General Günzel über Wehrmacht und Bundeswehr

von EA

Brigadegeneral a.D. Reinhard Günzel und CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann

General Günzel, bekanntgeworden durch seine Unterstützung des CDU-Bundestags- abgeordneten Hohmann, der eine Diskussion über den Begriff „Tätervolk“ forderte, hat bekanntlich diesen Einsatz mit seiner fristlosen Entlassung bezahlt. Seither formuliert er immer wieder mit klaren Worten seine Kritik am herrschenden System. Der folgende Text stellt dar, dass die Bundeswehr –  verhängnisvoller Weise – nicht in der Tradition der preussischen und reichsdeutschen Wehrmacht steht und stehen darf. Aber warum?

Das wird bei Günzel zu wenig klar: Die Bundesrepublik ist kein souveräner Staat, sondern ein staatsähnliches Provisorium unter alliierter Vormundschaft, und die Bundeswehr ist keine deutsche Armee, sondern eine (schlechtbezahlte) NATO-Söldnertruppe. Wer das weiss, den erstaunen die Ausführungen Günzels nicht. Es wäre zu wünschen, dass Günzel selber diesen letzten Schritt noch vollzöge: Die Bundeswehr kann keine deutsche Traditionslinie aufnehmen, solange Deutschland besetzt ist. Deutschland aber kann sich nicht im Alleingang befreien – dazu braucht es ganz Europa. Und die einzige Bewegung, die sich die Befreiung Europas mit aller Konsequenz auf die Fahne geschrieben hat, ist die EUROPÄISCHE AKTION. Wir würden uns freuen, General Günzel bei uns willkommen zu heissen.

Bernhard Schaub


Brigadegeneral a.D. Reinhard Günzel war von 2000 bis 2003 Komman­deur des Kommando Spezialkräfte (KSK), der Elitekommandoeinheit der Bundeswehr, die seit 2002 in Afghanistan im Einsatz ist. Der ehemalige Fallschirmjäger, Jahrgang 1944, studierte Geschichte und Philosophie.

Zusammen mit dem ehemaligen General der Wehrmacht Wilhelm Walther und dem Schöpfer der GSG 9, Ulrich K. Wegener, veröffentlichte er im Herbst 2006 den Bildband „Geheime Krieger. KSK, Brandenburger, GSG 9. Drei deutsche Kommandoverbände im Bild“ (Pour le Merite, 2006).


Von der Verteidigungs‑ zur Interventionsarmee:

Entstehung und Wandel der Bundeswehr vom geteilten zum teilvereinigten Deutschland

Brigadegeneral a.D. Reinhard Günzel
(Oktober 2006)

Es gibt geschichtliche Phänomene, die sich dem Betrachter nicht so ohne weiteres erschließen.

Wie ist es zum Beispiel zu erklären, dass man während des gesamten Mittelalters selbst an vornehmsten europäischen Fürstenhöfen unter jämmerlichen Hygienebedingungen förmlich dahinvegetierte, obwohl doch die Römer die modernste Heizungs‑ und Bädertechnik importiert hatten?

Oder: wie ist es möglich, dass 60 Jahre, nachdem deutsche Soldaten an allen Fronten und unter allen klimatischen Bedingungen Leistungen erbracht haben, vor denen sich die Welt in stummer Bewunderung verneigt, wiederum deutsche Soldaten als die „Hasen vom Amselfeld“ eine traurige Berühmtheit erlangten, als im März 2004 ein bis an die an die Zähne bewaffneter Panzergrenadierzug vor einer Bande marodierender Kosovaren die Flucht ergriff?

(Wobei sich unsere Soldaten in einer komfortablen Situation befinden, denn eine Armee, die Waffenstolz und Ehre kaum noch kennt, kann diese auch nicht verlieren.) Nun wissen wir nicht erst seit Schopenhauers Arbeit über die „Vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“, dass auch die kaum fassbaren Ereignisse immer auf einen sehr guten Grund zurückzuführen sind.

Und so ist eben auch unsere Bundeswehr nicht eines schönen Tages vom Himmel gefallen als das Ergebnis des unerforschlichen göttlichen Ratschlusses – sie ist das Produkt dieses Staates.

Und wenn man die Frage stellt, warum sich die Dinge so und nicht anders entwickelt haben, dann tut man gut daran, die Geburtsstunde unserer Streitkräfte zu betrachten.

Und da wird man sofort feststellen, dass diese Armee von Anfang an ein ungeliebtes Kind dieses Staates war; dass sie nie wirklich innerlich akzeptiert, sondem bestenfalls toleriert wurde, dass sie immer nur ein „notwendiges Übel“ war.

