Es gibt Leben vor dem Tod

von frankjordan

Jeder kennt es: Kommendes, das einem zuwider ist. In der Zukunft liegende Situationen, die man nicht umgehen oder „ableiten“ kann. Auf der Skala vorweggenommener Gefühle rangieren sie irgendwo zwischen „Unannehmlichkeit“ und „blankem Entsetzen“.

Man kann versuchen, sowohl das Wissen um das Kommende, als auch die damit verbundenen Gefühle zu unterdrücken, oder man kann sich darauf vorbereiten.

Während meiner aktiven Zeit als Drachenflieger richtete ich mir mein Leben so ein, dass ich fast täglich in der Luft sein konnte. Natürlich zuallererst aus Freude an der Fliegerei. Aber nicht nur. Oft nahm ich mittags die Strecke zum Hausberg unter die Räder um der Routine Willen. Ich sagte mir: Je mehr du fliegst, umso besser wirst du. Und vor allem: Je öfter du startest und landest, umso sicherer wirst du. Start- und Landephase sind – egal, wie lange und hoch und weit der Flug dazwischen ist, egal, was für einen Begeisterungs-Rausch du dir holst – die entscheidenden, da immer potentiell tödlich. Auf einer Rampe, von der du mit 50 Kilogramm Fremdgewicht und 14 Meter Flügelspannweite in die buchstäbliche Leere rennst, kannst du dir keinen Fehler erlauben. Ein Abbruch ist nur möglich, solange du noch vor der Rampe stehst. Beim Landen dasselbe: Du bist auch nach sieben Stunden Flug erst dann in Sicherheit, wenn du mitsamt deinem Flügel am Boden stehst. Nicht zehn Meter über Grund, nicht einen Meter über Grund – erst wenn du stehst. Alles davor kann dir noch das Genick brechen.

Darum ist eine der einfachsten und wichtigsten Regeln jene des Sich-Wehrens. Gegen Wind und gegen keinen Wind, gegen das Gerät und immer auch gegen dich selbst: Unaufmerksamkeit, nachlassende Konzentration, Übermut, Grössenwahn und die Möglichkeit der Panik. Es gibt keinen, der dir helfen kann, ausser du selber. Sowohl Rampe, als auch Luft sind Orte äussersten Alleinseins.

Während diesen Jahren befasste ich mich gedanklich non-stop mit der Fliegerei. Alles war immer und überall direkt oder indirekt eine Vorbereitung auf die nächste Rampe, die nächste Landezone. Landschaften wurden nicht länger nach Gesetzmässigkeiten von Schönheit und Harmonie betrachtet. „Wenn du hier absäufst, bist du sowas von am Arsch!“ war der Gedanke, den ein romantischer Olivenbaumhain etwa auslöste. Sonnenblumenfelder wurden zu Crash-Zonen, Strände waren immer zu kurz und windwüstes Ödland das Landeglück schlechthin. Auch Rodungs- und Planierfantasien waren mir damals nicht fremd. Kurz: Wenn ich auf der Rampe stand, dann hatte ich diesen Moment hundertfach vorweggenommen, ihn mir zu eigen gemacht und mich dadurch von der Angst des stets neu Ungewissen befreit. Physische und mentale Kraft konnten ungehindert von Diffusem auf das aktive Tun im Jetzt konzentriert werden: Stark starten.

Ähnlich erging es mir, wenn ich vor Leuten zu sprechen hatte. Auch wenn es nur eine kurze Anmoderation war – ich hasste es und ich bereitete mich darauf vor, als ginge es „ums Töten“ wie man in der Schweiz sagt. Was dann halbwegs locker und fliessend rauskam, war hundertfach geübt. Darunter tat ich’s nicht.

Was auf der Hand liegt: Sowohl fliegen, als auch moderieren waren weder Diktat noch Zwangsläufigkeit. Ganz anders verhält es sich und verhalten wir uns, wenn’s um das natürliche Werden und Vergehen geht, das in jedem Fall mit dem Tod endet – unserem und dem anderer. Fliegen muss man nicht, Aufträge kann man ablehnen – wenn’s ums Sterben geht hat keiner eine Wahl. Egal, welchen kollektivistischen Utopien er Zeit seines Lebens anhängt, wie sozial oder sozial vernetzt er ist  – an dieser letzten Front wird er allein sein. Jene in der Etappe unerreichbar.

Warum bereiten wir  nicht vor auf das, was für die meisten von uns weit über den Skalawert „unangenehm“ hinausgeht und von dem wir wissen, dass wir es nicht werden umgehen können?

