London: Nationalarchiv gibt Rudolf-Heß-Akte frei – Geheimnis wird obskurer

von Sputnik

Die vielen Verschwörungstheorien zum Tod von Rudolf Heß hat das britische Geheimarchiv nicht zerstreut – wohl aber die Hoffnungen auf Klarheit in dem Fall des deutschen Vizeführers.

Dass Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß seinen waghalsigen Flug nach Großbritannien als Friedensmission unternommen haben könnte – diese Version lehnten britische Regierungen immer wieder ab. Warum sollte Heß aber sonst mitten im Blitz-Bombenregen auf englische Städte nach Großbritannien fliegen?

Manche Historiker vermuten, das Motiv hinter seinem Flug seien „Gemeinsamkeiten“ zwischen den Nazis und den pro-deutschen Kreisen im britischen Establishment gewesen. Es gibt viele Bücher über Hitlers Wunsch, einen Friedensdeal mit London zu erzielen, um beide Hände für den Überfall auf die Sowjetunion frei zu haben oder die Briten gar für einen gemeinsamen Kreuzzug gegen die – bei Hitler und Churchill gleichermaßen verhassten – Kommunisten zu gewinnen.

Eröffnungszeremonie der Olympischen Winterspiele 1936 (Archivbild)

In der Tat: Heß flog nur sechs Wochen vor dem Überfall Deutschlands auf die UdSSR nach Großbritannien. Dass Heß ihnen von der Operation Barbarossa erzählt hatte, bestritten die Briten zwar. Stalin jedoch war überzeugt, Heß habe ihnen davon nicht nur erzählt, sondern auch angeboten, sich dem Überfall anzuschließen. Bei all seinem Ani-Kommunismus nahm Churchill das Angebot nicht an, sondern ließ den Hitler-Stellvertreter Heß als Kriegsgefangenen verhaften.

Im Nürnberger Prozess von 1946 wurde Heß wegen Verbrechen gegen den Weltfrieden zu lebenslanger Haft verurteilt. Bis zu seinem Tod im Jahr 1987 betonte Heß immer wieder, der Richterspruch sei eine Perversion, habe er doch Leib und Leben für eine „Friedensmission“, den Flug nach Großbritannien, riskiert.

Von der übrigen Welt komplett abgeschnitten, machte Heß im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis der Alliierten heimliche Notizen über seine gewagte Unternehmung. Auf Toilettenpapierrollen schrieb er seinen Bericht und wollte ihn über einen französischen Pastor aus dem Gefängnis schmuggeln. Dieses Komplott flog jedoch auf, sodass die Welt keine Chance mehr hat, aus erster Hand zu erfahren, was zwischen Heß und den Briten im Mai 1941 wirklich passiert war.

Jahrzehntelang wurden sämtliche Informationen über diesen Fall geheim gehalten und nur auf Druck von Öffentlichkeit und Geschichtswissenschaftlern stückchenweise herausgegeben. Und selbst in der jüngsten Veröffentlichung 30 Jahre nach Heß‘ Tod klaffen deutliche Lücken. Der Bericht der Royal Military Police über ihre Ermittlungen und die Dokumente über die Folgen von Heß‘ Tod wurden vom britischen Außenministerium wieder eingezogen.

Rudolf Hess beim Nürnberger Prozess

Heß hatte in den 40 Jahren seiner Gefangenschaft beharrlich um Freilassung ersucht und die Nachricht von seinem Tod am 17. August 1987 erregte bei vielen Verdacht. Waren es die Briten selbst, die den ehemaligen Hitler-Stellvertreter endlich losgeworden sind, um sich die Peinlichkeit möglicher Enthüllungen zu ersparen? Dies behaupten jedenfalls einige Historiker und die jüngst veröffentlichten Dokumente zeigen: Das letzte Wort in dieser Sache ist noch nicht gesprochen.

Heß habe Selbstmord begangen, lautete eine gemeinsame Erklärung, die die vier Mächte Frankreich, Großbritannien, USA und UdSSR, zwei Tage nach seinem Tod veröffentlichten. Die Siegermächte betrieben das Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau gemeinsam. Ein jetzt freigegebenes Telegramm des britischen Außenamts zeigt aber: Diese Erklärung wurde lediglich von drei der vier „Gefängnisbetreiber“ verfasst und der Sowjetunion dann als vollendete Tatsache vorgelegt.

„Eine Pressemitteilung über die Obduktion wurde von den drei Alliierten an diesem Nachmittag abgestimmt und dann den Russen bei einem Treffen in Spandau vorgelegt, unter der Maßgabe, dass sie um 18 Uhr in jedem Fall veröffentlicht wird“, heißt es in jenem Dokument.

Britisches Telegramm bezüglich der Pressemitteilung über Heß‘ Tod

Und die Mitteilung wurde in der Tat veröffentlicht – trotz der Bedenken der Sowjetunion über die Todesursache.

Auch wurde über das Selbstmordinstrument viel geschrieben und gesagt, welches Heß angeblich gewählt hatte: Ein Verlängerungskabel, das um seinen Hals gewickelt war, als Heß‘ Leiche in der Gartenlaube auf dem Gefängnisgelände entdeckt wurde.