Im Grunde war sie sogar ein „ungewolltes Kind“, denn sie ist ja nicht aus dem Volk heraus entstanden, sondem aus einer „Liaison“ mit den Besatzungsmächten.

Adenauer ging es ausschließlich darum, mit zwölf schnell aufgestellten Divisionen die Bündnisfähigkeit der BRD wiederherzustellen. Die Schlagkraft spielte dabei überhaupt keine Rolle.

Und so hat man nicht etwa dem Wunsch der Amerikaner entsprechend Streitkräfte geschaffen, die „genauso wie die Wehrmacht, nur ohne Hakenkreuz“ waren, sondem – beseelt von der Vergangenheitsbewältigung und fasziniert von der „Gunst der Stunde Null“ – eine Armee konzipiert, die sich in allem von der „furchtbaren Wehrmacht“ unterscheiden sollte.

Das ist brillant gelungen. Denn während die Wehrmacht all ihren Gegnern weit überlegen war, müsste sich die Bw schon sehr auf die Zehenspitzen stellen, um da heranzureichen.

Man hatte das Gefühl, dass sich die Schöpfer der Bundeswehr immer für ihr Werk entschuldigen wollten. Daher: bloß nicht zu militärisch, bloß keine Ähnlichkeit mit früheren deutschen oder preußischen Armeen!

Und so war die Aufstellung der ersten Divisionen getragen von einem deutlichen Misstrauen gegen den Soldaten, gegen das Militär, dem man ja die Schuld an der Katastrophe gegeben hatte.

Und alles, was nicht aus Liebe gezeugt wird, trägt schwer unter dieser Erblast.

Diese Angst spiegelt sich in vielen Organisationsstrukturen wider, angefangen beim Wehrbeauftragten, dem institutionalisierten Misstrauen!

Andere Beispiele sind die Wehrgesetzgebung oder die Tatsache, dass wesentliche Funktionen in der Hand von Beamten liegen, dass die Bw keine Militärgerichtsbarkeit ausüben darf, über keinen eigenen Nachrichtendienst verfügt, und dass der höchste Soldat weitgehend machtlos unter dem Staatssekretär rangiert.

Man hatte oft das Gefühl, dass irgendeine geheime Kraft permanent Sand ins Getriebe schaufelte, damit diese Armee bloß nicht über ein bescheidenes Mittelmaß hinauskommt.

Natürlich hatten etwa zehntausend Offiziere und rund dreißigtausend Un­teroffiziere der Wehrmacht die Bw aufgebaut und dabei natürlich versucht, ihr einen gewissen Geist und Haltung zu vermitteln. Aber – wie jeder Pfadfinder weiß – wenn die Marschkompasszahl falsch eingestellt ist, dann kann man laufen wie der Wind: man kommt nicht ans Ziel.

Erschwerend kommt hinzu, dass dieser Homunculus „Bürger in Uniform“, den man ja aus purer Angst vor dem Soldatischen geschaffen hatte, selbstverständlich keinerlei Verbindung haben durfte zu unserer großen soldatischen Tradition. Man hatte also einen Baum gepflanzt ohne Wurzeln; und wen kann es da wundem, dass dieser Baum wie ein Schilfrohr im Sumpf des Zeitgeistes hin und her schwankt?

Und es ist daher erstaunlich zu erleben, mit welch beispielhafter Leistungsbereitschaft die vielen hervorragenden Soldaten und Kommandeure, die diese Bw natürlich hatte und hat, ihr exzellentes Potential immer wieder glänzend unter Beweis gestellt haben, weil offenbar dieser Volkscharakter auch mit der kläglichsten ideologischen Konzeption nicht totzukriegen ist.

An der betrüblichen Gesamtsituation kann das aber leider nichts ändern.

Die Geburtsstunde der Bw ist natürlich untrennbar verbunden mit den beiden Schlüsselbegriffen „Innere Führung“ und – ich nannte ihn bereits den berühmten „Bürger in Uniform“.

Ein Begriff, der von den Gründungsvätern der Bundeswehr eingeführt wurde, um den damals gewünschten Soldatentyp zu beschreiben und der offiziell noch immer Bestand hat.

Dieses idyllische Bild, das man aus der Biedermeierzeit entliehen hatte: der wackere Bürger, der auf der Stadtmauer steht und seine Heimat verteidigt, – also der Bäcker, Schuster oder Uhrmacher, der jetzt vorübergehend eben Uniform trägt, der aber natürlich kein Soldat war, und der daher trotz seiner Beliebtheit im Volk – soldatisch auch nicht viel getaugt hat.

