Hanna Reitsch: Ein deutsches Fliegerleben

Ein Flieger für Zivil- und Militärmaschinen

Als Angehörige des von Hans Jacobs geleiteten Instituts für Segelflug findet Hanna sich 1936 in der Rolle des Einfliegers. Wieder einmal war ein Zufall am Werk gewesen. Der für diese Aufgabe vorgesehene Ludwig Hoffmann war durch eine plötzliche schwere Erkrankung verhindert. Hanna fühlt sich zwar auf dem Gebiet der technischen Konstruktion gänzlich unerfahren. Dafür verfügt sie jedoch um so mehr über Fluggefühl und genaue Beobachtungsgabe, ganz zu schweigen von ihrem Interesse und ihrer Begeisterung.

Der Einflieger muß ein in seinen Flugeigenschaften und seiner Flugsicherheit noch unbekanntes Flugzeug bis an die äußerste Grenze seiner Leistungs- und Belastungsfähigkeit erproben. Das erfordert begreiflicherweise nicht nur ungewöhnlichen Mut, sondern darüber hinaus ein systematisches Durchspielen aller zu erwartenden Flugmanöver. Dazu ein lückenloses. genaues Aufzeichnen sämtlicher durch Auge, Ohr und Gefühl wahrnehmbarer Reaktionen des Flugzeuges. Die hohe Zahl der oft tödlichen Unfälle redet eine beredte Sprache über den gefahr- und opfervollen Beruf des Einfliegers.

In dieser nervenaufreibenden Zeit, als Hanna mehr als einmal ihr Leben in die Schanze schlägt, erhält sie jeden Morgen einen Brief ihrer Mutter. Wie alle Mütter bangt sie um das Leben ihres Kindes, obwohl sie weiß, daß Hanna nicht leichtsinnig ist. Sie möchte aber auch verhindern, daß ihre Tochter durch ihre unbestreitbaren Erfolge der Gefahr der Eitelkeit erliegt. Und noch etwas anderes drückt sie in ihren am späten Abend geschriebenen Briefen aus: Daß jeder Versuchsflug dem Leben anderer und dem Namen Deutschlands dient!

Es naht ihre bisher schwerste und gefährlichste Prüfung. Nach anfänglichen hochriskanten Versuchen des Sturzflugs hatte Hans Jacobs zur Stabilisierung der Maschine spezielle Bremsklappen entwickelt. Der nächste Test mit diesen „Bremsen“: ein senkrechter Sturz aus 6.000 m Höhe! Kein Mensch wird in solchen Augenblicken frei von Angst und Zweifel sein, ob die Maschine dabei diesem ungeheuren Druck standhalten wird und nicht auseinanderfällt. Hanna bezwingt diesen Anflug von Furcht. Wieder und wieder setzt sie zum Sturz in die Tiefe an. Beim letzten Versuch stürzt sie senkrecht aus einer Höhe von 3.000 m, und erst 200 m über dem Boden fängt sie die Maschine ab und landet. Das Blut hämmert ihr noch in den Schläfen.

Diese Versuche mit Sturzflugbremsen werden namentlich für die junge deutsche Luftwaffe von grundlegender Bedeutung. Die neue Erfindung wird Ernst Udet, General v. Greim und anderen Generalen der Luftwaffe auf dem Flugplatz von Darmstadt-Griesheim vorgeführt. Hanna wird nach den gelungenen Vorführungen von Udet zum Flugkapitän ernannt, das erste Mal, daß dieser Titel einer Frau verliehen wird.

Nach der triumphalen Überquerung der Alpen von fünf deutschen Segelfliegern, darunter auch Hanna Reitsch in ihrem „Sperber Junior“, wird sie im September 1937 von Ernst Udet an die Flugerprobungsstelle für Militärmaschinen nach Rechlin berufen. Ihr Auftrag ist, mit den neuen Bremsvorrichtungen ausgestattete Kriegsflugzeuge auszuprobieren. Sie ahnt damals noch nicht, daß sie für die folgenden Jahre unauslöslich in die Militärfliegerei einbezogen wird. Die Erprobung von Stukas, Bombern, Jagdmaschinen usw. wird für sie eine patriotische Aufgabe, die sie als größere Ehre empfindet als Titel und Auszeichnungen.

Doch auch hier spürt sie zunächst wieder die schlecht verhohlene Ablehnung des „stärkeren Geschlechts“. Nicht nur wegen ihres überlegenen Könnens, sondern seltsamerweise auch wegen ihres selbstlosen Idealismus.

