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Erinnerungen: Die 1980er Jahre

Von (real)Asmodis

Noch’n Jahrzehnt aus Zeitzeugen-Sicht, nämlich nach den 1960’ern und 1970ern jetzt die 1980er in Westdeutschland.

Das war im Grunde genommen die Zeit der großen Veränderungen, denn in diesem Jahrzehnt hat die Computerei so richtig angefangen – zuerst mit Homecomputern wie dem ZX81, dem VC20 oder dem C64, danach mit den (IBM-) PCs. Programmieren musste man noch selbst, weil es zwar die Hard-, nicht aber die Software gab.

Auch erste Vernetzungen gab es, so z. B. mit BTX und Pattex-D, äh…, Datex-P. Hacking war noch nicht strafbar und wurde auch recht sportlich sowie mit einer gewissen Hackerethik (“Mülle nicht in den Daten anderer Leute rum!“) betrieben. Die bunten LEDs (die Farbe Blau ausgenommen) avancierten zum Standard und wurden bezahlbar. An den Space Shuttles konnte man technischen Fortschritt erkennen! Bis die “Challenger” explodierte und den Blick auf auf die Erbsenzähler lenkte. Also auf diejenigen, die heute das Sagen haben und denen der Mensch egal ist.

Unternehmen bemühten sich anfangs (noch) darum, verdiente Mitarbeiter zu halten, boten ihnen Perspektiven, Weiterbildungen und Aufstiegsmöglichkeiten. Etwas, von dem ich reichlich Gebrauch machte. Vier weitere Ausbildungen machte ich und opferte dafür im Prinzip zehn Jahre lang Freizeit und Feierabende. In der wenigen, verbleibenden Freizeit war das Reisen angesagt, so weit und so viel wie möglich. Ein akzeptabler Verdienst erlaubte das.

Zugegeben, bei einer dieser Reisen (einer Rucksacktour) fing ich mir irgendwo im nirgendwo Kala-Azar ein und hätte daran verrecken können. Das musste dann eben so Rambo-mäßig behandelt werden (d. h. mit viel Hochprozentigem und einem glühenden Taschenmesser für den Infektionsherd).

Auch Besuche meiner Verwandtschaft in der DDR waren mit dabei, wobei ich mich vor Ort – d. h. in Meißen – auch gleich nützlich machte, indem ich zusammen mit einer meiner Cousinen das “organisierte”, was gebraucht wurde, um bspw. den Fernseher zum Laufen zu bringen oder um die Flurbeleuchtung zu reparieren: Jeder westdeutsche Elektriker wäre einem Herzanfall nahe gewesen – aber es funktionierte alles! Not macht eben erfinderisch!

Als Radiocomedy lief “Papa, Charly hat gesagt…” und im Fernsehen gab’s als Serien “Ein Colt für alle Fälle”, das “A-Team”, “Der Mann in den Bergen” sowie “Miami Vice”. “Schimanski” wurde bekannt und die Kultserie der 80er schlechthin ist unbestritten “POGO 1104“. Die “Star Wars” Saga nahm ihren Anfang und so ziemlich jeder betätigte sich mit Compactkassette und Radio oder Plattenspieler als Raubkopierer.

Die Musikindustrie jammerte deswegen übrigens damals genauso wie sie das heute bei den MP3-Downloads tut – und auch mit den ewig gleichen, fadenscheinigen Argumenten. Die Brikettberge auf den Bürgersteigen waren selten geworden, denn mittlerweile heizte man vorzugsweise mit Öl oder Gas. Schien das Öl anfangs in absehbarer Zeit zu Ende zu gehen, so war eines schönen Tages von heute auf morgen wieder mehr als genug davon da.

Weil man einfach so Bitumen, Asphalt, Teersande u. ä. mit zu den Ölvorkommen gerechnet hatte – welcher Verbraucher durchschaute schon den Beschiss? Peak Oil war schon!

In den USA brach der Mt. St. Helens aus und die Exxon Valdez verursachte die schlimmste Umweltkatastophe Amerikas. Der Rubikwürfel trat seinen Siegeszug um die Welt an und beschäftigt noch heute viele Menschen. Dabei funktioniert der denkbar simpel: Einfach einen Eckstein abhebeln und dann kann man den Rest ganz bequem zerlegen und wieder im Grundmuster zusammenfügen. Man muss eben bloß mal etwas um die Ecke denken!

