Offener Brief und eindringlicher Appell an den Eifelphilosophen – Nach 5 Jahren Schaffen: 3 Gründe zum Weitermachen

von Parkwaechter

Beim Lesen des letzten Artikels des Eifelphilosophen („Die Zombiefizierung der Gesellschaft“) haben wohl viele Leser kurz den Atem angehalten. Nicht wegen der erschreckenden Bestandsaufnahme der Realität – dieser ins Auge zu blicken sind wir ja schon durchaus gewohnt -, sondern auch angesichts seiner zwischen den Zeilen mitschwingenden Frage nach der Sinnhaftigkeit des Schreibens und der Ankündigung, dass seine Schreiberei womöglich nicht bis in alle Ewigkeit weitergehen wird.

Im Namen vieler treuer Leser und Fans des Nachrichtenspiegels sei an dieser Stelle daher ein offener Brief erlaubt – an denjenigen, der bisher mit über 2600 Artikeln unverdrossen gegen den Wahnsinn, den man uns heute zur Normalität erklären möchte, angekämpft hat.

Ja, dass es einigermaßen frustrierend ist, wenn nach fünf Jahren Nachrichtenspiegel, zig Millionen Klicks und zigtausenden Stunden Schreib- und Administrationsarbeit (übrigens: Hallo und Dank auch an den Regenbogenbieger – ohne ihn würde sich das Rad hier wohl auch nicht drehen) immer noch der Wahnsinn triumphiert und man beim morgendlichen Lesen der Tageszeitung ständig nur verheerende Niederlagen von den Fronten des Endkampfes um die Menschlichkeit entgegennehmen muss, das kann man nachvollziehen.

Und wenn man dann auch noch E-Mails von Trollen bzw. Orcs bekommt, die die Wahrheit gar nicht hören wollen, da sie diese schmerzt wie die Sonnenstrahlen jemanden, der jahrelang nur in einem dunklen Keller dahinvegetiert und in das trübe LED-Licht seines Smartphones geglotzt hat – dass man da manchmal am liebsten den Hut draufhauen möchte, wer könnte es einem verübeln? Auch darf man nicht unterschätzen, welche Anforderung an die geistige Verdauungstätigkeit es stellt, wenn jemand täglich die Moraste der Mainstream-Medien und der „Lügenpresse“ durchwatet und dort nach ein paar Perlen fischt, die zunehmend seltener werden.

Wie Nietzsche schon festgestellt hat, muss der, der in einen dunklen Brunnen blickt, aufpassen, dass er nicht selbst hineinfällt. Und wenn man die fast schon bewundernswerte Raffinesse ansieht, mit der Meinung heute gemacht wird und wie eine ganze Generation grausam verarscht, um alle ihre Zukunft betrogen wird, wie dieser Generation durch Schule, Uni und Medien ein menschenverachtendes, technokratisch-szientistisches Weltbild aufgeprägt wird, dann kann es leicht sein, dass man zwischenzeitlich kurz die Fassung verliert und selbst Gefahr läuft, in den Schacht des (ausgetrockneten) Brunnens hinabgezogen zu werden.

Wie z.B. Noam Chomsky und Fabian Scheidler bereits herausgearbeitet haben, wird Meinung heute höchst professionell „gemacht“ und in Form eines selbstkontrollierenden Automatismus etabliert. Ist Meinung erst einmal gemacht, dann können sich die Meinungsmacher getrost zurücklehnen und sogar demokratisch abstimmen lassen.

Die Presse als ehemalige vierte Säule der Demokratie ist dabei nur noch rückgratloser Handlanger in diesem Spiel des „manufacturing consent“.

