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Globalisierung – notfalls mit Gewalt

von Alexander Frisch

Thomas P. M. Barnett sollte eigentlich bekannt sein. Der US-amerikanische Militärgeostratege gilt wegen seiner seiner geopolitischen Theorie des “Functioning Core (Funktionierender Kern)“ und des “Non-Integrating Gap (Nicht-Integrierbare Lücke)“ seit ca. 2003 als neuer Star am Firmament der Geostrategen.

Die National-Zeitung setzt sich unter der Überschrift Ein falsches Zitat und die ungeschminkte Wahrheit über das gefährliche Denken des Thomas P. M. Barnett mit dessen Theorien auseinander.

Im Internet kursiert seit einiger Zeit ein angebliches Zitat des US-Militärstrategen Thomas P. M. Barnett, der geschrieben oder gesagt haben soll:

„Das Endziel ist die Gleichschaltung aller Länder der Erde soll durch die Vermischung der Rassen herbeigeführt werden. Mit dem Ziel einer hellbraunen Rasse in Europa. Hierfür sollen in Europa jährlich 1,5 Millionen Einwanderer aus der dritten Welt aufgenommen werden. Das Ergebnis ist eine Bevölkerung mit einem durchschnittlichen IQ von 90, zu dumm, um zu begreifen, aber intelligent genug, um zu arbeiten.”

In Wirklichkeit gibt es weder in seinen Büchern noch in seinen im Netz veröffentlichten Aufsätzen und Reden eine Passage, die übersetzt auch nur annähernd diesem vermeintlichen Zitat entsprechen würde. Wie dieser Satz in die Welt gekommen ist, kann nur schwer nachvollzogen werden, höchstwahrscheinlich basiert er aber auf einem bei YouTube veröffentlichten Video von einem Vortrag des Dokumentarfilmers Prof. Michael Vogt über die US-Notenbank Federal Reserve aus dem Jahr 2013. Allerdings zitiert Vogt den Berater des früheren US- Verteidigungsministers Donald Rumsfeld nicht wörtlich, sondern interpretiert ihn dahingehend, etwas so gemeint zu haben, wie es die anfangs genannten Sätze ausdrücken.

Als Quelle für das angeblich Geschriebene wird oft das Buch „Der letzte Akt“ des österreichischen Autors Richard Melisch genannt. Darin soll sich die erwähnte Passage, direkt aus Barnetts Buch „Blueprint for Action” zitiert, befinden. Melisch zitiert in seiner Schrift Barnett tatsächlich ausführlich, und so findet sich auf Seite 66 von „Der letzte Akt” ein Zitat des Amerikaners, das offenbar in der Folge verfälscht wurde.

Sozialdarwinistische Prägung

Barnett und seine Frau adoptierten 2004 ein chinesisches Mädchen. Dazu schreibt er in „Blueprint for Action“:

„Meine Familie war blond, hellhäutig, dicknasig. Ihre Familie sah ganz anders aus. Es galt, alte Ängste und Vorurteile abzubauen, neue Hoffnungen zu erwecken: Als wir das Kind umarmten, adoptierten wir gleichzeitig seine Kultur, ja die Zukunft unserer globalen neuen Welt!”

Und weiter:

„Wer sich gegen die Vermischung der Rassen sträubt, handelt unmoralisch und unzeitgemäß. Ich bin mir sicher, dass die ersten Menschen hellbrauner Farbe waren.”

Kein Wort also vom „Endziel” einer „Gleichschaltung aller Länder”, das „durch die Vermischung der Rassen” erreicht werden solle. Und kein Wort vom „Ziel einer hellbraunen Rasse in Europa”, einer Bevölkerung mit einem durchschnittlichen Intelligenzquotienten, die „zu dumm” sei, „um zu begreifen, aber intelligent genug, um zu arbeiten”. Dass Barnett in seinem Buch eine höchst persönliche Angelegenheit zur „Zukunft unserer globalen neuen Welt” stilisiert, ändert nichts an der Tatsache, dass man ihn schlichtweg falsch zitiert hat.

Dabei bedarf es keiner erdachten oder verfälschten Zitate, um den 1962 geborenen und von der Finanzindustrie gesponserten Pentagon-Analysten und Vordenker der US- Neocons nicht gut zu finden. Man braucht nur zu lesen, was Barnett wirklich geäußert hat.