Wer ihr heute vorwerfen möchte, daß sie damit zur „Vorbereitung eines Angriffskrieges“ beitrug, sollte ihre eigenen Worte beherzigen:

„Wir jungen Menschen wollten den Frieden, aber den gerechten, der uns leben ließ. Das deutsche Volk wollte ihn, auch wenn es die Welt heute nicht mehr wahrhaben will. Ein Volk, das in der Mitte zwischen anderen Völkern einen engen Wohnraum hat und jetzt, nach den Jahren der Armut und Unsicherheit, wieder Brot sah und einen Aufstieg erlebte und wußte, daß in der Welt stets der Schwache bedroht sein wird, und weil es glaubte, wie alle ein Recht auf Schutz zu haben, sah es in der wehrmässigen Erstarkung ein Erstarken seiner Kraft und die Möglichkeit, den Frieden zu wahren.

Welches andere Volk in der Welt hätte dabei nicht berechtigten Stolz empfunden?“ … ‚Wenn Du den Frieden willst, sei für den Krieg vorbereitet‘ „So sah ich sie, ohne daß ich an dieses Wort der Römer gedacht hätte: die Stukas, die Bomber, die Jäger – Wächter vor den Toren des Friedens.

Und so flog ich sie, jeden Flug mit dem Gefühl, mit meiner Vorsicht und Zuverlässigkeit jene zu schützen, die nach mir als Piloten in der Kanzel sitzen würden, und daß wiederum jeder einzelne von ihnen allein durch sein Dasein jenes Land schützen würde, das ich eben im Flug unter mir sah: Land mit Äckern und Feldern, mit Bergen und Hügeln, Wäldern und Wassern. Land, das es auf der Erde vielleicht großartiger gab und doch nur dieses eine für mich, weil es meine Heimat war. War es nicht wert, dafür zu fliegen?“

So mußten sich auch in Rechlin jene, denen „Weiber“ ein Greuel waren, an ihr Wirken gewöhnen. Leistung imponierte letztlich immer.

Bei den exotischen, unter dem Reklamewort KISUAHELI stattfindenden Festlichkeiten im Februar 1938 in Berlin stand auch Hannas Name als letzte Nummer auf den Plakaten: „Hanna Reitsch fliegt den Hubschrauber.“ Vor diesem grellen Hintergrund, inmitten von allerhand Varieteevorstellungen schien manchem ihr Auftreten eines Flugkapitäns unwürdig zu sein. Doch es handelte sich dabei – die Idee kam von Udet – um eine sehr ernsthafte Angelegenheit. Zum ersten Mal in der Welt sollte in der Deutschlandhalle ein Hubschrauber vorgeführt und gezeigt werden, daß diese Lösung von Deutschen gefunden worden war (entwickelt von Professor Focke in Bremen).

Nach den ersten, von Karl Franke aus Rechlin und Hanna durchgeführten Versuchsflügen mit dem noch gänzlich unbekannten Hubschrauber stattete der berühmte amerikanische Flieger Charles Lindbergh, bekannt durch seinen wagemutigen Transatlantiksoloflug, Deutschland einen Besuch ab. Dieser sympathische, schlicht-natürliche Mann nannte den ihm vorgeführten Hubschrauber sein bisher stärkstes technisch-fliegerisches Erlebnis.

Vor ihrem Auftritt treten noch einmal alle Widersacher gegen diese „billige Revue“ auf den Plan. Auch Hannas Eltern sind zunächst ehrlich entsetzt, daß ihre Tochter in einem Milieu von Clowns, Fakiren und Seiltänzern erscheinen soll. Aber der Gedanke, durch ihren Flug mit dem Hubschrauber, den Namen DEUTSCHLAND groß auf dem Rumpf, das Ansehen ihres Landes zu heben, läßt sie ihre Abneigung überwinden.

„Denn meine Eltern liebten Deutschland mit der Innigkeit von Menschen, die – der Welt gegenüber großzügig in Auffassung und Geist – in der Heimat den Widerhall ihres eigenen Herzens fanden und ihr zugetan waren, wie Kinder es natürlicherweise Vater und Mutter gegenüber sind. Der Dienst an diesem Vaterland war ihnen deshalb eine so hohe Pflicht, daß sie ihn ganz in den Vordergrund stellten. Diese Einstellung gab den Ausschlag.“

Die Berliner sind anfangs – nach den Schlagworten der Reklame von „300 Sachen“ – vom langsamen Hubschrauber enttäuscht. Doch die Erregung und Bewunderung aller Fachleute pflanzt sich schließlich auch auf das breite Publikum fort. Zudem gibt es ein erfreuliches Echo in der Presse aus aller Welt.

