I don`t want to believe: Ein Sturm in der Matrix

von Gedankencoach

Es ist 2016 und die Stimmung in Deutschland ist sehr angespannt. In der jüngsten Vergangenheit gab es einige Terroranschläge, die Übergriffe der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof sind nicht vergessen und die Bevölkerung hat jedes Vertrauen in die Bundesregierung verloren.

reality2bmatrix2b-2bdreamworldIn dieser Situation wird bereits am Sonntag eine große Anzahl von Rosenmontagszügen aufgrund des Sturms „Ruzica“ abgesagt. Das ist kein Novum, bereits in der Vergangenheit wurde der Straßenkarneval abgesagt, z.B. wegend em Golfkrieg, oder auch ebenfalls bereits wegen einem Sturm. Doch dieses mal ist da irgendwie so ein fader Beigeschmack, der natürlich auch in der vefehlten Informationspolitik nach den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof begründet ist.

Irgendwo fühlt sich die seltsame Absage aufgrund eines Sturms, dessen Ausläufer noch nicht einmal spürbar sind, falsch an. Dies wird natürlich zusätzlich befeuert, weil in Mainz (just in der Stadt, die sehr früh den Rosenmontagszug abgesagt hatte) kurz zuvor Razzien gegen mögliche Terroristen des IS durchgeführt wurden.

Sollte also wirklich ein Sturm der Grund für die Absage sein? Die folgenden Absagen, boten allesamt weiteren Spielraum für Spekulationen: Duisburg, Dortmund und zuletzt auch Düsseldorf. Überall dort brodelte im Vorfeld die Gerüchteküche, dass es dort zumindest zu Ausschreitungen kommen könnte.

Die Behörden zogen den Stecker und sehr viele Karnevalszüge fielen aus, bzw. wurden auf einen späteren Termin verschoben. Der Montag kam und nur der Sturm blieb „überraschend“ aus. Im Rheinland hatten sogar Helikopter Flugerlaubnis, die Sonne lachte zeitweise und man hätte wirklich alles tun können, nur eines nicht: Drachen steigen lassen.

Gute Bekannte bestätigten mir ebenfalls Sonnenschein in Düsseldorf und mäßiges Wetter (aber keinen Sturm) im Ruhrgebiet und in Mainz. Da ist der Sturm wohl ausgefallen. Alle hauptamtlichen Bedenkenträger können sich aber dennoch auf die Schulter klopfen lassen, denn „es hätte ja auch anders kommen können“… Die Frage lautet nur: Ist das auch wirklich so?

Wenn man sich die Arbeit der Journalisten ansieht, könnte man da so seine Zweifel bekommen. Die Journalistin Dunja Hayali definierte den Auftrag eines Journalisten kürzlich während ihrer Dankesrede zur Goldenen Kamera wie folgt: „Die Realität so aufzuzeigen, wie sie ist!

Das würde bei einer so falschen Unwettermeldung bedeuten, dass genau dieser Sachverhalt anaylisiert und nachgefragt wird. Wer trug in den einzelnen Fällen die Verantwortung für die Absagen? Welche Parameter trugen zu den Entscheidungen bei? Wird man bei der nächsten Wettermeldung wieder genauso reagieren?

Mit unglaublich viel Optimismus ausgestattet, könnte man sogar ja auch auf Enthüllungsjournalismus spekulieren, der sich mit der Frage beschäftigt, ob es nicht auch andere Gründe außer einem fiktiven Sturm für die zahlreichen Absagen gegeben haben könnte. Zugegeben, im Mainstreamjournalismus oder gar bei den öffentlich-rechtlichen Medien auf so etwas zu hoffen ist etwas naiv …

Am Ende des Tages steht dann vielen Ortens die Wut der Narren und die Übereinkunft, dass eine Absage im Zweifel ja doch immer die bessere Option ist. Schließlich will ja niemand Menschen in Gefahr bringen …

