Polnische Reparationsforderungen in der Höhe, nicht aber in der Sache schwer nachvollziehbar

von O24

Das Thema (offener?) deutscher Kriegsreparationen gegenüber Polen erhitzt hüben wie drüben so manche Gemüter. Die leidenschaftliche Debatte wird leider fast ausschließlich auf juristischer, emotionaler und moralischer Ebene geführt. Der ökonomische Aspekt fehlt dagegen völlig.

Experten wagen wohl aus Angst vor öffentlicher Empörung keine „Nettozahl“ zu nennen und die Kriegsschäden Polens mit dem Vermögensverlust der abgetretenen deutschen Ostgebiete „aufzurechnen“. Es bleibt offen, ob und wie Polen vor einem internationalen Gericht die Forderung von 840 Mrd. € bis zu 1 Bill. € (Außenminister Waszczykowski) – unseriöse nicht-amtliche Adressen fordern sogar das Vierfache – geltend machen will.

Dr. Viktor Heese versucht in diesem ökonomischen Kurzbeitrag eine solche „Nettozahl“ zu ermitteln und sie zur Diskussion zu stellen. Im Folgebeitrag werden die Pressestimmungen in den beiden Ländern und die Bereitschaft dieses alte Kapitel wieder aufzumachen behandelt.

Polnische Forderungen für die Kriegsschäden im Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) nach dem Pariser Reparationsabkommen

Als Ausgangsbasis könnten die mit 16,9 Mrd. USD bezifferten materiellen Kriegsschäden Polens – ohne die von der UdSSR annektierten polnischen Ostgebiete – dienen, die 1946 auf dem sog. Pariser Reparationsabkommen genannt wurden. (Für Jugoslawien wurden dort 9,1 Mrd. USD angesetzt.) „Verzinst“ man diesem Betrag mit einem realistischen Satz von 3% jährlich, ergibt sich wegen des extrem langen Betrachtungszeitraumes 1946 – 2016 eine Summe von 134 Mrd. USD oder ein Multiplikator von knapp 8. Nach dem aktuellen Währungskurs USD-Euro wären das etwa 110 Mrd. Euro.

Deutscher Vermögensverlust durch abgetretene Ostgebiete an Polen (etwa 103.000 Km2)

Von diesem Wert wäre der Vermögenszuwachs Polens durch die erhaltenen deutschen Ostgebiete abzuziehen, was Warschau nicht akzeptieren möchte. Ein Artikel der Zeit vom 10.4.1947 beziffert das Gesamtvermögen der deutschen Ostgebiete 1939 mit 37 Mrd. Reichmark.

Ohne den an die Sowjetunion gefallenen Teil Ostpreußens und die schwer zu schätzende Vermögensminderung infolge entstandener Kriegsschäden (Polen rechnet für sein Gebiet mit 38%) stünde ab 1946 zur „Verrechnung“ eine Differenz von etwa 10 Mrd. USD zugunsten Polens. Wird auch diese Summe mit 3% verzinst, ergibt sich heute ein offener Reparationsbetrag von 79 Mrd. USD, oder von knapp 66 Mrd. €. Hiervon wären allerdings fairerweise die verschiedenen freiwilligen Wiedergutmachungen Deutschlands an den polnischen Staat in Abzug zu bringen, auch wenn sie nicht „Reparationszahlungen“ genannt (Kreditnachlässe, Hilfen usw.) und in der Höhe nur wenige Milliarden € ausmachen.