Nun konnte man sich aber im sogenannten Atomzeitalter einen solchen Mann durchaus noch leisten, weil die Bw von Anfang an als Abschreckungsarmee konzipiert war.

Hätte die Abschreckung versagt, wäre die Armee ohnehin kurze Zeit später im atomaren Feuerball verglüht. Das war die herrschende Vorstellung.

Und darum brauchte der Soldat auch nicht kämpfen zu können. Die Schlagkraft der Truppe war völlig irrelevant!

Und die Frage, warum ein solcher Begriff überhaupt eingeführt wurde, ist nur zu erklären als Ausdruck und Ergebnis des damaligen Biedermeierdenkens nach dem Kriege, weil der Rückgriff auf diesen liberalen Spießbürger in Uniform genau der Denkungsart der damaligen Zeit entsprach. Und er entsprach damit natürlich auch in idealer Weise dem Konzept der „Inneren Führung“ des Grafen Baudissin, das damit genau in die Marktlücke passte, um die Nachkriegsmentalität des „ohne mich“ mit der Wiederbewaffnung zu versöhnen.

Und damit sind wir bei dem zentralen Kern‑ und Reizbegriff dieser Armee: der „Inneren Führung“.

Ich will dies in der gebotenen Kürze versuchen, obwohl es natürlich eher eine Frage für ein Wochenendseminar ist. Denn man hat ja eigens zur Erklärung und Vermittlung dieses äußerst schillernden Begriffes eine eigene Schule geschaffen: das „Zentrum Innere Führung“ in Koblenz.

Ganze Bibliotheken sind mit entsprechenden Abhandlungen gefüllt! Und das allein zeigt schon, dass diese Idee – um nicht zu sagen: Ideologie – nicht truppentauglich ist.

Ich unterstelle dem Grafen Baudissin – dem Schöpfer der “ Inneren Führung“ – durchaus ehrenwerte Absichten, edle Motive.

Aber er war doch, bei allem schuldigen Respekt, in vielen Belangen ein Romantiker, auf der Suche nach der „blauen Blume des Militärs“! Und“heilige Einfalt‘ kann und darf doch nicht die Grundlage einer Armee sein, bei der es im Ernstfall um nichts Geringeres geht als um Leben und Tod, um die Existenz unserer Nation!

Und es ist immerhin bemerkenswert festzustellen, dass keine Armee der Welt dieses Konzept der „Inneren Führung“ übernommen hat, obwohl es immer wieder ‑ gerade jetzt den neuen NATO‑Partnern aus Mittel‑ und Osteuropa ‑ als großer Erfolgsschlager angedient wird. Alle haben es sofort beiseite gewischt und nur nach „Wehrmachtslösungen“ gefragt. So etwa der renommierte israelische Militärwissenschaftler van Creveld, der in seinen Werken immer wieder der Frage nachgeht: „Was hat oder hätte die Wehrmacht in dieser Lage gemacht? Was war das Erfolgsge­heimnis der Wehrmacht?“

Kein Mensch hat jemals die Frage nach der Bundeswehr gestellt!

„Innere Führung“ wird von vielen als „zeitgemäße Menschenführung“ übersetzt. Aber das greift natürlich viel zu kurz. Wenn es nur das wäre, dann hätte man sich die Kubikmeter von Literatur sparen können. Welche Armee würde denn nicht von sich behaupten, dass sie ihre Soldaten „zeit­gemäß“ führt?

Und gerade die deutschen und preußischen Armeen sind – schon seit dem Großen Kurfürsten – beispielhaft in ihrer Menschenführung gewesen. An­ders wären doch die glänzenden Erfolge – zumal überwiegend aus einer Unterlegenheit an Zahl – gar nicht möglich gewesen!

Nein, Menschenführung musste in Deutschland nicht neu erfunden wer­den!

Das Wesen der „Inneren Führung“ ist deshalb etwas ganz anderes: Ihre beiden entscheidenden Faktoren bestehen darin, dass der Soldat ers­tens keine eigene Kultur mehr haben darf, geschweige denn eine Sonder­stellung im Staat.

Der Satz des damaligen Verteidigungsministers Kai‑Uwe von Hassel: „Der Beruf des Soldaten ist ein Beruf wie jeder andere“, bündelt diese verhäng­nisvolle Forderung.

Aber so etwas funktioniert, wie bereits gesagt, allenfalls in einer Abschre­ckungsarmee. Der Soldat brauchte im Kalten Krieg nicht gehätschelt zu werden, weil er ja für diesen Staat nicht kämpfen und schon gar nicht sterben musste. Aber genau das gilt jetzt nicht mehr, und darum hat sich auch der Begriff der „Inneren Führung“ erledigt.