Bedingt durch den Aufstieg des von Otto Graf dem Abgewirtschafteten propagierten Neoliberalismus fing hierzulande die Individualität an, die Solidarität zu ersetzen: Die Gewerkschaften, zuvor noch schlagkräftig, wurden handzahm (gekauft?).

Individuell waren daher auch die Radiosender – und nicht immer legal: Piratensender hatten Hochkonjunktur! Da es den offiziellen Stellen kaum möglich war, effizient gegen diese Sender vorzugehen, trat man die Flucht nach vorne an. So entstanden die ersten Privatsender; im Fernsehen waren das Sat1 & RTL.

Die Piratensender bezogen nicht selten politisch Stellung und unterstützten die eine oder andere außerparlamentarische Gruppierung, so bspw. diejenigen, die sich den Umweltschutz auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Dazu zählten u. a. die Gruppierungen, die gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens auf die Straße gingen. Aber auch Greenpeace machte von sich Reden (weswegen der französische Geheimdient das Flaggschiff der Organisation, die “Rainbow Warrior“, versenkte), gerade auch wegen der damals noch üblichen Giftmüll-Verbrennungen und -Verklappungen auf hoher See. Die Grünen kamen mit Bastian und Kelly ins Parlament und – welch’ Wunder! – ganz zögerlich machten auf einmal auch die so genannten “Volksparteien” widerwillig Umweltpolitik!

Selbstverständlich gab es auch mehr als genug Probleme. AIDS hatte sein Nischendasein verlassen und trat seinen Weg in die breite Bevölkerung an. Aufgrund des NATO-Doppelbeschlusses waren in Deutschland reichlich Atomraketen stationiert worden. Als ich in diesem Jahrzehnt meine spätere Gattin kennenlernte, da wohnte sie im Gebiet eines Erstschlagsziels. Und da der Kalte Krieg noch nicht zu Ende war (genauer gesagt wurde er sogar nach der Gründung von Solidarnosc in Polen immer unberechenbarer), hatte ich immer ein ziemlich mulmiges Gefühl im Bauch, wenn ich sie besuchte.

Das Atommüll-Endlager “Asse” war inzwischen geschlossen worden, weil sich abzeichnete, dass es mit dem “Endlager” wohl nicht soweit her war – ganz egal, wieviele Gefälligkeits-Gutachten eine gewisse Behörde ausgestellt hatte (die entließ nämlich umgehend jeden, der nicht der Atomindustrie nach dem Munde redete, bis schließlich nur linientreue “Experten” übrig blieben). Nun, die Endlagersuche dauert heute noch an, und zwar vergeblich. Soll ich euch mal was sagen? Man wird keins finden. Niemals!

Dann ereignete sich die Katastrophe von Tschernobyl. Ich wohnte zu der Zeit mit meiner künftigen Ehefrau (5 Wochen nach der Katastrophe feierten wir die Hochzeit) bereits in Seesen zur Miete und es war reiner Zufall, dass ich ein Strahlungsmessgerät aus dem Labor über’s Wochenende zum Checken von ein paar Mineralien mit nach Hause genommen hatte – ganz offiziell übrigens.

Es war auch reiner Zufall, dass ich vergessen hatte, das Ding abzuschalten, als ich es im Wohnzimmer hinlegte. Plötzlich begann es zu ticken. Kurz danach zu pfeifen – die Strahlung aus der Ukraine war angekommen! Es dauerte aber noch relativ lange, bis unsere offiziellen Stellen die Bevölkerung informierten.

Wobei: Informieren ist wirklich der falsche Ausdruck! Verarschen trifft es wesentlich besser und auch die Medien aller Schattierungen machten da begeistert mit. Ich weiß das ziemlich genau, weil ich seinerzeit als Strahlenschutzbeauftragter des Betriebes, in dem ich arbeitete, zwecks Amtshilfe an die Feuerwehr “ausgeliehen” worden war – das, was man den Leuten erzählte und das, was die Messgeräte anzeigten unterschied sich teilweise um Zehnerpotenzen!