Die Rede ist hier nicht von frommem Eschauern wehleidiger Weltüberwindung, die sich in der Echokammer gleichgesinnt Erwählter erschöpft. Ebensowenig von obskurem Geheimwissen, das via rituelle Todesbeschwörung weder Verstand, noch Vernunft, sondern einzig die Nerven zu fordern vermag. Es ist viel einfacher. Es geht darum, nüchtern und konzentriert festzustellen, dass wir sterben werden. Und dass wir ebensowenig wissen wie, als auch wann. Es geht darum, dass wir heute entscheiden, wie wir mit diesem Wissen umgehen. Kurz: Es geht einmal mehr um Freiheit. Denn: Eine Freiheit von der auch nur ein Teil auf Verdrängung beruht, bleibt eine Scheinfreiheit – angeschlagen und stets gefährdet.

In Anbetracht der Tatsache, dass wir, ohne eine Wahl zu haben und unter Ausschluss- und Ächtungsandrohung unseres eigenen Staats, millionenfach von Menschen aus einem Kulturkreis bereichert werden, für deren gläubige Mehrzahl der Tod mehr Versprechen ist, denn Drohung, können wir uns solche Schwäche nicht leisten. Wenn wir – wie auf einer Rampe – mental und physisch in Bestform für ein Leben in Freiheit und gegen jeden Zwang einstehen wollen dann geht das nur mit gelösten Bremsen. Ansonsten bleiben die „liberalen Werte“, die es zu verteidigen gilt, der „demokratische Kampf“ um unsere Freiheit, die „starken Zeichen“, die wir setzen, jene lauwarmen und folgenlosen Beschwörungsformeln, zu denen wir sie haben verkommen lassen.

Ich weiss nicht, wer einmal gesagt hat, wem die letzte Stunde gehöre, der fürchte sich nicht vor den nächsten Minuten. Die Sprengkraft, der in diesen schlichten Worten enthaltenen Freiheitsmöglichkeit ist kaum zu fassen. Trotzdem war der Tod, das absolute und echolose Nicht-mehr-Dasein und Nie-mehr-Wiederkehren eines mir nahen Menschen notwendig, um zu verstehen, was der Urheber möglicherweise gemeint hat.

Die meisten von uns lieben das Leben. Im Umkehrschluss ist das Schlimmste, was passieren kann, der Tod. Wer nun das Schlimmste vorwegnimmt, indem er sich damit befasst und entscheidet, wie er mit dem Wissen darum umgehen will, lacht dem Zweitschlimmsten ins Gesicht. Wer sich freiwillig damit auseinandersetzt und akzeptiert, dass ihm dieser Moment äussersten Alleinseins, die Herauslösung aus jedweder Bindung von Familie, Freunden und Eigentum zwingend bevorsteht – was können einem solchen Menschen zeitgeistbedingtes Ausgegrenztsein, freiwilliges Abseitsstehen und der Panik entspringende Drohungen aus der Richtung sich leerender Schweinetröge des Staatlichen anderes sein, als ein beherztes „Jetzt erst recht!“?

Kleist hat in einem ganz anderen Zusammenhang einmal von dem Menschen gesprochen, der das Paradies verlassen und um die ganze Welt herumgehen müsse, um es auf der anderen Seite und durch die Hintertür erneut betreten zu können. Weder der Mensch, der dies tut, noch das Paradies werden danach dieselben sein. Tun wir es nicht, dann verharren wir oder zumindest ein Teil von uns in dem, was Solschenitzyn das „Gesetzt des Lagers“ nannte:  dahinleben in einem Sumpf von Vorsicht und Feigheit unter der obersten Regel, dass es am sichersten sei zu entscheiden, gar nichts zu entscheiden und noch weniger, etwas zu tun und dass „am Leben sein“ zu genügen habe. Eine kleinwüchsige Existenz zusammengekrümmt unter der dogmatischen Dachschräge derer, die nichts so fürchten wie echt freie Menschen.

Lassen wir den Tod nicht Drohung, sondern Wächter sein über unser Heute, unseren Verstand, unser Erleben und unser Entscheiden. Hören wir auf, andere dafür zu achten oder zu verachten für die Art und Weise, wie sie solches tun, sondern respektieren wir sie dafür, dass sie es tun. Es sind deren wenige genug. Und vor allem und einmal mehr: Es sind nicht die Rezepte, die zählen, sondern die Freiheit. Sie allein garantiert, dass individuelles Entscheiden und Glauben überhaupt möglich sind. Und nur darum geht’s.


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