Heiko Maas – mit den Waffen der Frau

Von Wolfgang Prabel

In der DDR gab es nicht viele Juden. Viele der Überlebenden des Dritten Reichs und einige der  Rückkehrer aus dem Exil hatten das gastliche Land vor allem während der russischen Kosmopolitismus-Kampagne (1952/53) fluchtartig in Richtung Westen verlassen. Das ging bis 1961 über die offene Grenze in Berlin ja noch.

Diese Kampagne ist heute fast vergessen. 1948 verzichtete der Amerikaner Garry Davis in Paris auf seine US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Er begründete diesen Schritt, dass wenn es keine Nationalstaaten mehr gäbe, auch keine Kriege mehr geführt würden. Er behauptete Weltbürger Nr. 1, zu sein. Für die Kremlherren natürlich das rote Tuch. Insbesondre die Juden mit ihren ausgeprägten internationalen Beziehungen gerieten ins Fadenkreuz der Stalinisten. Das vermeintliche Gegenbild wurde das des proletarischen Internationalismus, nachdem Sozialisten weltweit Brüder waren und alle Arbeiter der Welt die Interessen Moskaus hatten.

Sowjetische Zeitungen führten antisemitische Kampagnen gegen „wurzellose Kosmopoliten“, mit denen Juden gemeint waren. 25 führende Mitglieder des antifaschistischen Komitees wurden der Zusammenarbeit mit dem Zionismus und dem US-amerikanischen Imperialismus angeklagt.

Im November 1952, gab der Tschechenkommunist Klement Gottwald bekannt, daß „Verrat und Spionage die Reihen der kommunistischen Partei unterwandern. Ihr Ziel ist der Zionismus“. Die Feinde hätten Schritte unternommen, Gottwalds Leben mit der Hilfe „handverlesener Ärzte aus dem feindlichen Lager zu verkürzen“. Am 3. Dezember wurden 13 kommunistische Führer der Tschechoslowakei, davon 11 Juden, hingerichtet.

In einer Sitzung des Politbüros am 1. Dezember 1952 erklärte Stalin:

„Jeder jüdische Nationalist ist ein Agent des amerikanischen Geheimdiensts. Die jüdischen Nationalisten glauben, ihre Nation sei von den USA gerettet worden (dort kann man reich, bourgeois usw. werden.). Sie glauben, den Amerikanern gegenüber eine Schuld zu tragen. Unter den Ärzten gibt es viele jüdische Nationalisten.“

Am 13. Januar 1953 wurden einige der angesehensten und bekanntesten Ärzte von der Parteizeitung „Prawda“ beschuldigt, an einer riesigen Verschwörung beteiligt zu sein, die sich zum Ziel gesetzt habe, die oberste sowjetische Politik- und Militärführung zu vergiften. Nur der Tod Stalins rettete einem Teil der Ärzte das Leben.

Die danach in der DDR verbliebenen Juden konnte man an wenigen Fingern abzählen. Mir sind in den 36 Jahren bis 1990 insgesamt anderthalb Juden über den Weg gelaufen. In der Weimarer Schillerstraße gab es bis zum Anfang der 80er Jahre den Papierwarenhändler Süß und Gregor Gysi absolvierte Ende der 60er im Rahmen seines Jurastudiums ein Praktikum am Weimarer Gericht.

In Ostberlin in der Alexanderstraße wohnte die jüdische Familie Brasch. Sie bestand aus dem Vater, dem stellvertretenden Kulturminister Horst Brasch, der Mutter Gerda Brasch, den Söhnen Thomas, Klaus und Peter und der Tochter Marion.  Der älteste Sohn Thomas hatte 1968 als 23Jähriger gegen den Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei protestiert und wurde verhaftet.

In der Schule des jüngsten Bruders Peter, der Ernst-Wildangel-Schule in Ostberlin, gingen an den folgenden Tagen wildeste Gerüchte über einen Bombenanschlag um, obwohl nur Flugblätter verteilt worden waren. Behauptungen ohne jeglichen Zusammenhang mit der Realität. Natürlich kann man heute nicht feststellen, wer sie gestreut hat. Der Vater wurde von seinem Job als Kulturfunktionär suspendiert und 1971 mußte die ganze Familie nach Karl-Marx-Stadt umsiedeln.