„Der Clou dabei ist: Wenn die Presse einfach der Logik des Marktes ausgeliefert wird, dann braucht es kaum noch offizielle Zensur, um das Spektrum der öffentlichen Diskussion auf systemkompatible Positionen einzuengen. Die Eigentümerstruktur, die Abhängigkeit von Anzeigen, die Auswahl der Quellen und der vorauseilende Gehorsam gegenüber mächtigen Interessengruppen filtern unbequeme, nicht systemkonforme Positionen effektiv heraus.“ (aus: F. Scheidler, Das Ende der Mega-Maschine)

(siehe auch These von Noam Chomsky über die Wissenschaft als „säkulare Priesterschaft“ der Neuzeit und als Handlanger der etablierten Macht)

Daher braucht es in Wissenschaft und Politik in Zukunft gar keine Schmiergeldzahlungen und dergleichen mehr. Indem den Nachwuchskräften schon von klein auf ein rein technokratisch-kommerziell-szientistisches Welt- und Menschenbild eingeprägt wird, dann werden sie automatisch willfährige Exekutoren des alternativlosen Wahn-Sinns sein. Und uns immer tiefer in den Abgrund führen, obwohl jeder gesunde Menschenverstand an sich sagt, dass wir da unten definitiv zugrunde gehen werden.

Aber mit der Logik des in den Deckmantel der „Wissenschaftlichkeit“ gekleideten Sachzwang-Nihilismus lässt sich alles, wirklich ausnahmslos alles argumentieren, von der automatisierten Ausmerzung allen Privatlebens durch Bürgerüberwachung bis hin zur Ausmerzung „unwerten“ Lebens mittels Drohnen.

Aus „streng wissenschaftlicher“ Sicht kann unwiderlegbar nachgewiesen werden, dass Schuhpasta den gleichen Lichtabsorptionskoeffizienten besitzt wie schwarzer Kaviar. Genauso weisen die Wissenschaftler evident nach, dass in Bio-Lebensmitteln auch nichts anderes drin ist als in pestizidgespritzten und genmanipulierten Lebensmitteln. Und egal ob Meere mit Erdöl verseucht werden, die Erde gefrackt oder Kernkraftwerke in die Luft fliegen. Was man von den akkreditierten Wissenschaftlern bei solchen Anlässen, die uns an sich zum Aufwachen aus unserer naiven Fortschrittsgläubigkeit bringen sollten, jedesmal zu hören bekommt, ist der bekannte Stehsatz: „Es besteht keine Gefahr für den Menschen.“

Das ist auf den Kern reduziert auch die wesentlichste Aufgabe des akkreditierten Wissenschaftlers: Dafür zu sorgen, dass Profitwahn und technokratische Kahlfraß-Mentalität weiterhin ungehemmt wuchern können. Vergiftung von Luft, Wasser, Erde, Fracking, Nuklearverseuchung, irreversible Verhunzung des Erbguts („Gentechnik“), irreversible Verhunzung der Materiestruktur zu z.T. asbestartiger, kanzerogener Reizstruktur („Nanotechnologie“), Verschmelzung des Menschen mit Computerprozessoren, täglich fünf Stunden Inhalation astreinen Wahnsinns („Medienkonsum“) schon für Kleinkinder, denen angesichts des Tarantino‘schen medialen Gemetzels nur dank Schnuller nicht der Mund offen bleibt – alles kein Problem!

Was sollte ein „Wissenschaftler“, ein Doktor der Physik oder Chemie, ein MSc der Nuklearforschung, ein Mag. der Pädagogik oder ein Dippl. der Biotechnologie sonst sagen? Etwa die abgründige Gefahr, die unsere Umwelt und Lebenssysteme mit irreversibler Zerstörung bedroht, anprangern? Dann wäre er bereits morgen seinen Job los, sein wirtschaftskooperativ drittmittelfinanziertes Universitätsinstitut erhielte keine Mittel mehr von seinen Geldgebern aus der „freien Wirtschaft“ und außerdem hätte er eine Klage wegen Geschäftsschädigung im Postkasten. Wie soll er dann seinen Studienkredit und die 2.500.- Euro monatliche Kreditrate zurückzahlen, die er für die Errichtung seines borgkubusförmigen Einfamilienhäuschens samt standesgemäßem SUV vorm Gartenzaun von der Bank aufgenommen hat?

