet, aber halten durfte ich es keineswegs. Soviel zum Thema real praktizierte Meinungsfreiheit in Westdeutschland.

Das Leben begann, sich schneller zu verändern. Die Mikroelektronik läutete ihren Siegeszug ein, denn ICs in den Geräten waren erschwinglich geworden. Die Elektronikversender mit ihren Bausätzen hatten Hochkonjunktur und jeder, der nicht gänzlich ungeschickt war, lötete sich eben selbst zusammen, was er gerade benötigte. Die alten monauralen Radios wollte keiner mehr haben; Stereophonie war angesagt. Es gab die ersten (und noch sündhaft teuren) trüb-rot funzelnden LEDs auf dem Markt; der Taschenrechner war im Handel und löste im Betrieb die bis dato üblichen, nomografischen Hilfsmittel wie bspw. den Rechenstab ab. Ich würde in der Rückschau den Beginn der Digitalisierung in diesen Jahren ansiedeln und 1976 lötete ich mir meinen ersten Computer selbst zusammen. Wobei betrieblich genutzte Computer noch mit Lochkarten betrieben wurden. Im Fernsehen lief “Dalli Dalli” mit Hans Rosenthal und Heinz Haber brachte Otto Normalverbraucher noch recht unterhaltsam die Grundlagen der Physik bei. Ja, es existierte wirklich einmal ein Bildungsauftrag der Medien! Peter Frankenfeld galt als gerne gesehener Entertainer. Die Unterhaltung lief damals auch noch merklich vielseitiger ab als heute, wo zugekoksten Fernsehschaffenden bloß noch zum Gähnen und zur Übelkeit reizende Krimis einfallen.

Frank Zanders Sendungen oder “Klimbim” belegten, dass auch öffentlich-rechtliche Sender nicht unbedingt bieder bis zum Erbrechen sein mussten. Immerhin boten die 70er den Menschen auch etwas, was es heute nicht mehr gibt: Nämlich Perspektiven, sowohl beruflich wie auch privat. Damals konnte ein einziges arbeitendes Familienmitglied nicht nur eine vierköpfige Familie ernähren, sondern darüber hinaus auch noch Rücklagen für Auto, Haus und Urlaub bilden. Heute dagegen – es lebe die Wirtschaft! – braucht man zwei Jobs, um allein über die Runden zu kommen und eine Woche vor dem Ersten ist der Kühlschrank leer! Weil am Ende des Geldes immer noch so verdammt viel Monat übrig ist. Was bei all dem aber nicht vergessen werden darf ist der Kalte Krieg, der immer noch aktuell war. D. h. bergeweise Militär (Panzer, LKWs usw.) zählten zum Alltag und alle naselang wurden, gerade bei uns im Grenzgebiet, irgendwelche Manöver abgehalten. Zumeist von Seiten der Amis und Engländer. Die nahmen es hinterher mit dem Aufräumen nicht so genau. Bedeutet: Nach einem Manöver wurden deren Hinterlassenschaften durchforstet und da ließ sich i. d. R. viel Brauchbares abgreifen, angefangen von Kisten und Kanistern über Munition bis hin zum (selten) mal liegengelassenen Gewehr (bzw. einer Pistole). Selbstverständlich meldete niemand derartige Funde, sondern nahm immer mit, was er gerade gebrauchen konnte.