Zweitens bedeutet „Innere Führung“ die Verbürgerlichung des Soldaten: Sein Wesenskem, das Soldatische, soll verschwinden. Er soll eigentlich Zivilist sein, soll aber gleichzeitig das können, was ein Soldat kann – von dem besonderen Berufsethos einmal ganz abgesehen. Und das kann nicht funktionieren. Es ist ein Spagat, der jeden Menschen überfordert.

Man kann doch nicht von einem Fallschirmjäger verlangen, bei Nacht und Nebel aus 4000 in Höhe in einen Busch hineinzuspringen, vier feindliche Soldaten bei den Ohren zu packen – und sich dann tags darauf so brav zu benehmen wie die Oberschwester Maria! Diesen Menschen gibt es nicht!

Die Verwirklichung der klassischen soldatischen Tugenden setzt einen besonderen Typus Mann voraus, der eben nicht „nebenbei“ auch noch Zivilist ist.

Der Verteidigungsminister Strauß hat einmal so schön ironisch gesagt:

„Die Bundeswehr soll einerseits die sowjetischen Divisionen an der innerdeutschen Grenze aufhalten und andererseits so brav sein wie die Freilassinger Feuerwehr.“

Wenn man von einem Soldaten verlangt, dass er mitten im Frieden sein Leben aufs Spiel setzt, während der Bundesbürger dies im bequemen Sessel am Fernsehschirm verfolgt, dann muss man ihm schon etwas mehr‑ geben als Geld; oder man muss ihm wenigstens dieses Geld geben – aber dann richtig. Mit einer Gewerkschaftsarmee, die man behandelt wie ein bewaffnetes „Technisches Hilfswerk“, ist so etwas nicht zu haben.

Denn was gibt dieser Staat seinen Soldaten?

Ehre? – Ein Begriff, der seit langem abgeschafft ist.

Ansehen? – Wenn man sie ungestraft als Mörder bezeichnen darf?

Geld? – Ein Obolus, für den kein Elektriker auf einen Hochspannungsmast klettert.

Und wenn man weiß, wie „großzügig“ unsere Politiker selbst den Einsatz unserer wenigen Kommandosoldaten honorieren, dann kann man sich vorstellen, welcher Soldatentyp bereit sein wird, sich mitten im Frieden totschießen oder verstümmeln zu lassen.

Und so wird man den Versuch unseres Staates, solche Männer quasi zum Nulltarif zu gewinnen, mit Interesse beobachten.

Natürlich wird es immer einige Idealisten geben; ob das aber für eine Armee von einer Viertelmillion Mann ausreicht, wird sich zeigen.

Es würde den Rahmen eines solchen Vortrages bei weitem sprengen, alle Geburts‑ und Konstruktionsfehler unserer Streitkräfte aufzuzählen; wobei der Begriff „Fehler“ irreführend ist, denn er impliziert, dass irgendetwas schiefgelaufen wäre; das Gegenteil ist der Fall: die Bundeswehr ist exakt so, wie man sie haben wollte.

Aber ein wichtiger Gesichtspunkt muss noch genannt werden, um Geist und Charakter dieser Armee besser verstehen zu können:

Gemäß §50 (1) des Soldatengesetzes kann der Minister einen Soldaten ab Brigadegeneral aufwärts jederzeit auch ohne Angabe von Gründen in den vorzeitigen Ruhestand versetzen.

Eine Maßnahme, die es noch nie zuvor in den deutschen Streitkräften ge­geben hat. Und da das Avancement, das Karrieredenken in den Streitkräften wesent­lich ausgeprägter ist als in vielen anderen Berufen – denn man trägt ja sei­ne Intelligenz, sein Leistungsvermögen sichtbar auf der Schulter – hat dies zur Folge, dass sich unsere Generalität überwiegend so verhält wie es poli­tisch – und leider eben auch parteipolitisch ‑ gewünscht ist.

Denn wenn man in die Vorstandsetage aufrücken will, kann man nicht die Firmenphilosophie infrage stellen. Und so kann es auch nicht verwundern, dass die wenigen öffentlichen Ak­te von Zivilcourage nur aus der Wehrmachtsgeneration bekannt sind. Eines der wenigen Beispiele der Bundeswehrgeneralität ist der Generalmajor Schultze‑Rhonhof, der aus Protest gegen die mangelnde Einsatzbereit­schaft des Heeres dem Minister Rühe seinen Posten anbot ‑ und dafür bis heute in der Bw geächtet ist.

