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Feindsender Schweiz

Von Volker Kleinophorst

Der ARD-Faktenfinder jagt jetzt Fake-News in der Schweiz. Denn „Swiss Propaganda Research“ wirft Medien Zensur und Propaganda vor. Schlimm: Auch Deutsche unter den Lesern.

Muss man zu einem Thema mal wirklich dezidiert Flagge zeigen, ist bei der ARD der Faktenfinder dran. Obwohl vor der eigenen Türe sicher genug zu „finden“ gäbe, schickt man seine Fake-News Jäger lieber vor fremde Türen, ob da denn alles sauber „gefaked“ ist.

So lesen wir in Fefes Blog:

„Aus der beliebten Satireserie ,ARD Faktenfinder‘. Heute: Die ARD, das überregional bekannte Bollwerk gegen Fake News und Propaganda, wehrt jetzt auch Propaganda aus der Schweiz ab (…) indem sie sie (die „Faktenfinder“ die Studiengruppe Swiss Propaganda Research) der Propaganda beschuldigen und ihre Ergebnisse unseriös nennen.“

Es geht um die Seite „Swiss Propaganda Research“ (SPR), die sich sowohl mit Propaganda in Medien befasst. Beim drüber scrollen und hier und da mal reinlesen, in die mir vorher völlig unbekannte Seite: Macht optisch auf seriös, auch die Artikel dezidiert und auch vielfach belegt. Da gibt es wirklich Verrückteres im Netz.

Silvia Stöber vom Faktenfinder steigt so ein:

 „Die Website nennt sich „Swiss Propaganda Research“ (SPR); Layout und Formulierungen wirken seriös, die Vorwürfe gegen Medien in der Schweiz und Deutschland gewichtig: Von „einseitiger“ Berichterstattung bei geopolitischen Konflikten ist die Rede, von einer „Zensurschraube“.

„Als Beweis sollen Untersuchungen einer Forschungsgruppe dienen, zum Beispiel zur Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Schweizer Rundfunks.“

Man merkt schon, die Fake-News Jägerin ist SPR und ihren Inhalten gegenüber nicht sehr aufgeschlossen.

Vermeintlich, Verschwörungstheorien, Rechtspopulismus, Echokammern (Welche Agentur hat sich eigentlich den Blödsinn ausgedacht?), Desinformation, Propagandisten ist denn auch die weitere Tonlage des Textes. Mir reicht es ja eigentlich meist schon an der Stelle. Wer dieses Propaganda-Neusprech benutzt, der gibt sich doch selbst zu erkennen.

Um der SPR den Todesstoß zu versetzen, zieht Silvia Stöger zwei Schweizer Medienwissenschaftler heran, Vincent Wyss, Journalismus-Professor in Zürich und Winterthur „Wissenschaftlicher Wert ist nicht zu erkennen“ und  Stephan Russ-Mohl, Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Università della Svizzera italiana in Lugano)

„Ich halte diese Studien ihrerseits für Propaganda, nicht für seriöse Forschung über Propaganda.“ und „Ich habe Zweifel, ob es sich um Forscher handelt.“

Außerdem sei es unseriös, wenn angebliche „Wissenschaftler“ anonym bleiben wollten.

„Das geht gar nicht, jedenfalls nicht in einem Land wie der Schweiz“.

Dabei gibt es dafür gute Gründe, die auch von Swiss Propaganda Research formuliert wurden:

„Die Mitglieder der Forschungsgruppe möchten persönliche Diffamierungen und berufliche Sanktionen vermeiden und haben sich deshalb entschieden, nicht namentlich aufzutreten. Wir bitten um Verständnis und sind zuversichtlich, dass die präsentierten Informationen für sich selbst sprechen können.“

Der Schweizer Publizist Daniele Ganser dazu gegenüber der deutschen Webseite Rubikon, des Journalisten Jens Wernicke, Autor von „Lügen die Medien?“:

„Ich kann verstehen, warum die Autoren von Swiss Propaganda Research ihren Namen nicht öffentlich bekannt machen. Denn gerade bei umstrittenen Themen kommt man sehr unter Beschuss wenn man sich außerhalb des erlaubten Narrativs äußert. Ich weiß nicht, wer hinter Swiss Propaganda steht. Aber ich weiß, dass ich selber sofort angegriffen wurde, nachdem ich 2006 in einem Artikel im Tages Anzeiger eine neue öffentliche und ehrliche Untersuchung der Terroranschläge vom 11. September 2001 und vor allem vom Einsturz des dritten Gebäudes WTC7 forderte. Ich hab das nicht anonym getan, sondern mit offenen Karten, mit meinem Namen und Foto. Daraufhin wurde ich von verschiedenen Zeitungen heftig als ,Verschwörungstheoretiker‘ angegriffen. So läuft das hier in der Schweiz und auch in Deutschland und Österreich. (…) Darum kann ich es verstehen, dass die Autoren von Swiss Propaganda Research anonym bleiben, die haben keine Lust diffamiert zu werden. Ich finde vor allem den Mediennavigator 2017 sehr interessant. Er deckt sich mit meinen Erfahrungen und Analysen.“

Nachvollziehbar, oder?

