Oliver Nachtwey: „Die Abstiegsgesellschaft!“

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Vor ein paar Tagen gab es wieder positive Nachrichten von der Bundesagentur für Arbeit. Ihr Chef, Frank-Jürgen Weise, vermeldete knapp 100.000 Arbeitslose weniger als im Vergleich zum Vorjahr und damit einen Rückgang der Arbeitslosenquote im Vergleich zum Vormonat von 0,3 Prozent auf 6,0 Prozent. Und er resümierte: „Der Arbeitsmarkt entwickelt sich insgesamt weiter positiv“.

Es läuft also weiterhin gut in Deutschland, Richtung Vollbeschäftigung gar, trotz der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise in vielen umliegenden europäischen Staaten, trotz einer Arbeitslosigkeit gerade in den südeuropäischen Ländern auf Rekordniveau.

Immer mehr Menschen in prekären Jobs

Und das heißt auch: die Zahl von einfachen, schlecht bezahlten Jobs ist immer größer geworden. Es gibt immer mehr Paketboten, Umzugshelfer, Fahrradkurriere und Burgerbräter, Menschen, die nur befristete Arbeitsverträge haben, Angestellte von Leihfirmen, die allesamt nur selten dieselben Rechte und Versicherungsleistungen in Anspruch nehmen können wie Festangestellte, wie Menschen in einem sogenannten Normalarbeitsverhältnis.

Tatsächlich stehen, so stellt Nachtwey das in Form von Statistiken dar, nur noch zwei Drittel aller Arbeitenden in einem Normalarbeitsverhältnis, Tendenz eher rückläufig. Kurzum: Der Rückgang der Arbeitslosenzahlen beruht auf der Schaffung von prekären Jobs, was natürlich Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft und ihre Strukturen hat. Nachtwey spricht von „einer prekären Vollerwerbsgesellschaft“, die ganz auf Beschäftigung um jeden und zu jedem Preis eingestellt ist.

Interessant in diesem Zusammenhang: Immer mehr Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt zu finden, vor allem aber als Putzfrauen, Kassiererinnen und Krankenpflegerinnen. Die Frauen sind viel gleichberechtigter geworden – die Ungleichheit unter ihnen aber wächst. Eine Managerin hat eine völlig andere Chance auf Gleichbehandlung als eine Reinigungskraft, eine migrantische zumal.

Bisher nur sporadische Arbeitskämpfe

Etwas unschärfer wird Nachtwey, da es an die verschiedenen Ausprägungen des Aufbegehrens gegen diese neuen Zustände geht. Von einem „demokratischen Klassenkonflikt“ spricht er, von einer „politischen Entfremdung in der Postdemokratie“ mit neuen Bürgerprotesten: hier die Stuttgarter Wutbürger, hier die Krankenschwestern und Erzieherinnen, denen es bei ihren Streiks nicht nur um mehr Geld, sondern auch um die Anerkennung ihrer Arbeit geht, hier die (inzwischen schon wieder Vergangenheit gewordene) Occupy-Bewegung. Dort Pegida, die AfD, soziale Abgrenzungen und antidemokratische Effekte, aber auch eine gewisse Apathie. Denn es gab bislang eben nur sporadische Arbeitskämpfe, trotz immer mehr Niedriglohnjobs und gestiegener Prekarität, gesteht Nachtwey ein. Er glaubt aber, gerade auch im Hinblick auf Länder wie Griechenland oder Spanien, „dass wir in der nächsten Dekade auch in Deutschland eine Zunahme sozialer Konflikte erleben werden.“

Das mag ein wenig dahingeraunt sein, und auch was Alternativen zur und Auswege aus der Abstiegsgesellschaft anbetrifft, hält Nachtwey sich zurück. Aber die Probleme der gegenwärtigen Entwicklung analysiert sein Buch treffend und schonungslos, nicht zuletzt weil man ja den Eindruck bekommen könnte, dass Deutschland auf seiner Insel der ökonomisch Seligen so gar nichts anhaben kann. Das aber ist wohl ein Trugschluss.


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