Stärken, Schwächen in Überraschungen in der obigen „Aufrechnung“

Wenngleich die obige „Aufrechnung“ naturgemäß strittig ist, wird eine vereinfachte aber methodisch korrekte Schätzung, die auf den Erkenntnissen der Volksvermögensrechnung basiert, immer noch besser sein als keine. Das darf ein Ökonom aber wohl kein Politiker sagen. Hierzu drei wichtige Punkte:

  1. Die Quellen von 1946 stammen aus einer Zeit als das Klima in Europa durch Politikinteressen noch nicht „verunreinigt“ war und sind daher glaubwürdig. Die Aufzählung der Einzelpositionen in beiden ist auch relativ detailliert, wovon sich der Leser überzeugen kann. Polen hatte damals keine Interesse die Zahl zu niedrig darzustellen, für die Ostgebiete des Deutsche Reiches gab es amtliche Statistiken.
  2. In den Ausgangszahlen sind hier nur materielle Schäden berücksichtigt worden, die im Unterschied zu personellen (z.B. Bewertung von Menschenleben) und immateriellen Schäden (z.B. Bewertung zerstörter Kunstdenkmäler) einer statistischen Schätzung zugänglich sind.
  3. Das Ergebnis ist jedoch sehr „zinssensitiv“. Wird ein Satz von 5% gewählt (wie unten) erhöht sich der Forderungsbetrag auf 250 Mrd. €, bei 2% halbiert er sich dagegen auf 32 Mrd. €. Selbst die 2% sind in der heutigen Niedrigzinsphase jedoch noch ein „Traumzins“.

Wie kommt Polen jetzt auf die 1 Bill. € ?

Eine Expertenkommission der kommunistischen Regierung Polens (Biuro Oszkodowan Wojennych) schätzte 1946 jedoch einen dreimal höheren Schadensbetrag von 50 Mrd. USD. Woraus der Unterschied zu der Pariser-Zahl von 16,9 Mrd. USD resultiert, wird in den Quellen nicht erklärt. Dieser Kommissionswert sollte 2004 einem Gegenwert von 650 bis 700 Mrd. USD entsprechen, was eine „Jahresverzinsung“ von 5%. oder einen Multiplikator von über 30 impliziert. (Straty materialne Polski w czasie II wojny światowej)

Wahrscheinlich wurde diese alte Schätzung bis 2016 fortgeführt, womit wir auf den in Rede stehenden Mammut-Betrag von bis zu 1 Bill. € kämen. Nichts Genaues weiß man nicht. Die Analysen seien noch nicht abgeschlossen, heißt es in Warschau, das eine Berücksichtigung „aller direkter und indirekter materiellen und immateriellen Kriegsschäden“ in der neuen Analyse verspricht.

Wären 66 Mrd. € für Deutschland eine untragbare Belastung?

Seit 1946 hat die Wirtschaftsentwicklung in Europa einen riesigen Sprung gemacht. Allein das deutsche BIP stieg zwischen 1950 und 2016 um das 62fache auf über 3,1 Bill. €. Der Bundeshaushalt für 2017 weist ein Volumen von 330 Mrd. €, das gesamtwirtschaftliche Volksvermögen Deutschlands überschritt die Marke von 22 Bill. €. und last but noch least Deutschland zahlt über 30 Mrd. € jährlich für seine Migranten. Diese Belastung tritt wegen der politischen Korrektheit in der öffentlichen Diskussion kaum in Erscheinung. Kurz gefasst, Deutschland wäre sehr wohl wirtschaftlich in der Lage die errechneten 66 Mrd. € zu stemmen. Das gilt natürlich nicht für die geforderten 1 Bill. €.

Schlussbemerkung:

Kriegsreparationen sind so alt wie die Kriege selbst. Sie sind weder moralisch unanständig und werden oft mit aller Härte durchgesetzt und sind in ihrer Höhe sehr wohl ökonomisch bezifferbar. Wenn sich heute Deutschland einer neuen Diskussion im Falle Polens vor dem Hintergrund des Flüchtlings- und Wertestreits mit dem östlichen Nachbarn verweigert, so hat das rein juristische und politische Gründe. Mehr darüber im nächsten Beitrag.


Dr. Viktor Heese – Finanzanalyst und Fachbuchautor in Polen geboren


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