Das Jahr 1977 betrachte ich auch das Jahr meines ersten richtigen Jobs im neuen Beruf, obgleich das Studium ja noch weiter lief. Eigentlich wollte ich im Sommer vier Wochen Urlaub in Büsum machen. Aber dann lag da die “Solea”, ein Fischereiforschungsschiff, im Heimathafen, auf der ein Bekannter von mir als Matrose angeheuert hatte. Die brauchten sehr kurzfristig als Ersatz jemanden für vier Wochen im bordeigenen Chemielabor. Mein Bekannter fagte mich. Ja, warum eigentlich nicht? So wurde ich während des Schottland-Orkney-Törns zum Laborhelfer. Und immer dann, wenn die untersuchten Fischreste aus dem Labor oder die Abfälle aus der Kombüse achtern über Bord gingen, stürzten sich wahre Heerscharen von Möwen darauf. Die paar Viecher, die wir von Deck aus mit Blei fütterten, fielen dabei gar nicht auf. Immerhin: Im Verlauf der Fahrt wurde auch die Belastung der Meeresorganismen mit DDT untersucht – erstes und untrügliches Anzeichen dafür, dass man höheren Ortes so langsam begann, sich doch mal mit der Umwelt auseinander zu setzen. Denn der Mensch braucht die Erde. Aber die Erde braucht den Menschen nicht. Obgleich die See mitunter verdammt rau war, Brecher über das Vorschiff gingen und ich meine Arbeit zu erledigen hatte kam es mir irgendwie doch wie eine Kreuzfahrt der besonderen Art vor. Es war und blieb dann auch der einzige Urlaub, aus dem ich mehr Geld mit nach Hause brachte, als ich mitgenommen hatte. Seekrank wurde ich übrigens (ganz im Gegensatz zu anderen Personen) nicht.

Zurück zur Schlacht von Brokdorf: Überhaupt übten m. E. in den 1970ern offizielle Stellen hemmungslos Druck auf die Bürger aus, und zwar ganz legal vor dem Hintergrund des RAF-Terrorismus, denn in Westdeutschland regierte die Angst. Eine verängstigte Bevölkerung kann man leicht anleiten. Insofern spielten Baader, Meinhof, Ensslin, Raspe & Co. den Regierenden sogar noch in Hände. Überall witterte man nämlich Terroristen und jeder, der nicht widerspruchslos mitlief oder gar an Demos teilnahm, war von vornherein suspekt. Der Verfassungsschutz hatte satt zu tun, denn jeder, der sich kritisch äußerte oder betätigte, wurde hemmungslos bespitzelt. Ich selbst übrigens auch. Nicht nur wegen meiner Demo-Teilnahmen, sondern auch deswegen, weil ich über mein Hobby des DXings u. a. Kontakt zu Radio Moskau hatte. Kam erschwerdend noch ein Russe in der Familie hinzu. Zu der Zeit – was heute kaum vorstellbar ist – wurde selbst ein angehender Briefträger ganz hochoffiziell einer so genannten “Gesinnungsprüfung” unterzogen und es hagelte reichlich Berufsverbote. Es war die Schule des Lebens, die mir klarmachte, was Freiheit wirklich ist: Freiheit ist immer das, was einem die Herrschenden erlauben. Mal ganz abgesehen davon fragte ich mich angesichts der ganzen, verdammten Gesinnungsschnüffelei wirklich, ob es zwischen beiden deutschen Staaten so einen großen Unterschied gab, oder ob nicht nur beiderseits – wenngleich auch unter unterschiedlichen Vorzeichen – linientreue Untertanen gebraucht wurden. Ich halte es auch durchaus für möglich, dass die Grundlagen für die heute aus ihrem Urschleim kriechenden Neonazis in jenen Jahren gelegt worden sind.

Jedenfalls war die Ausbildung dann irgendann auch passé und ich stand als frischgebackener CTA auf der Straße, war dabei auch noch völlig pleite, denn die Semester in Braunscheig hatten alles restlos aufgefressen. Zuvor hatte es noch von hochoffizieller, politischer Seite geheißen, dass Leute mit so einer Qualifikation dringend gebraucht werden würden. Pustekuchen – das Märchen vom vermeintlichen Fachkräftemangel wird aber auch heute immer noch aufgewärmt. Dabei betrifft besagter Fachkräftemangel nur eine einzige, soziale Schicht, nämlich die ganz oben und vor allem in der jeweilgen Hauptstadt. Das konnte man schon vor Jahrzehnten begreifen und daran hat sich auch nie etwas geändert. Die Intention meines ersten, befristeten Jobs nach dem Examen bestand dann folglich auch primär darin, zuerst mal wieder zu Geld zu kommen. Was bedeutete, in der Fabrik zu wohnen und nur zum großen Schichtwechsel per Fahrrad die zwanzig Kilometer nach Hause zu fahren. Und zwar im Winterhalbjahr!