„So wurde die Vorführung des Hubschraubers zuletzt doch noch, was sie hatte werden sollen: Ein Lob deutschen Geistes und deutscher Technik. Der Flug in der Deutschlandhalle war eine geschichtliche Festlegung des Anspruchs auf ein Erstrecht.“

Flüge in Amerika und Nordafrika

August 1938. International Air Races in Cleveland, Ohio. Ernst Udet, der die Amerikaner schon bei früheren Veranstaltungen mit seinem Können begeisterte, soll wieder dabei sein. Doch er ist dienstlich verhindert und schlägt daher seinen amerikanischen Freunden vor, an seiner Stelle Hanna Reitsch herüberzuholen. Neben Hanna gehen noch zwei deutsche Fliegerkameraden, Graf Hagenburg und Emil Kropf mit nach Amerika.

Wie so viele Bekannte sind auch Hannas Eltern besorgt, daß ihre Tochter als Europäerin in diesem wesensfremden Land Schwierigkeiten haben wird. Nur Ernst Udet ist anderer Meinung. Mit seinem Humor und seiner Ursprünglichkeit, neben seinem als früherer Kunstflieger ausgesprochenen Sinn für „publicity“ , hatte er sich bei den sportbegeisterten Amerikanern immer wie zu Hause gefühlt.

Auch Hanna ist von dem Erlebten und der Freundlichkeit der Amerikaner beeindruckt. (Was sie, wie jeder Kurzbesucher nicht wissen kann, ist, daß amerikanischer Beifall und Ekstase zumeist Eintagsangelegenheiten sind). Den amerikanischen Humor erlebt sie schon in den ersten Tagen ihres Aufenthalts, als den deutschen Fliegern zu Ehren ein Empfang in New York gegeben wird.

Da Hanna von den drei Deutschen das beste Englisch spricht, fällt ihr die Rolle zu, sich für all die Reden und Trinksprüche zu bedanken. In ihrer lebhaften Art sprudelt sie ihre Begeisterung für Amerika heraus. Sie kommt mehr und mehr in Fluß und endet zuletzt mit einem bei ihrer Ankunft von den Hafenarbeitern immer wieder gehörten Wort: „What the hell goes on…“ Die Wirkung ist wie eine Bombe. Donnerndes Lachen und rasender Beifall! Denn was sie nicht wußte – dieser Ausspruch war einfach nicht „ladylike“!

Bei den „Air Races“ findet ein für die deutsche Mannschaft beinahe tödlicher Unfall statt. Graf Hagenburg, ein vorzüglicher Kunstflieger, wird beim Rückenflug in Bodennähe plötzlich durch eine Böe nach unten gedrückt. Die Maschine überschlägt sich beim Aufprall in einer Riesenstaubwolke. Atemlose Stille, die Musik bricht ab, Fahnen gehen auf Halbmast.

Doch den Trümmern entsteigt plötzlich – Graf Hagenburg. Er läßt seine Verletzungen von Sanitätern verbinden, steigt in eine andere Maschine und fliegt weiter (wie Frh. v. Wangenheim bei der Olympiade 1936 in Berlin trotz Schlüsselbeinbruch weiterritt und damit den Sieg der deutschen Military-Mannschaft sicherte!). Graf Hagenburg ist mit einem Schlag der populärste Mann der Veranstaltung. Nichts hätte größere Bewunderung hervorrufen können.

Nach dem Zielabspringen mit Fallschirmen muß Hanna zum Schluß der Veranstaltungen den von Hans Jacobs konstruierten „Habicht“ vorführen, das ein Segelflugzeug, mit dem man Kunstflüge ausführen kann.

Es war nicht einfach, nach dem Donnern und Heulen der Motoren auf dem Abstellen aller störenden Geräusche zu bestehen. Denn der lautlose Segelflug kann in seiner Schönheit nur in Abwesenheit allen ablenkenden Lärms empfunden werden. Einen größeren Gegensatz als den zwischen dem lautlosen Flug des schimmernden schlanken Vogels und dem vorhergegangenen Dröhnen der Hochleistungsmotoren konnte es nicht geben. Hanna fliegt alle nur möglichen Kunstflugfiguren und landet schließlich mitten im Zielkreis unter dem tosenden Jubel der Menge.

