Ostdeutschland: „Alle Spuren des Deutschtums sind zu beseitigen!“

von Konrad Faber

In seiner regionalen Studie über das Riesengebirge dokumentiert der Historiker Mateusz Hartwich die Polonisierung Ostdeutschlands

Wie polonisiert man eine ganze Region? Der polnische Historiker Mateusz J. Hartwich hat es in seiner bei Karl Schlögel in Frankfurt/Oder entstandenen Dissertation am Beispiel des Riesengebirges beschrieben.

Zuerst vertrieb man den überwiegenden Teil der Bevölkerung und füllte die sich immer weiter leerende Region mit einer heterogenen polnischen Bevölkerung auf, die anders als heute oft behauptet, mehrheitlich keine vertriebenen Polen aus der Ukraine oder dem Wilnagebiet waren. Dieser Prozeß war bis 1947 im wesentlichen abgeschlossen.

Danach ging es an die Tilgung alles dessen, was an die einstige Anwesenheit der deutschen Vorbevölkerung erinnerte. Der polnische Starost (Landrat) von Jelenia Góra (Hirschberg), Wojciech Tabaka, forderte im Mai 1947:

„Jelenia Góra ist ein großes klimatisches, touristisches, sportliches und kulturelles Zentrum, das viele Menschen aus Zentralpolen, aber auch aus dem Ausland besuchen. Diese Menschen sollten hier keine deutschen Aufschriften lesen. Deshalb fordere ich dazu auf, innerhalb kürzester Zeit im ganzen Landkreis alle Spuren des Deutschtums zu entfernen.“

Manchmal ging dies recht einfach zu machen, wie etwa bei den Grenzsteinen zu Böhmen auf den Kammwegen. Pfiffig wurde hier durch Steinmetze der senkrechte Strich des großen „D“ (Deutschland) nach unten verlängert und schon war ein „P“ wie „Polen“ entstanden. Anderes forderte einen größeren geistigen Aufwand.

Doch selbst der Berggeist „Rübezahl“, unter den Nationalsozialisten noch als Verkörperung alter Mythen aus germanischen Zeiten bezeichnet, mutierte nunmehr zum Polen.

Der unter dem Namen „Liczyrzepa“ polonisierte Berggeist habe nämlich der ursprünglich slawischen Gebirgsbevölkerung gegen die deutschen Feudalherren geholfen. Neuerdings wird, gemäß Hartwichs Erkundungen vor Ort, „Liczyrzepa“ sogar schon als „Europäer“ wahrgenommen.

Sehr wichtig war natürlich die Polonisierung aller Ortsnamen inklusive der wichtigsten geographischen Bezeichnungen. Mit solchen Überlegungen hatte sich schon in der Zeit zwischen beiden Weltkriegen der berüchtigte nationalistische polnische „Westbund“ (Polski Związek Zachodni) beschäftigt, so daß man auf dessen Vorarbeiten zurückgriff. Diese Umbenennungen hatten zudem oft eine ganz praktische Bedeutung, bestand doch die polnische Staatsbahn KP auf eindeutige, polnisch klingende Bahnhofsbezeichnungen.

Auch die Gesamtgeschichte der Riesengebirgsregion, seit Jahrhunderten deutsch besiedelt, mußte nun in die neue polnische Geschichtserzählung eingefügt werden. Folglich galt die Region als „wiedergewonnenes“ urpolnisches Gebiet, und der erstmals 1288 urkundlich erwähnten Stadt Hirschberg, dem Hauptort der Region, wurde eine patriotische Ursprungslegende zugedichtet. Angeblich habe nämlich der Piastenherzog Boleslaw III. Schiefmund die Stadt bereits im Jahr 1108 begründet (1). Folglich beging man 1948, sachlich völlig unbegründet, den 840. Stadtgeburtstag.

Da Hartwich sich in seinem Buch das Ziel stellt, die Polonisierung der Region hauptsächlich am Wandel des Tourismus zwischen den Zeiten vor und nach 1945 darzustellen, geht er nicht speziell auf die Beseitigung überkommener deutscher Kulturgüter in jener von den Kriegszerstörungen nicht erfaßten Region ein.

Das Hirschberger Museum wurde damals, weil zu „deutsch“, unverzüglich geschlossen. Deutsche Denkmäler und auch die einst so zahlreichen „Bismarcktüme“ verschwanden oder verfielen mangels Pflege und Aufsicht. Selbst die zahlreichen Bergbauten und Gebirgsrasthäuser hatten nach ihrer Ausplünderung um 1946 ziemlich häufig das Schicksal, „aus ungeklärten Gründen“ abzubrennen.

Agnetendorf

Auch mit dem Agnetendorfer Anwesen des wohl bedeutendsten deutschen Kulturschaffenden im Riesengebirge, Gerhart Hauptmann, konnte man in den Jahren unmittelbar nach 1945 rein gar nichts anfangen, wie Hartwich nachweist, ließ sich doch Hauptmann nicht ins polnische Kulturerbe übernehmen.

Doch letztlich siegte, wie so oft, die Kraft des Faktischen. Jedes Jahr ab 1945 arbeitete für Polen, indem sich die neuen Riesengebirgsbewohner immer besser in ihre neue Heimat einlebten und auch immer mehr Polen hier geboren wurden, die das Riesengebirge nun selbstverständlich als ihre Heimat betrachteten. Gleichzeitig hatten sich die Vertriebenen aus der Region in einem der beiden deutschen Staaten niedergelassen und dort integriert. Etwa ab 1970 kann man folglich den Prozeß der Polonisierung als abgeschlossen betrachten.

Die Polen betrachteten die Region jetzt als ihre Heimat, hatten sie sich mental angeeignet und auch die, erstaunlich häufig und erstaunlich offen weiterlebenden, lokalen Bräuche und Traditionen auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Als großer Irrtum dürfte sich Hartwichs Auffassung erweisen, die in Vertriebenenfragen stets hasenfüßige DDR sei in den fünfziger Jahren als „Schirmherr“ der restdeutschen Bevölkerung des Riesengebirges aufgetreten.

Eine Nebenerkenntnis aus Hartwichs Aktenstudien ist allerdings bemerkenswert: Schon 1957 machte man sich in der Warschauer DDR-Botschaft Gedanken über das Schicksal der kriegsbedingt nach Schlesien ausgelagerten und dort in polnische Hände gefallenen Spezialbestände der Berliner Staatsbibliothek. Das Schicksal jener heute „Berlinka“ genannten Bestände ist 55 Jahre später immer noch ungewiß.

Mateusz J. Hartwich: Das schlesische Riesengebirge – Die Polonisierung einer Landschaft nach 1945. Böhlau Verlag, Köln 2012, gebunden, 285 Seiten, Abbildungen, 39,90 Euro

 


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