Eine kleine Anekdote mag den Erfolg dieser“klugen“ Personalmaßnahme verdeutlichen: Nach dem französischen Militärputsch von Algier fragte Adenauer den Staatssekretär Gumbel recht besorgt, ob denn so etwas auch in Deutschland passieren könne, worauf Gumbel lächelnd antwortete: „A­ber Herr Bundeskanzler – bei unserer Personalauswahl!“

Und so konnte Hans Rühle, als Leiter Planungsstab unter Minister Wömer ein intimer Kenner der Materie, sarkastisch feststellen: „Zivilcourage ge­hört nicht zur Grundausstattung der Generalität.“ Und wenn sich der General politisch konform verhält, wird man vom Stabsoffizier kaum etwas Anderes erwarten.

Und es ist daher nicht verwunderlich,

  dass in einer solchen Armee nicht mehr zu „Männerstolz vor Königsthronen“ erzogen wird – soweit überhaupt noch erzogen wird,

   dass Gehorsam und Disziplin eher in den höheren Rängen Beachtung finden,

und dass die berühmte „Auftragstaktik“ zwar ganz oben auf die Fahnen geschrieben wird, in der Praxis jedoch kaum noch stattfindet, weil sie eben ein ganz anderes Menschenbild voraussetzt.

Und diese Armee,

   die 40 Jahre lang unter so schizophrenen Schlagworten zu leiden hatte, wie: „der Friede ist der Ernstfall“ oder: „kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“,

   die sich in einem militärischen Wolkenkuckucksheim behaglich eingerichtet hatte, indem sie den Krieg vollständig aus ihren Gedanken und aus ihrem Vokabular verdrängt hat,

  die also aus vielen Uniformierten, aber nur wenigen Soldaten bestand, diese Armee wird nun über Nacht aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt und nimmt – nach einer neuerlichen „Transformation“ – an den unterschiedlichsten Operationen in drei Kontinenten teil.

Und der Bundesbürger reibt sich verwundert die Augen, wenn er sieht, dass dieselben Politiker, die noch kurz zuvor gegen jeden Auslandseinsatz förmlich mit „Klauen und Zähnen“ gekämpft haben, jetzt plötzlich nach Auslandseinsätzen regelrecht süchtig sind.

Der Generalinspekteur erklärt voller Stolz, „dass diese Armee nun überall in der Welt eingesetzt werden könne“, und nach Aussage des vormaligen Vg‑Ministers Struck wird ja Deutschland bekanntlich am Hindukusch verteidigt.

Und auch der bemerkenswerte Satz: „Einsatzgebiet unserer Streitkräfte ist die ganze Welt‘ stammt nicht etwa aus dem Jahr 1942, sondern von eben diesem Minister aus dem Jahr 2005. Aber wo und zu welchem politischen Zweck auch immer unsere Soldaten in Zukunft eingesetzt werden: ob im Kosovo zur Sicherung der größten Ganovendrehscheibe Europas, in Afghanistan, wo die Heroinproduktion wieder Spitzenwerte erreicht, im Kongo, wo angeblich im deutschen Interesse Ruhe und Ordnung aufrecht zu halten sind oder demnächst im Sudan oder Libanon:

Was bedeutet dieser strategische Paradigmenwechsel, also die Transforma­tion von einer Verteidigungs‑ in eine Interventionsarmee, für die Truppe selbst, für ihr inneres Gefüge?

Da gilt es zunächst einmal festzustellen, dass mit den heutigen Aus­landseinsätzen auch das Leitbild vom „Bürger in Uniform“ hinfällig wird.

Ehrlicherweise hätte er schon mit dem ersten Auslandseinsatz feierlich begraben werden müssen. Denn jetzt muss auch der deutsche Soldat wieder kämpfen können. Und das gilt nicht nur für die Soldaten des „Kommando Spezialkräfte“, sondern für alle Truppenteile, die ins Ausland gehen, denn auch ein friedenserhal­tender Einsatz kann sich sehr schnell zu einer blutigen Angelegenheit ent­wickeln, und dann ist nicht mehr „der Friede der Ernstfall“, sondern „der Ernstfall der Ernstfall“.

Aber offiziell hat das Leitbild „Bürger in Uniform“ immer noch Bestand. Es kann und darf ja auch nicht aufgehoben werden, weil es eben zu den Wesensgrundlagen dieser Armee gehört, dass der Soldat keine eigene Rol­le und kein eigenes Selbstverständnis haben darf.

Die Ablehnung des „sui generis“ ist nach wie vor der ideologische Kern der Inneren Führung, und die Identität von Militär und Zivilgesellschaft, die in dem Satz des seligen Grafen Baudissin gipfelt: „Für mich gibt es keine soldatischen Tugenden“‚, ist unverändert gültig.

