EXPERTEN FÜR DEN BILD-LESER

Von Max Erdinger

Es ist bekannt, daß die BILD für ihre Machart schon oft zum Gespött geworden ist. „Mann erschoß zuerst sich und dann seine Familie. BILD sprach mit den Toten“, ist ein oft gehörter Kommentar, wenn jemand über die BILD herziehen möchte.

Mit Franz Josef Wagner beschäftigt die BILD außerdem einen der niederträchtigsten Schmiergriffel dieser Republik. Die Auflage der BILD befindet sich zwar im Niedergang, verfügt aber immer noch über eine beträchtlich große Leserschaft. Um die geht es im Folgenden. Schließlich verdankt die BILD ihre Beliebtheit der Tatsache, daß sie die Psyche ihrer Leser ziemlich gut einschätzt. Hier ein BILD-Bericht über den Flugzeugabsturz in Kolumbien, bei dem 71 Personen ihr Leben verloren haben.

http://www.bild.de/news/ausland/flugzeugabsturz/absturz-schoene-pilotin-49034990.bild.html

Zitat: >“Co-Pilotin starb auf ihrem Jungfernflug“< – Zitatende.

71 Personen verlieren ihr Leben, weil die Chartermaschine nicht genug Sprit im Tank hatte. Vier Augen sehen mehr als zwei. Deswegen gibt es Co-Piloten und Checklisten, die vor dem Start abzuarbeiten sind. Daß die Maschine wegen Spritmangels abgestürzt ist, fällt durchaus auch in die Verantwortung der Co-Pilotin. Zwar wäre verständlich, daß sie ausgerechnet auf ihrem Jungfernflug bei dieser Airline nicht in eine Kontroverse mit dem Piloten geraten wollte und deswegen den zu geringen Tankinhalt nicht bemängelte, aber das macht aus ihr noch nicht das herausragende Opfer des Absturzes, sondern sie bleibt eine der Verantwortlichen für die Katastrophe.

Zitat: >“Arias war der Stolz ihrer Familie, sie hatte bereits als Model Karriere gemacht. Ihre zweite Karriere endete in einer Katastrophe.“<- Zitatende.

Tatsächlich: Sisy Arias, die Co-Pilotin, ist eine außergewöhnlich hübsche Frau gewesen. Deswegen – und nur deswegen – ist es für den BILD-Leser von Interesse, daß sie bei dem Absturz gestorben ist. Es gibt nämlich schöne Bilder von ihr abzudrucken, die allesamt entstanden sind, als sie noch Model gewesen ist. Sisy im Bikini, Sisy mit verführerischem Lächeln und so weiter. Da ist der BILD-Leser traurig. So eine schöne Frau – so abgestürzt! Wer konnte uns das antun? Es ist doch so: Hätte Sisy Arias ausgesehen wie Renatus Künast oder der Barbara Hendricks, dann wäre der BILD nur geblieben, ein Foto des copilotösen Gesichtselfmeters zu drucken und zu titeln: „Dieses suizidale Monster riß 71 Menschen mit sich in den Tod!“ Aus und vorbei wäre es gewesen mit der Verantwortlichen als Opfer der unglaublichen Verantwortungslosigkeit von … – ja von wem eigentlich? Verkniffener Blick, Wärzchen neben der Knollennase und eine Figur wie ein wassergefülltes Kondom, das nach unten hängt – und schon wäre sie die Übeltäterin gewesen, auch für die BILD.

Nein-nein, die BILD-Zeitung schätzt ihre Leserschaft schon ganz richtig ein. Man präsentiere dem BILD-Leser eine schöne Frau, die auf grässliche Weise ihr Leben verloren hat – und schon spielt die Schuldfrage nur noch dann eine Rolle, wenn die Schöne dabei als unschuldig durchgehen kann. Die schöne Sisy hat aber das Leben von wenigstens 71 Personen auf dem Gewissen. Jedenfalls zum Teil. In der BILD aber kein Wort davon. Das würde nur die Story stören, insofern, als der Leser nichts von schönen, schuldigen Frauen lesen will, sondern nur etwas von schönen und unschuldigen. Da darf das Substantiv „Jungfernflug“ nicht fehlen. Es ist ideal! Deswegen kam auch keines der Synonyme für „Jungfernflug“ zum Einsatz. Schön, unschuldig, Jungfer. Davon wird der BILD-Leser ergriffen. Nicht einmal mehr im Traum kann er jetzt daran denken, seinen Zappadäus … ach, lassen wir das.

Und dann das noch – Zitat: >“Experten zum Crash in Kolumbien: Wie kann einem Flugzeug das Kerosin ausgehen?“<-Zitatende.

Gibt es in diesem Land noch irgendwelche Fragen, die sich der BILD-Leser (oder sonst jemand) alleine beantworten kann, ohne dazu auf einen „Experten“ verwiesen zu werden? Wie kann einem Flugzeug das Kerosin ausgehen? Aus demselben Grund, aus dem heraus der BILD-Leser schon einmal mit seinem Auto liegen geblieben ist, vielleicht? Es wurde zu wenig davon getankt? Kann das möglich sein: Zu wenig getankt? Wie soll man das wissen ohne Experten? Damit der BILD-Leser guten Gewissens eine Meinung haben kann, mit welcher er im Kollegenkreis bei der Frühstückspause brilliert, muß er sagen können, daß Experten seine Meinung bestätigt haben. Das Flugzeug ist abgestürzt, weil ihm der Sprit ausgegangen ist. Was sagt der Experte zu folgender Frage: Ist wirklich dem Flugzeug der Sprit ausgegangen, oder ist er dem Piloten und seiner schönen Co-Pilotin ausgegangen? Hat man schon jemals Autos schmerzerfüllt jammern hören, daß ihnen der Sprit ausgegangen sei? Oder sind sie einfach nur kommentarlos stehengebieben und die Fahrer haben gejammert? Wem ist das Kerosin über Kolumbien ausgegangen? Ist das Flugzeug verantwortlich? Und wenn nicht: Warum schreibt die BILD dann, dem Flugzeug sei der Sprit ausgegangen? Damit der Leser wegen der schönen Frau emotional recht angegriffen sein kann! Emotion bringt Leben in die Frühstückspause! BILD zu lesen macht lebendig! Also den Leser, nicht tote, schöne Frauen, die als verantwortliche Co-Pilotinnen so wenig Sprit im Tank ihres Flugzeugs hatten, daß das 71 Passagiere mit ihrem Leben bezahlen mussten. Schöne Frauen sind nie an etwas schuld.

Dem BILD-Leser geht es nicht um Tatsachen. Dem BILD-Leser geht es um das BILD-Gefühl. Die BILD und ich. Zusammen sind wir WIR. Meine BILD-Zeitung kennt mich. Von meiner BILD fühle ich mich angenommen, so, wie ich eben bin. Meine BILD gehört zur Familie. Wahr ist: Der BILD-Leser ist ein dummes, egozentrisches Arschloch! Als solches wird er von der Redaktion der BILD bestens bedient. Stories von Arschlöchern für Arschlöcher. „Schöne Co-Pilotin stirbt bei Absturz, weil dem bösen Flugzeug, der knickerigen Airline oder dem knausrigen Piloten der Sprit ausgegangen ist, nur ihr selber nicht.“ – meine Fresse! Die Experten wissen, warum dem Flugzeug und niemandem sonst der Sprit ausgegangen ist. Und das Schlimmste: Auch der BILD-Leser ist wahlberechtigt.


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