Welcher Mensch, der szientistisch erzogen wurde, ist schon so dumm bzw. so intelligent wie Edward Snowden, der einen gutbezahlten Job hat, in dem er ein leistungsfreies oder zumindest leistungsträges Einkommen bezieht und dann seine kleinbürgerliche Existenz opfert, um einen drohenden Überwachungs-SuperGAU zu verhindern?

Selbst wenn der Akademiker unterbewusst weiß, dass er auf dieser Welt eigentlich in eine andere Richtung arbeiten sollte und der Preis für die widersinnige Hamsterradtätigkeit in der Wirtschaftskratzlei, für die er sich verdingt, über kurz oder lang die Erschöpfungsdepression (Burnout) führt und ihm obendrauf im Jenseits Dantes Eishölle blüht, weil er durch seine Profitgier unzählige Menschen auf der anderen Seite des Globus in Elend und Tod gestürzt hat und hingegen das, was die griechischen Stoiker als das „Notwendige“ bezeichnet haben, nicht getan hat.

Aus „wissenschaftlicher Sicht“ lässt sich eben alles stringent argumentieren und kann der Mensch in eine Richtung getrieben werden, wozu keine, wirklich keine Ideologie und Philosophie in der Lage wäre. Der Szientismus ist also das Mittel der Wahl, mit dem heute auf allen Ebenen, ökologisch, ökonomisch, sozial, technische und allgemeinmenschlich der reine Wahnsinn auf Schiene gebracht und alles der restlosen Verwertung unterworfen werden kann.

Denn das Geheimnis des heute herrschenden Szientismus ist es ja, dass er geradewegs die vollkommene Abwesenheit jedweder Ideologie, Humanität, Moral und damit jedweden Geistes darstellt, also in philosophisch-existenzieller Hinsicht ein Vakuum bzw. ein schwarzes Loch ist. In dieses schrankenlose Vakuum können nun alle bösen Geister aus der Büchse der Pandora einziehen, ohne dass jemand auf die Idee kommt, sie zu verscheuchen. Denn das wäre ja fortschrittsfeindlich und ketzerisch. Sodass wir also heute das Paradox vor uns haben, dass unsere scheinbare akademische „Aufklärung“ und intellektuelle Brillanz auf allen Ebenen zu den denkbar ignorantesten, unerträglichsten und zerstörerischsten Zuständen führt.

Mit einem Wort: der Szientismus ist die perfekte Religion des Neoliberalismus und das genuine Mittel zur ökonomischen Verwertung von Mensch und Umwelt. An dem jedes Argument der Menschlichkeit und Moral abprallt wie eine Entenfeder an einem Stahlharnisch. Eine bessere Rüstung als den Szientismus kann sich der Neoliberalismus gar nicht zulegen. Wobei wir uns bei Gelegenheit vielleicht einmal ein anderes Wort für „Neoliberalismus“ überlegen sollten. Denn Neoliberalismus, das klingt ja richtig smart und fortschrittlich. Viel eher würde da ein Substantiv aus dem Jargon des Eifelphilosophen passen, z.B. Zombiefikation oder Mammon-Technokratie – mag unpopulär klingen, aber träfe den Nagel auf den Kopf. Um beim Wort „Zombie“ zu bleiben: Was ist eigentlich ein Zombie? – Nun, nichts anderes als das, was eben übrig bleibt, wenn der Geist des Menschen ausgezogen ist: ein verwesender Kadaver ohne Menschlichkeit, nur noch getrieben von einem dunklen Sachzwang.

Über diese Zombiefikation und ihr ungehemmtes Metastasieren in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien – über die man sich bei nüchterner Betrachtung eigentlich nur noch die Haare raufen kann, wie soll man da nicht trübsinnig werden? Der man mit Intellektualität nicht beikommen kann, sondern deren Lanze geradewegs die Intellektualität ist. Also wer darüber 2600 Artikel schreiben kann und dabei bei aller Tragik trotzdem Humor und Frohmut durchblitzen lässt, vor dem darf man angesichts des fünfjährigen Jubiläums schon mal kurz den Hut ziehen.