Alle folgenden Einladungen des gastlichen Landes müssen abgesagt werden, da die deutsche Mannschaft wegen der Krise in der Tschechoslowakei telegraphisch zurückgerufen wird.

Im Februar 1939 startet abermals eine Segelflugexpedition unter Prof. Georgii. Diesmal geht es in das italienische Nordafrika. Die Expedition hat strenges Verbot, in die Wüste zu fliegen. Die Teilnehmer müssen sich an die alten Karawanenstraßen halten. Aber es bleibt nicht aus, daß sie den Saum der Wüste streifen. Hanna ist fasziniert von der Unendlichkeit des Sandmeeres unter ihr. Einmal bekommt sie den Auftrag, eine der mitgeführten Motormaschinen nach Garian zu verlegen, einem westlich Tripolis in Richtung Tunis gelegenen Ort. Beim Start ist der heiße afrikanische Himmel wolkenlos. Stundenlang genießt sie beim monotonen Summen des Motors die wie tote, flimmernde weiße Fläche unter ihr. Noch immer kein Wölkchen am Himmel.

Da, wie urplötzlich ein grelles Fanal am Himmel, der sich in Minutenschnelle schwefelgelb färbt. Fast im gleichen Augenblick setzt der Sturm ein. Die Wüste ist in Aufruhr. Sturmfluten von Sand werden hochgejagt, greifen nach dem Motor und dem Gesicht des Piloten. Bald sind Nase, Ohren und Augen mit feinem Flugsand verstopft. Der Motor fängt an zu stottern, und plötzlich streikt er ganz. Im Gleitflug geht es inmitten der wirbelnden Sandmassen nach unten. Zu Hannas Glück auf einen Platz, der nicht mehr weit von Garian entfernt ist. Am nächsten Tag herrscht wieder Stille. Auch die anderen Maschinen und Transportwagen treffen ein. Über der Wüste dehnt sich wie zuvor der seidenblaue Himmel.

Ihr für eine Frau bedenklichstes Abenteuer erlebt sie nach einem mehrstündigen Segelflug in Buerat el Sun, wo sie von der Dunkelheit überrascht wird. Zwei plötzlich auftauchende Karabinieri bieten ihr Schutz in einer nahen Steinhütte an. Zunächst beobachten die beiden mit südländischem Charme die einer Dame gegenüber angebrachten Formen. Aber mit dem Fortschreiten der Nacht nimmt das italienische Temperament zunehmend Überhand über die männliche Ritterlichkeit. Hanna muß ihre bei ihren Flügen so oft erprobte Geistesgegenwart einsetzen. Ihr ständiger Redestrom, ein Gemisch aus italienischen, französischen und lateinischen Brocken, vermag nicht länger die immer deutlicher werdenden Aggressionsgelüste der beiden Männer abzuwehren. Nun erzählt sie ihnen, daß sie zu Marschall Balbo weiterfliegen muß. Sie lobt ihr vorbildliches Betragen und verspricht, es bei Balbo vorzubringen. Sicherlich wird er sie dafür mit einem Orden beehren. Das Zauberwort „Orden“ versetzt die Italiener in Entzücken. Sie benehmen sich wieder mustergültig, und Hanna ist durch diese kleine Notlüge gerettet.

Zwischen 1937 und 1939 stellt Hanna einen Streckenweltrekord von der Wasserkuppe nach Hamburg, einen Weltrekord im Zielflug mit Rückkehr zum Startplatz von Darmstadt zur Wasserkuppe und zurück auf. Daneben wird sie als einzige weibliche Teilnehmerin Sieger beim großen Zielstreckensegel- flugwettbewerb von Westerland auf Sylt nach Breslau. Und im Juli 1939 fliegt sie einen Weltrekord im Zielflug von Magdeburg nach Stettin.

Proben mit dem Lastensegler

Nach den Versuchen mit den Sturzflugbremsen geht das Institut nun daran, sich mit der Konstruktion eines Großsegelflugzeuges zu befassen. Die Idee des Lastenseglers wird geboren.

Das erste Großsegelflugzeug wird im Schleppflug hinter einer dreimotorigen Ju 52 erprobt. Hanna ist am Steuer. Es stellt sich heraus, daß der völlig geräuschlose Lastensegler sich auch im steilen Sturz bewährt. Da er in der Lage ist, Menschen und Material zu befördern, gewinnt er mit diesen Eigenschaften auch militärische Bedeutung. Die sich ergebenden vielseitigen Möglichkeiten erwecken das Interesse der deutschen Luftwaffenführung.