Während ich diese Zeilen schreibe, brodelt bereits wieder die Social Media-Gerüchteküche: Es ist von Karnevalswagen die Rede, die einfach zu regierungskritisch waren. Andere Quellen sprechen von stark islamkritischen Motiven auf Karnevalswagen. Ebenso hat sich das online Kollektiv Anonymous zu Wort gemeldet und behauptet, es wären ein oder mehrere Terroranschläge auf Karnevalszüge geplant gewesen. Andere Quellen sprechen von einem rein personellen Problem der Polizei, der es schlicht und einfach nicht möglich gewesen wäre, alle Karnevalszüge in NRW zu sichern. Die frei gewordene Manpower der Polizei konnte so an der publikumswirksamen Location Köln eingesetzt werden.

Ähnliches fand auch direkt nach #KölnHBF statt: Unruhe und wilde Vermutungen. Jeder hatte etwas gehört und die metaphorische Bombe detonierte drei Tage später.

Ob es sich nun also um eine realisische Unwetterwarnung, oder um eine bequeme Ausrede handelte, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht eindeutig sagen. Was man aber wieder ganz klar attestieren muss, ist die Tatsache das die Medien nicht das tun, was sie tun sollen: Recherchieren, nachfragen, berichten. Anstelle dessen gibt es nur kurze Randnotizen mit Kalendersprüchen wie „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“.

Ist nun also der Fakt, dass es eine Unwetterwarnung gab, anstelle dessen aber die Sonne lachte, kein Nachfragen mehr wert? Ich sehe das als kapitalen Fehler der Medienschaffenden an und ich muss fragen:

Was alles wird ebenfalls nicht hinterfragt, sondern ausschließlich mechanisch von den Medien wiedergekäut?

Wenn also so ein konkreter Anlass in Deutschland scheinbar keine Recherchen mehr wert ist, warum sollte das dann bei anderen Meldungen anders sein? Warum sollte ich überhaupt noch irgendeiner Schlagzeile (außer vielleicht den Fußballergebnissen) einen Wahrheitsgehalt unterstellen? Ist es dann nicht viel wahrscheinlicher, dass diese Meldungen ebenso kommentar- und recherchelos von jeder beliebigen, dubiosen Quelle übernommen und in den medialen Äther geschossen wird?

Der Sturm Rucika hat einen Riss in die Matrix gerissen und durch die klaffende Wunde im Gewebe unserer Gesellschaft kann man die nackte Realität erkennen. Diese Realität ist viel hässlicher, als es uns der politisch-mediale Komplex in seinen bunten Worten immer verkaufen möchte.

Die Erkenntnis der abgesagten Karnevalsumzüge 2016: Medien funktionieren nur, wenn die Menschen ihnen vertrauen. Was aber ist, wenn es den Medien plötzlich völlig egal ist, ob die Menschen ihnen vertrauen? Am Ende steht dann der Vorwurf den Journalisten hassen, wie Vampire das Weihwasser: Lügenpresse!

Das Vertrauen bei vielen Menschen in Bundesregierung und Medien ist tief erschüttert, mancherorts sogar zerissen. Wenn man sich das Auftreten der Politiker und Journalisten z.B. in der Flüchtlingsfrage ansieht, bemerkt man sehr schnell, dass es um etwas anderes geht: Politiker wie Journalisten wollen, dass die Menschen ihnen glauben. Angela Merkel möchte, dass die Deutschen ihr stupides „Wir schaffen das!“ glauben, genauso wie die Journalisten sich wünschen, dass die Deutschen ihre Schlagzeilen glauben.

Wir befinden uns gerade also in einer Devolution, weg vom Verstand hin zum Glauben. Das wird bei den meisten verstandbegabten Menschen aber scheitern, denn warum sollten sie fortan einem Menschen etwas glauben, dem sie schon lange Zeit nicht mehr vertraut haben?

In Anlehnung an die populäre Mysteryserie Akte X lupfe ich meinen Aluhut und sage: I`don`t want to believe!


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