Little Germany – das ist Deutsche Wesensart !

Von Stefan Elfenbein

Willkommen” steht über der Eingangstür vom Bäckerladen. “German Schwarzbrot”, “Streuselschnecken”, und “Peach cakes”, Pfirsichkuchen, gibt es dort zu kaufen.

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Neben dem Bäcker ist ein Antiquitätenladen. Daneben ist ein Schuster und neben dem Schuster ist ein Metzger. Der bietet “Opa s Link sausage”, hausgemachte Bratwurst nach dem Rezept von Opa Link, an.

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“The Maibaum” steht “on the Marktplatz”, sagen die Einheimischen, und die Main Street ist eigentlich die “Hauptstraße”.

Die wird von gepflegten Häuschen gesäumt. Ein paar Fachwerkhäuser mit Bauerngärten und Geranien sind darunter. Verkaufsschlager im schattigen “German Biergarten” von “Altdorf” sind der “Schnitzel Burger” und der “sausage sampler”, die Wurstplatte. Auch im “Rathskeller” wird “Gemütlichkeit” groß geschrieben. Cowboyhüte und Cowboystiefel tragen die Vorfahren der Fredericksburger auf den Fotos an den Wänden und deutsche Bierhumpen halten sie in ihren Händen. “Another Weißbier?”, fragt der Kellner.

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Bis vor fünfundsiebzig Jahren wurde in Fredericksburg fast ausschließlich Deutsch gesprochen. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs waren aber auch in Texas – wie fast überall in den USA – die deutsche Kultur verpönt und das Sprechen von Deutsch sogar verboten. Dass es in Fredericksburg aber trotzdem noch so viel Deutsches gibt, hat zum einen mit seiner sehr abgeschiedenen Lage im dünn besiedelten Hill Country zu tun; 100 Kilometer ist Fredericksburg von San Antonio entfernt und 120 Kilometer von Austin.

Und zum anderen damit, dass man sich schon früh darum bemühte, die einzigartige Geschichte des Städtchens zu erhalten. Strenge Denkmalschutzgesetze bewahrten Fredericksburg vor Abriss, Zersiedlung, Allerwelts-Läden und Neonzeichen. Heute gilt der Ort nicht nur als das am besten erhaltene Beispiel einer ehemals deutschen Siedlung in ganz Amerika, es wurde vom “National Trust for Historic Preservation” in Washington auch zu einer der zwölf historischsten Kleinstädte der USA gekürt.

“Klapperschlangen, Dornenbüsche und Indianer, das war alles, was meinen Vorfahren begegnet ist”, erzählt Clinton Storch. “Sonst gabs ja nichts zwischen hier und Galveston. “

Storch ist einer der Touristenführer im “Pioneer Museum” auf der Hauptstraße, einer Ansammlung historischer Gebäude, die die Geschichte von Fredericksburg illustrieren. Eine Scheune, ein Schulhaus, ein Räucherhaus, eine Schmiede und mehrere Wohnhäuser sind erhalten. Das Kammlah-Haus zum Beispiel stammt von 1856.

“Mein Großvater hat hier gewohnt,” sagt Storch. “1842 wurde in Biebrich am Rhein der Mainzer Adelsverein gegründet”, erklärt Storch. “Das war eine Gruppe junger deutscher Adliger, die – wie die Franzosen und Engländer – eine Kolonie gründen wollten, um mit Tabak und Baumwolle Geld zu verdienen. “

Im gerade von Mexiko unabhängig gewordenen Texas sei dem Verein dann ein riesiges Stück Land angeboten worden – “von einem Betrüger”. Die wohl etwas weltfremden Adligen nahmen an. Als 1844 die ersten 700 deutschen Siedler im Hafen von Galveston ankamen, zeigte sich, dass das Hill Country nicht gerade fruchtbar war und den Komantschen gehörte.

Mehrere hundert Deutsche starben bei ihrer verzweifelten Wanderschaft durch Texas an Skorbut. Eine Gruppe von Siedlern ließ sich schließlich am 8. Mai 1846 erschöpft unter einer großen Eiche nieder.

“Bären- und Panter-Fleisch haben die an dem Abend gegessen und Erdlöcher zum Schlafen gegraben”, sagt Storch.

Das war die Gründung von Fredericksburg. Der Anführer der Gruppe war Baron Ottfried Hans von Meusebach.

“Der Meusebach wusste, dass man zuerst Frieden mit den Indianern schließen musste, um den Aufbau der Siedlung zu sichern”, fährt Clinton Storch fort.

Der Baron machte sich mit einem Übersetzer auf den Weg zum Komantschen-Häuptling “Alte Eule”. Mehrere Tage lang wurde verhandelt und am Ende die Friedenspfeife geraucht. Handelsbeziehungen wurden abgesprochen und den Indianern zugesichert, dass sie Fredericksburg jederzeit besuchen könnten.