In seinem Buch „The Pentagon’s New Map” (2004) tat er seine Meinung kund, dass die Globalisierung „ein Zustand gegenseitig gesicherter Abhängigkeit” sei.

„Um seine Wirtschaft und Gesellschaft zu globalisieren, muss man in Kauf nehmen, dass fortan die eigene Zukunft vorrangig von der Außenwelt beeinflusst und umgestaltet wird, die eigenen Traditionen in Vergessenheit geraten. Man wird in Kauf nehmen müssen, dass importierte Waren und Erzeugnisse den Inlandsmarkt überfluten und die eigenen Erzeuger in diesem Konkurrenzkampf sich entweder durchsetzen oder verschwinden werden”,

so der offenbar sozialdarwinistisch geprägte US-Stratege.

Washingtoner Hybris

Insbesondere sein Urteil über unseren Kontinent könnte nicht schlechter ausfallen.

„Das Alte Europa [ein Begriff, den Donald Rumsfeld gerne aufnahm; Anm. d. Verf.] ist – historisch gesehen – längst tot und kann nicht wiedererweckt werden”,

so Barnett in „Blueprint for Action” (2005). Wer dennoch „das Wiedererwecken einer früheren Gemeinschaft und vergangener Wertvorstellungen” verfolge, stehe auf einer Stufe mit radikalen Islamisten wie Osama bin Laden.

Alle, die so denken und den „Verlust ihrer Identitäten“ in der globalisierten Welt fürchten, sind für ihn Feinde, deren „vernunftwidrige Argumente” er zwar zur Kenntnis nehme, für die er, sollten sie gegen die globale Ordnung Gewalt androhen, fordere:

„Tötet sie!“, „I say: Kill them“

– schreibt Barnett wörtlich auf Seite 282 von „Blueprint for Action”. Muss man ihm wirklich noch etwas andichten?

Barnett vertritt ein manichäisches Weltbild. In „The Pentagon’s New Map“ trifft er die Unterscheidung zwischen Staaten, die die „nicht-integrierte Lücke” („gap”) bilden, und jenen, die den „funktionierenden Kern” („core“) darstellen. „Gap”- Staaten wie etwa der Iran, Venezuela oder Syrien fügten sich nicht in die Globalisierung, sondern verfolgten einen eigenen Weg.

Die „Core”- Staaten seien hingegen so etwas wie die Musterschüler der Globalisierung, ihre Aufgabe sei es, so Barnett, die Lücke zu verkleinern und in den Kern einzubinden – notfalls mit Gewalt.

Der Harvard-Absolvent, der 1990 über rumänische und DDR-Beziehungen mit der Dritten Welt promovierte und in kürzester Zeit zum Chefstrategen an der US-Marine-Akademie von Rhode Island aufstieg, glaubt, dass die Menschen nur mit der Globalisierung „die Vorteile einer Welt ohne Mauern ernten” könnten, „ohne Nicht-Vernetzung, ohne Krieg”.

Dieses Denken entspringt der typisch Washingtoner Hybris, verbunden mit der Vorstellung eines messianischen Auftrags der USA. Weil sich „Amerika zu den universellen Idealen von Freiheit und Gleichheit und zu keiner ethnisch definierten Identität, oder zu einem ‚geheiligten Vaterland’ bekenne, habe es sich „zur ersten multinationalen Staatenunion der Welt” entwickelt. Die USA seien damit eine Art Mutterland der Globalisierung, deren „Licht” nun die ganze Welt erhellen solle.

„Unsere Interessen sind global, weil die Globalisierung global sein muss”, so Barnett.

„Austauschmigration”

Weiter führt er dazu aus:

„Nachdem wir das wirtschaftliche Modell unseres amerikanischen Systems erfolgreich in der großen Mehrheit der Weltbevölkerung nachgebildet haben, schauen wir nun der langfristigen Herausforderung ins Gesicht, seine politischen Gebilde — seine Gesetze, Institutionen, Kultur und damit verbundene Religions- und Meinungsfreiheit sowie die freie Welt der Anführer – nicht nur innerhalb der Nationen, sondern durch die internationalen Systeme als Ganzes nachzubilden.”