Bei der Vorführung vor der Generalität sind u.a. Udet, Kesselring, Ritter v. Greim und Milch zugegen. Mit einer kriegsmäßig ausgerüsteten Gruppe Infanterie läßt Hanna sich auf eine Höhe von 1,000 m schleppen. Dann stürzt sie im Steilflug nach unten, landet zwischen den Büschen hinter der Generalität, während die Soldaten aus dem Segler springen und sofort in Stellung gehen.

Die Generale sind hingerissen. Wie ein Mann bestehen sie darauf, diesen Sturzflug sofort zu wiederholen. Diesmal mit den hohen Herren daselbst als Besatzung! Hanna schlägt bei diesem Ansinnen und dieser Verantwortung das Herz zum Halse heraus. Doch ihre Einsprüche werden beiseite geschoben. Auch dieser zweite Flug klappt ohne Zwischenfälle. Nur die Fallschirmtruppe ist von der neuen Konkurrenz wenig begeistert. Bei einem „Wettbewerb“ zwischen Lastenseglern und Fallschirmjägern, die beide ein bestimmtes Ziel anzusteuern haben, erweisen sich die Lastensegler als eindeutig überlegen. Sie landen genau am Ziel, und ihre Mannschaften sind im Nu einsatzbereit. Die Fallschirmjäger dagegen werden an diesem sehr windigen Tag teilweise weit vom Ziel abgetrieben.

Der erste Kriegseinsatz der Lastensegler erfolgte bekanntlich gleich zu Beginn des Frankreichfeldzugs. Mit ihrer Hilfe wurde das bis dahin als uneinnehmbar geltende belgische Fort Eben Emael ohne nennenswerte Verluste erstürmt.

Nur die besten Segelflieger werden als Piloten der Lastensegler ausgewählt. Ihr Gefreitendienstsgrad entspricht allerdings keineswegs ihren Fähigkeiten. Ihre Vorgesetzten können zwar auf ihren Rang pochen, haben aber so viel wie keine Ahnung vom Segelfliegen. Die Piloten sind tief deprimiert, weil ihre Forderung nach den notwendigen Übungsflügen für künftige Einsätze glatt abgewiesen wird. Sie wissen, daß dieses Versäumnis mit hoher Wahrscheinlichkeit zu katastrophalen Folgen führen wird.

In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an Hanna Reitsch. Hanna zerbricht sich den Kopf darüber wie sie, eine Frau, in der militärischen Hierarchie etwas für ihre Kameraden bewirken kann. Ein Brief an General v. Richthofen bleibt erfolglos. Auch bei weiteren Vorstößen läuft sie wie gegen eine Mauer. Doch das drohende Schicksal ihrer Kameraden, die Gefahr von Fehlschlägen mit hohen Verlusten wegen ungenügender Vorbereitung, lassen sie nicht los. Endlich, sie hat schon fast die Hoffnung aufgegeben, gelingt durch einen Fürsprecher eine Besprechung mit General v. Greim. Er bewilligt einen großangelegten Probeeinsatz. Das befürchtete Ergebnis: Nur wenige Lastensegler erreichen das befohlene Ziel, und dazu noch um Stunden zu spät! In einem umfangreichen Trainingsprogramm, auch bei Nacht, können solche Pannen gerade noch rechtzeitig beseitigt werden.

Hanna Reitsch schreibt dazu:

„Daß ich eine Frau war, störte viele, denen das Privileg des Mannes wichtiger war als die Not der Stunde. Mir hat diese Einstellung viele Kämpfe eingebracht, und sie hätte auch die Erfüllung wichtigster Aufgaben oftmals verzögert, wenn nicht einige verantwortungsbewußte Männer wie Udet und Ritter v. Greim, denen die sachliche Aufgabe mehr galt als der Kampf der Geschlechter um den Vortritt, kraft ihres Amtes und ihrer militärischen Stellung meinen Einsatz durchgesetzt hätten. Ich selbst litt natürlich unter dieser Einstellung, jedoch hätte sie mich nie von der Erfüllung meiner Pflicht abbringen können. Und so sind die Jahre des Krieges, dessen Schrecken und Grauen sich mir unauslöschlich eingeprägt haben, für mich Jahre schwerer und ernstester Arbeit geworden.“