Der so genannte “Meusebach-Treaty” bescherte Fredericksburg bescheidenen Wohlstand und gilt als einziger Friedensvertrag zwischen Indianern und Weißen, der auf amerikanischem Boden geschlossen und nie gebrochen wurde.

Obwohl die Komantschen später von der US-Armee nach Oklahoma vertrieben wurden, kommen sie bis heute einmal im Jahr nach Fredericksburg.

Jeden Mai werden auf dem Marktplatz das Founders Day Festival und das Pow Wow der Komantschen gefeiert.

“Sie müssen sich auf dem Marktplatz auch die Kaffeemühle anschauen”, sagt Storch.

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Die “Kaffeemühle” ist die achteckige “Vereins Kirche”, der erste Kirchenbau von 1847. Eine Besonderheit sind auch die “Sunday Houses”.

“Am Sonntag fuhr oder ritt man in die Stadt, ging in den Gottesdienst und zog sich dann zum Reden und Spielen ins Sonntagshaus zurück, nachmittags gab es Kaffee und Kuchen”, erzählt Storch. “Manchmal hat man da auch geschlafen.”

Ein original eingerichtetes “Sunday House” steht im “Pioneer Museum”. Etwa 300 sind erhalten. In vielen wurden Bed & Breakfast-Häuser eingerichtet.

Stolz sind die Fredericksburger auch auf zwei Persönlichkeiten der jüngeren amerikanischen Geschichte, die aus dem deutschen Städtchen stammen: Lyndon B. Johnson, Präsident der USA von 1963 bis 1969, und Fünf-Sterne-Admiral Chester Nimitz.

Nimitz war während des Zweiten Weltkriegs der Oberbefehlshaber der amerikanischen Marine im Pazifik. 2,5 Millionen Soldaten standen unter seiner Führung. An beide erinnern Museen und Gedenkstätten.

Lyndon B. Johnson wuchs auf einer Rinderfarm auf. Als Präsident baute Johnson die Farm zum so genannten “Texan Whitehouse” aus; wichtige Staatsgäste wurden dort empfangen. Die Farm und die Wohnhäuser der Eltern und Großeltern sind heute zum “Lyndon B. Johnson State Historical Park” zusammengefasst.

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Zwanzig Kilometer von Fredericksburg entfernt liegt der “Enchanted Rock“, der drittgrößte Monolith der Welt. Wie ein gigantisches Ei schimmert der Granitbrocken rosa, Streifen von Glimmer im Gestein blitzen auf. Kurz vor der Dämmerung schwirren Millionen von Fledermäusen aus den umliegenden Höhlen.

Den Komantschen war der “Verzauberte Fels” heilig. Geister, dachten sie, bewohnten das Plateau. Auch den deutschen Siedlern war der Fels nicht ganz geheuer.

“Wenn der Fels nachts abkühlt, entstehen Geräusche, als würde das Eis auf einem zugefrorenen See zerspringen”, erzählt Clinton Storch. “Meine Großeltern wussten, dass wir uns nicht nur mit den Indianern, sondern auch mit den Geistern versöhnen müssen”, sagt Storch. “Die waren nicht nur deutsch geblieben, sondern auch schon zu Texanern geworden.


SERVICE // Anreise: Flüge nach San Antonio oder Austin gehen von allen großen amerikanischen Flughäfen ab. Dort empfiehlt es sich einen Mietwagen zu nehmen. Reisezeit: September bis Juni. Von Ende März bis Mitte Mai blühen die Wildblumen. Am 10. /11. Mai findet das nächste Founders Day Pow Wow statt.

Unterkunft: B & B in Sunday Houses gibt es von 75 bis 150 Dollar/zwei Personen pro Nacht. Es werden auch historische Stadtführungen vermittelt.

Gästehaus Schmidt Reservation Service, 231 W. Main, Fredericksburg, TX 78624, Tel. : 001/830/997 56 12, Fax. : 001/830/9 97 82 82, E-Mail: gasthaus@ktc. com.

Auskünfte: Informationsmaterial kann kostenlos angefordert werden bei: Fredericksburg Convention & Visitor Bureau, 106 N. Adams, Fredericksburg, TX 78624, Tel. : 001/830/9 97 65 23, Fax: 001/830/ 9 97 85 88.

Im Internet: www. fredericksburg-texas. com. www. pioneermuseum.com. www.tpwd.state.tx.us/ parks/nimitz. www.nps.gov/lyjo. www.wildseedfarms.com.

CONVENTION & VISITOR BUREAU Farm in der Nähe von Fredericksburg. Auch die Abgeschiedenheit des Städtchens half, das Deutsche zu bewahren. FCVB Die Geschichte lebt fort in den Museen von Fredericksburg. CONVENTION & VISITOR BUREAU Deutsch: der Lindenbaum.


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