Zu diesem Anlass 3 Gründe, warum du nicht aufgeben darfst:

1.) Würden wir das, was wir tun, in quantitativen Kategorien messen, dann müssten wir in der Tat verzweifeln. Denn zehn Millionen Klicks in fünf Jahren ist schon nett. Aber was ist das zahlenmäßig gegen die Milliarden geistloser (zombifizierter) Mainstream-Artikel, die täglich in die Köpfe der Menschen gefüllt werden? – Wenn man hingegen nach dem homöopathischen Prinzip arbeitet, dann weiß man, dass auch kleinste Mengen einer Substanz oft ungeahnte Wirkungen auf den Gesamtorganismus haben und ihn von quälenden Leiden befreien können.

Und wer weiß, wieviele Menschen durch Lesen der Artikel hier gegen den zur Normalität erklärten Wahnsinn immunisiert wurden? Genauso, wie es eine womöglich erschreckende Anzahl an Impf-/Pharmaopfern gibt, so gibt es womöglich eine erstaunliche Anzahl an Menschen, die sich hier eine geistige „Schluckimpfung“ geholt haben, mit der sie dem Wahnsinn, der sie im Alltag angrinst, die Stirn bieten können. Der Wahnsinn klopft zwar täglich bei ihnen an, kostet auch durchaus Kraft und frustriert – aber er muss in den Außenschichten des individuellen Dasein bleiben, der Zugang zum humanen Kern des Menschen ist ihm verwehrt. Während der Wahnsinn bei Menschen, die der Vermassung erliegen, täglich die Gurgel runtergluckert wie das abendliche Dosenbier bei einem Fernsehsportler.

Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht normal zu sein, da sie sich mit dem zur Normalität erklärten Wahnsinn nicht mehr einverstanden erklären können. Nach dem Lesen deiner Artikel hier wird dieses verdrehte Bild vielfach wieder zurechtgerückt und man kann als Mensch wieder Selbstvertrauen schöpfen. Der Zweifel wird an den richtigen Ort gerückt: weg von sich selbst, hin zu den herrschenden Denk- und Handlungsweisen unserer Gesellschaft (ich habe jetzt bewusst nicht gesagt: hin zur herrschenden Politik und Wirtschaft, denn die Politiker und die Wirtschaft sind nur ein Produkt der herrschenden, unbewusst akzeptierten Denkweise).

Wären wir in dieser Hinsicht ganz bei Trost, dann würde es uns nicht im Traum einfallen, das höchste Regierungsamt einer Physikerin in die Hände zu geben, die schon in der DDR kein Problem damit hatte, sich schmiegsam in ein Repressionssystem einzufügen, ohne anzuecken und dort „wissenschaftliche“ Karriere zu machen. Oder einem beinharten Industrieoptimierer und VW-Manager die Sozial- und Arbeitsgesetzgebung. Ebenso befinden sich auch alle anderen Ressorts wie Pädagogik, Umwelt, Gesundheit etc. in der Hand stahlhart tickender Szientisten. Und können natürlich keine andere Realität herbeiführen als sie selbst kennen: eine mechanische.

Es ist also zuallererst die Realität im Kopf des Menschen, die zu ändern ist. Die Medizin, um da wieder zu gesunden, ist manchmal bitter. Ebenso wie die Artikel im Nachrichtenspiegel. Aber sie wirkt.

2.) Dass wir, wie du in deinem letzten Artikel beklagst, nicht ins Handeln kommen, obwohl wir doch bereits so viel verstehen, ist natürlich schlimm, zumal uns momentan die Zeit davonläuft und die Zustände bereits zu eskalieren beginnen.

Trotzdem darf man darauf vertrauen, dass wir auch dann, wenn wir äußerlich nicht handeln, immer eine Wirkung auf andere / auf die Umwelt haben – einfach durch die spezifische Qualität und Atmosphäre, die wir ausstrahlen. Und diese hängt maßgeblich von den Gedanken und Empfindungen ab, die ein Mensch in sich trägt.