Zwar hat der Inspekteur des Heeres wieder „den archaischen Kämpfer“ gefordert, und der Wille nach einer Wiederbelebung des „Kämpferidols“ ist gerade auf der unteren Führungsebene förmlich mit Händen zu greifen, aber die Bundeswehrführung lehnt bis heute eine Grundsatzdiskussion ab und propagiert eher eine Art „multikulturellen Sozialarbeiter mit Spezial­ausrüstung.“

Nun wäre der Abschied vom „Bürger in „Uniform“ kein besonders schmerzliches Ereignis, und eine Armee, in der der Soldat wieder Soldat ist und sein darf, und in der der Dienst beim „Bund“ nicht in weiten Teilen nur als „krisenfester Job“ betrachtet wird, wäre in jedem Fall zu begrüßen.

Aber – muss man sie deshalb gleich nach Osttimor schicken?

Denn eins ist sicher: am Ende dieser Transformation wird eine andere Bundeswehr stehen, mit anderer Bewaffnung, anderem Gerät und vor allem mit anderen Soldaten, also insgesamt eine Armee, die ein völlig anderes Erscheinungsbild hat, als alle früheren deutschen Armeen.

Zunächst ist eine Interventionsarmee im eigenen Land immer ein Fremdkörper, ob sie will oder nicht. Denn wenn sie sinnvoll sein soll, kann sie nicht im eigenen Land stationiert sein.

Es ist genau die Armee, die wir in den früheren Kolonialarmeen unserer heutigen Alliierten finden. Und eine solche Armee hat natürlich immer auch eine ausgeprägte Eigengesetzlichkeit.

Zum zweiten gibt es in all diesen Armeen eine sehr scharfe soziale Spaltung: die Offiziere waren anerkannt, während es sich bei den Mannschaften überwiegend um geprügelte, zwangsweise rekrutierte Männer aus den unteren Schichten handelte.

Man trug also nicht einheitlich, wie in Preußen, des „Königs Rock‑, sondern es war eher wie bei der Royal Navy: die Offiziere hatten Ansehen, und unter Deck war – plakativ gesagt – der Schrott, also genau nicht  der  „Bürger in Uniform.“

Diesen Soldatentypus hat es in Deutschland nie gegeben, weil wir immer eine Verteidigungsarmee hatten, die eine Einheit war. Wenn der Feldmarschall anerkannt war, dann war es auch der Soldat. Oder es wurden alle verdammt. Aber die Armee war eine Einheit.

Jetzt verteidigt sie nicht mehr das Vaterland, sondem sie ist Spielmasse der Politik. Und dafür muss sie entschädigt werden, materiell oder durch innere Freiheiten. Und diese Freiheiten wird sie sich nehmen, oder es wird eine solche Armee nicht geben.

Und eine Wehrpflicht kann es in einer solchen Armee schon deshalb nicht geben, weil die Wehrpflicht ja immer selektiv ist, und man kann nicht eine willkürlich selektierte Gruppe von Bürgem ins Feuer schicken.

Ohnehin besteht kein Zweifel darüber, dass sich dieser Staat von einer ernsthaften Landesverteidigung auf lange Zeit verabschiedet hat.

Herr Struck hat in ministerieller Weitsicht festgestellt, dass „eine krisen­hafte Entwicklung in Mitteleuropa z.Z. nicht vorhersehbar sei“, wobei wir uns freilich erstaunt fragen, was denn das für Krisen sind, die sich vorher­sehen lassen; denn das Unvorhersehbare gehört ja gerade zum Wesen der Gefahr.

Die Geschichte ist voll von Beispielen, wie schnell alte Bündnisse zerbre­chen und neue Koalitionen entstehen.

Und all diejenigen Politiker, die immer wieder euphorisch behaupten, wir seien „von Freunden umzingelt“, sollten sich die alte Erkenntnis in Erinne­rung rufen, dass Staaten niemals Freunde haben – Staaten haben Interes­sen, was offenbar nur wir nicht begreifen können, weil wir keine haben, bzw. haben wollen.

Und wie dann – praktisch aus dem Nichts – eine hinreichende Landesver­teidigung aufgebaut werden soll, nachdem das militärische Tafelsilber verkauft und eine nennenswerte Personalreserve nicht mehr zur Verfügung steht, das wird das Geheimnis unserer weisen Politiker bleiben, die ge­schworen haben, „Schaden vom deutschen Volk abzuwenden“.

Wenn man nun die Frage stellt, ob sich dieses deformierte Erscheinungs­bild vielleicht im Zuge der Auslandseinsätze auf natürlichem Wege wieder normalisieren wird – so, wie ja jeder Organismus das Bestreben hat, sich von einer Krankheit zu heilen – dann muss man noch einen Schritt weiter gehen.