Und weiter, im Zusammenhang mit der gefährlichen Erprobung eines unbemannten Benzinträgers:

„Diese Versuche kosteten aber nicht nur Überwindung der körperlichen Schwäche, von der ich angefallen wurde, sondern auch der Angst – häßlicher, primitiver Angst. Doch wenn sie mich überfiel, dann dachte ich an die Männer draußen und schämte mich, weniger bereit zu sein als sie.“

Eine neue Versuchsserie läuft an. Mit Hilfe von Seilen soll auf dem kleinsten Deck eines Kriegsschiffes gelandet werden. Die Versuche bleiben erfolglos und werden eingestellt. Es folgt ein sehr gefährliches Experiment: Das Kappen von Ballonseilen. Diese Drahtseile hatten den deutschen Maschinen über England manche Verluste beigebracht, indem sie die Tragflächen durchsägten. Hans Jacobs konstruiert einen die Motoren schützenden „Abweiser“. Mit seiner Hilfe sollen die Seile abgedrängt und dann abgeschnitten werden. Hanna sagt dazu:

„Diese Erprobungen hatten mich wie kaum eine Aufgabe zuvor innerlich erfüllt und mitgerissen; denn ich wußte, daß ich jeden Versuch für das Leben meiner Kameraden flog, die im Einsatz standen. Es war ein harter Kampf mit der Gefahr.“

Bewundernswert, wie sie in diesen Tagen trotz heftiger Kopfschmerzen und Fieber dennoch weiter fliegt, bis sie mit Scharlach nach Berlin ins Virchow-Krankenhaus eingeliefert werden muß! Zum Scharlach gesellt sich Gelenkrheumatismus. Auch ihr Herz ist in Mitleidenschaft gezogen. Die Angst ergreift sie, nie wieder fliegen zu können.

Doch es geht gut. Drei Monate später kann sie aus dem Krankenhaus entlassen werden. Sofort nimmt sie die gewagten Anflüge wieder auf. Bei ihrem letzten Versuch, bei dem auch Udet zugegen ist, hat sich der Ballon quer zum Wind gestellt. Das Ergebnis ist, daß das Seil durch die Abtrift viel zu flach ansteht. Mit gemischten Gefühlen fliegt sie den Draht an. Und schon kracht es. Splitter des Metallpropellers fliegen in die Kabine. Sie hat Glück, daß der Motor nicht durch die Unwucht herausgerissen und damit unweigerlich den Absturz verursacht hätte.

Ein Wettlauf mit dem Tod beginnt. Es gelingt ihr jedoch, ihre Do 17 im Gleitflug zu halten und nach unten zu bringen. In höchster Erregung erwarten die Beobachter die Detonation des Aufschlags. Udet begibt sich sofort in seinem Fieseler Storch zur vermeintlichen Bruchstelle. So bleich hatte Hanna ihn noch nie gesehen. Ohne ihr ein Wort zu sagen, fliegt er nach Berlin, wo er Hitler berichtet. Daraufhin erhält Hanna das Eiserne Kreuz 2. Klasse.

Am 27. März 1941 wird Hanna von Göring in seinem Haus empfangen. In Anerkennung für ihre gefahrvollen Versuche überreicht er ihr das goldene Militärfliegerabzeichen mit Brillanten. Wegen ihrer geringen Körpergröße hatte Göring die Eintretende zuerst glatt übersehen, bis Udet ihn schmunzelnd darauf aufmerksam macht, daß der erwartete Gast schon vor ihm steht.

„Wie? Das soll unser großer, berühmter Flugkapitän sein? Ist das alles? Wie können Sie kleine Person überhaupt fliegen?“

Hanna ist etwas pikiert, aber keineswegs eingeschüchtert. Mit einem Arm Görings Körperfülle beschreibend, antwortet sie schlagfertig:

„Ja, muß man denn dazu so aussehen?“

Für einen Moment ist sie erschrocken über ihre impulsive Geste. Aber noch bevor sie sich erholt hat, gibt es ein großes Gelächter, in das auch Göring einstimmt.

Am folgenden Tag wird sie von Hitler zur Verleihung des EK II in der Reichskanzlei empfangen. Hitler unterhält sich eingehend mit ihr über ihre Versuche, und Hanna ist beeindruckt von seiner höflichen Art und seinen Kenntnissen auf fliegerisch-technischem Gebiet.