Heß‘ Sohn Wolf-Rüdiger und sein Anwalt Alfred Seidl behaupteten später, Rudolf Heß hätte nie und nimmer einen Knoten in das Kabel binden können: Wegen Arthrose habe Heß Schwierigkeiten gehabt, sich sogar die Schnürsenkel zuzubinden.

Die freigegebenen Dokumente werfen eine aberwitzige Erklärung dafür auf:

„Das Verlängerungskabel, das benutzt wurde, wurde manchmal in der Gartenlaube gelassen, und wenn es nicht gebraucht wurde […], wurde es mit einem Knoten am Fenster befestigt, damit Heß es nicht extra holen musste.“

Kernfragen der britischen Militärregierung Berlin über die Umstände des Todes von Rudolf Heß

Wie überaus bequem! Aber ist es nicht gängige Gefängnispraxis, die Insassen von allem fernzuhalten, womit sie sich und anderen Schaden zufügen können? In den 40 Jahren seiner Gefangenschaft hatte Heß mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Gefängnisleitung hätte also angemessene Maßnahmen einleiten müssen, um einen weiteren Suizidversuch zu verhindern.

Eine biegsame Verlängerungsschnur ist ein ideales Selbstmordinstrument. Allein die Tatsache, dass sie an einem Ort auslag, an dem der Häftling häufig, auch wenn nur für wenige Minuten, alleingelassen wurde, kommt zumindest einer groben Fahrlässigkeit gleich, wenn nicht einem strafrechtlichen Vorsatz.

Ganz abgesehen davon ist der Knoten auf dem Foto aus dem freigegebenen Geheimarchiv ein komplizierter Seemannsknoten – dafür bestimmt, schweres Gewicht auszuhalten. Warum um alles in der Welt sollte jemand ein Verlängerungskabel auf diese sonderbare Weise aufbewahren, zumal im Gefängnis!

Foto des Verlängerungskabels, das an dem Fenster der Gartenlaube befestigt ist, in der Heß erdrosselt aufgefunden wurde.

Dies war schon ein erstaunlicher Bruch mit allen Sicherheitsregeln in einem Gefängnis, die in Spandau regelmäßig diskutiert und überarbeitet wurden, wie aus den veröffentlichten Protokollen der Gefängnisleitung hervorgeht.

Aber mit den Regelbrüchen war es damit nicht vorbei. So heißt es in den Unterlagen: Der sowjetische Kommandant des Spandauer Gefängnisses sei überrascht gewesen,

„zu erfahren, dass die Sonderermittler der British Royal Military Police bereits Zugang zu der Gartenlaube gehabt hatten, obwohl das Abkommen über die Gefängnisverwaltung vorschreibt, dass der Bereich um den Zellenblock vom US-Kommandanten unverzüglich abgeriegelt werden musste [Im August waren die US-Amerikaner für die Verwaltung des Spandauer Gefängnisses verantwortlich – Anm. d. Autors]“.

Protokoll des Treffens der alliierten Gefängniskommandanten in Spandau
Protokoll des Treffens der alliierten Gefängniskommandanten in Spandau

Der vorsitzende US-Kommandant argumentierte, er habe die Befugnis gehabt, die Sonderermittler der britischen Militärpolizei hineinzulassen. Er und der französische Kommandant haben jedenfalls angeboten, ihre Vorgesetzten unverzüglich zum Zugang der britischen Sonderermittler zu konsultieren.

Der britische Kommandant vertraute seinen Chefs an:

„Informationen darüber, dass jemand, vermutlich ein britischer Wächter, sie hereingelassen hatte und sie in der Lage gewesen waren…“

An dieser Stelle endet das Dokument abrupt und der endgültige Bericht der britischen Sonderermittler bleibt bis heute unter Verschluss. Auch der Obduktionsbericht war lange geheim und ist erst jetzt veröffentlicht worden.

Bericht zur Obduktion von Rudolf Heß‘ Leiche

Gleichwohl bemerkten die West-Alliierten:

„Der Obduktionsbericht ist zur Veröffentlichung ungeeignet. Es wäre vorzugsweise auch zu vermeiden, dass er an Wolf-Rüdiger Heß [Heß‘ Sohn] ausgehändigt wird.“

Was war denn so ungeeignet an diesem Bericht, dass er der Öffentlichkeit 30 Jahre lang vorenthalten werden musste. Vielleicht diese unerklärliche Prellung an Heß‘ Kopf?

Kriegsverbrechergefängnis Spandau

Und wieder versuchten die drei West-Alliierten das Thema abzuwiegeln und ihre Sowjetpartner ruhigzustellen.

„Der bessere Weg war aus unserer Sicht eine klare und starke Erklärung an die Presse – abgestimmt zumindest mit den US-Amerikanern und den Franzosen –, die an deren Ergebnisse und an den Bericht der britischen Sonderermittler anknüpfte und dafür bestimmt war, weiteren Zweifeln und Spekulationen ein Ende zu setzen.“

Erreicht hat dieser Ansatz exakt das Gegenteil: Zweifel und Spekulationen über den Tod des Häftlings Nr. 7 im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis dürften jetzt umso mehr sprießen.


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