Flucht vor Maas ins Russen-Facebook

von Wolfgang Prabel

Justizminister Maas kann zensieren soviel er will. Die Leute werden auf ausländische Angebote ausweichen. In der DDR sah auch keiner die „Aktuelle Kamera“.

Heiko Maas will das Internet zensieren lassen. Und zwar nicht von irgendwelchen Behörden, sondern in Public-private-Partnership. Die Spitzelei wird aus dem Staatsapparat ausgelagert und von Medienunternehmen erledigt, damit man sich nicht über den Gerichtsweg wehren kann. So sein sinistrer Plan.Aber bringt das was? Solchen Aktionismus wider die Freiheit der Information gab es immer schon. Sie liegt in der Natur von elitärer Herrschaft. Der Führer hatte das Hören von Feindsendern verboten. Trotzdem wurde Radio London gehört, je länger je lieber. Mit dem Volksempfänger ging das technisch nicht. Man brauchte dafür ein hochwertigeres Gerät. Eine zeitgenössische Anekdote dazu:

„Beim Volksempfänger hört man Deutschland über alles, beim Großempfänger hört man alles über Deutschland!“

Auch in meiner Kindheit waren alternative Wahrheiten den Herrschenden ein Ärgernis. Ab 1960 kauften immer mehr Leute einen Fernseher. Obwohl die Geräte schweineteuer waren. Ich habe noch die Originalquittung: 1.070 Ostmark. Das waren zu der Zeit drei volle Monatslöhne. Die Geräte hatten rechts unten einen Knopf, an dem man drehen konnte. Und wenn man drehte, kam irgendwann zwingend ein Westsender, wenn man nicht gerade in Dresden oder in Stralsund wohnte. Und wenn man weiterdrehte, war man wieder in Adlershof. Das Drehen gefiel der Partei-und Staatsführung überhaupt nicht. Das Westfernsehen wurde geächtet, und alle, die vom Staat noch irgendwas wollten, mussten so tun, als wenn es den Westen nicht gäbe.

An die Sowjets traute sich keiner heran…

Eifrige Funktionäre ließen den Westkanal „ausbauen“, so nannte sich das Unschädlichmachen des Empfangsgeräts offiziell. Andere hängten die Antenne verkehrt herum unters Dach. Denn an der Ausrichtung der Antenne – auf Inselsberg oder Hohen Meißner – konnten die Anettas und Heikos der sechziger Jahre die Gesinnung prüfen. Auf Plattenbauten wurden Gemeinschaftsantennen installiert, um eine Antennenausrichtung zu erreichen, mit der man nicht oder schlecht Westsehen konnte. Auch dabei gab es Missgeschicke, wenn die Mieter sich einig waren.

Ein ganzer Plattenbau im Süden von Weimar war auf den Hohen Meißner ausgerichtet, so dass der Ostempfang grottig war. Das störte niemanden. Der Großvater meiner Freundin war ins Rentenalter gekommen und durfte raus. Seine Verwandten hatten ihm einen Dekoder für das ZDF geschenkt. Bei der Wiedereinreise wurde er an der Grenze gefilzt und musste das teure Gerät rausrücken.

Wenn ich mal „Meister Nadelöhr“ oder „Flax und Krümel“ aus Adlershof sehen wollte, wurde die Mama unters Dach an die Antenne abkommandiert. Unten im Erdgeschoß kontrollierte der Papa ob man schon was sehen konnte, während Mutter an der Antenne drehte. Wenn die Richtung stimmte, kam ein lautes Kommando über zwei Etagen. Funktelefone gab es noch nicht. Die Nachbarn werden sich bei dem Geschrei natürlich was gedacht haben.

Im Nachbarhaus wohnten russische und tartarische Offiziersfamilien. Die sahen auch nur West, und klatschten sich vor Begeisterung auf die Schenkel, wenn Herr Nonsens im „Blauen Bock“ Blödsinn machte. Das konnte jeder sehen, denn Gardinen hatten die fortschrittlichen Sowjetmenschen nicht. Die traute sich auch niemand zu verpfeifen.

Wie im Märchen vom Schweinehirten

Die finale Schwachstelle bei der Geheimhaltung der häuslichen Sehgewohnheiten waren die Kinder. Egal ob „Lassie“ oder „Fury“, ob „Das Halstuch“ oder „Auf der Flucht“, ob Klaus Havenstein oder Didi Hallervorden, spätestens am nächsten Tag wurde in der Schule alles, aber auch alles  ausgeplaudert. Und manche Eltern fragten wiederum ihre Kinder gezielt, wer von den Klassenkameraden am Vortag was gesehen hatte. Es war wie im Märchen vom Schweinehirten, wo der Hirt mit seinem Spezialtopf riechen konnte, was in jedem Haus gekocht wird, nur dass es ums Fernsehen ging. Fast jeder achtete auf fast jeden, aber fast keiner sah die „Aktuelle Kamera“.

Auch zum Westfernsehen habe ich eine Anekdote gefunden: Angesichts der täglichen Stromsperren zwischen 16 und 18 Uhr fragt der Lehrer wie bei seinen Schülern zu Hause Energie gespart wird. Fritzchen antwortet:

„Wir sehen nur noch West. Da kommt der Strom von den Bonner Ultras“.

Da mein Vater sich im Staatsdienst befand, musste ich abends um sieben ins Bett gehen, bis ich aus dem Fernsehalter raus war. Jeden Abend gab es ein Theater im Wohnzimmer. Nach dem Sandmännchen wurde ich aufgefordert, mich in die Küche und anschließend ins Bett zu begeben. Manchmal leistete ich so ausdauernden Widerstand, dass ich noch „das Wetter“ oder gar den Anfang der „Aktuellen Kamera“ sehen konnte. Aber Vater wollte eigentlich lieber so fix wie möglich umschalten zu so interessanten Sendungen wie dem heiteren Beruferaten mit Robert Lemke, Guido, Anette und Hans Sachs „Was bin ich?“, in welchem die Kandidaten Farbe bekennen mussten: „Welches Schweinderl hätten Sie denn gerne?“.

Oder die Ratesendung „Wer ist der Mann?“ und Krimis wie „Graf Yoster gibt sich die Ehre“ und „Die seltsamen Methoden des Wanninger“ mit dem unvergesslichen Assistenten Fröscherl.

Rettung durch das Verfassungsgericht?

Gebracht hat der ganze staatliche Terror nichts. Nach zehn Jahren war das Westsehen so verbreitet wie Schnupfen und Stubenfliegen. Heikos Verbote werden auch nicht nachhaltig sein. Die Leute werden auf andere Angebote und in demokratische Länder ausweichen. Russen-Facebook und Türken-Twitter vielleicht. Oder das Bundesverfassungsgericht rettet Zuckerbergs Fratzenbude und macht Heiko einen dicken Strich durch die Rechnung.


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