Clicky

G-20: Der Gipfel der Überschattung

Von Max Erdinger

Was ist in Hamburg gestern passiert? Gab es linksextremistische Ausschreitungen des schwarzen Blocks? Ja, die gab es. Das Schanzenviertel ist praktisch verwüstet. Es kam zu Plünderungen eines Drogeriemarktes und eines Supermarkts, Autos wurden abgefackelt, Vermummte warfen Flasche auf Polizisten und die Polizei griff für bundesdeutsche Verhältnisse hart durch. Aber das alles zusammengenommen, – was war es? Waren es alarmierende Zustände von Gesetzlosigkeit und Gewalt?

Die WELT kennt die Antwort:

„Der Gipfel wurde von Krawallen überschattet.“

Da haben wir den Salat. Schatten über dem Gipfel. Das hätte man vorher wissen können. In Hamburg sind die Gipfel dermaßen niedrig, daß sie schon mal überschattet werden können.

Dieser Ausbruch unschöner Schattigkeit ist aber so heftig gewesen, daß man sich als nächsten schönen Gipfel sicherheitshalber den Mount Everest aussuchen sollte. Den stellt nicht mal die Rote Flora in den Schatten.

Weil wir aber alle miteinander phantasievolle „die Menschen“ sind, können wir uns natürlich auch ohne den Mount Everest vorstellen, wie schön der Hamburger Gipfel ausgesehen hätte, wenn er nicht überschattet worden wäre. Was gibt es schöneres, als einen sonnigen Gipfel, auf dem sich die mächtigsten Politiker der Welt gegenseitig auf den Füssen herumstehen? Da kommt menschliche Nähe auf.

Nicht immer nur über Regierungssprecher, Telefon, E-Mail und Videokonferenz miteinander reden, sondern sich persönlich kennenlernen. Wie riecht Trump? Hat Putin tatsächlich einen kräftigen Händedruck? Sieht die Frau Macron wirklich schon aus wie 65? Gefällt den wichtigen Leuten aus aller Welt der Beethoven in der Elbphilarmonie? Werden sie sich gern an das Konzerthaus auf dem Gipfel erinnern, oder werden sie sich konsterniert fragen, wie ein Land mit so einem schönen Konzerthaus von solchen Leuten regiert werden kann? Das sind so Fragen, die sich am besten auf einem der Hamburger Gipfel klären lassen. Wenn er nicht überschattet wird.

Was, wenn sich die Potentaten dieser Welt aber fragen, warum es die Deutschen hingenommen haben, daß es zur Überschattung kommt? Es wird ihnen nicht entgangen sein, daß die Überschattung von der politischen Wettervorhersage in Deutschland prognostiziert worden ist, ehe alle auf dem Gipfel eingetroffen sind.

  • Warum hat man nichts gegen die drohende Überschattung unternommen?
  • Ob die Deutschen der Welt wohl vorführen wollten, daß demokratisches Demonstrationsrecht und gewalttätige Randale in einem toleranten Land jede Überschattung zu überstrahlen haben?
  • Damit sie mal etwas lernen in Sachen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Toleranz, vielleicht?
  • Was sagt der deutsche Innenminister dazu?
  • Nichts?
  • Warum nicht?
  • Weil er seine Brille nicht gefunden hat und rein gar nichts sehen konnte?

Oder mal ganz ketzerisch gefragt:

Ist wirklich der Gipfel überschattet worden?

Oder stehen nicht vielmehr alle diejenigen noch immer im Schatten, die statt des Autos, das sie gestern vormittag noch hatten, heute nur noch einen unansehnlichen Haufen Schrott vor der Haustür stehen haben, um dessen Entsorgung sie sich vorerst auf eigene Kosten kümmern müssen?

Wieviel Schatten können Familien von verletzten Polizeibeamten eigentlich tolerieren, ehe sie den Glauben an die demokratische und rechtstaatliche Sonne im Gemüt ihrer Volksverteter verlieren? Und woran glauben sie als nächstes?

Die Ausgeplünderten, Verletzten und Beraubten: Heute noch so sehr Fan der kommunal- und bundespolitischen Toleranz den Linksextremisten gegenüber wie gestern?

Und wenn nicht: Fan wovon heute?

Wenn ich mir anschaue, wie die Gipfelstürmer andächtig Kent Nagano lauschten, der in der Elbphilharmonie noch das letzte Quäntchen Erbaulichkeit aus Beethovens Neunter herauspresste, um den Reinholdmessners der internationalen Gipfelei Bewunderung für die alte Kulturnation zu entlocken, während draußen der Krieg gegen die Bürger tobte, dann frage ich mich schon, was in Hamburg überschattet worden ist.

Der Gipfel wohl kaum, sondern eher die Niederungen des Untertanenalltags. Und ich frage mich, welche Änderungen sich dadurch in den Einstellungen der tatsächlich Überschatteten ergeben. Ob sie heute wohl fanatischer und gläubiger an der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit hängen als gestern?

Wir stehen vor allgemein schattigen Zeiten, glaube ich.