Deutschland ist vermutlich das weltweit einzige Land, das den interessan­ten Versuch unternommen hat, Streitkräfte ohne Militärtradition aufzustellen. Man hat ja der Bundeswehr überhaupt nur drei Traditionsstücke zugestan­den: die Preußische Heeresreform, den „20. Juli 1944“, und – man höre: – die Bundeswehr selbst!

Dabei wird das Werk der preußischen Reformer, dessen Kemziel die nati­onale und kriegerische Begeisterung des ganzen Volkes war, für die Bundeswehr eher auf das Gegenteil uminterpretiert, nämlich die Verbür­gerlichung des Militärs.

Und auch die Verschwörer des 20. Juli werden nur als antifaschistische Akteure gefeiert, ohne auf ihre nationalkonservative Gedankenwelt zu Deutschland auch nur im Geringsten einzugehen.

Die Truppe kann doch aus einem Aufstand gegen die Staatsgewalt, aus einem Akt der Rebellion keine Kraft schöpfen! Sie braucht Vorbilder, die ihr Mut und Vertrauen in ihre Führung vermitteln, die Gehorsam, Disziplin und Moral befördern, anstatt sie zweifelnd und unsicher zurückzulassen.

Militärische Tradition bildet sich ausschließlich auf dem Gefechtsfeld und nicht bei Waldbrandbekämpfung oder Hochwassereinsatz, und sie wird nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit Blut.

Aber eine Rückbesinnung auf frühere deutsche oder preußische Armeen, auf große deutsche Soldaten, auf beispielhafte militärische Leistungen ist gemäß Traditionserlaß verboten, weil soldatische Werte bei uns nur dann traditionswürdig sind, wenn sie dem heutigen politischen Zweck entsprechen.

Und daher kann und darf es keine Traditionslinie zu allen vordemokratischen Armeen geben.

Nun kann ein Land, das den ewigen Frieden in Europa zu einer Art Dogma erklärt hat und das für den Fall der Landesverteidigung felsenfest auf sei ne Bündnispartner vertraut, sich solche ideologischen Experimente gefahrlos leisten, weil ja ein Versagen der Bundeswehr in einem Auslandseinsatz keine Auswirkungen auf die Existenz dieses Staates hätte.

Aber es wäre natürlich eine Demütigung für die Streitkräfte. Außerdem wird mancher junge Mann nachdenklich werden in seinem Entschluss, diesen Beruf zu ergreifen, wenn er sieht, wie dieses Land mit seinen Vätergenerationen umgeht.

Welche Nation hätte jemals einen ihrer großen Soldaten – oder gar ganze Armeen der „damnatio memoriae“ anheim fallen lassen, weil sie ihre militärischen Leistungen in einem Angriffskrieg oder für „einen falschen Staat“ erbracht haben? Bleibt ein Diamant nicht immer ein Diamant – egal an welchem Finger?

Werden die Werke eines Michelangelo geringer geschätzt, weil sie im Auftrag eines Papstes geschaffen wurden?

Und gibt es nicht gerade in der deutschen Militärgeschichte neben einer Vielzahl einzigartiger militärischer Leistungen auch eine Fülle charakterlich, moralisch herausragender und damit für alle Zeiten beispielhafter Handlungsweisen?

Welche Nation könnte allein in den letzten 250 Jahren – von Tannenberg bis Leuthen, von Sedan bis zur Operation „Sichelschnitt“, von Kreta bis Eben Emael – auf Zeugnisse größter militärischer Leistungen verweisen, für die es in der Kriegsgeschichte nur wenige Beispiele gibt? Jedes andere Volk würde sich derartiger Feldherrn, ihrer tapferen Truppen sowie ihrer gefallenen Söhne ehrend erinnern, während unsere politische Kaste in ideologisch blasierter Arroganz diese Generationen als „nicht traditionswürdig“ verurteilt.

Und so kann der „Bürger in Uniform“ und seine Angehörigen erahnen, was sein Opfer wert sein wird, vor allem, wenn sich ein Einsatz nachträglich als „falsch“ herausstellen sollte.

Nun hat sich ja die Bundeswehr, wie wir immer wieder hören und lesen können, in den 50 Jahren ihres Bestehens „in jeder Beziehung vorzüglich bewährt“: von der Inneren Führung bis zum Haametz, vom „Bürger in Uniform“ bis zur viermaligen Verkürzung der Wehrpflicht, und sie braucht angeblich auch bei den Auslandseinsätzen keinen Vergleich mit unseren Alliierten zu scheuen.