Was hat eigentlich die Aufmerksamkeit des Faktenfinders erregt? Schließlich sind die Zugriffszahlen der Webseite mit 120.000 Besuchen (Page Impressions PI) pro Monat ziemlich übersichtlich. (Zum Vergleich jouwatch hat 10 Millionen PIs pro Monat.)

Aber Gefahr, Gefahr die Zahlen steigen kontinuierlich und 77% der Nutzer kommen aus dem deutschen Medienkäfig.

Nun hat SPR zu dem Text mehrfach Stellung genommen:

„Auf der sachlichen Ebene werden im Artikel primär zwei Kritikpunkte angebracht: Erstens, der Beobachtungszeitraum der SRF-Analyse sei zu kurz. Hierbei wird übersehen, dass es sich bei der SRF-Analyse nicht um eine longitudinale Studie handelt (wie etwa bei der NZZ-Studie), sondern um eine detaillierte audiovisuelle Programmanalyse – mit ebenso signifikanten Resultaten.

Zweitens wird die Anonymität der Studienautoren bemängelt. Hierbei wird übersehen, … das diese für die Beurteilung einer wissenschaftlichen Arbeit schlicht nicht relevant sind. Durchaus relevant ist indes der Persönlichkeitsschutz kritischer Forscher – wie gerade auch der ARD-Beitrag einmal mehr vor Augen führt.“

„Der ARD-Beitrag über Swiss Propaganda Research hat für zahlreiche Reaktionen und Recherchen in kritischen Onlinemedien gesorgt. Dabei stellte sich heraus, dass die um Unabhängigkeit bemühte ARD-Autorin offenbar selbst mit diversen transatlantischen Stiftungen und Denkfabriken vernetzt ist, während der im Beitrag zitierte Winterthurer Medienprofessor – der unserer SRF-Analyse »keinen wissenschaftlichen Wert« abgewinnen konnte – gleichzeitig Mitglied in einem Regionalvorstand des öffentlichen Rundfunks ist. Trefflicher hätten unsere Befunde zu transatlantischen Mediennetzwerken und der Situation in der Medienwissenschaft vermutlich nicht bestätigt werden können.“

Außerdem erklärt man:

„Die Seite »PI-News« nahm (bislang) keinen Bezug auf SPR (allenfalls dortige Leserkommentare); 2) Angaben zur Finanzierung von SPR finden sich auf der Kontaktseite: Es besteht keine Fremdfinanzierung.“

Zusätzlich weist SPR auf eine Kritik zum ARD-Beitrag hin inklusive Antwort der Autorin.

 Und da findet man ein paar Fakten zu Faktenfinderin Silvia Stöber:

Stipendiatin der Boschstiftung, die transatlantische Verbindungen stärken möchte, des Marion Dönhoff-Programms, das als Partner in Russland ausschließlich Kreml-kritische Medien benennt und das „Internationalen Journalisten-Programme“ IJP, von Springer, Allianz, Deutscher Bank, Goldmann Sachs, dem Auswärtigen Amt und dem britischen Außenministerium finanziert. Auch auf Konferenzen des Atlantic Council, des German Marshall Fund of the United States und der Konrad Adenauer Stiftung taucht sie auf. Als Teilnehmerin, nicht als Berichterstatterin.

Nach Meinung von Silvia Stöber doch das Normalste von der Welt:

„Die internationalen Journalistenprogramme bieten Stipendien für viele Länder. Ich habe nicht erlebt, dass ein Finanzier Einfluss ausgeübt hat. Was zählte, waren Sprachkenntnisse und Vorkenntnisse über das zu bereisende Land.“

Niemand schreibe ihr vor, was sie zu schreiben habe.

Das hört man ja allenthalben und muss dazu einfach immer wiederholen:

Es kommen die Kollegen in die wichtigen Positionen, die von selber wissen, welches die „richtigen“ Fragen und Themen sind. Wer sich als junger Reporter für die „falschen“ Geschichten interessiert, kommt gar nicht in die Position, wo er „frei“ seine Meinung sagen kann.

Silvia Stöber ist der beste Beweis, wie „moderne Berichterstattung“ funktioniert und warum es mehr als schlau ist, da misstrauisch zu sein.

***

PS.: Rubikon hat noch ein paar aufschlussreiche Links zu Frau Stöber zusammengestellt:

https://www.boell.de/de/person/silvia-stoeber http://www.rationalgalerie.de/schmock/ard-freie-mitarbeiter-sind-so-frei.html

https://www.schader-stiftung.de/personen/artikel/silvia-stoeber/

http://www.ostpol.de/autoren/379-Silvia-Stober


Quelle und Kommentare hier:
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