Michael Winkler: Wer hat den härteren Schädel?

War das im Norden von Paris nun ein Attentat oder nicht? Eine Gruppe Soldaten verläßt das Dienstgebäude, um zu ihrem Patrouillenfahrzeug zu gehen. Ein freundlicher Mitmensch läßt sein Auto an und fährt mit Rammgeschwindigkeit in die Gruppe hinein und verletzt sechs Soldaten, zum Glück nicht lebensgefährlich. Anschließend gibt er Vollgas und braust davon.

Mittlerweile hat man den Fahrer gestellt und überwältigt. Bei den Nachrichten steht das inzwischen weiter hinten, man muß die Meldung suchen. Das Wort Attentat wird tunlichst vermieden, und mit dem Islam hat das Ereignis natürlich auch nichts zu tun. Wobei es nicht einmal dann etwas mit dem Islam zu tun hätte, wenn der freundliche Mitmensch Allahu akbar gebrüllt und an die Verletzten Korane verteilt hätte.

Nennen wir das bis auf Weiteres einen Dumme-Jungen-Streich. Und wenn es wirklich ein Moslem gewesen ist, bekommt er dafür 20 Sozialstunden und eine Führerschein-Nachschulung auf Staatskosten.

Wer hat den härteren Schädel? Donald Trump oder Kim Jong Un? Beide würden zu gerne losschlagen, wie zwei Hunde, die einander anbellen und heftigst an den Leinen ziehen. Wenn man sie von der Leine läßt, schauen sie sich verwirrt um und verzichten im gegenseitigen Einvernehmen auf die Beißerei.

Nordkorea kann mit seinen veralteten Waffen gegen die schwerstbewaffnete USA nicht gewinnen, aber es hat das Potential, den kriegslüsternen Amerikanern durchaus weh zu tun. Eine Atombombe auf den Luftstützpunkt Guam, eine weitere auf einen US-Flugzeugträger, anschließend heroisch untergehen, mehr wäre nicht drin.

Die Amerikaner sollten sich zudem hüten, im Vorgarten Chinas und unweit Japans Atompilze anzupflanzen. Allzu intensiv sollten die Amis auch nicht siegen gehen, denn weder China noch Rußland legen Wert auf noch mehr US-Stützpunkte an ihren Grenzen. Die USA sollten nach diesem Krieg ihren Wappenvogel austauschen: Statt des Weißkopf-Seeadlers wäre ein Pleitegeier passender. Beute gibt es in Nordkorea nicht.

„Es heißt Saurier und nicht Saurusse“, hat mein Lehrer damals der Klasse erklärt, vor mehr als fünfzig Jahren. „Sau-Russe gibt es zwar auch, aber die sitzen im Osten.“ Ja, damals war die Welt noch in Ordnung. Die Prawda lesen, oder „Sowjetunion heute“? Die Märchen der Gebrüder Grimm oder von Hans Christian Andersen sind wenigstens gut ausgegangen …

Daß ich heute, wenn ich Gedanken- und Meinungsfreiheit genießen will, in eben jenen Osten gehen muß, der sich damals vor uns abgeschottet hatte, hätte ich nie geglaubt. Und daß ich die Wahrheit eher in „Russia today“ lese, anstatt sie in der Tagesschau zu erfahren, hätten wir vor dreißig, vierzig Jahren niemals geglaubt. Wenigstens ist für Angela Merkel alles so geblieben, wie sie es gewohnt war. Auf der Prawda steht allerdings „BILD“, und ob das Bedruckte für Papirossi geeignet ist, wage ich nicht zu beurteilen.

Die eine Umfrage gibt der Merkel-Union 40 Prozent, die andere 39. Die SPD bekommt 23 Prozent zugesprochen, bei den Kollegen 24 Prozent. Die Linke bekommt mal 8, mal 9 Prozent, Grüne und AfD einheitlich 8 Prozent, die FDP mal 8 und mal 7 Prozent. Das Ergebnis beider Umfragen lautet: Laßt alle Hoffnung fahren. 95 Prozent der Wählerschafe entscheiden sich für jene Parteien, die sie seit Jahrzehnten geschoren und geschlachtet haben.

Zum ersten Mal tue ich mir schwer mit einer Wahlempfehlung. Die AfD äußert zwar durchaus Vernünftiges, doch ihre Führung hat längst gezeigt, daß sie weder eine Alternative noch für Deutschland ist. Hätte ein Wahlboykott Auswirkungen wie in Weimar, also die Zahl der Volksvertreter zu reduzieren, wäre das meine Entscheidung.

So habe ich die Wahl, mit der AfD ein bißchen Nein zu sagen, mit dem Wissen, daß die AfD umschwenkt, wenn sie für eine Regierungsbeteiligung gebraucht wird. Oder mit der NPD ein klares Nein zu sagen, das aber nicht in die Parlamente gelangt. Und wenn doch, wird die NPD verboten, im Augenblick wird sie aus zwei Gründen geduldet: Sie sichert viele Arbeitsplätze im Verfassungsschutz, und sie ist zu klein, um wirklich gefährlich zu werden.

Quelle: Michael Winkler


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