Das kann man so behaupten, und es mag für den Friedensbetrieb vielleicht sogar zutreffen. Ob sich aber eine Friedensarmee – und vor allem eine, die auch noch stolz darauf ist – im Feuer bewährt, ist nur sehr schwer  vorherzusagen.

Die Preußen hatten unter Friedrich dem Großen den Nimbus der Unbesiegbarkeit. 1806 verloren sie bei Jena und Auerstedt eine Schlacht, die selbst gegen einen Napoleon nur mit äußerster Anstrengung zu verlieren war.

Bis zum 10. Mai 1940 galt die französische Armee als die beste des Kontinents. Sechs Wochen später war dieses Urteil eindrucksvoll revidiert. Und so zeigt eine Vielzahl weiterer Beispiele, dass dieser sogenannte“Ernstfall“ von vielen Unwägbarkeiten abhängt und daher kaum zu prognostizieren ist.

Aber nach allem, was die Kriegsgeschichte lehrt, lässt sich dieses Risiko zumindest begrenzen durch eine ganz bewusste soldatische Erziehung und Vorbereitung auf diese letzte große Bewährungsprobe Außerhalb unseres Landes sowie in einer dreitausendjährigen geschriebenen Militärgeschichte gibt es nicht den geringsten Zweifel über die Bedeutung der Traditionspflege als wichtiges Stück nationaler Identität und Selbstachtung und – weil sich erfolgreiche Erziehung vor allem an Vorbildem orientiert und nicht im luftleeren Raum stattfindet.

Glauben wir wirklich, dass unsere Soldaten bereit sein werden, für irgendwelche vage formulierten, abstrakten Werte zu sterben? Etwa für diese – im wahrsten Sinne des Wortes – wertlose Spaß‑ und Wohlstandsgesellschaft, die sich von allen klassischen Tugenden verabschiedet hat?

Wird das Soldatengesetz die Truppe zusammenhalten und ihr die Kraft geben, ihr Leben einzusetzen, zu stehen und zu halten, wenn es nicht einmal um ihre Existenz, sondern nur um schwer durchschaubare politische Interessen geht?

Man muss nicht Militärgeschichte studiert haben, um zu wissen, warum die Spartaner, die Römer, die Mazedonier, die Preußen oder die Wehrmacht allen Gegnern ihrer Zeit um Längen überlegen waren.

Und es wäre daher wirklich ein leichtes, jetzt der veränderten militärpoliti­schen Situation dadurch Rechnung zu tragen, dass wir uns wieder an den großen soldatischen Vorbildern unserer Nation ausrichten, und unsere Streitkräfte auf ein soldatisches Selbstverständnis hin erziehen – unter gleichzeitiger Ausmusterung des „Bürgers in Uniform“. Aber leider ist kein Patient schwerer zu heilen, als derjenige, der nicht ge­nesen will.

Und da in diesem Land Geschichte und Tradition nicht eine Frage des Quellenstudiums oder historischer Fakten sind, sondern der politischen Macht und damit der ideologischen Deutungshoheit unterliegen, und nachdem man vor allem nun auch die Traditionsfrage mit dem Holocaust verbunden und damit jeder irdischen Diskussion entzogen hat, ist eine Änderung auf evolutionärem Wege nicht zu erwarten.

Die beiden großen politischen Lager stehen sich hier in nichts nach; und eine Fülle von Beispielen zeigt, dass jeder, der diesen „Pfad der Tugend“ auch nur um einen Fingerbreit verlässt, mit seinem sofortigen politischen Ableben rechnen muss. Und weil der große Nachteil der Vernunft leider darin besteht, dass sie nur von Vernünftigen verstanden wird, ist hier mit Argumenten nichts auszu­richten.

Natürlich werden die Auslandseinsätze Haltung und Bewusstsein der Truppe verändern; aber wie man auch einen Gartenschlauch nicht in eine bestimmte Richtung schieben, sondern nur von vorne ziehen kann, so kann und wird eine durchgreifende Reformation niemals aus der Truppe heraus, sondern nur von oben erfolgen; und das wird wohl leider erst nach einem „Jena und Auerstedt“ eintreten, wann und wo immer dies auch stattfindet. Was sonst ‑ außer einer Katastrophe – könnte diese Hohepriester zu einer Umkehr veranlassen?

Und weil man, wie Goethe sagt, meistenteils verstummen muß, um nicht wie Kassandra für wahnsinnig gehalten zu werden, wenn man vorhersagt, was vor der Tür steht, will ich schließen in der festen Überzeugung, dass nichts so sehr über die Zukunft unserer Streitkräfte – und damit letztlich auch unserer Nation – entscheiden wird wie die Beantwortung der militäri­schen Gretchen‑Frage:

„Wie hast du’s mit der Tradition?“


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