Jeder kennt das Erlebnis: Genauso wie einem eine Begegnung mit einem unwirschen Menschen den ganzen Tag vermiesen kann, so kann einem auch eine nur wenige Sekunden dauernde Begegnung oder Beobachtung eines Menschen, der eine besondere Freundlichkeit, Ruhe, Aufrichtigkeit oder sonstige Qualität ausstrahlt, oft bis am Abend in Erinnerung bleiben.

Joseph Beuys hat das „soziale Plastik“ genannt (plastik kommt von „formen“, unsere Gesellschaft ist von jedem einzelnen in nicht zu unterschätzendem Maße formbar, egal ob er Manager oder „arbeitslos“ ist; in humaner Hinsicht ist man nie arbeitslos, man wirkt immer): Egal ob im Alltag, im Büro oder wenn man in einer Schlange an der Supermarktkasse stehe – man könne durch die Art, WIE (mit welcher Gesinnung) man dort stehe, alle umgebenden Menschen nachhaltig beeinflussen und dadurch Gesellschaft ganz real ändern.

Es wird vielfach erzählt, dass Menschen sogar den Gedanken an einen Suizid wieder verworfen haben, nachdem ihnen auf der Straße ein Mensch entgegengekommen ist, der etwas Aufrechtes und Hoffnungsvolles ausgestrahlt hat.

3.) Und als letzten Grund den gewichtigsten: Ganz einfach, weil es momentan ums Ganze geht.

Wenn sich der oben beschrieben Teufelskreis aus Wissenschaft/Szientismus, Meinungsmache, Technikwahn und die erbarmungslose Verwertungslogik von Politik und Wirtschaft einfach linear fortsetzen, dann ist bald Sendeschluss. Nicht nur für den Nachrichtenspiegel, sondern für die gesamte Spezies des homo sapiens überhaupt.

Jeder, der 1+1 zusammenzählen kann, weiß, was dann zur Realität wird: eine vollkommen durchtechnisierte, entseelte und bürgerüberwachte Kommerzgesellschaft, in der alle menschliche Würde und Moral ausgemerzt sind. Im Vergleich zu dem irreversiblen Umbau und der Vernichtung an Mensch und Umwelt, die dann stattfindet, wird uns sogar die NS-Schreckensherrschaft als regelrecht sozialromantische Zeit erscheinen. Mit den Worten von SPD-Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer: „Wenn wir es nicht schaffen, wieder die Würde des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, dann beginnt ein neues Zeitalter der Barbarei.“

Würde kann man dem Menschen freilich nur zuschreiben, wenn man ihn als individuelle Personalität anerkennt und nicht nur als geistlosen Topfenklumpen. Denn was gibt es an einem Menschen ohne Geist, in einer Welt ohne Geist, schon großartig zu respektieren? Man wird ihn behandeln und ausschlachten wie ein Stück Vieh. Und wenn es nicht mehr nützlich ist, hat es eben ausgedient und endet als Katzenfutter in der Dose. Wozu altes, krankes und minderleistendes Vieh durchfüttern, wo doch der Sinn des menschlichen Daseins nicht mehr die von allen Hochkulturen und Philosophien konstatierte ethische (geistig-seelische) Entwicklung ist, sondern laut herrschender (szientistischer) Staatsdoktrin nur noch die kommerziell verwertbare Leistungsfähigkeit als Daseinsberechtigung anerkannt wird?

Die Voraussetzungen zur restlosen Verwertung der Humanressourcen werden ja bereits geschaffen, indem alle mühevoll über die Jahrhunderte errungenen Grundrechte, die den Menschen in seiner Würde und in seinem Privatleben vor Willkür und Ausschlachtung schützen, nun der Reihe nach niedergerissen werden.