Die Anteilnahme des deutschen Volkes an dieser Auszeichnung ist überwältigend. Seit seiner Stiftung im Jahre 1813 war das EK II nur einmal einer Frau, der Krankenschwester Johanna Krüger, verliehen worden.

„Meine Heimat Schlesien vergaß nicht, daß ich ihr Kind war… so erlebte ich es in diesen Tagen und fand darin ein tiefes Glück, das nur der verstehen kann, der sein Volk liebt… Die Dörfer hatten geflaggt, Menschen säumten die Straßen und warfen uns Blumen zu, standen an den Türen und grüßten, und noch vor Hirschberg mußten wir oftmals halten, um die Lieder der Schulkinder an- zuhören…

Aus jedem und allem sprach Schlesiens Liebe! Aus den Kinderaugen, die uns entgegenleuchteten, aus den dankbaren Blicken greiser Männer und Frauen, die uns mit welken Händen zuwinkten, aus den Begeisterungsrufen der Jungen, den Blumen und Fahnen, die Hirschberg schmückten.“

Nach dem ersten Empfang berichtet sie weiter:

„Der Jubel… bestätigte mir, daß es im deutschen Volk eine Liebe gab, deren Kraft aus Quellen stammt, welche die Vernunft nicht berechnen kann. Aus den Bergen, die hier auf uns nieder schauten. Aus den Wiesen und Äckern, die sich vor der Stadt ausbreiteten. Es waren die Bilder, welche die Seele des einfachen Soldaten füllten, der vorn im Graben stand, es waren die Träume der Frauen und Mütter, welche die Entbehrungen des Krieges allein zu tragen hatten: es war Heimat!“

Im Ratsherrensaal wird ihr der Ehrenbürgerbrief der Stadt verliehen.

„Es war nicht die Ehre, die mich an diesem Tag zutiefst bewegte, sondern die Verbundenheit mit meiner Heimat, deren Liebe mich umschloß… Sie würde mich, wenn ich nun zu meiner Arbeit zurückging, wie ein Kraftquell begleiten.“

Im Oktober 1942 fliegt Hanna für die Firma Messerschmidt in Augsburg die Me 163a und b, ein schwanzloses Flugzeug mit Raketenantrieb, das sich bewährt hat und als Einsatzmaschine weiterentwickelt werden soll. Die dem Raketenflugzeug zugedachte Aufgabe ist, feindliche Bomberpulks zu zersprengen, um den Abschuß zu erleichtern.

Nach Abheben vom Boden erreichte die Rakete eine Geschwindigkeit von 400 km/St. Nach Abwurf des Fahrwerks in 8-10 m Höhe stieg die Geschwindigkeit in wenigen Sekunden auf 800 km. Bei einem Steigwinkel von 60-70° konnte die Maschine in 1 Minuten eine Höhe von 10,000 m erklimmen. Die Me 163 besaß zudem noch hervorragende Flugeigenschaften. Ihr großer Nachteil war, daß sie wegen des enorm hohen Brennstoffverbrauchs nur 5-6 Minuten in der Luft bleiben konnte.

Eine weitere Komplikation ergab sich aus der sehr hohen Landegeschwindigkeit – nach verbrauchtem Brennstoff im Gleitflug bis zu 240 km! Heini Dittmar, der Einflieger dieser Maschine, hatte mit ihr die 1,000 km Grenze überschritten. Da Dittmar wegen einer Verletzung der Wirbelsäule im Krankenhaus gelandet war, fallen die weiteren Probeflüge Hanna Reitsch und einem Kameraden zu.

Bei einem Probeflug ohne Triebwerk im Schlepp einer 2-motorigen Me 110 passiert es. Als Hanna in niedriger Höhe versucht, das Fahrwerk abzuwerfen, läuft plötzlich ein starkes Zittern und Brummen durch die ganze Maschine. Von unten rote Leuchtkugeln. Gefahr! Gleichzeitig Signale aus dem MG-Stand der vorausfliegenden Me 110. Etwas war mit ihrem Fahrwerk nicht in Ordnung. Der Pilot der Me 110 begreift sofort, daß sie schnell Höhe gewinnen muß. Er schleppt sie bis zur Wolkenbasis, wo sie in 3,500 m Höhe ausklinkt.

