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Handwerk in der DDR – Die Meister des Mangels

„Handwerk hat goldenen Boden“ sagte man früher, und in der DDR stimmte das aufs Wort. Handwerker hatten die Macht – über Ersatzteile und Zubehör, über Baustoffe und Autoreifen, über die Termine, zu denen sie sich bitten liessen. Nicht der Kunde, sondern der Handwerker war König. Im Sozialismus galten Handwerker immer als etwas Besonderes.

Man brauchte sie, aber ihnen hing auch stets der Makel des Kapitalisten an. Der private Besitz an Produktionsmitteln machte sie verdächtig. Der Staat blieb misstrauisch, drängte sie in Handwerkskammern, PGHs und Blockparteien unter fester Führung der SED.

Die kommunistischen Führer schmückten sich jedoch gern mit ihrer Handwerkerherkunft. Der erste Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, war Zimmermann, Erich Honecker war Dachdecker. Walter Ulbricht hatte nach dem Mauerbau begriffen, dass Handwerk und Dienstleistungen wichtig waren. Wer 12 Wochen auf die Reparatur seiner Schuhe warten musste, mit dem war schlecht Schreiten auf dem Weg zum Sozialismus.

Honecker war da pragmatischer. Er zerschlug diesen privaten Sektor gänzlich, schloss die Handwerksbetriebe in so genannten Dienstleistungskombinaten zusammen. So ging den Handwerkern der individuelle Anreiz verloren, sie arbeiteten nach staatlichen Planvorgaben, Eigeninitiative war nicht erwünscht.

Oder doch: der Bedarf war wieder mal grösser als das Angebot und so wurde nach Feierabend kräftig in die eigene Tasche gewirtschaftet. Diese Art Schwarzarbeit entwickelte sich zu einem blühenden Parallelmarkt.

Natürlich wusste der Staat von den Nebengeschäften seiner Bürger; wirksam eingegriffen wurde allerdings nicht. Der perfekten Selbstorganisation, Kreativität und Eigeninitiative eines Handwerkers im Staat des allgegenwärtigen Mangels war allein mit sozialistischen Idealen nicht wirkungsvoll beizukommen. Der Staat duldete begrenzt, betrachtete er diesen Markt doch als Ausgleich für die Defizite der Planwirtschaft.