Anetta Kahane wurde 1954 geboren, also fast zeitgleich mit Peter Brasch. Auch sie ist Jüdin. Von 1974 bis 1982 spitzelte Kahane für die Staatsicherheit. Als Informeller Mitarbeiter „Victoria“ berichtete sie ihrem Führungsoffizier über Bekannte, die sie im privaten Rahmen aushorchte. Mit ihren Angaben belastete Kahane Dutzende Personen aus ihrem unmittelbaren Umfeld, darunter viele linkslastige Künstler. Sie berichtete über einen ZDF-Reporter, mehrere Studenten von West-Berliner Universitäten und vor allem über in der DDR lebende Ausländer. Vor letzterem Hintergrund ist es bemerkenswert, daß sie heute Inländer ausspioniert. Sie scheint sehr nach der Macht und dem Geld zu gehen. Es gibt solche Frauen.

In einem von IM „Victoria“ stammenden Bericht heißt es 1976 über einen Kreis von Schriftstellern und Schauspielern: „Zu den Feinden der DDR gehören in erster Linie Klaus Brasch und Thomas Brasch.“

Klaus Brasch war als Schauspieler bekannt. Er spielte beispielsweise in populären Filmen wie „Jakob der Lügner“ und „Solo Sunny“ mit. Ihn als Staatsfeind erster Klasse zu denunzieren war krass neben der Uhr. Sein großer Bruder Thomas protestierte 1976 wie viele andere sogenannte „Kulturschaffende“ gegen die Ausbürgerung des Ostberliner Sängers Wolf Biermann. Brasch stellte einen Ausreiseantrag, dem umgehend stattgegeben wurde. Wenn er wirklich ein Staatsfeind gewesen wäre, hätte er jahrelang auf die Ausreise warten müssen. Schnelle Ausreisen kamen immer zustande, wenn Familienpeinlichkeiten von hohen Funktionären „in Ordnung gebracht“ werden mußten.

Eine Anekdote von 1984 nahm die turboschnelle Ausreise der Willy-Stoph-Nichte Ingrid Berg aufs Korn: „Gibt es Probleme mit Willy Stoph?“ – „Mitnichten, mitnichten.“

Die Schwester Marion berichtete in ihrem Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ von der DDR-Nostalgie ihres Bruders Thomas Brasch nach seiner Ausreise. Bei seinen Ostberlin-Besuchen wurde Thomas oft sentimental, vergaffte sich zuweilen in junge Ostberlinerinnen und nannte das: „Ich habe mich in die DDR verliebt.“

Wieso Anetta Kahane als Jüdin andere Juden bespitzelte? Darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Gab es zwischen den Kahanes (ihr Vater war Kommentator der Zeitschrift „Horizont“) und den Braschs einen Privatkrieg um den besseren Platz an den Futterraufen des Regimes? Oder war sie als damaliger „Gutmensch“ stark fanatisiert? Letztere Vermutung ist logischer und paßt in ihre derzeitig erkennbare Charakterkulisse.

Verwundern muß man sich über unseren Bundesjustizminister Maas, der Kahane in seinen Kampf gegen „Rächts“ einspannte. Er kämpft mit den Waffen einer bewährten Kämpferin gegen den menschlichen Anstand. Für einen Justizminister und die ihm vorgesetzte Bundeskanzlerin ist das keine Werbung.

Nach dem Rücktritt von Merkel und Maas wird die Rehabilitierung der Verfolgten auf die Tagesordnung geraten. Bei den Brasch-Brüdern ist es dafür leider zu spät, weil sie tot sind. Zur Problematik der Vergangenheitsbewältigung gibt es eine russische Anekdote aus der Perestroika:

Es gibt einen Fragebogen: „Sind sie in der Vergangenheit verfolgt worden, und wenn nicht, warum nicht?“

Eine andere russische Anekdote aus den 50er Jahren lautet so: Die Christen glauben an ein Leben nach dem Tod. Die Kommunisten glauben an eine Rehabilitierung nach dem Tod.


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