Seither weiß ich ziemlich genau, was ich von offiziellen Verlautbarungen zu halten habe und das tief sitzende Misstrauen gegenüber “denen da oben” ist im Laufe der Jahre nicht weniger geworden – ganz im Gegenteil sogar!

So ab der zweiten Hälfte des Jahrzehnts erlebten dann die Unternehmensberater (Schema: “Abgelacht, abkassiert, abgelocht, abgeheftet!“) ihren Aufstieg – also die Leute, die genau wussten, wie’s geht, aber selbst nicht konnten. Die Eunuchen. Mit deren Aufstieg wurde auch der Kauf von Titeln salonfähig und wer einerseits genug Kohle hatte und andererseits was auf sich hielt, der “besorgte” sich den Doktor oder Ingenieur.

Je renommierter eine Uni, desto begehrter und teurer der Titel. Sehr beliebt war dabei die Uni Moskau. Jedenfalls im Westen. Wie sich das mit dem Osten verhielt oder ob die Berliner Akademie der Wissenschaften der DDR solche Gefälligkeiten einfach übernahm weiß ich nicht.

Wie eine heutige Spitzenpolitikerin jedenfalls im besagten Zeitraum mit einer Chemie-Dissertation an einen Doktor in Physik gelangen konnte wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben.

Jedenfalls gab es plötzlich ganz viele solcher “Experten”, die fachlich zuvor kein Bein auf die Erde gekriegt hatten. Derartige Titel stellten die Eintrittskarten in diverse Führungsschichten dar und das bedeutete für erfahrene Mitarbeiter das Abwürgen von deren Aufstiegschancen und Perspektiven. Das geschah auch in dem Unternehmen, in dem ich selbst arbeitete.

Wirtschaftlich sah es plötzlich mit den ganzen Vollpfosten ganz oben nicht mehr wirklich gut aus und daher wurde einem der o. e. Eunuchen, einer sehr renommierten und weltweit tätigen Firma, die Möglichkeit eröffnet, im Betrieb sein bzw. ihr Unwesen zu treiben. Womit es wirtschaftlich noch schlechter wurde, denn bei prall gefüllten Auftragsbüchern blieben die Anlagen wegen Personalmangels stehen, wodurch die Kunden scharenweise absprangen.

Das aber sollte nur der Anfang sein (heute exstiert mein früherer Arbeitgeber übrigens nicht mehr), denn besagter Unternehmensberater, dem man Scientology-Kontakte nachsagt – was der aber immer ganz entschieden von sich weist -, brachte eine gewisse Psychosekte von oben her in das Unternehmen rein. In Folge schrieb man Mobbing ganz, ganz groß (es wurde zum Teil der Unternehmenskultur) und man sparte an allen Ecken und Enden, sogar bei den Arbeitsmitteln. Ich wurde selbst zum Mobbingopfer.

Die Arbeitsunfälle häuften sich; es gab sogar mehrere Tote. Ganz offiziell immer aufgrund von “menschlichem Versagen” und die ursächlich beteiligte Sekte konnte niemals zur Verantwortung gezogen werden. Aufgrund der fehlenden bzw. maroden Arbeitsmittel hatte ich zuerst einen Strahlungsunfall (mit radioaktiver Kontamination) und zog mir später die Legionärskrankheit (an der schon zwei meiner Kollegen krepiert waren) zu. Worum es sich bei der Infektion handelte, kam nur dadurch raus, dass ich meine Kompetenzen wissentlich und auf ganzer Linie überschritt (wofür ich eine Abmahnung kassierte), aber irgendwie hängt man ja doch am Leben, nicht wahr? Zumal ich gerade geheiratet hatte und wir beabsichtigten, auch eine Familie zu gründen. Was aber noch warten musste.

Mein Job war zu der Zeit durchaus riskant, da kein Schacht tief und kein Fabrikschornstein hoch genug ausfiel. Mit der Arbeitssicherheit nahm man es ohnehin nicht so genau. Die Frage, ob meine überstandene Krebserkrankung in diesem Jahrzehnt und auch mein Nahtoderlebnis auf den Strahlungsunfall und auf die Arbeit mit Mikroorganismen im nicht dafür ausgestatteten Labor zurückzuführen waren, ist müßig.