Wenn wir fortfahren, die geistige Würde des Menschen weiterhin mit Füßen zu treten und nur dem technokratischen Szientismus huldigen, dann wird sich – und das schon in relativ naher Zukunft, exakt das verwirklichen, was die Star Trek Autoren in absolut visionärer Weise mit der Spezies der „Borgs“ skizziert haben: Die technische Infiltration und Robotisierung des Menschen. Bio-, Gen- und Nanotechnologie werden es in absehbarer Zeit ermöglichen, Mensch und Prozessor miteinander zu verschmelzen und damit den Menschen zu mechanisieren.

Die Forschungen dazu laufen bereits auf Hochtouren und erhalten Milliardenetats von staatlichen Seiten, um das Ziel der künstlichen Intelligenz und der Robotisierung des Menschen zu erreichen. Auch diverse Milliardäre und Oligarchen sponsern das Unterfangen der Mensch-Maschine Kopplung mit Unsummen, in der Hoffnung, sich als biotechnologisch mechanisierte Zombies das ewige Leben zu sichern. Diese Verschmelzung von Mensch und Maschine nennen die Wissenschaftler „Singularität“ oder „Transhumanismus“, einer ihrer Vordenker ist Ray Kurzweil (zur inzwischen millionenstarken Anhängerschaft und Werberührern, die sich von Ray Kurzweil das ewige mechatronische Leben versprechen, gehört übrigens auch der ehemalige Captain Kirk-Darsteller William Shatner. In einem Interview erklärt er plausibel, warum er Kurzweil folgt: „Yeah, I don’t wanna die, I like to live. That’s the reason why I join the work of Ray.”)

Und der Hohepriester des Szientismus persönlich, seines Zeichens Erfinder, Director of Engineering bei Google und Träger von 19 Ehrendoktortiteln:

„Die Singularität ist eine Zukunft, in der das Tempo des technologischen Wandels so schnell und weitreichend voranschreitet, dass die menschliche Existenz auf diesem Planeten irreversibel verändert wird. Wir werden die Macht unserer Gehirne, all die Kenntnisse, Fähigkeiten und persönlichen Merkmale, die uns zu Menschen machen, mit unserer Computer-Macht kombinieren, um auf eine Art zu denken, zu kommunizieren und zu erschaffen, wie wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Diese Verschmelzung von Mensch und Maschine, mit der plötzlichen Explosion der Maschinen-Intelligenz wird, im Verbund mit rasend schneller Innovation in den Bereichen der Gen-Forschung sowie der Nanotechnologie, zu einer Welt führen, wo es keine Unterscheidung mehr zwischen dem biologischen und dem mechanischen Leben oder zwischen physischer und virtueller Realität gibt.“ (Ray Kurzweil)

Auch der renommierte Soziologe Hartmut Rosa meint, dass es keinen Grund gäbe anzunehmen, dass Menschen von der bald ins Haus stehenden Möglichkeit, ihre Leistungsfähigkeit durch die Kopplung ihres Nervensystems mit Computern und Nanobots zu steigern, NICHT Gebrauch machen würden.

Wem das wie Science Fiction vorkommt, der hat leider keine Ahnung vom aktuellen Stand der Technik. Vielleicht gibt’s dazu mal einen eigenen Artikel, hier nur soviel: Da ich selbst an vorderer Front der technischen Entwicklung tätig bin, kann ich sagen: Wenn das, was momentan im Backrohr der Nanotechnolgie und Kybernetik steckt, einmal ausgebacken ist, dann ist die Welt, wie wir sie kennen, Geschichte. Und zwar irreversibel. Und das Zeitfenster, um das zu verhindern, ist bereits ein relativ knappes. Derzeit gibt es allerdings keine ernsthaften Bemühungen, die Robotisierung des Menschen zu verhindern.

Was mich verwundert ist, dass wir über alle möglichen Krisenszenarien diskutieren (CO2/Klimakollaps, Umweltvergiftung, Nuklearunfälle, Pandemien, Terrorstaaten, Arbeitslosigkeit etc.), aber dass die bereits offenkundigen Möglichkeiten zur Robotisierung von Mensch und Umwelt praktisch nicht diskutiert werden, obwohl die exponentiell anschwellende Innovationswelle  kurz davor ist, uns in Form eines technologischen SuperGAUs zu überrollen. Der Mensch schafft sich dabei selbst ab (siehe auch ARTE Doku „Welt ohne Menschen“).

