Raub der Deutschen Geschichte

von Der Staats-lose

Nach Ende des WK II. wurden sämtliche amtlichen Akten und Dokumente auf allen Verwaltungsebenen (besonders der Archive des Kriegs-, Außen-, Innen.- und Finanzministeriums) beschlagnahmt.

Der größte Teil ging nach Amerika, ein wesentlicher nach England und erbeutete Unterlagen aus Berlin in die UdSSR. Das erfüllte mehrere Zwecke: die historische Wahrheit und ihre Interpretationshoheit lag nun in den Händen der Sieger. Hier lernte man eine Lektion aus dem WK I., nach dessen Ende eine kritische Menge an Dokumenten sich noch in deutscher Hand befand, die bei den Pariser Friedensverhandlungen als Gegenbeweise Anwendung fanden – obwohl sämtliche von deutscher Seite präsentierten Papiere entweder ignoriert oder als irrelevant von den Alliierten abgewiesen wurden. In den wenig bekannten Leipziger Prozessen (1921-1927), dem ersten Nachkriegstribunal der Geschichte, hatte man die nötige Erfahrungen gesammelt für die späteren Nürnberger Prozesse.

Diesmal wollte man sicherstellen, dass potentielles Entlastungsmaterial in dem geplanten Kriegsverbrechertribunal den Deutschen erst gar nicht zur Verfügung stand. Weitere Gründe lagen in der erhofften Weiterführung der Verwaltung nach Kriegsende mit Hilfe deutscher Instanzen; der Nutzen militärischer Informationen im noch nicht beendeten Krieg gegen Japan; der wirtschaftlichen Ausbeutung technologischer Entwicklungen und Patente; zur Berechnung der Wiedergutmachung und zur Lokalisierung des Staatsschatzes und, nicht zuletzt, für die Kontrolle über die politische Richtung im Nachkriegsdeutschland.

Seit dem alliierten Vormarsch 1944 wurden mehrere hundert Tonnen Aktenmaterial aus allen eroberten Regionen Deutschlands zusammengetragen und teilweise sofort vor Ort nachrichtendienstlich ausgewertet (bis zum endgültigen Finale durch die zentralen Kommandostellen der siegreichen Armeekorps.) Der überwiegende Teil der Akten wurde auf Mikrofilm gespeichert und in amerikanische Archive verfrachtet, wo sie dann von den zuständigen Behörden weiterverwendet und gelagert wurden.

Maßgeblich beteiligt an der Aktion war Ernst Posner, von 1921 bis 1935 Archivar am Geheimen Preußischen Staatsarchiv, der wegen seiner jüdischen Herkunft 1939 in die USA flüchtete. (Über sein persönliches Interesse an der umfassenden Dokumentation nationalsozialistischer Schandtaten und deren Vergeltung im Namen seiner jüdischen Mitbürger, braucht es keine besonderen Spekulationen.) Ein professionelle und umfassende Abhandlung über den alliierten Aktenraub finden Sie in dem Buch von Astrid M. Eckert „Kampf um die Akten“.

Der Archivraub demonstriert die Macht des Siegers und erhöht die Demütigung des Besiegten. Als traurige Beispiele gelten die zerstörten einmaligen Sammlungen originaler Schriften des Serapeum von Alexandria, die Staatsarchive der chinesischen QinDynastie, die Bibliotheken von Ktesiphon und Konstantinopel, und das „Haus der Weisheit“ in Bagdad.

Diese Barbarei reicht leider bis in die jüngste Geschichte. Beispielsweise zerstörten 1885 britische Truppen die Königliche Bibliothek von Mandalay in Burma (heutiges Myanmar) und die Roten Khmer 1976-79 die kambodschanische Nationalbibliothek in Phnom Penh. Die islamische ISIS zerstört grundsätzlich sämtliche Texte der Büchereien in ihrem Machtbereich, so die Bibliotheken in Mosul (Irak) und Timbuktu (Mali).

Die Nationalsozialisten selbst handelten als notorische und systematische Archivräuber. Bei ihren Offensiven beschlagnahmten sie umgehend die staatlichen Unterlagen, in erster Linie für eine effektive Ausbeutung der besetzten Gebiete und der Selektion ihrer Bewohner. Ernst Posner überzeugte die amerikanischen Behörden, bei denen die Archivierung deutscher Akten nicht an vorderster Stelle ihrer Angriffspläne stand, in einem Vortrag auf diese strategischen Vorteile bei der geplanten Invasion.

Die Rückgabe des deutschen Archivmaterials durch die Alliierten erfolgte äußerst zögernd. Reines Verwaltungsmaterial wurde schon in den 50er Jahren herausgegeben, um die außenpolitischen Akten entstand ein zähes Ringen und erst nach dem abgeschlossenen „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ und der Wiedervereinigung flossen die meisten Dokumente zurück nach Berlin. Wie zu erwarten, wurde das meiste Archiv- und Propagandamaterial aus den NSDAP Parteizentralen zurückgehalten.

Das Problem nun ist, dass ein Teil der Akten auf die Alliierten aufgeteilt und außerdem innerhalb der Unzahl amerikanischer Behörden-Labyrinthe zur Auswertung verteilt wurden. Dadurch wird es möglich, dass noch eine beträchtliche Anzahl wichtiger Dokumente „unbeabsichtigt“ zurückgehalten um wohl niemals von einem Deutschen wieder gesichtet zu werden. Selbst eine Vollstreckung des „Freedom of Information Act“ bringt wenig Nutzen, wenn man nicht weiß, nach welchem Titel gesucht werden soll.


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