Das war 1978, Jobende am 28.12. – zum Glück! Denn nun ging der Katastrophenwinter 78/79 los. Wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten, bis die Bergepanzer von der Bundeswehr durchkamen. Survival ohne Strom und Wasser. Ich zählte mit zu den CB-Funkern, die den Kontakt mit der Außenwelt aufrecht erhielten. Was allerdings auch nur dadurch möglich war, dass ich die Funke “nicht ganz postalisch” hinsichtlich höherer Leistung und Reicheite umgefummelt hatte. Aber im Katastrophenfall interessierte das keinen. Wo kein Richter ist, da ist auch kein Kläger. Hinterher hieß es allerdings wieder: Aufpassen! Anschließend, als der ganze, weiße Mist geschmolzen ist, folgten die großflächigen Überschwemmungen. Das meinerseits gerade erst mühsam verdiente Geld musste sofort wieder investiert werden, nämlich in den PKW-Führerschein und in ein eigenes Auto. Denn ohne Mobilität war kein neuer Job zu bekommen. Auch daran hat sich niemals mehr etwas geändert, denn Geld regiert die Welt. Der Führerschein war damals mit rund 1.800 DM (etwa 900€) noch bezahlbar und man bekam auch noch wirklich vernünftige Gebrauchtwagen für relativ wenig Geld (1.700 DM). Mein VW-Käfer 1302 war das beste und zuverlässigste Auto, das ich jemals gefahren habe und wenn die Mäkelköppe vom TÜV nicht gewesen wären … sponge over ;) , äh, Schwamm drüber!

Mobil wurde es dann auch einfacher, wieder einen Job zu finden. Schließlich hatte ich sogar zwei zur Auswahl. Einen beim Staat und einen in der Wirtschaft. Ich entschied mich für die Wirtschaft, denn beim Staat … – wäre es das Militär gewesen. Und die (genauer der MAD) machten ein unheimliches Gewese darum, dass ich Jahre zuvor den Verfassungsschutz-Spitzel abgehängt hatte, dass ich an Demos teilgenommen hatte, Verwandtschaft in der DDR besucht hatte, KBW-Kontakte hatte, Kontakte zu Rado Moskau und zu Radio Peking hatte usw. Oder, kurzum: Die stießen sich daran, dass ich kein blinder Mitläufer geworden war. Ist so vielleicht auch besser gewesen. Dann folgte die zweite Ölkrise und damit die Notwendigkeit, sich wieder hinter dem Geld herhangeln zu müssen. In Folge hatte sich das Zeitfenster für die weitere berufliche Karriere respektive Bildung aber geschlossen und mein heimlicher Wunsch, die Kräutermedizin zum Beruf zu machen (meine Goßmutter hatte mir ja reichlich auf diesem Gebiet beigebracht und die Chemie ergänzte das durchaus) wurde per Gesetz beerdigt. Die 70er mögen wild und Partyjahre gewesen sein, aber nur für diejenigen, die sich auch wilde Partys erlauben konnten. Die vielen Farben und das lebensfrohe Verhalten kompensierten eigentlich nur die Kehrseite der Medaille.

Für die meisten Leute waren die 70er die Schule des Lebens: Bleib’ dir treu, um auch morgen noch in den Spiegel sehen zu können oder gib’ dich auf und werde zum (vielleicht reichen) bedingungslosen Mitläufer. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Manchmal ist der steinigere Weg der bessere!


Quelle und Kommentare hier:
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