Trotz waghalsiger Flugmanöver gelingt es ihr nicht, das leidige Fahrwerk abzuschütteln. Das Vibrieren in ihrer Maschine verstärkt sich. Aber sie verwirft den Gedanken, mit dem Fallschirm abzuspringen und die kostbare Maschine abschmieren zu lassen. Sie vertraut ihrem Stern und hofft, doch noch auf dem vorgesehenen Landeplatz aufsetzen zu können. Doch plötzlich sackt die Maschine durch und reagiert auf keine Steuermanöver mehr. Instinktiv duckt sie sich zusammen, als die Me mit hoher Fahrt auf einen Acker zusaust und sich krachend überschlägt.

Sie hat noch die Kraft, das Kabinendach zu öffnen. Vorsichtig tastet sie ihr Gesicht ab. Wo vorher die Nase saß, ein breiter blutiger Spalt! Bei jedem Atemzug quellen Luft- und Blutblasen hervor. Als sie versucht, ihren Kopf seitwärts zu drehen, wird es ihr schwarz vor den Augen. Unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte geht sie daran, auf einem Notizblock Ursache und Verlauf des Sturzes festzuhalten. Es ist die Pflicht des Einfliegers, die beim Probeflug gemachten Erfahrungen nicht verloren gehen zu lassen. Erst jetzt verbindet sie ihr Gesicht mit einem Taschentuch, um den herbeieilenden Mannschaften dessen Anblick zu ersparen. Dann verliert sie das Bewußtsein.

Die Röntgenaufnahmen im Krankenhaus zeigen einen vierfachen Schädelbasisbruch, zwei Gesichtsschädelbrüche, einen verschobenen Oberkiefer, eine Gehirnquetschung und die gespaltene Nase. Am nächsten Morgen kniet ihre Mutter an ihrem Bett. Die Ärzte betrachten ihren Zustand als sehr bedenklich, aber beim Anblick der geliebten Mutter fühlt sie sich geborgen.

Die folgenden Wochen und Monate zählen zu den qualvollsten ihres Lebens. Nicht wegen der Schmerzen, sondern weil sie hilflos liegen muß, während die Nachrichten von den Fronten sich laufend verschlechtern. Ohne ihre Mutter wäre sie verzweifelt. Über fünf Monate verbringt sie in diesem Lazarett. Und bei dem aufopfernden Bemühen der Ärzte und Schwestern, und nicht zuletzt dank der Liebe ihrer Mutter, kommt sie langsam, für sie viel zu langsam, wieder zu Kräften. Wenige Tage nach ihrem Absturz war ihr das EK I verliehen worden.

Da sie um nichts in der Welt ihre Flugversuche aufgeben will, zwingt sie sich mit eiserner Energie, ihre heftigen Kopfschmerzen und Schwindelanfälle zu bekämpfen. Vorsichtig klettert sie auf das Hausdach. Sie muß sich am Schornstein festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Diese Übung wiederholt sie Tag für Tag. Anfangs ist sie von diesen Kletterpartien völlig erschöpft. Doch allmählich lassen die Schwindelgefühle nach, und vier Wochen später gelingt es ihr, schwindelfrei über den Dachfirst zu rutschen. Danach verlegt sie ihre Kletterübungen auf in der Nähe stehende Bäume wie sie es in ihren Kindertagen getan hatte.

Eines Tages – die Ärzte dürfen auf keinen Fall davon erfahren – überredet sie den Kommandeur der Luftkriegsschule Breslau-Schöngarten, sie eine Segelmaschine fliegen zu lassen. Mit diesem Erlebnis, das Herz voll Dankbarkeit, daß sie wieder Höhenluft schmecken kann, ist ihr das Leben neu geschenkt. Es dauert nicht lange, und sie fliegt wieder alle Kunstflugfiguren wie in alten Zeiten.

„Denn mein Ziel war, in den Einsatz zurückzukehren. Die Ungewißheit über Deutschlands Schicksal wuchs täglich angesichts der immer schwächer werdenden deutschen Front und lag wie ein schwerer Druck auf mir. Die Gedanken bewegten mich Tag und Nacht. Ich hatte mich niemals mit strategischen oder politischen Fragen befaßt. Ich wollte nur bis zur letzten Stunde meiner Heimat helfen; denn ein verlorenen Krieg bedeutet für ein Volk furchtbares Unglück. Deshalb fragte ich auch nicht danach, ob die Überlegenheit des Gegners noch entscheidend zu schwächen war. Ich fragte mein Gewissen. Und nach meinem Gewissen handelte ich, wenn ich alles daran gesetzt hatte, wieder in den Einsatz zurückkehren zu können.“

***Ende Teil 2***

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