Gegen Ende des Jahrzehnts jedenfalls wurde zumindest betrieblich bereits auf breiter Front mit Computern gearbeitet und das stellte zuvor unbekannte Mittel zur Verfügung. Mittel, die ich begeistert einsetzte, denn ich führte Chemie und Mathematik – da vor allem statistische Verfahren – zusammen.

Das hatte zwei Ziele: Zum einen die Analytik anhand von kontinuierlich messbaren Summenparametern und zum anderen die Vorab-Computersimulation von Produktionsprozessen, um heraus zu finden, welche Anlagen wie einzustellen waren. Ein kleiner Beitrag zum Umweltschutz fiel obendrein noch mit ab, nämlich durch Chemikalieneinsparung und Giftmüllvermeidung. Hinsichtlich beider Ziele war ich durchaus erfolgreich und veröffentlichte dazu wissenschaftliche Papers in angesehenen Fachzeitschriften, auch wenn kaum einer meiner Kollegen wirklich begriff, wie das funktionierte. Was mit schöner Regelmäßigkeit zu Zoff mit “Titelkauf”-Vorgesetzten (die linientreu ihrer Sekte ergeben waren) führte.

Ein Arbeiten war das nicht mehr, sondern nur noch nackter Terror, gespeist von Bossing und Mobbing. Der letzte Tag des Jahrzehnts war daher auch nach elf Jahren durchaus erfolgreicher Tätigkeit mein letzter Arbeitstag im Unternehmen, denn ich kündigte – zumal ich ein äußerst lukratives Angebot von einem Konkurrenzbetrieb erhalten hatte. Dort hatte man offensichtlich begriffen, was in meinen o. e. Papers stand.

Zuvor geschah aber – unabhängig von der Arbeitsstelle – noch etwas gänzlich anderes. Zahlreiche DDR-Bürger hatten über die CSSR versucht, in den Westen zu gelangen. Das zusammen mit den Montagsdemonstrationen brachte das SED-Politbüro in Zugzwang und man machte sich seitens der DDR-Führung Gedanken über eine neue Reiseregelung.

So richtig ist eigentlich niemals geklärt worden, ob die Ankündigung von Günter Schabowski beabsichtigt war oder auf einem Versehen beruhte. Jedenfalls bewirkte sie den Mauerfall und die Trabis stürmten Seesen!

Und nun waren es wir Wessis, die auf einmal vor leeren Regalen standen. Was zuvor nämlich belächeltes Zonenrandgebiet gewesen war, das rückte von jetzt auf gleich in die Mitte Deutschlands. Kurz nach dem Mauerfall wurden dann auch weitere Grenzübergänge geöffnet und um die Verwandtschaft in Wernigerode besuchen zu können musste ich nun nicht mehr die halbe Weltreise über Braunschweig, Helmstedt (Marienborn) und Magdeburg in Kauf nehmen.

Ich persönlich befand mich seinerzeit mit meiner Meinung zur Wiedervereinigung – von der plötzlich alle redeten – in der suspekten Minderheit. Ich vertrat nämlich die Auffassung, dass es durchaus zwei deutsche Staaten geben könnte und dass die DDR uns im Westen durchaus etwas, von dem wir lernen könnten, vormachen würde. Sie brauchte dazu nur eine harte Währung und Unabhängigkeit von der Sowjetunion.

Und lernen hätten wir im Westen von der DDR allemal können, denn das dortige Sozialsystem war weitaus fortschrittlicher als bei uns. Möglicherweise auch das Bildungssystem, doch das kann ich nicht beurteilen. Doch da in der bundesdeutschen Verfassung was von “einem Deutschland” stand, wurde mir eben diese Meinung sogar als verfassungsfeindlich angekreidet.

Es kommt eben niemals wirklich gut, wenn jemand eine Auffassung vertritt, die der breiten Masse widerspricht. Aber was hat das dann noch mit mündigen Bürgern und mit Meinungsfreiheit zu tun? In politisch-gesellschaftlicher Hinsicht jedenfalls öffneten mir die 1980er noch mehr als zuvor die 1970er (in denen ich an der vermeintlichen, heilen Welt zu zweifeln begann) die Augen!


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