Nur die Globalisierung nach US-Muster könne „Frieden und Ausgewogenheit in der Welt herbeiführen”, zeigt sich der einflussreiche Politikberater überzeugt. Sie müsse daher durch vier dauerhafte Entwicklungen („flows”) gewährleistet werden, nämlich die Möglichkeit zu schrankenlosen Wanderungsbewegungen zwischen den Staaten und Kontinenten, den ungehinderten Verkehr von Rohstoffen wie Öl oder Erdgas, einen weltweit freien und unregulierten Kapitalverkehr und den unbegrenzten Einsatz des US-amerikanischen Militärs in allen Teilen der Welt.

Weltweite Migrationsströme, wie wir sie dieser Tage erleben, spielen also tatsächlich im Kalkül Barnetts eine entscheidende Rolle. Die in dem falschen Zitat erwähnte Zahl von 1,5 Millionen Zuwanderern, die Europa (bis 2050) jährlich aufnehmen müsse, taucht denn auch in seinen Überlegungen auf. Für ihn ist dieser Zustrom von Migranten eine notwendige „Schocktherapie”, die er mit der Demografie begründet

„Irgendjemand wird uns in unseren Betten umdrehen müssen, wenn wir alt sind.“

Hierbei bezieht er sich auf einen UNO-Bericht aus dem Jahr 2000, der vorausgesagt hat, dass

„jeglichen vernünftigen Erwartungen widersprechende Einwanderungszahlen erreicht werden”

müssen, um den jetzigen Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Europa aufrecht erhalten zu können. In dem englischsprachigen Bericht ist von „replacement migration”, also „Aus- tauschmigration”, die Rede, in der deutschen Übersetzung findet sich hingegen die verharmlosende Bezeichnung „Bestandserhaltungsmigration”.

Wenn Barnett schreibt: „Wir, das Volk, müssen zu wir, der Planet, werden”, so mag diese Vision angesichts der vielen Konflikte und Kriege auf dieser Welt für manchen Menschen verlockend klingen. Dies verkennt jedoch den korrekten Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Gerade die Geisteshaltung, die jemand wie Barnett repräsentiert, ist schließlich dafür verantwortlich, dass es an allen Ecken und Enden glimmt und brennt. Sein Modell der Globalisierung ist daher kein Friedensprojekt, sondern eines, das die Konflikte nur weiter verschärfen und die Welt an den Abgrund führen würde.

Thomas P. M. Barnett: Der 1962 geborene US-amerikanische Geostratege entwickelte die Theorie, dass die Welt in einen„funktionierenden Kern” und eine „nicht-integrierte Lücke”geteilt werden könne.

Erstere haben als Teil der globalisierten Welt stabile Regierungen, einen wachsenden Lebensstandard und

„mehr Tote durch Suizid als Mord”.

Die Länder der „nicht-integrierten Lücke” seien gekennzeichnet von politischer Repression, Armut, Krankheit und Konflikt.

Dorthin sollten nach Barnetts Theorie die USA „Sicherheit exportieren” und die Globalisierung vollziehen, selbst wenn das Krieg zur Folge hätte.

Foto von Geoge W. Bush, Rumsfeld, Wolfowitz:

George W. Bush beziffert fünf Tage nach Beginn der Irakinvasion 2003 den Nachtragshaushalt für den Krieg auf 74,7 Milliarden Dollar. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und sein Stellvertreter Paul Wolfowitz folgen den Ausführungen des Präsidenten. Die Katastrophe dieses Krieges ist – Stichwort lS – bis heute spürbar.

In „The Pentagon’s New Map” schrieb Thomas P. M. Barnett aber :

„Der Grund, warum ich den Kriegseintritt gegen den Irak unterstütze, ist nicht einfach, dass Saddam ein mörderischer Stalinist ist, der jeden töten würde, um an der Macht zu bleiben, oder dass das Regime eindeutig jahrelang terroristische Netzwerke unterstützt hat.


Der eigentliche Grund, warum ich einen Krieg wie diesen unterstütze, ist, dass das daraus entstehende langfristige militärische Engagement schließlich Amerika dazu zwingen wird, mit der ganzen,Gap’ als strategisch bedrohliche Umwelt umzugehen.”

Zum zehnten Jahrestag des Kriegsausbruchs schrieb Barnett in seinem BIog:

„Mir gefällt das, was aus dem Mittleren Osten geworden ist.”

Autor: Alexander Frisch, aus National-Zeitung:

Herausgeber: DR. GERHARD FREY