Die Endstation des Gleises, auf dem wir momentan rollen, heißt also „Borg“ (siehe Wiki-Eintrag). Den „Borgs“ ist alles, was irgendwie mit Menschlichkeit, Kultur, Empathie, Seele oder Kunst zu tun hat, verhasst. Sie wollen es eliminieren, da diese Dinge nur lästige, irrationale Hindernisse gegenüber ihrem Ideal einer großen, hocheffizienzten Technikmaschinerie sind. Der Hass auf die vorgenannten – eigentlich spezifisch menschlichen – Dinge, ist heute bereits unübersehbar. Er wird sich noch weiter steigern.

Denn je mehr wir uns der Technokratie und Robotisierung verschreiben, umso größer wird die Angst vor der eigentlich menschlichen Realität bzw. seinem Geist und dem Sinn des Daseins. Also wird die Losung lauten: Ausmerzen dieses lästigen menschlichen Potenzials, es reicht, wenn man eine neue, mechanistische Evolution sich selbst reproduzierender Nanobots und Cyber-Intelligenzen etabliert.

Die eigentliche Evolution der Menschheit bzw. das, was wir hätten werden können, ist dann gescheitert. Der menschliche Geist ist eliminiert, die reine Mechatronik bestimmt das Dasein und wird eine neue, sich selbst replizierende Maschinenwelt begründen.

Die erste, heute schon bedrohlich vorangeschrittene Vorstufe zur Eliminierung des menschlichen Geistes ist der vom Eifelphilosophen treffend angesprochene Verlust der Unterscheidungs- und selbständigen Denkfähigkeit. Wohin man auch blickt, alles wird auf den Kopf gestellt: Wahnsinn gilt als Sinn, Rückschritt als Fortschritt, Krankes als Gesund und vice versa. Die von George Orwell eigentlich als Satire gemeinten Parolen „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke“ sind tatsächlich führende Dogmen unserer Gesellschaft geworden.

Bisheriges politisches und gesellschaftliches Versagen hat in der Geschichte zu durchaus tragischen Katastrophen geführt, 30jährigen Kriegen, Partherkriegen, Hussitenkriegen, Türkenkriegen etc. Der Fortbestand der Menschheit war dadurch bei aller Tragik trotzdem nicht gefährdet. Während es angesichts der technologischen Möglichkeiten heute erstmals möglich ist, die menschliche Evolution wirklich zu beenden bzw. in besagte „Borg“-Realität einmünden zu lassen.

Aus diesem Grund müssen wir allen philosophischen „Most“, den wir im Keller haben, nach oben holen. Das Ausschenken dieses Apfelmosts wird uns vor dem grassierenden Wahn-Sinn schützen und wieder zur Besinnung bringen. – Und wir haben sehr guten Most im Keller. Die ganze Geschichte des mitteleuropäischen Abendlandes ist voll von großartigen Mostbrauern. Die uns nicht nur eindringlich vor dem Wahn-Sinn gewarnt haben, der momentan auf uns zurollt, sondern die uns auch jede Menge Potenzial und Geistesgut gegeben haben, auf der eine menschengerechte, lebenswerte Gesellschaft aufbauen kann.

Schon vergessen ? Wir sind doch das „Volk der Dichter und Denker“ und keine „Borgs“.

Aus diesem Grund: Mach weiter, lieber Eifelphilosoph, gibt nicht auf, Most aus dem Keller zu holen. Der Durst danach ist groß. Denn immer mehr Menschen wachen aus der Unterhaltungsnarkose auf und ahnen, dass es eigentlich scheisse ist, samt Familie zu „Borgs“ umgebaut zu werden.


Quelle und Kommentare hier:
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